Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

irrgang, m.

irrgang, m.
1)
wie mhd. irreganc, zielloses gehen, irrender gang oder weg; eigentlich oder bildlich: und als ein hirz es (das schaf) gefunden hab irr gan in der wüste, hat er es früntlich gefragt, was ursach sei sines irregangs. Cyrill 32 (nachher: es ist mir fast leid dyn irrer gang); den irrgang der kinder Israel durch die wüste. Göthe 32, 76; wenn oft Albano von seinen innern und äuszern irrgängen nach hause kam. J. Paul Tit. 1, 128; schrecklicher irrgang meiner schlüsse. Schiller 752; weil der moralische (lehrer), z. b. der vater, immer zwischen irrgängen und rechtgängen wechselte. J. Paul leben Fibels 187; gesteigert zum begriff der geistigen störung: deliramentum irregang, erregang Dief. 172ᵃ.
2)
gewundener, labyrinthisch angelegter weg, auf dem man sich leicht verirren kann: laborintus irgang Dief. 314ᵇ; der irrgang, Daedalea castra Maaler 237ᵇ;
wie irrt ihr sterblichen, die ihr den irrbau seht
für einen irrgang an, der euch nur soll verführen.
Lohenstein Arm. 1, 677ᵃ.
vielfach bildlich: indessen geht diese sogenannte moralische welt, in allen diesen irrgängen und durchkreuzungen, immer nach dem alten fort. Klinger 11, 46; menschen, die wegen groszer sittlicher unfälle sich in die wüsten zurückzogen, .. wurden zurückgerufen in die welt, um die verirrten auf den rechten weg zu führen; und wer konnte es besser, als die in den irrgängen des lebens schon eingeweihten! Göthe 17, 377; mündlich und nachher schriftlich hatte er mir die sämmtlichen irrgänge seiner kreuz- und querbewegungen in bezug auf jenes frauenzimmer vertraut. 26, 251; die stiftsdame verirrte zur herrnhuterei, weil ihr die philosophie nicht zu hülfe kam; als mann hätte sie vielleicht alle irrgänge der metaphysik durchwandert. Schiller an Göthe 1, 187; reizt ihn nicht aus seiner weisen jovialität hinaus in die fatalistischen irrgänge der leidenschaft. H. Heine 9, 52; seine augen leuchteten wunderlich und schrecklich, durch die irrgänge seiner lineamente schlichen schelmerei, spott, trunkenes behagen, wie schöne mädchen, die in einem vernachlässigten park spazieren gehen. Immermann Münchh. 3, 143;
die (völker) han sie (die päbste) durch einanderen verwirrt,
und in ein solchen irrgang gfürt,
darinn sie sich so lang vergangen,
bisz sie zuletst begert der stangen,
und ruͦften umb rhat die bischöff an.
Fischart dicht. 2, 354, 878 Kurz;
im irrgang dieses lebens
ists oft so bang und schwül.
Matthisson ged. 36.
irrgang, anatomisch: das labyrinth, der irrgang im ohre, ein körper im ohr, der wegen seiner krummen windungen benannt ist. Nemnich 3, 288.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2168, Z. 9.

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Zitationshilfe
„irrgang“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/irrgang>, abgerufen am 04.08.2020.

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