Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jämmerlich, adj. und adv.

jämmerlich, adj. und adv.
1)
elend empfindend oder ausdrückend, leidvoll, von jammer erfüllt (wie jammerig 1 oben): da aber Ahab solche wort höret, zureis er seine kleider, und legt einen sack an seinen leib, und fastet, und schlief im sack, und gieng jemerlich her. 1 kön. 21, 27; der hohepriester aber stellet sich so jemerlich, das in niemand, on groszes mitleiden, ansehen kunde. 2 Macc. 3, 16; du bist elend und jemerlich, arm, blind und blos. offenb. 3, 17; wo er würde sehen, das ewr angesicht jemerlicher (σκυθρωπά sept.) weren, denn der andern knaben ewrs alters. Dan. 1, 10;
swar ich zer werlte kêre, dâ ist niemen frô:
tanzen, singen, daʒ zergât mit sorgen gar:
nie kristenman gesach sô jæmerlîche schar.
Walther 124, 25.
von geberden und lauten: jämerlich klägklich lied, ein jämerlich geschrei, lamentatio, lamentum, quiritatus, ein klägklich und jämerlich seüfzen, lamentabilis gemitus Maaler 233ᵈ; dasz die schöne nymfe auf eine so unhöfliche anrede .. weniger nicht thun konnte als ein jämmerliches geschrei zu erheben. Wieland 11, 379; ich begleite diese worte mit so jämmerlichen geberden und tönen, dasz sie gerührt schien. Göthe 23, 97;
man mac sô jæmerlîcheʒ clagen
an mîner lieben vrouwen
und ame gesinde schouwen.
Iwein 1160;
adverbial: jämmerlich klagen, schreien, seufzen;
ei lieben herrn, ich hör jemerlich klagen.
Schade sat. u. pasqu. 1, 54, 1.
2)
häufiger das gefühl des leides erregend, in hohem grade traurig oder beklagenswert, elend: das ist doch ein jemerlich ding, sollen die guͦten werk verloren sein. Keisersberg baum d. sel. 11ᵇ; das ist ein kleglich und jemerlich ding. Hes. 19, 14; und sollen ein jemerlich ende nehmen. Amos 8, 10; also starb der mörder und gotteslesterer Antiochus in groszen schmerzen .. eines jemerlichen todes. 2 Macc. 9, 28; meine gestalt ist jemerlich fur elende. ps. 88, 10; das ist eine jemerliche schwere blindheit. Luther 3, 27ᵃ; welche (meine liebste) ich .. in einem viel jämmerlichern zustand fande als das erste mal. Simpl. 4, 34 Kurz; der jämmerlichen zerstörung der statt Magdeburg. Schuppius 782; nachdem so viel tausend menschen .. durch jetzigen jämmerlichen krieg und einheimische waffen hingewürgt und aufgeopfert sind. Opitz 2, 296;
eʒ hât diu werlt an ime (dem herren Liutpolt) verlorn
daʒ ir an manne nie
sô jæmerlîcher schade geschach.
minnes. frühl. 168, 5;
o ich hatt eine jämmerliche nacht,
voll banger träume, scheuszlicher gesichte.
Shakesp. Richard III 1, 4;
o! I have passed a miserable night,
so full of fearful dreams, of ugly sights.
als adv.: ich sehe bereit, wie es (das land) so jemerlich verwüstet ist. Jer. 12, 11; Juda ligt jemerlich. 14, 2; die jungfraw die tochter meines volks, ist grewlich zuplagt und jemerlich zuschlagen. 17; alle deine liebhaber sind jamerlich umbbracht. 22, 20; und jamerte in, das der frome erbar man so jemerlich war umbkomen. 2 Macc. 4, 37; das feld ist verwüstet, und der acker stehet jemerlich, das getreide ist verdorben, der wein stehet jemerlich, und das ole kleglich. die ackerleute sehen jemerlich, und die weingartner heulen. Joel 1, 10. 11; o wir blinden Deudschen, wie kindisch handeln wir und lassen uns so jemerlich die Romanisten effen und narren. Luther 1, 454ᵇ; daselbs (im fegefeuer) werden die arme selenknäblin so jämmerlich gefeurt, geflamt, gereuchert und geröstet, als obs dürre häringe, oder westfalische schunken weren. Fischart bienk. 112ᵃ; ob in ganz Teutschland so viel menschen leben, als die Spanier in der neuerfundenen welt der India umbgebracht, und jämmerlich hingerichtet haben. Schuppius 782; wie jämmerlich einen die liebe peinigt. Simpl. 4, 40 Kurz; auch die schöne Provenzalin Lucinde befand sich unter den geretteten, die nur noch jämmerlich an der seekrankheit litt. Heinse Ardingh. 1, 197;
ich hân verloren
sus jâmerlîche mîn leben.
Eneit 78, 19;
da er hat müssen verterben,
des hungers jemerlich sterben.
Schade sat. u. pasqu. 1, 50, 84.
3)
abgeblaszt, in der modernen sprache vorzüglich, zu der bedeutung in hohem grade schlecht oder widerwärtig, armselig (vgl. jammer 7): wer weisz nicht, wie jämmerlich die brief- und kartenmahler ihre sachen illuminiren. Chr. Weise überfl. ged. (1701) 284; das ist schändlich, und beweist einen jämmerlichen ehrgeiz an dem narren der es thut. Shakesp. Haml. 3, 2; auch in hohem grade gierig:
so friszt
der gute mann
vor langer weile
ganz jämmerlich,
und nagt an einer hammelskeule,
bis nur der knochen übrig ist.
Wieland 18, 336.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2255, Z. 77.

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Zitationshilfe
„jämmerlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/j%C3%A4mmerlich>, abgerufen am 19.10.2021.

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