Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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eingeweide, n.

eingeweide, n.
exta, viscera, die inwendigen glieder, die inneren weichen theile der brust und des bauchs, herz, mage, lunge, leber, niere, milz und gedärm, wofür es in allen sprachen manigfalte namen gibt. das unsrer sprache eigne geweide und ingeweide hat sich ahd. noch nicht aufgezeigt, besteht aber schon mhd.:
under der rippe scërme
hanget daʒ gedarme,
ein weichiu wamba,
diu douwet daʒ geweide.
Diut. 3, 46,
und hier bezeichnet es deutlich die zu verdauende speise, nicht den verdauenden theil des leibs, doch für diesen nehmen es andere stellen:
eteswâ an im erschein
daʒ ingeweide herdurch.
pass. K. 122, 77;
unz im begunde lugen
hindurch sîn ingeweide.
466, 33;
dâ von (dem stich) im daʒ geweide
sich ûʒ dem lîbe schutte.
Jeroschin 152ᵃ;
er (der stür, sturio) hât ingewaid, aber daʒ ist gar clain nâch seiner grœʒ. Megenberg 257, 3; die klainen (slangen) habent ir vergift in dem ingewaid. 260, 5; bei schilderung des menschlichen leibs, so viel ich sehe, braucht er das wort nicht. Diefenbach unter exta, intestinum, viscus hat aus späteren citaten ingeweid, ingwaid, inwied, Dasypodius 104ᶜ. 319ᵇ eingeweid, Maaler 99ᵈ eingweid, Luther schreibt eingeweide. nnl. zeigt nur der gröningische dialect geweide und ingeweide statt des üblichen ingewant. Für die ableitung bietet sich kaum etwas anderes dar als weiden pascere und venari, der ausdruck musz von jägern und hirten ausgegangen, ursprünglich also nur auf die inwendigen glieder der gefällten thiere zu beziehen sein. in magen und gedärm fand sich das geäsz oder geweide des thiers und wurde beim zerlegen herausgenommen, wie die stelle des zuerst angeführten gedichts und die verba ausweiden, ausweidnen bestätigen, weidnen entspricht dazu der ahd. nebenform weidinôn (Graff 1, 775). es war natürlich das wort auf alles herausgenommne, also auch auf herz, lunge, leber, die an sich kein geweide enthielten, und sodann vom thierischen leib auf den menschlichen zu erstrecken. ingeweide, eingeweide hiesz allmälich überhaupt exta, intestina, vgl. weide. Die ältere sprache besasz andere benennungen. goth. hairþra, viscera, ahd. hërdar, σπλάγχνα, vielleicht auf früherer lautstufe mit hairtô und cor verwandt, vgl. praecordia, περικάρδια, böhm. osrdj, wie auch in viscus, σπλάγχνον der gedanke an das herz vorwaltet. ags. iesendas und innođas viscera, jenes noch der aufklärung bedürftig, dies das ahd. innôdi, innôdili, anderwärts innâdiri (ingeäder), innuovili = altn. innîfli, ags. innilfe, schw. inelfvor, aber gebildet wie driscuovili limen und altn. dauđîfli morticinium. daneben altn. iđr, ahd. innidôm, nd. ingedömte. merkwürdig wie die meisten dieser ausdrücke, interanea, intestina, ἔντερα, ἔγκατα das innere bezeichnen, exta vom ausnehmen, ausweiden entnommen scheint. manche wörter der volkssprache sind hier übergangen.
1)
thierisches, eszbares, opferbares eingeweide: ir solts nicht roh essen noch mit wasser gesotten, sondern am fewr gebraten, sein heubt mit seinen schenkeln und eingeweide. 2 Mos. 12, 9; und solt alles fett nemen am eingeweide und das netze uber der lebber. 29, 13; aber den wider soltu zulegen in stück und sein eingeweide waschen und schenkel. 29, 17; das eingeweide aber und die schenkel sol man mit wasser waschen. 3 Mos. 1, 9; und wusch die eingeweide und schenkel mit wasser und zündet also den ganzen widder an auf dem altar. 8, 21.
2)
menschliches eingeweide, oft blosz für das innerste herz: und er stach in damit in den wanst, das sein eingeweide sich auf die erden schüttet. 2 Sam. 20, 10; du aber wirst viel krankheit haben in deinem eingeweide, bis das dein eingeweide fur krankheit eraus gehe von tage zu tage. 2 chron. 21, 15; mein eingeweide sieden und hören nicht auf. Hiob 30, 27; hat sich erhenkt und ist mitten entzwei geborsten und alle sein eingeweide ausgeschüt. apost. gesch. 1, 18; ni þreihanda jus in uns, iþ þreihanda in hairþram izvaraim, non angustiamini in nobis, angustiamini autem in visceribus vestris. 2 Cor. 6, 12, bei Luther geschwächt, unserthalben dürft ir euch nicht engsten, das ir euch aber engstet, das thut ir aus herzlicher meinung; das er im durch den mantel ein grosze wund in leib randt, also dasz er den spiesz im wider aus dem leib zuckt, das das inngeweid Reicharten in sein schosz fiel und das man im die lung und leber dardurch sahe ... da nu Reichart wider zuͦ im selber kom, er stund auf sein füsz, thet sein inngeweid wider in den leib und fasset sein schwert. Aimon n 5ᵇ; dasz jetzunder auch bei dem inngeweid des herren Christi, weil die andern gotteslesterung bei den andern gliedern Christi nun etwas gebreuchlich und alt sein, gefluchet und gelestert wird. fluchteufel 1564. B 5ᵃ (vgl.bocks oder botz leber und lung! th. 2, 202. 279. 280);
wan heimlich ich in meinem eingewaid
von schwerer pein und laid gequälet.
Weckherlin 53;
wo du (teufel) was künftig oft erklärt
durch einer jungfraun eingeweide.
Gryphius 1, 60;
da warf ich in ein eckchen mich,
die eingeweide brannten.
Göthe 2, 195;
schüler: die eingeweide brennen mir!
13, 162;
es schwindet mir, es brennt
mein eingeweide.
nur wer die sehnsucht kennt
weisz was ich leide!
19, 67;
er ist brav und gut, aber es zerreiszt mir mein inneres eingeweide, ich kann nicht gerecht sein. 16, 149; gott sei dank, dasz mir von diesen zugvögeln künftig keiner mehr imponiert, wenn er mir im norden von Rom spricht, keiner mir die eingeweide mehr erregt, denn ich habs doch auch gesehn. 27, 239; sind eure eingeweide auch eisern, wie eure kleider? rührt euch mein jammer nicht? 42, 187; der kalte barbar ohne eingeweide. Ardinghello 1, 92; der freund, den sie in ihren eingeweiden tragen. Claudius 8, 49.
3)
auch für das innerste anderer gegenstände, namentlich der erde, gleich dem lat. viscera oder franz. entrailles: untersuchten das eingeweide des dasigen gebürges und fanden verschiedene arten steine. Felsenburg 1, 185;
des schröcklichen gebirgs grundfest und eingewaid.
Weckherlin 61;
wie lang zerfleischt mit eigner hand
Germanien sein eingeweide!
Uz 1, 28;
das feuer hat die geschmolzenen eingeweide (der erde) hervor geschüttet. Herder 3, 16; so sehr uns in den eingeweiden der erde alles noch als chaos, als trümmer vorkommt. 3, 57; (der Ätna), der jahrhunderte verheerung in seinen eingeweiden sammelt. Klinger 1, 301; die eingeweide der erde. 10, 211; ihm ist vergönnt die eingeweide des inquisitionsgebäudes zu Valladolid zerstören zu helfen. Göthe 45, 263; der bequeme erbe ist das eingeweide des groszvaterstuhles. J. P. lit. nachl. 4, 37; du wirst gaffen, du wirst augen machen! wart und wie man handschriften nachmacht, würfel verdreht, schlösser ausbricht, und den koffern das eingeweide ausschüttet. Schiller 108ᵃ; bis die verderblichen folgen des luxus die eingeweide des staats angefressen haben. Wieland 7, 151.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 189, Z. 77.

ingeweide, n.

ingeweide, n.
viscera, intestina, exta. Dief. 623ᵃ. 305ᵇ. 219ᵃ; die yngweid (plur.), intestina Maaler 510ᶜ; nach der mhd. form ingeweide, die erst spät unserm heute allgemeinen eingeweide gewichen ist (vgl. th. 3 sp. 189 f.): sein (des wasserpferdes) ingwaid ist als ains rehten pfärds ingewaid. Megenberg 237, 3; also er wolte sine notdurft tuͦn, do scheis er sin ingeweide mit dem bohte (kote) herus. d. städtechr. 8, 369, 3; falken habendt ain anfogel (ente) aufgeschlagen, das leber und ingebaidt heraus ist gefallen. kaiser Max I geh. jagdb. 46; derwegen wir denselbigen Martinus und alle seine anhengige, halter und günstige, durch das ingeweide der barmherzigkeit unsers gottes, und durch die besprengung des bluts unsers herrn Jhesu Christi, aus ganzem herzen erinnern. Luther 1, 260ᵇ; als wenn die mutter ir kind sihet not leiden, da sich bewegt alles ingeweid und das herz im leibe. 2, 359ᵃ (in der bibel immer die form eingeweide); etliche hatten grausam- und jämmerlicher weise das ingeweid heraus, und andern war der kopf zerschmettert. Simpl. 1, 218 Kurz; jene desz bauchs und ingeweids leibeigne. Schuppius 752;
ja der keiser (Otto) ist schon gstorbn fürwar ..
herzog Heinerich ausz Bayrn hat
ausz seiner fürstlichen räthen raht
sein ingweidt zu Augspurg begrabn.
J. Ayrer 101ᶜ (512, 2 Keller).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1876), Bd. IV,II (1877), Sp. 2115, Z. 80.

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Zitationshilfe
„ingeweide“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ingeweide>, abgerufen am 05.08.2021.

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