jähe f
Fundstelle: Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2227, Z. 45
praecipitium. Stieler 876; nebenform zu gähe theil 4¹, 1146, und in folgenden bedeutungen bezeugt:
1)
steilheit, abschüssigkeit, steile stelle, sowol von der höhe nach der tiefe, als umgekehrt:
(ein habicht) der von des felsengebirgs hochschwindelnder jähe gehoben,
rasch hinfährt in die thale.
Ilias 10, 63;
aber ich selbst hielt drauszen allein das dunkele meerschiff,
dort am ende der bucht, und knüpfte die seil an den felsen,
spähete dann, aufklimmend zur schroffigen jähe des abhangs.
Odyssee 10, 97;
so wie ich stand, ausspähend auf schroffiger jähe des abhangs.
148;
herab mich gestürzt von der jähe des felsens!
14, 399;
zur heimat lenken wollt ich seinen schritt
hin über meiner eignen felsen jähe.
Rückert 83.
in einem bilde für eine plötzlich auftauchende gefahr:
stets wache sorgfalt
löset aus spizigen jähn des krieges!
Voss Horaz od. 4, 4, 78;
curae sagaces
expediunt per acuta belli.
2)
jähe, unbesonnenheit, hitze:
ich selbst hett in der jeh wolan
ihm ein tödlichen schaden than.
J. Ayrer 343ᵈ (1723, 1 Keller);
(ich) befürchtete
von dem geprüften manne diese jähe
der raschen jugend nicht.
Göthe 9, 172.
jähe, jäh adj. und adv
Fundstelle: Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2226, Z. 5
praeceps, proclivis, repentinus, nebenform zu gähe (theil 4¹, 1144), wie jach zu gach. eine mittelform jäch, auch in flectierter stellung, begegnet nicht selten im 16. und 17. jahrh.: ein jecher narr kan der zeit nicht erharren. Sir. 20, 7; ein jächer sinn, ingenium calidissimum, effervescens Stieler 876; jäch zu antworten, inconsideratus in respondendo. ebenda; in dem wortspielenden sprichwort: ein jächer gibt keinen guten jäger. Schottel 1125; wird aber seit dem 18. jahrh. von der schriftsprache wieder abgestoszen. dagegen gewinnt die form jähe, jäh, deren unechtes j bereits im 15. jahrh., wie jach erweist, aufgetaucht sein musz, und die seit dem 16. jh. sich stark verbreitet, namentlich in der neuern sprache gegen das berechtigte gähe, gäh die überhand. es steht ganz in des letzteren bedeutungen;
1)
mit ungestüm hereinbrechend, plötzlich herabstürzend:
was ich eur majestät zu melden habe,
ist, dasz durch jähe flut und wolkenbrüche
Buckinghams heer zerstreut ist und versprengt.
Shakesp. Richard III 4, 4;
the news I have to tell your majesty
is, that by sudden floods and fall of waters
Buckinghams army is dispers'd and scatter'd.
2)
steil und plötzlich abfallend, von felsen, abgründen u. ähnl.: jäher ort, locus abruptus, praeceps, praeruptus Stieler 876; jäher stikkeler ort, praecipitium Schottel 1340; eine jähe kluft am fusze des berges that sich vor ihnen auf. Göthe 21, 63; das thier verzögerte seinen schritt, aber der abstieg war zu jäh, die vorüberziehenden konnten nicht anhalten. 6; hier lag ich am jähen abhang. Bettine briefe 2, 149;
tief unter ihm klettern die ziegen
am jähen absturz der kluft.
Chr. E. v. Kleist 1 (1804) 171;
dort an des stromes jähstem rand.
Gotter 1, 353;
und stets an eines abgrunds jähem rande
sturz drohend, schwindelnd risz er mich dahin.
Schiller Wallensteins tod 3, 3.
das neutrum substantivisch:
das sternenkind, die seele, strebt zur höhe,
der geist, der flieger, stürzt sich in das jähe,
zur dunkeln tiefe schnellt er rasche schwingen.
Arndt ged. (1840) 216.
jäh als adverbium:
auf dem höchsten grat
wo die felsen jäh versinken.
Schiller alpenjäger.
jäh heiszt dann aber eben so auch steil aufragend: aber das steile, jähe scheint der jugend zuzusagen; d esz zu unternehmen, zu erstürmen, zu erobern ist jungen gliedern ein genusz. Göthe 15, 311; auf jeden jähen (der erste druck gähen) gipfel der leidenschaft mich zu begleiten. Schiller 201 (kab. u. liebe 4, 2); mir däucht, man müszte bis zum philosophenthurm reiten können; bis dahin ist es nicht zu sehr jäh. Seume spazierg. 2, 30;
was quält ihr euch und uns, auf jähem stege
nur schritt vor schritt den lästgen stein zu wälzen,
der rückwärts lastet?
Göthe 2, 16;
das fahrzeug treibt an jähe klippen hin,
wo selbst der steurer nicht zu retten weisz.
9, 268.
3)
plötzlich, unerwartet schnell und mit ungestüm kommend:
hilf .. dasz kein jäher sturm noch schneller blitz entsteh.
Günther 550;
hier wo der hoffnung blüten
ein jäher frost erstickt.
C. F. Weisze;
woher, o königinn, diesz jähe schrecken?
Gotter 2, 214;
er wich voll jäher bestürzung.
Ilias 5, 626;
erkläre du mir, was so schnell und jähe
das blut mir hemmt.
Platen 100;
gescheh es denn! wir fassen uns ein herz!
verwunden jetzt der erste jähe schmerz.
Freiligrath glaubensbek. 16;
gern mit fall, sturz, sprung, wo es an die bedeutung 2 anlehnt: bei hof gibts jähe sprünge, aula barathrum est. Stieler 876;
was hilft michs aber nun, nun mich so hat gestürzet
durch einen jehen fall das leichte glückesrad?
Fleming 114;
man sieht nicht was man siehet
in dem so jehen fall.
A. Gryphius 1698 1, 279;
kann nicht der ringer
im jähen fall das haupt zerschmettern?
Gotter 2, 211;
denn unerträglich musz dem fröhlichen
ein jäher rückfall in die schmerzen sein.
Göthe 9, 46;
der götter saal schien dir auf gleicher erde,
nun überwältigt dich der jähe fall.
165;
ich wuszte nicht wie mir geschehn! wie hart
ein jäher sturz mich lähmend hingestreckt.
335;
der jähe tod, eine seuche (vgl.gähe 3, b): hierumb sprich ich, das mich der gehe todt erstosz, ob ich lenger hie bei euch bleib. Aimon bog. q; aber auch schneller, plötzlich hereinbrechender tod: fur hunger sollen sie verschmachten, und verzeret werden vom fiber, und jehem tod. 5 Mos. 32, 24; dasz seine kinder eines solchen jähen plötzlichen todes gestorben. Schuppius 158; jäher tod, mors inopina Stieler 876;
das gifttrünklein hab ich bereit ...
daran sauft er den jehen todt.
J. Ayrer 56ᵈ (297, 19 Keller);
auch hat gott jehes todts gefellt
den verrähtr bischoff Hattonem.
124ᵈ (627, 32);
geht in sein zimmer, schaut den leichnam an,
und macht die deutung seines jähen todes.
Shakesp. Heinrich VI, 2, 3, 2;
and comment then upon his sudden death;
jäche liebe, amor subitus Stieler 876; zur bedeutung hastig abgeblaszt: jächer gang, gressus citatus, velocissimus ebenda.
4)
jäh, von seelenstimmungen, unbedacht, unbesonnen: es ist ein fehrlich ding in einem regiment umb einen schwetzer, und ein jecher wesscher wird zu schanden. Sir. 9, 25; jäher raht, jähe einbildung. Schottel 1340; jähe anschläge, subita, praecipitata, calida consilia Stieler 876; adverbial:
mit urtheil fellen nicht jeh eil,
es seind dann gehöret beide theil.
J. Ayrer proc. 1, 6, observ. ⅠⅠⅠ.
jäh sein zu etwas, schnell, aufbrausend rasch: jech sein zu hadder, zündet fewr an, und jech sein zu zanken, vergeuszt blut. Sir. 28, 13; jäch zu antworten, inconsideratus in respondendo Stieler 876;
und ist eins jehen zorns dabei.
J. Ayrer fastn. sp. 38ᵃ (2525, 18 Keller);
jäh heftig, leicht zornig: ein jächer sinn, ingenium calidissimum, effervescens Stieler 876; der general gewaltiger .. solle insonderheit .. (sein) nicht zu jäh noch rachgierig, und der sich in zorn nicht übereilet. Böckler kriegsschule (1668) s. 57;
gehst nicht weg, so erstich ich dich;
dann ich bin gar ein jeher mann.
J. Ayrer fastn. sp. 91ᵈ (2800, 32 Keller);
ob ich schon nicht jäh und heftig bin.
Shakesp. Hamlet 5, 1;
though I am not splenetive and rash.
Zitationshilfe
„jähe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/j%C3%A4he>, abgerufen am 22.10.2019.

Weitere Informationen …