Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

interesse, n.

interesse, n.
aus dem lateinischen, in verschiedenen bedeutungen ausgebildet.
1)
zufrühest in der rechtssprache, der antheil, der dem vermögen jemandes aus der handlung eines andern entsteht, entgangener nutzen oder erwachsener schaden, wie denn ein mitteldeutsches glossar des 15. jahrh. interesse geradezu durch schaden verdeutscht (Dief. 304ᵃ): wo aber yemandt den andern lembt an vingern, zehen oder zenen, der soll gemeiner stadt darumb zu pusz verfallen sein zweinzig pfund newer haller und dem beschedigten der leme, zerung und interesse halb thun nach erkanntnus und meszigung der fünf herren am hader sitzend. Nürnb. poliz.-ordn. 45, vgl. 46; dieweil sie (die notarien) sonst ihrer unwissenheit halben den partheien, so von ihnen versäumet würden, ihr interesse abzulegen schüldig seind. ordnung der notarien zu Cöln aufgerichtet 1512, tit. 4 § 2; noch heute sein interesse liquidiren.
2)
dann nutzen, vortheil überhaupt: im gemeinem gebrauch ist interesse vortheil. Frisch 1, 489ᵃ; es heiszt im interesse jemandes etwas thun, im interesse jemandes stehn, handeln; das liegt ganz gegen mein interesse; gleichsam (als ob) darvon das interesse des gemeinen nutzens hangen müste. Abele gerichtsh. (1684) 1, 222; mein herz wird das opfer eines elenden staatsinteresse. Lessing 2, 122; sie suchte bei jeder veranlassung die rechte der krone zu schmälern, die interessen derselben zu untergraben. H. Heine 9, 50; der graf Menton muste im interesse seiner sendung zu weniger mirakulösen historien seine zuflucht nehmen. 70; im interesse der wahrheit etwas reden; im interesse der freundschaft wirken.
3)
namentlich häufig in der gewöhnlichen sprache der zins eines ausgeliehenen kapitals: was mit unerbaren vorlegen (vorschieszen), interesse, jüdischen und kockischen handlungen und contracten umbgehet. Mathesius katechism. 195; das capital musz ausgeliehen, und die intressen müssen wieder zu einem capitale gemacht werden. Gellert 3, 173; ich habe sie (breter) von dem gevatter tischler statt der interesse angenommen. 210; die 175 thaler .. machen mein ganzes vermögen aus, und ich will sie ihnen von grund des herzens gern noch funfzehn jahr, ohne interessen, ohne interessen lassen. Lessing 1, 484; so gewisz ich neunhundert thaler von ihm geborgt habe, so gewisz will ich sie ihm, mit intressen wieder geben. 2, 414; sonst kommen wir nach kurzer zeit .. und hohlen die intressen. Fr. Müller 2, 95;
ich gebe interesz, so wie es andre thun,
darumb ersuch ich sie, itzt güttigst zu geruhn,
ein kleines capital zur not mir vorzuschieszen.
Marforio der wucherer (1738) 6;
sprichwörtlich:
interessen
täglich mit und aus der schüssel essen.
Simrock spr. 277;
das wort hier auch als fem.:
die interesse musz so hoch als möglich steigen,
der arme schuldener musz nolens volens schweigen.
Marforio der wucherer 9;
allein das capital zusammt der interesse
zahlt er gewisz content zur letzten Leipziger messe.
13;
in Kärnthen als neutr. und fem. intresse, antresse, untresse zinsen von einem kapital Lexer 150.
4)
interesse als milderes wort für gewinnsucht, eigennutz: er handelt so nur aus interesse, nicht aus liebe;
wenn interesse mehr als groszmuth überwiegt.
Günther 405.
vgl. unten interessieren 2.
5)
in der gewählteren sprache seit dem vorigen jahrhundert ist interesse der antheil, den wir an einer sache nehmen: interesse wird das wohlgefallen genannt, das wir mit der vorstellung der existenz eines gegenstandes verbinden. Kant 7, 44; interesse ist das, wodurch vernunft praktisch d. i. eine den willen bestimmende ursache wird. daher sagt man nur von einem vernünftigen wesen, dasz es woran interesse nehme, vernunftlose geschöpfe fühlen nur sinnliche antriebe. 4, 89; statt der gewöhnlichen unterhaltung abends fing man zu gähnen an; das interesse am Hamlet war erschöpft. Göthe 19, 217;
die jugend ist vergessen
aus getheilten interessen;
das alter ist vergessen
aus mangel an interessen.
4, 345.
6)
endlich der reiz einer sache, der unsern antheil hervorruft: ists denn ein brief von interesse? Fr. Müller 3, 395; wie sie jedem alter seine reize abborgte, freimüthige unschuld von der kindheit, interesse von der jugend. Leisewitz Jul. v. Tarent 1, 1 s. 13.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1876), Bd. IV,II (1877), Sp. 2147, Z. 32.

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Zitationshilfe
„interesse“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/interesse>, abgerufen am 07.08.2020.

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