Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

J

J
Während das gothische alphabet für den halbvocal j an 15. stelle ein eigenes zeichen geschaffen hatte, drückten noch die viel späteren ober- und niederdeutschen, sowie nordischen handschriften, die das lateinische alphabet angenommen, nach dessen brauche j durch i mit aus, soweit sie nicht auch g dafür verwendeten. erst seit dem 15. jahrhundert läszt sich der gebrauch eines eigenen buchstabs für den halbvocal in den anfängen nachweisen, und zwar zunächst nur für die minuskelschrift. die entwickelung jedoch dieses buchstabs fällt viel früher, gehört bereits der minuta erecta des 9. oder 10. jahrhunderts an, und vollzieht sich, indem im gegensatz zu dem ein wort anfangenden vocal i, den man hoch hinauf zu ziehen liebte, ein schlieszendes i, wenn es in der verbindung ii (als wortendung oder auch als zahlzeichen) stand, vom schreibenden etwas herunter gezogen ward; wobei aber selbstverständlich der lautwert des zeichens sich nicht änderte. Von den alten grammatikern hatte namentlich Priscian (I, 17 Herz) hervorgehoben, dasz die beiden zeichen i und u, obwol man sie je nur mit éinem namen benenne und unter éiner figur darstelle, doch sowol vocale als consonanten ausdrückten und also verschiedenen wert hätten. die deutsche grammatik, die sich seit dem 16. jahrh. nach dem vorbilde der alten entwickelte, betonte daher gleichfalls die doppelte natur, namentlich des i, so schon Ickelsamer: das i vorm a, e, o, u, für ein g, hie umb der behenden zuͦsamenlaufung willen der vocalen, lautet es vast als sei dʒ i ein g. L iijᵃ, und ebenso spätere (Ölinger 1573 s. 14. 15. Clajus 1578 s. 2-5). der letztere namentlich dringt a. a. o. darauf für den halbvocal das zeichen j regelmäszig zu verwenden. eine solche verwendung ist allerdings schon viel früher vorhanden, aber es dauert lange, bis sie zur regelmäszigkeit durchdringt. denn wenn sie auch schon die drucke seit dem ende des 15. jahrh. zeigen (das narrenschiff gibt jagen, jaͤger, jamer, juchtzet, judenspyesz u. a., Keisersbergs bilgerschaft von 1512 dagegen noch ioch, iugent, die iungen kind u. a.), so verwenden sie doch auch willkürlich j für anlautendes i, namentlich in einer reihe pronominaler oder praepositionaler bildungen, in denen es dann durch das ganze 16. jahrh. bleibt: bei Brant jm ihm, jn ihn, jr ihr, jn in, jnhar einher, jch neben ich; bei Luther jm ihm, jn ihn, jr ihr, jrer ihrer, wogegen immer ich, in in, dafür aber auch jtzt für ietzt jetzt, jglich für ieglich jeglich; bei S. Frank jn ihn gegen in in, jm ihm gegen im im, jr ihr; Fischart jn, jnen, jm, jr, jren, auch die praep. in erscheint gelegentlich als jnn; in Zinkgrefs apophthegmen 1626 und 1631 und in den meisten büchern um diese zeit ist durchgängig, selbst in der ausgabe von Schuppius schriften 1663, hier allerdings nur noch gelegentlich, jhm, jhn, jhnen, jhr gedruckt, diese worte als letzte zeugen des unterschiedslosen gebrauchs von i und j; im letzten viertel des 17. jahrh. ist die beregte schreibung verschwunden. Im gegensatz zur minuskel ist die majuskel spät gebildet worden, im lateinischen alphabet kaum vor dem 17. jahrh., im deutschen ist sie theilweise auch heute noch nicht durchgedrungen, so dasz derselbe grosze buchstab für I wie für J gilt. damit in zusammenhange steht der in wörterbüchern bis ins 18. jahrh. allgemein herschende, aber auch jetzt noch nicht ganz aufgegebene brauch, die mit J anlautenden deutschen wörter einfach unter I einzuordnen. Für das neue zeichen wird der griechische name des vocals angenommen. Ulfilas bereits überträgt Matth. 5, 18 ἰῶτα durch jôta; dann aber ist der name für lange zeit aus dem deutschen wieder verschwunden, so dasz er in der beregten bibelstelle z. b. weder in Behaims evangelienbuche, noch bei Luther erscheint. welcher deutsche grammatiker den namen aus dem griechischen aufs neue für den halbvocal entlehnt, ist noch zu ermitteln, bei Schottel ist er vollkommen eingebürgert: wann das i im anfange der wörter wird gefunden, also, dasz ein selblautender drauf folget, alsdann wird es also j, geschrieben, und hat die wirkung eines jods, als jahr, joch, jemand. haubtspr. 213. Stieler kurze lehrschrift von d. hocht. sprachk. s. 5 schreibt jot. Das anlautende j erweiterte sein gebiet dadurch, dasz ihm eine anzahl ursprünglicher g, zunächst in der aussprache, theilweise auch in der schreibung zufielen, wie theil 4¹, 1107-1109 hervorgehoben ist. belege für diese schreibung bieten neben mitteldeutschen quellen in Oberdeutschland namentlich die Nürnberger (vgl. Weinhold bair. gramm. s. 197) und noch bei H. Sachs:
weil nu disz kindelein ist worn
in unser jagenwart (gegenwart) geborn.
3, 2, 24ᵈ;
die moderne schriftsprache hat von diesem gebrauche noch die schreibung jäh, jach, neben gäh, gach behalten, ferner die koseform des eigennamens Georg als Jörg, Jörge, wie schon im 16. jahrh.: etlich schreiben Jörg (für Georg). Helber teutsch. syllabierbüchl. (1593) s. 12; auszerdem das mehr mundartlichniederdeutsche jappen schnappen, das zu gaffen (theil 4¹, 1136) gehört; im 18. jahrh. schreiben norddeutsche schriftsteller auch noch jähnen; ebenso begegnet jeck, jäck (Frisch 1, 481ᶜ) für geck, vgl. unten s. v. jeck; dagegen ist mundartlich echtes j in g übergegangen (4¹, 1109), und auch hiervon hat die schriftsprache proben, so in gäten für ursprüngliches jäten; gären für jären, welche letztere schreibung Stieler noch bringt aber verwirft; in gäscht und gischt, während das landschaftliche (oberdeutsche) jast seinen ursprünglichen laut bewahrt; im 18. jh. schrieb man noch das richtige jauner für heutiges gauner; wogegen wieder das zu dieser zeit erscheinende gauche für jauche heute verschwunden ist. Anlautendes j war ahd. in jâmar jammer, jënêr jener landschaftlich abgefallen (âmar, ënêr alemannisch), was auch noch mhd. sich findet; heute bietet der alemannische dialekt nur noch änen, äne, änet für mhd. jënent jenseits, als fortsetzung des zu dieser zeit schon hier gewöhnlichen enent, ennent, vgl. th. 3, sp. 468, wo auch ein alem. ens für jenes aus dem 15. jahrh. belegt ist; der bairische dialekt enhalb, jenseits, ferner ent jenseits, in manichfachen zusammensetzungen und weiterbildungen bewahrt (Schm. 1, 92 Fromm.); wozu noch böhmerwäldisches o für jo = ja kommt (sp. 1197). die schriftsprache hat keine wortformen mit gewichenem anlautenden j. Dagegen ist in der neuern spriftsprache die verbindung je aus ehemaligem ie geworden in je, jeder, jeglich, jemand, jetzt u. ähnl., an den betreffenden stellen wird untersucht, seit welcher zeit. immer, mhd. iemer hat sich von dieser gruppe getrennt, indem es den ursprünglichen diphthongen vocalisch verkürzte. der consonantierung des j in diesen fällen steht zur seite, wenn das fremde hyacinthus, mit verlust des anlautes, ahd. mhd. als jâchant, jachant, jôchant herübergenommen wird, oder mit mehr anlehnung an die fremde form, jacinct (Dief. 282ᵇ), jacink (voc. inc. theut. k 7ᵃ), jacinth (Maaler 233ᵈ) lautet, oder in gleicher weise der stadtname Hierosolyma zu Jerusalem sich gestaltet. Das inlautende j mochte in alter zeit einen vocalischeren klang haben als das anlautende, beweis dafür ist, dasz es vielfach neben i auch durch e gegeben wird, vgl. ahd. suntea, peccata, gen. plur. sunteônô, dat. sunteôm peccatis, minneôt amat neben minnia caritas, redea ratio und radia, redia, dem goth. raþjô entsprechend; eben so alts. hêleand heiland neben hêliand, minnea und minnia, hellea und hellia hölle und reichliche andere beispiele, ags. seltener mêceas die schwerter, sêcean suchen (goth. sôkjan), þeccean brennen, während hier öfter auch inlautendes j durch g gegeben wird, z. b. in nergan neben nerian und nerean retten, vergan neben verian vertheidigen. am häufigsten freilich ist es, namentlich im ahd., seit dem 9. jahrh. inlautend gewichen, theils einfach verschwunden, wo schon consonantenverbindung bestand (wie goth. sandjan ahd. sentan, senten), theils dem vorhergehenden vocal assimiliert (goth. hausjan, ahd. hôrran); im mhd. besteht inlautendes j noch nach langem vocale, wie in früeje früh, vgl. ahd. fruoja praecoquae (uvae); blüejen, ahd. bluojan, bluojen; mæjen mähen; næjen nähen, ahd. nâjo sarcio; müeje mühe, müejen mühen; dræjen drehen, ahd. drêjo torno u. a., wofür doch auch, und zwar schon seit ahd. zeit, formen ohne j in gebrauch sind, und je später, desto allgemeiner werden; das j in diesen formen hat sich im nhd. in h umgesetzt, vgl. darüber oben sp. 4. aber der alemannische dialekt hält zum theil noch an dem alten laute, so namentlich in früeje, blüeje (blühen), während in neie nähen, dreie drehen, meie mähen vocalisierung des j und damit schaffung eines diphthongen eingetreten ist, soweit nicht auch hier das elsässische formen wie näije nähen, mäije mähen u. a. bewahrt hat (vgl. Weinhold alem. gramm. s. 192). im bairischen sprachgebiete hält die Tiroler und Kärntner mundart jenes j besonders fest: drâjen, mâjen, nâjen, blüejen (bair. gramm. 197). immerhin ist, wenigstens im alemannischen, die aussprache eine dem vocale sehr nahe, daher auch Hebel vocalische schreibung durchführt:
hen sie mi nit verstochen, und in der büttene brüeihet?
1, 148?
wer e rüeihig gwüsse het,
schlof sanft und wohl!
157.
Welche wirkungen ein solches früher vorhandenes inlautendes j, gleich dem i, auf einen ihm vorhergehenden vocal äuszert, lehrt die grammatik. Unechte inlautende j, die für g stehen, zeigen quellen früher jahrhunderte nicht unhäufig, wie 4¹, sp. 1107 ausgeführt wird; der späteren geschlossenen schriftsprache sind sie fremd, wenn auch niederd. und mitteld. mundarten die palatale aussprache des g nicht aufgegeben haben. Auslautendes j ist überhaupt im deutschen niemals geduldet worden; es gieng in den ihm nächst liegenden vocal i über, der bald schwächung zu e erfuhr, auch später ganz abfiel. im nhd. zeigen veraltete formen wie bette, netze, ahd. petti, netzi noch den alten ausläufer dieses j. dasz der alemannische dialekt selbst im auslaut j duldet, in wörtern wie blüej, brüej, früej, rüej, verzeichnet Weinhold a. a. o., wozu fälle des unechten j für g treten, wie wenn im Elsasz und in Niederschwaben wäj, kenij, wenij, lustij, berj, Stroszburj gesprochen wird (ebenda s. 181). doch hört man im ersteren falle, wie beim inlautenden j, mehr vocalischen laut, früej z. b. klingt wie früei, wie auch Hebel schreibt:
und wenn bis früeih der tag verwacht.
1, 137;
vgl. doch ischs mer, sie heigen o müeih und noth.
130.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2185, Z. 1.

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Zitationshilfe
„j“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/j>, abgerufen am 02.04.2020.

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