Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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hungerig

hungerig,
s. hungrig.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1946, Z. 25.

hungrig, adj. und adv.

hungrig, adj. und adv.
hunger habend; ahd. hungarag, hungereg, mhd. hungerc.
1)
nach hunger 1, im eigentlichen sinne: (sie waren) hungerig und durstig, und ire seele verschmachtet. ps. 107, 5; brich dem hungerigen dein brot. Jes. 58, 7; ich bin hungerig gewesen, und ir habt mich gespeiset. ich bin durstig gewesen und ir habt mich getrenket. Matth. 25, 35; hungerige mucken beiszen übel. Schottel 1120ᵃ; dem hungrigen ist nicht lang predigen. 1142ᵇ; lasset mir die satten fliegen sitzen, kommen hungerige, die saugen und saufen viel härter. Schuppius 833; dem hungrigen bauch schmeckt alles wohl. hungriger bauch singt einen bösen alt. einem hungrigen bauch kann niemand lügen. Simrock sprichw. 269;
auf eines felsen steiler höh,
die weder gras noch fetten klee
dem hungrigen zur speise gab,
stand eine ziege.
Gleim 3, 324;
wann, wie ein winterstrom, der brausend überflieszt,
sich in Campanien dein (Hannibals) hungrig heer ergieszt.
Uz 2, 58.
bildlich, vom feuer: itzt verschlingt dich schnell die hungrige flamme. J. Paul flegelj. 1, 74;
und flammen athmend in die hütten drangen,
und ihren schlund — ein hungrig grab —
mit menschen fülleten.
Ramler 1, 39.
2)
hungrig, von zeiten und orten, die hunger leiden lassen, wo nahrungsnot herscht: mhd. hungerige jâr hungerjahre Lexer wb. 1, 1386; dann die fuhr- und kaufleut die meiden oft die weg zu den gasthäusern, wo es hungerig daher gehet, fahren weitern umkreisz herumb, damit sie für einen bösen und mühsamen tag, ein guten abend bekommen. Schuppius 740; aber besichtige Polen, Preuszen und andere mitnächtige länder .. und wer ist doch der nicht weisz, dasz selbige ort nicht hungerige, sondern dem paradeisz schier selbst gleichende örter sein? 741.
3)
hungrig (nach hunger 3), heftiges verlangen habend, begierig: füllet die hungerige seele mit gutem. ps. 107, 9; dann würde mein hungriger stolz satte demuth. J. Paul uns. loge 2, 57; wollen wir auf die deutschen philosophen hinschauen? jetzt haben wir deren so viele, dasz nicht einmal der hungrigste eklektiker noch eine neue mehr verlangt. nachdämmerungen s. 65; mit entschieden verächtlicher nebenbedeutung: er ist ein hungriger kerl, gierig nach gewinn; so entstand in hungriger geschwindigkeit, in bankerotter begeisterung das leben Napoleons (von W. Scott), ein buch das ... gut bezahlt werden sollte. H. Heine 3, 46;
nicht hungrig hungerharken wir.
genug noch fand zu lesen hier
der wais und wittwe hand.
Voss 2, 91.
in der ältern sprache heiszt es hungrig eines dinges: dasz die jungfrawe, welche so lange zeit dem Palinges widerstanden und ir jungfrawschaft erhalten, dasselbige in ihres bulen herrn Galoars armen verlore, welcher dazumal dieser kürzweil ganz hungerig ward. Amadis 277; später hungrig auf, nach etwas: als sei er nach neuen wundern hungrig. J. Paul flegelj. 3, 81;
wer hungrig ist auf lob, ist gern an tugend leer.
Logau 2, 144. 15;
der teufel, hungrig nach dem raube.
Gotter 1, 156;
die lust, die jede frau, die jedes mädchen hat.
ich bin nicht hungrig drauf, doch bin ich auch nicht satt.
der putz, der ball!
Göthe 7, 49;
so niederträchtig unser richter ist, so hungrig er ist, sich bestechen zu lassen. Rabener sat. 3, 52. hungrig in obscönem sinne:
nimpt er ein weib zuo der ee,
die under der gürtel wer hungrig und geitig.
fastn. sp. 317, 12;
ir ding ist hungerig als des wolfs magen,
so hat mir der schaur in die pruch geschlagen.
also hungerig ist sie und so geitig,
das mir die kifarbeis alle nacht sein zeitig.
346, 16 (= 732, 10).
4)
hungrig in der gewerblichen sprache der tuchmacher: kein fleming sal sin tuch czu hungerig machen, by der gesaczten busze. Ortloff rechtsquellen 1, 291, soll jedenfalls bedeuten zu arm an kern, zu lockern gewebes.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1875), Bd. IV,II (1877), Sp. 1951, Z. 34.

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Zitationshilfe
„hungrig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/hungrig>, abgerufen am 08.12.2021.

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