Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

irgend

irgend,
pronominaladverb, welches örtliche, zeitliche, modale zahlbestimmungen verallgemeinert.
1)
form. das wort erscheint ahd. bei Otfrid als getrenntes io wergin neben bloszem wergin usquam, alicubi, im altniederfränkischen (gloss. Lips. 711) in der negation nie wergin usquequaque; und wie von dieser negation bereits (ebenda 713) die zusammenziehung niergin sich findet, so kommt von der positiven formel auch im späteren ahd. das contrahierte iergen auf: sâhet ir iergen mînen wine? Williram 22, 4; eine form die mhd. die gewöhnliche, wenn auch nicht die alleinige bleibt (vgl. gramm. 3, 220). verkürzung zu irgen ist zunächst vorzugsweise mitteldeutsch: alicubi irgen Dief. 22ᵇ;
ouch von keiserlîchir hant (privilegien),
dî noch dî brûdre irgin hânt.
Jeroschin 1078;
die schlieszende dentalis findet sich bereits im 13. jahrh. (mhd. wb. 1, 748ᵇ), häufiger schon im 15.: uspiam irgent Dief. 630ᶜ (voc. von 1414); mit ausstoszung des nasals:
ich kerte den spiegel hin und her,
ob ierget kein flecke wer.
Altswert 124, 20.
die äuszerst gekürzte form ist ierne, iern, irn: si quando, wann irn, wann irgend, wann etwa Alb.;
und wær ierne einer in dem lande
der gebrauen hette eine schande.
osterspiel in den fundgr. 2, 313, 23;
osterländisch und düringisch heute ern, schlesisch ärnt:
und stellt euch fix zur währe,
kümmt ärndt ihr schandlich lügemaul
amol euch in de quäre.
Holtei schles. ged. (1874) s. 89.
2)
die ursprüngliche locale bedeutung von irgend = irgendwo findet sich selten noch bis ins ältere nhd.: irgend, uspiam, usquam Dasyp.; warum wird doch iergend an einem ort deines reichs gedacht? Rihel Livius 687; irgend üm diese gegend, loca haec circiter Stieler 885; vgl. dazu irgends.
3)
irgend, temporal, einmal, zu irgend einer zeit, wird unten in der form irgends nachgewiesen.
4)
irgend bei ungefähren raumbestimmungen, wie etwa: lasz irgend zwen quer finger breit raum. Adam Riesz rechenung (1550) 188ᵃ; da wir noch irgend einen büchsenschusz zu reiten hatten. Philander 2, 596; es sind irgend zehn meilen auf Leipzig, Lipsia dissidet abhinc decem circiter millia. Stieler 885; auch bei anderen zahlbestimmungen: wenn mans rechnet, findet sichs, dasz sie (die Juden) fast bei zweihundert jaren, und irgend sechtzehen in Egypten gewesen sind. Luther 4, 93ᵃ; doch hat der kampf nicht lange müssen wehren, .. mag irgend eine stunde oder halbe vor tage gewehret haben. 181ᵇ; er ist irgend von dreiszig jahren, triginta praeter propter annos natus est. Stieler 885.
5)
irgend, modal, irgendwie: niemand wird dies system annehmen, dem es irgend um philosophie zu thun ist. Kant 7, 302; wenn man nur irgend dieser kaninchen habhaft werden könnte. Tieck der gestiefelte kater, 2. akt;
verhüte gott, dasz irgend tücke walte,
die schuldlos einen edelmann verdammt.
Shakesp. Heinrich VI, 2, 3, 2;
auch vielleicht, etwa: irgend werde ich auch noch reich, fortassis et ego beatus ero. Stieler 885; bitte ihn, irgend tuht ers, fac periculum petendo. ebenda; der sohn würde angeführet, wie desz Pythagoræ schüler, und dürfte in 5 jahren nit ein wort reden, und der vatter besuchte ihn irgend im dritten jahr, und fragte, wie es ihm gehe? Schuppius 812; sie setzten hinzu, ob sie irgend verliebt sei, weil sie in so tiefer entzückkung säsze? Zesen Assenat (1679) 17;
schläfts irgend
vielleicht in meinem vorsaal auch?
Schiller don Carlos 3, 1.
6)
am häufigsten findet sich irgend zu einem pronomen oder adverb gestellt, um dessen begriff zu verallgemeinern. die verbindung ist dabei entweder eine enge (vgl. an alphabetischer stelle die zusammenrückungen irgendwie, irgendwo), oder eine freiere.
a)
irgend wer, irgend was: wer ist irgent von den stemmen Israel, der nicht mit der gemeine ist erauf komen zum herrn? richt. 21, 5; ist irgend was fursehen im trucken, bitte ich, ein jeder wol das rechtfertigen. Adam Riesz rechenung (1550) 196ᵃ; ist irgend wer hier, numquis hic est? Stieler 885;
wenn ich unwissend oder in der wuth
etwas begangen, das mir irgend wer,
hier gegenwärtig, nachträgt.
Shakesp. Rich. III, 2, 1;
du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen.
Hamlet 1, 3;
ob irgend was, uns unbekannt, ihn drückt.
2, 2;
irgend etwas. oder wirfet irgend etwas auf in unversehens. 4 Mos. 35, 23; sobald mir einer merken läszt, dasz ihm in poetischen darstellungen irgend etwas näher anliegt als die innere nothwendigkeit und wahrheit, so gebe ich ihn auf. Schiller an Göthe 1, 54.
b)
irgend ein: du solt dir kein bildnis noch irgend ein gleichnis machen. 2 Mos. 20, 4; das sie irgent wider ein gebot des herrn gethan hetten. 3 Mos. 4, 13; wenn ein weib sich irgent zu einem vieh thut. 20, 16; wenn irgend eins manns weib sich verlief. 4 Mos. 5, 12; lasset uns aber niemand irgent eine ergernis geben. 2 Cor. 6, 3; da nun irgend ein grober solche deutsche catholische herzenbiszlin zu kosten lust hette. Fischart bienk. 141ᵇ; auf irgend eine art entschädigt. Schiller an Göthe 1, 38; das gemälde, das sie jetzt entworfen haben, kann weniger als irgend ein anderes aus ihrer individualität flieszen. 57; mit irgend einer schrift. 63; als plural zu irgend ein gilt in der gewählten sprache irgend welche, in der des gemeinen lebens aber auch irgend einige: er hat von irgend einigen leuten unterstützung bekommen; auch findet sich im singular irgend einig für irgend ein: aus irgend einiger ursache;
ist irgend ein reichs closter das apt oder eptin hat.
Schade sat. u. pasqu. 1, 5;
erblickt ich zween lateinsche ringer,
die irgend nur ein wort verdrosz.
Günther 166;
stets warst du mir
der bringer irgend einer schönen freude.
Schiller Piccol. 2, 4;
ist irgend eine gute that zu thun.
Shakesp. Hamlet 1, 1;
irgend jemand: übergeben sie ja das ganze irgend jemand zur besorgung. Göthe an Schiller 1, 218.
c)
auch kein wird durch irgend verallgemeinert: das ir von uns ja keinen schaden irgent inne nemet. 2 Cor. 7, 9;
Saturnus eigne kinder friszt,
hat irgend kein (gar kein) gewissen.
Göthe 3, 152.
d)
irgend welch: ihm ist irgend welches glück widerfahren; irgend welche mittel zum leben musz er haben; in den mienen sprach sich hingebung und unterwürfigkeit unter die beschlüsse irgendwelches erbprinzen aus. Immermann Münchh. 3, 173.
e)
irgend wo, irgend woher, irgend wohin:
der zweier zuht ist grœʒer dâ,
dan ich iergen wiʒʒe anderswâ.
Freidank 154, 1;
sich irgend wo niederlassen, alicubi commorari. Steinbach 1, 814; irgend wohin gehen, quopiam accedere. 815; ich will lieber hier in Jena, als irgend anders wo müszig gehn. Schiller an Göthe 1, 48;
kracht irgendt wo ein haus,
dem nicht zu trauen ist, da springet man heraus.
Opitz 1, 47;
dasz, wo sie immer irgend auch des weges sich
begegnen, jede der gegnerin den rücken kehrt.
Göthe 41, 189.
f)
irgend wie, auf irgend eine weise, vgl. unten irgendwie.
g)
freier und seltener tritt irgend zu anderen als den aufgezählten pronomen oder adverbien: welcher Israeliter oder frembdlinger in Israel sein opfern thun wil, es sei irgent ir gelübd oder von freiem willen. 3 Mos. 22, 18; wenn ein levit kompt, aus irgend einer deiner thoren, oder sonst irgend aus ganz Israel. 5 Mos. 18, 6; sie möchten trinken und der recht vergessen, und verendern die sachen irgend der elenden leute. spr. Sal. 31, 5;
kaum hegt, irgend umher, einfachere menschen die erde.
Platen werke 2, 210.
h)
in Melissus' psalmen findet sich irgend wie ein adjectiv behandelt und flectiert: aus irgender ursach. S 1ᵃ; mit irgender liebe. X 6ᵃ; irgender mas. L 4ᵃ. Q 2ᵇ; irgenterlai Y 2ᵃ. Hierzu darf die als neutrum verwendete gekürzte form irn = etwas:
leicht tuͦt uns irn gelingen,
so kum wir hinder guͦt.
Uhland volksl. 378;
sowie das niederöstreichische ere einer, eren einem, erer einer (dat.) gestellt werden (Fromm. 5, 110), das wol auch nur das adjectiv gewordene irgend ist.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1876), Bd. IV,II (1877), Sp. 2156, Z. 65.

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Zitationshilfe
„irgend“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/irgend>, abgerufen am 13.08.2020.

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