irre f.
Fundstelle: Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2162, Z. 20
mhd. irre, goth. aírzei, nach dem adj. irre in mehrfachem sinne.
1)
das umherschweifen und der ort da das geschieht: ich wil meinem volk Israel einen ort setzen, und wil es pflanzen, das es daselbs wone, und es nicht mehr in die irre gehe. 2 Sam. 7, 10; das sie hinauf zum Assur laufen, wie ein wild in der irre. Hos. 8, 9; welches zuvor viel jahre in der irre gegangen, und weit in feld gestanden. Schweinichen 3, 13; noch acht tage bleibe ich, und dann ziehe ich wieder in der irre herum. Göthe 16, 113; jetzt endlich war nach einer vierzehnjährigen irre .. der anstifter des böhmischen aufruhrs .. in der gewalt seiner feinde. Schiller 976;
treibt den mann und das weib vom raume der traulichen wohnung,
schleppt in die irre sie fort, durch ängstliche tage und nächte.
Göthe 40, 287;
ja ihr erscheint mir heut als einer der ältesten führer,
die durch wüsten und irren vertriebene völker geleitet.
ebenda;
warum soll ich in der irre schweifen?
Rückert 230.
plural irren, gewundene, verschlungene wege:
die seele schwand in wehmut,
wann sanft dem allmachtvollen hauch
ihr (der schalmei) süszer ton
in leisem schmachten sich verlor;
dann rasch, durch tausend irren,
hinauf zum hellsten gipfel stieg.
Voss 3, 39.
2)
irre, zustand der zerstreuung, verzettelung: sie (meine poetischen versuche) würden noch lange zerstreut und verstümmelt in der irre und im vergessen geblieben sein. Lessing 3, 269.
3)
das abweichen vom rechten wege, und der irrweg selbst, eigentlich und bildlich: mein volk ist wie ein verloren herd, ire hirten haben sie verfüret, und auf den bergen in der irre gehen lassen. Jer. 50, 6; (der offizier) begehrte gleichsam bittend, ich wolte ihm und den seinigen den weg wieder aus dem wald weisen, in welchem sie schon lange in der irre herum gangen wären. Simpl. 1, 49 Kurz; der trojanische krieg, und die irren der helden im weiten unendlichen meere. Herder zur litt. 10, 257;
das webt keiner der denker auf,
was vor irren sie (die seele) damals ging!
Klopstock 1, 104;
wenn sie nicht hören die stimme der huld, die sanfte des vaters:
herr! so ruf sie durch leiden zurück aus der furchtbaren irre.
4, 244;
ich,
der aus solchen irren herauf zu der rettung geführt ward!
5, 63;
er zeigte mir dasz grübelnde vernunft
den menschen ewig in der irre leitet.
Schiller M. Stuart 1, 6;
drum muszt ich taumelnd in dem tollen tanze,
der leben heiszt, durch böse irren schweifen.
Arndt ged. (1840) 426;
wenn ich hier im dunkeln thal
in der irre traurig gehe.
543.
4)
irre, verdeutschung von λαβύρινθος:
o du der irre
faden, wo liegst du?
Klopstock 2, 49;
du, der des herrschers weg zur unsterblichkeit
mit scharfem blick sah; aber der weg auch viel
nicht sah, die führen durch die grosze,
oft von getäuschten verwünschte irre.
28;
bald hätt er sich in dem finstern gebäu des träumenden Saddok
kläglich verloren; allein des Messias gewaltige wunder
retteten ihn, er verliesz die labyrintbischen irren,
kam zu Jesus.
3, 124.
5)
irre (nach dem adj. irre 3) zustand der verwirrung, des schwankens, der ratlosigkeit:
(der staub) schûf ouch sulche irre,
ob jenre oder dirre
dâ vîent wêre oder vrûnt,
daʒ was manchim gar unkunt.
Jeroschin 15519;
er hatte gelegenheit genug gehabt zu bemerken, dasz es ihm an erfahrung fehle, und er legte daher auf die erfahrung anderer und auf die resultate, die sie daraus mit überzeugung ableiteten, einen übermäszigen werth, und kam dadurch nur immer mehr in die irre. Göthe 19, 141; hierher oder zu 3 gehörig:
er leidet, dasz friede
über uns komme, dasz heil mit seinem flügel uns decke!
denn wir wandelten alle den weg der irre.
Klopstock 3, 224.
6)
irre (nach dem adj. irre 5) irrsein, geistige störung: die irre seines geistes zeigt sich in seinem starren blick; er ist ganz im zustande der irre.
irre adj. und adv
Fundstelle: Lfg. 10,11 (1876,1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2159, Z. 51
errans, perturbatus, delirus. goth. aírzeis; alts. altnfr. irri; ags. eorre, yrre; fries. ire; ahd. irri, mhd. irre; dem altnordischen und seinen töchtersprachen fehlt das wort. dasz lat. errare urverwandt, ist allgemein erkannt; altindisch zeigt arś, arśati flieszen, gleiten, sich rasch bewegen (Böhtl.-Roth 1, 452), das namentlich auch von den bewegungen der falken, gazellen u. ähnl. gebraucht wird (Graszmann wörterb. z. Rig-Veda sp. 119), welche ursprüngliche bedeutung dem worte inne wohnt.
1)
dieselbe ist auch im deutschen noch nachzuweisen, wenn irre umherschweifend heiszt: ahd. hirrer vagus Graff 1, 450, vgl. vagari irre gaen Dief. 605ᵃ; mhd. und ist ain planêt als vil gesprochen in kriechischer sprâch als ain irrgênder stern oder als ain selbstwalzender stern. Megenberg 68, 15;
Trôiêri vûrin in der werilte
wîdin irri after sedele.
Anno 372;
nhd. wer bereit dem raben die speise, wenn seine jungen zu gott rufen, und fliegen irre, wenn sie nicht zu essen haben? Hiob 38, 41; es were nicht not, das man mein predigt und wort auf dem lande irre füret (im lande umher führte), es sind wol ander bücher vorhanden, die würdig und nütz weren, dem volk zu predigen. Luther 1, 67ᵃ; die (aufrührer) schleichen heimlich im lande irre, und kriechen zusamen an der Saal. 3, 46ᵇ; die landsknechte, so im lande irre laufen, und krieg suchen. 239ᵇ; als irgend ein guter .. genius der erde das irre auseinanderbilden der menschheit sah, die in einzelwesen zerlaufend, wie ein meer, nur wellen ohne richtung erhob. J. Paul Levana 2, 137;
und ob ir uns nicht tut zustoren,
so wert ir grosze wunder horen,
hab wir erfaren in fremden landen,
do wir gar lang sein irr gestanden (umher gewesen).
fastn. sp. 91, 16;
zuletzt entdeckt sich ihr (der Titania) im groszen ocean
diesz eiland. aufgethürmt aus schwarzen ungeheuern
ruinen, lockt es sie durch seine schwärze an
den irren flug dahin zu steuern.
Wieland 23, 106 (Ob. 8, 61);
und, da er nirgends sie gefunden,
führt ihn zuletzt sein irrer fusz hierher.
116 (8, 79);
es wiederholt die klage
des lebens labyrinthisch irren lauf.
Göthe 12, 5;
die irren lichter,
die sich mehren, die sich blähen.
205;
ich irrer wandrer
fühlt erst auf dir
besitzthumsfreuden
und heimathsglück.
3, 36 Hempel;
kann auch der sonne kraft ein irrer stern entwallen.
Rückert 35;
von umherschweifenden gedanken:
Judas Ischarioth blieb noch vertieft in irre gedanken
auf dem gebirge.
Klopstock 3, 150;
von dem ruhelosen nächtlichen umgehen der gespenster: von verstorbenen, so irr gegangen. Luther tischr. 212ᵇ; irrgehende verstorbene in kenntlicher gestalt. 213ᵃ;
im garten des pfarrers von Taubenhain
gehts irre bei nacht in der laube.
Bürger 60ᵇ.
2)
gewöhnlicher wird mit irre die vorstellung: abgewichen vom rechten wege, verirrt, verbunden;
a)
in eigentlichem sinne. hier verwendet namentlich die neuere poetische sprache irre gern attributiv:
den zerstreuten, irren heerden
im gebirge gleichen wir.
Göthe 10, 226;
in wundern ist der irre mensch verloren,
nach welcher dunkeln schwer entdeckten schwelle
durchtappen pfadlos ungewisse schritte?
22, 91;
verschlieszt der fürst mit seinen sklaven
sich nicht in jenes marmorhaus,
und brütet seinen irren schafen (den unterthanen)
die wölfe selbst im busen aus?
56, 26;
gieng die lieb auf irrer spur.
Rückert 207;
das neutrum substantivisch:
es treibt mich mein gemüth durch diese wälder
im irren auf und ab.
L. Tieck prinz Zerbino, 4. akt;
die ältere sprache und die neuere des gewöhnlichen lebens brauchen irre (wie in der bedeutung 1) prädicativ mit entsprechenden verben der bewegung:
wer sol uns durch diu lant
die rehten wege wîsen, daʒ wir niht irre varn?
Nib. 1526, 3;
nhd. vorzüglich in den verbindungen irre führen, gehen, leiten, machen, sein, werden: sie sind müde in angst, und gehen irre im finstern. Jes. 8, 22; wo ist jemand, so er irre gehet, der nicht gerne wider zu recht keme? Jer. 8, 4; das sie die finsternis tappen on liecht, und macht sie irre, wie die trunkene. Hiob 12, 25; der vil fragt gehet vil irr. Frank parad. 129; wir gingen mit einem irreführenden wegweiser durch eine thalschlucht. Bettine briefe 1, 330;
also angesehen dasz wir
darin (in der wüste) so lang sint gangen irr.
Schade sat. u. pasqu. 1, 20, 6;
weit wallst du
irre; verlierst du dich da, wende!
Klopstock 2, 78;
der edle hirsch hat über berg und thal
so weit uns irr geführt, dasz ich mich selbst,
obgleich so landeskundig, hier nicht finde.
Göthe 9, 249;
wir sind irre, dieser weg führt nicht nach der stadt; ein fuszweg hat uns irre geleitet. in der sprache der bergleute heiszt irre fahren von der zum auffahren oder absinken angewiesenen stunde oder linie weichen, dasz, wenn die gehörige weite aufgefahren oder abgesunken ist, der durchschlag nicht erfolgt. Jacobsson 2, 319ᵇ.
b)
übertragen, in bezug auf zustände, handlungen, gefühle:
also lehren sie diese der weisheit würdigen schüler,
jener erhabneren weisheit, nach deren flüchtigem schatten,
durch ihr glänzen geblendet, die irren sterblichen eilen.
Klopstock 3, 46;
so kenn ich gott durch euch, ihr Israeis verwirrer,
und eure weisheit macht den irren geist noch irrer.
Lessing 1, 190;
n der verbindung irre gehen: noch wil ja das volk zu Jerusalem irre gehen fur und fur. Jer. 8, 5; denn die, so die weisheit nicht achten, haben nicht allein den schaden, das sie das gute nicht kennen, sondern lassen auch ein gedechtnis hinder sich den lebendigen, das sie nicht mügen verborgen bleiben, in dem, darin sie irre gegangen sind. weish. Sal. 10, 8; sind vom glauben irre gegangen. 1 Tim. 6, 10; jeder christliche verständige leser wölle, wo ich irrgangen, mir zu gut halten. Kirchhof milit. disc. 266; er ging irr, und verliesz Wodan. Klopstock 10, 191; eines dinges, einer person irre gehen, es oder sie vermissen, entbehren: bin ich nun nüz und gehet man mein irr, warum wird mir nichts mehr wie vor befohlen. Willib. Pirkhaimer, vgl. zum andenken W. Pirkhaimers (1828) s. 119; heute irr gehn ein ding, es vermissen. Schm. 1, 131 Fromm.;
dann wann solches (eines halsgehänges) irr gieng ir mann,
es ihr derhalb gar übel gieng.
Ayrer 461ᵈ (2320, 18 Keller);
wie mhd.: als liebet (so gefällt) daʒ, daʒ êre hât
und sînes lobes niht irre gât.
Tristan 2, 8;
einen irre leiten, führen, vom rechten ableiten, verführen; die irre geleitete menge;
mein freies urtheil habt ihr irr geleitet,
mein redlich herz verführt.
Schiller Tell 3, 3;
sich irre erkennen, erkennen, dasz man sich geirrt hat: wer diese schmeichelei nicht versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre. Lessing 7, 113; irre schlieszen, fehl schlieszen: fand ich zuletzt eine thüre verriegelt, die ihrer stellung nach in einen garten gehen muste. durch ein kleines fenster an der seite konnt ich bemerken, dasz ich nicht irre geschlossen hatte. Göthe 30, 118.
3)
irre, an diese bedeutung (2, b) zunächst angeschlossen, heiszt im rechten schwankend, unschlüssig, ratlos; in der verbindung irre sein, werden: da nu das kriegsvolk höret, das Holoferni der kopf abwar, erschraken sie, und wurden irr, und kundten nicht rathalten. Judith 15, 1; etliche schrien sonst, etliche ein anders, und war die gemeine irr. ap. gesch. 19, 32;
Tabitha sah zur prophetin hinauf, und verstummte zu fragen.
irr und wundernd hielt sie sich an den rahmen des teppichs!
Klopstock 5, 341;
ich such, und bin wie blind und irre geworden.
Göthe 10, 232;
ich bin ganz irr, mein fürst.
Shakesp. Hamlet 4, 7;
irre sein, werden an jemand, nicht wissen, was von einem zu halten: ich wolt aber, das ich jtzt bei euch were, und meine stimme wandeln kündte, denn ich bin irre an euch. Gal. 4, 20; so liebte ich Marianen und ward so schrecklich an ihr irre. Göthe 20, 242; viele sind auch an ihren unterhaltungen irre, weil sie, wie sie sich ausdrücken, noch nicht absehen können, was damit werden soll. Schiller an Göthe 1, 63; damit das zum dritten theil verödete, an sich selber irre gewordene Dänemark sich wieder anzugehören lerne. Dahlmann dän. gesch. 1, 281;
die freunde zweifeln, werden irr an dir.
Schiller Piccol. 2, 5;
irre machen: dieweil wir gehöret haben, das etliche von den unsern sind ausgegangen, und haben euch mit leren irre gemacht. ap. gesch. 15, 24; diese menschen machen unser stad irre. 16, 20; die meisten sind irre an mir gemacht, sie wissen nicht, was sie denken sollen. Wieland 8, 301 (302); wir wurden bald von den andern darüber geneckt, ohne dasz wir uns dadurch irre machen lieszen. Göthe 19, 277; wie steht es? sie haben sich doch nicht irre machen lassen? 20, 204;
die menge macht den künstler irr und scheu
9, 119;
in bezug auf einen vortrag: nun stille! und macht mich nicht mehr irre. A. Gryphius 1698 1, 732; — sich irre schreien lassen, durch schreien wankend machen lassen:
ich lasse mich nicht irre schrein,
nicht durch kritik noch zweifel.
Göthe 12, 229.
4)
irre erzürnt, hochdeutsch selten, während es im ältern niederdeutsch die einzige bedeutung des wortes ist; vgl. niederd. erre werden, zornig werden Frisch 1, 491ᵇ, und erre iratus oben theil 3, sp. 942:
da ir von gotes gewalt redet, wart er gar irr,
kunde euch gar nicht zuhören mer,
es roch im saur in die nase die evangelische ler.
Schade sat. u. pasqu. 1, 65.
5)
irre, geistig gestört, milderer ausdruck für wahnsinnig (vgl. dazu irrgang 1 am ende), hat seinen ausgang vom mhd. irre thöricht, närrisch, dumm:
wê mir sîn, vil irrer krage!
Neidhart 90, 11 (vgl. anmerk. dazu s. 222);
das auch später noch erscheint:
die klag und antwort ist gar irr.
fastn. sp. 157, 15;
und steht heute entweder substantivisch: ein irrer; die irren dieses landes haben noch keine heilanstalt; vgl. irrenanstalt, irrenarzt, irrenhaus; oder als prädicatives adjectiv: den von Langenau harte krank und irre gefunden. Schweinichen 2, 203; ich müszte sie für irre im kopfe gehalten haben. Lessing 1, 261; gern auch von zuständen, reden und thaten, die gestörten verstand anzeigen: etwas irres in seinem blicke konnte einen schwärmer vermuthen lassen. Schiller 746; inzwischen hätte ein fremder .. nichts am sprechenden grafen merken können, als ein irres glühen im gesicht und schnelle worte. J. Paul Tit. 1, 182; oben musterte er irren blickes die abgelegte garderobe seiner gemahlin. Immermann Münchh. 3, 156; seine augen nahmen allgemach einen seltsam-irren ausdruck an. 171;
du weiszt zu wohl, ich war nicht ich
in jener unglückselgen stunde;
gram und verzweiflung sprach aus meinem irren munde.
Wieland 9, 94 (83);
adverbial: irre reden, ex morbo delirare Stieler 893; bist du krank, dasz du irre sprichst? Klinger 1, 17.
Zitationshilfe
„irre“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/irre>, abgerufen am 18.10.2019.

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