Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gehüngert, part.

gehüngert, part.
zu hüngern, hunger leiden lassen (bair., s. hungern 7): so hett er ein bock gwent, das er speis aus Mahomets hand asze, der lief auch darauf gehüngert vor allem volk Machomet zuͦ. Frank weltb. 118ᵇ, darauf gehungert, ausgehungert, durch hunger dressiert.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1881), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2557, Z. 11.

hungern, verb.

hungern, verb.
esurire, esurientem facere. goth. huggrjan, alts. hungrian, ags. hyngran, altnord. hungra, ahd. hungeran und hungarôn, mhd. hungern; das ältere nhd., wie noch jetzt die wetterauische mundart kennt neben hungern auch hüngern (belege unten 1 und 7). die fügungen sind mehrfach.
1)
am frühesten bezeugt ist unpersönliches hungern mit accusativ, das gefühl des hungers haben; goth. þana gaggandan du mis ni huggreiþ. Joh. 6, 35; ahd. mih hungrita inti ir gâbut mir eʒʒan. Tatian 152, 3; mhd. nhd. und dô her gevastete vîrzek tage und vîrzek nacht, dar nâch hungirte en. Behaims evang.-buch, Matth. 4, 3; und inen brot vom himel gegeben, da sie hungerte, und wasser aus dem felsen gehen lassen, da sie dürstete. Luther Neh. 9, 15; hungert deinen feind, so speise in mit brot, dürstet in, so trenke in mit wasser. spr. Sat. 25, 21; mit seinem schöpfer war er gar nicht zufrieden, dasz er ihm einen magen gegeben hatte; denn er glaubte, der mensch würde viel ersparen können, wenn ihn nicht hungerte. Rabener sat. 1, 196;
da sprach der wolf (zum lamm): die sach ist schlecht,
du kompst mir jetzundt eben recht,
dieweil mich hüngert, solt du mir
zutheil werden.
Alberus Esop (1550) s. 14;
mutter, mutter! es hungert mich,
gib mir brot, sonst stirb ich!
Uhland volksl. 270;
es hungert mich nach etwas schlägt schon in die bedeutung 4 über: mich hungert nach fischen, piscis esuritur Stieler 645.
2)
auch unpersönliches hungern mit dativ findet sich (vergl. ebenso bei dürsten theil 2, sp. 1751): ob deinem feind hungert, gib im ze essen und ob im dürst, gib im wasser zu trinken. bibel 1483 304; als ihnen hungerte. pers. rosenth. 1, 6; es sei denn dasz ihnen hungere. 3, 6;
dem rathsherrn hungerte.
Zachariä 1, 195.
3)
persönlich, ich hungere habe, ertrage hunger: ahd. wê iu, thie thar gisatôtê birut, bithiu wanta ir hungeret. Tatian 23, 2 (Luc. 6, 25; bei Luther in unpersönlicher fügung euch wird hungern); weil nun die glocke eben zwei schlug und jedermann hungerte, so wurde einhellig für gut befunden, dasz man vor erst zu mittag essen .. wolle. Wieland 11, 207; so weisz der magen recht gut, wenn er hungert und durstet. Göthe 23, 243; — doch wird in der neuern sprache diesz persönliche hungern, gegenüber der unpersönlichen fügung, immer mehr durativ verwendet: die reichen müssen darben und hungern. ps. 34, 11; sihe, meine knechte sollen essen, ir aber solt hungern. Jes. 65, 13; da sie nu lange hungerten. Luther 4, 184ᵇ; ich aber wolte lieber hungern, als meinen leib so abmergeln (mit wache stehen). Simpl. 1, 390 Kurz;
in freiheit dich zu setzen und in ihr
zu hungern.
Gleim 3, 379;
einen hungern lassen: er demütiget dich und lies dich hungern. 5 Mos. 8, 3;
und weh dem armen teufel von lakaien,
der eine nacht sie (die nachtigallen) hungern läszt!
Kl. Schmidt poet. br. 57;
ein hungernder magen; der arme hat nicht brot für seine hungernden kinder;
ihr dämpft den zornruf, o despoten,
des volkes nicht, das hungernd droht.
Freiligrath dicht. 3, 188.
4)
hungern übertragen (vgl. oben hunger 3), heftige begierde haben, verlangen; in persönlicher und unpersönlicher construction, häufig wird das verlangte durch nach mit dem dativ verbunden: selig sind die da hungert und dürstet nach der gerechtigkeit, denn sie sollen sat werden. Matth. 5, 6; meine predigt ist süszer denn honig ... wer von mir isset, den hungert immer nach mir. Sir. 24, 28; aber die seele .. hungert und dürstet nach dir. Schuppius 435; liebe hat nur éin gut, thut verzicht auf die ganze übrige schöpfung; herrschsucht hungert beim raube der ganzen natur. Schiller Fiesko 4, 14; schon hungert ihn nach dem vermögen anderer, welches er als seine beute ansieht. Rabener sat. 4, 366;
hab er beinah sich blind und steif gegafft,
ob seiner hungernden begierde
ein günstig fenster nicht sich endlich öffnen würde.
Wieland 21, 187.
in obscönem sinne (vgl. hunger 3 a. e.):
ich urteil, ainer, der ein frauen hat,
und si des nachts ser hungern lat,
und fuoters gnuog hat in seim parn,
und wil das andren pübin sparn,
und sein frauen lest hungern, dasz si nicht mag slafen,
den sol man an seinem leib darumb strafen.
fastn. sp. 310, 5;
hungert die dirn ob irn knieen,
so schol ir muter darnach stellen,
und schol ir vor geben ainn jungen gesellen.
747, 29.
5)
in dieser bedeutung (4) ist hungern auch transitiv, aber ungewöhnlich, gebraucht:
herr, speise mich mit dir, ich dürst, ich hunger dich,
du bist das himmelbrodt.
Fleming 30;
vgl. dazu dürsten 2, theil 2, sp. 1751.
6)
reflexives hungern, mit einem ortsadverbium, hungernd wohin gelangen:
so lang ein edler biedermann
mit éinem glied sein brot verdienen kann,
so lange schäm er sich, nach gnadenbrot zu lungern!
doch thut ihm endlich keins mehr gut,
so hab er stolz genug und muth,
sich aus der welt hinaus zu hungern.
Bürger 79ᵇ;
auch mit angabe der wirkung: ich war krank, aber ich habe mich gesund gehungert.
7)
einen hungern, hungrig machen, hunger leiden lassen (vgl. aushungern), sich hungern, sich der nahrung enthalten: die fruo âʒen und trunken und in der füll lebten (bei einer seuche), den geschach nihts. welche aber sich hungerten, sam die Walhen pflegent, die sturben, wan der pös luft durchgienc si. Megenberg 112, 13; bairisch einen hüngern, ihn hunger leiden lassen. Schm. 1, 1132 Fromm.;
o diese krankheit ist verflucht,
sie hüngert beide leib und seel.
H. Sachs 3, 3, 10;
mit angabe der wirkung: einen zu tode hungern, jugulare aliquem inedia, fame suffocare, enecare Stieler 645.
8)
in der sprache der gerber heiszt es die leder haben in der grube gehungert, wenn sie nicht lohe genug bekommen haben.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1947, Z. 24.

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Zitationshilfe
„hungern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hungern>, abgerufen am 25.11.2021.

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