Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

irrig, adj. und adv.

irrig, adj. und adv.
in mehreren bedeutungen.
1)
vgl. irre 1 sp. 2159, umherschweifend: ahd. und-irrig fluctivagus Graff 1, 451; mhd. nhd. erroneus irrig, irrichtig Dief. 209ᵃ; irrig, erroneus, vagus, hallucinans Maaler 237ᵇ; irrige tritt errabunda vestigia ebenda; irriger erro, vagator, hallucinator 237ᶜ; irrige sterne (ἀστέρες πλανῆται). Judä 13; ewer pfarrherr und prediger solten itzt bei euch stehen, und trösten, das ir stark sein köndtet, so verlassen sie euch beide, und müsset irrige scheflein sein. Luther 5, 331ᵃ; die elenden, armen sünder, betrübten, irrigen, verachten geringen, ungelerten, werden sein (Christi) fro. 66ᵃ. anklingend an die bedeutung 3 unten: kurzhernach muszte doct. Luther nicht allein sich wider der papisten rotte setzen und verteidingen, sondern auch wider viel andere irrige schwarmgeister. 1, 2ᵃ. adverbial irrig schwärmen, schweifen: so sie solches gleitmanns beraubet, schweben sie irrig herumb. Forer fischb. 98ᵇ;
(der geistliche stand) war in seiner lehr zerspalten,
kein theil wards mit dem andern halten,
mit schreiben gegen einander stürmbten,
im glauben also irrig schwirmbten.
H. Sachs 1, 293ᵃ.
2)
von orten, die durch wegelosigkeit oder schwierigen weg leicht zum abirren bringen (vgl. irre 2): irrige ort, avia loca Maaler 237ᵇ; irrige wäld, nemora avia, die straszen sind irrig, habend vil abwäg, viae implicitae errore, irriger wäg der nit zuͦ treffen ist, inexplicabile iter, via anceps. 237ᶜ; da verachtung auf die fürsten geschüttet war, das alles irrig und wüste stund. ps. 107, 40; labyrinthus, ein irrig ding, da niemandt auszkummen kan. Alberus cc 3ᵇ; darinn hat gemacht Dedalus den irrigen laborinth. S. Frank weltb. 14ᵇ; wo werd ich in disem wilden irrigen holz einen weg finden? Hörl v. Wättersdorf Bacchusia 241.
3)
irrig, in bezug auf abweichung vom rechten glauben: ist nu kein tropus nicht im abendmal, so ists klar genug, das unser verstand (verständnis) recht, und der schwermer irrig und unrecht sei. Luther 3, 509ᵇ; wir beten nicht nur für die irrige, verführte und schwergläubige, sondern auch für unsere feinde. Schuppius 374; ein clostercabinet, in welchen (für welchem) etwa ein in der lehre irriger sitze. pol. stockf. 292; von einem irrlehren verbreitenden buche:
da lernt ich für studieren buͦlen
in dem unnützen irrigen buͦch.
Murner schelmenzunft 16ᵃ.
4)
irrig von personen, die in einem irrthum befangen sind: so solt ja der Witzel billich dankbar sein und den irrigen fursten zu recht bringen. Alberus widder Witzeln F 3ᵃ; die so irrigen geist haben, werden verstand annemen, und die schwetzer werden sich leren lassen. Jes. 29, 24; wer aber nicht geübt ist, der verstehet wenig, und die irrigen geister stiften viel böses. Sir. 34, 11; die zucht halten ist der weg zum leben, wer aber die strafe verleszt, der bleibt irrig. spr. Sal. 10, 17; denn wir waren auch weiland unweise, ungehorsam, irrige. Tit. 3, 2; eilig drehte er sich zur irrigen zuhörerin zurück. J. Paul biogr. bel. 1, 61. irrig sein, sich irren: sie sind irrig; sie verstehen ihn nicht. Lessing 1, 183; wozu Jarno gleichfalls schwieg, obgleich der graf ganz irrig war, und Wilhelminen mit einem jungen Engländer ... verwechselte. Göthe 20, 293;
wo ich nicht irrig bin.
Lichtwer fab. 1, 10;
wenn ich nicht irrig bin
sind Naso selbst und Peter Aretin
in deinen angelegenheiten
nur arme laien gegen ihn.
Wieland 5, 223 (verkl. Amor 2, 27).
5)
irrig in bezug auf ansichten, lehren, meinungen, behauptungen u. ähnl., in welcher bedeutung einzig es der modernen sprache noch ganz gerecht ist: eine irrige meinung, opinio erronea Steinbach 1, 815; dieser wahn ist ganz irrig (als etwas höflichern und gelinderen ausdruck für falsch). Frisch 1, 491ᵇ. seine irrigen behauptungen machen keinen eindruck; eine ganz irrige berechnung; irrige vorstellungen von einer sache; und adverbial: das stellt er sich ganz irrig vor;
gerechnet hat er fort und fort und endlich
wird doch der calcul irrig sein.
Schiller Wallensteins tod 4, 8;
wie irrig wähnest du:
aus liebe gehöre das mädchen dir zu.
Göthe 5, 56.
6)
irrig, an irre 3 angeschlossen, ratlos, unschlüssig, schwankend: darnach in im selbst irrig, nicht wuszte welchen mitteln er sich vertrauwen solt. Kirchhof wendunm. 89ᵇ; macht sie ir eigene misztrauwende wankelmütigkeit irrig. 91ᵃ; weil viele beschwerliche reisen, unpäszlichkeiten .. die eilende feder zuweilen irrig gemacht. Felsenb. 4, vorr.;
o frembder gast! red bessre wort,
lasz dich nicht irrig machen
den schweren irrsal an dem ort.
anm. weiszh. lustg. 593.
7)
daher auch in der entscheidung schwankend, schwer zu entscheiden: andere irrige fragen wil ich auf dis mals ruhen lassen. Adam Riesz rechenung (1550) 195ᵇ; von rechtssachen: aber daʒ kund nit uff denselben tag noch desselben lantgerichtes zuͦ end komen, wann die sach gar irrig was und ward uffgeschoben. d. städtechr. 4, 101, 23; und die irrige sache befahle man den rethen zu vertragen. Luther tischr. 348ᵃ; die rechtssprache hat das wort in der bedeutung anhängig, noch unausgetragen, von klagen und processen öfter verwendet, vgl. Haltaus 1037 f.
8)
irrig (wie irre 4) zornig, böse: ei, nicht so irrig und böse, mein herzchen. interim 276; ist sie schon ein wenig irrig, geschiehet solches ausz gewisser, politic, ihre zucht und ehrbarkeit für vernaschten vögeln zu erhalten. kunst über alle künste 79, 8.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2170, Z. 23.

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Zitationshilfe
„irrig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/irrig>, abgerufen am 08.08.2020.

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