Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

ihrzen, verb.

ihrzen, verb.
einen in der anrede ihr nennen, mhd. irzen, gebildet mit dem iterativen -zen von dem plur. des pronomens der zweiten person ihr, wie duzen von du, siezen von sie (vgl. gramm. 2, 219); bairisch heiszt es auch ihrznen (Schm. 1, 130 Fromm.). In welcher weise sich ihrzen ausgebildet hat, ist bereits unter du theil 2 sp. 1475 fg. und duzen sp. 1775 ausgeführt, so dasz hier nur einiges nachzutragen. vobisare irtzen, yrtzen, ortzen, hirtzen, iratzen, auch blosz ieren Dief. 627ᶜ; der wirth den einen ihrczte oder ihr hiesze. zeitvertreiber (1668) 539; ihrzen im verhältnis zu duzen als ergebnis der landessitte: und welchem unablässigen wechsel von sitten stellet man einen fixen pilger blosz! von Tyrol an, wo man ihn duzet, bis nach Holland, wo man sogar seine effekten ihrzet! J. Paul palingen. 2, 66; schaudert nicht, mein herr, sagte die maske und ihrzete mich, wie leute thun, die lange in Frankreich und Italien gewesen. wunderb. gesellsch. (werke bd. 39) 47; sonst ihrzte der niedere den höhern, wenigstens im deutschen:
dann man ihrzt niemand in latein,
wann er gleich ein doctor thet sein.
Eyering 3, 303;
du (der sich beklagt, dasz einer ihn du nenne) bettelst. darumb soltestu billich mich und nicht ich dich irzen. Kirchhof wendunm. 136ᵇ; da doch der talkenkopf eben dazumahlen, als er seinen richter zu irrzen willens ware, ihm getutzet hat. fliegenwadel 79; erzen, ihrzen, bedeutet bei den handwerksgesellen so viel, dasz die jüngern die ältern gesellen ihr heiszen müssen; da sie hingegen von ihnen du geheiszen werden. Jacobsson 5, 485ᵇ;
den reichen helt man für ein herrn,
irzt ihn und hat jn werth in ehrn,
aber den armen der gleich alt,
dutzet man und jn nerlich halt.
Eyering 2, 719;
wann sie einander jhrzen fein,
das soll so viel als ehren sein.
3, 303;
aber schon im 17. jahrh. will ein verwalter nicht mehr mit ihr, sondern in der dritten person angeredet sein: endlich beliebte ihm der punctus vossitationis, dasz der kahle schulmeister einen so hauptsächlichen verwalter schlecht hin geihrzet hätte. Chr. Weise polit. näscher s. 80. — Der sohn ihrzte den vater, der vater duzte ihn:
so merk auf, lieber Arnolt mein,
ich red mit dir als mit eim suͦn,
drum würd ich dich nim (nimmer) jrtzen nuͦn.
Wickram pilger Z, bl. 86.
Luther braucht ihrzen bezüglich gottes, der von sich im plural spricht, vgl. die theil 2 sp. 1775 unter duzen ausgehobene stelle drümb füret er gott in dem alcoran ein, das er in zweier personen namen redet, und sich irzet, und spricht, wir haben das gethan, wir haben das geboten etc. 8, 14ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1876), Bd. IV,II (1877), Sp. 2059, Z. 18.

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Zitationshilfe
„ihrzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ihrzen>, abgerufen am 04.07.2020.

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