Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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junge, m.

junge, m.
adolescentulus, puer.
1)
es ist die schwache form des adj. jung in substantivem gebrauche (vgl. junge 3, a), ahd. jungo: jungo, ih quidu thir, arstant! (adolescens, tibi dico, surge). Tatian 49, 4; mhd. junge;
ir geilent iuch jungen,
die bluomen sint entsprungen,
ir singent den reigen.
MS. 1, 25ᵇ Hagen;
nhd. junge, obschon in ältern quellen öfters auch die starke form junger unterläuft: das ich folgends als ein junger wol zwei jahr mit ihnen ritt. Götz v. Berl. 47;
hola, junger, geh und frage,
wo der beste trunk mag sein.
Opitz 2, 207;
so schicke denn nach weine.
geh, junger, hol uns her den wehrtesten vom Rheine.
Fleming 37.
der plur. jungens, von Niederdeutschland her verbreiteit, ist auch bei Wieland, Schiller, Göthe, aber nur in vertraulicher rede, zu finden: er kritisirte die armen jungens scharf. Hippel lebensl. 3, 238; dasz der gröszte theil des jungen volkes, das über uns abspricht, hundevolk und dumme jungens sind, weisz ich nur zu wohl. Wieland in Mercks briefs. 2, 135; Werner hat am anfang des achten buchs schon mehrere jungens, die schreiben und rechnen. Schiller an Göthe 1, 170; arme jungens, ich darf euch keine rast gönnen. Göthe 42, 130 (jungen steht 8, 101); 'guter junge!' und habt ihr nicht gehört, dasz alle braven leute in ihrer jugend gute jungens waren. 57, 214;
sich und die jungens ennuyieren.
12, 92;
die kleinen jungens in der pfützen.
13, 53.
2)
junge heiszt im nhd. zunächst ein junger mensch in dienender oder in einem handwerk lernender stellung (vgl. jung 14): jung, dem dienst nach, famulus, servulus, puer, jung der lehre nach, discipulus, tyro Frisch 1, 493ᶜ, mit den compositis gänsejung, küchenjung, hundsjung, stalljung, troszjung; dasz im hauszstand selten eine köchin oder ein jung sei, die nicht ihre sonderbare rationes status haben. Schuppius 8; eines würzkramers jung (lehrling). 203; eines seidenkramers jung. ebenda; vgl. die kramerjungen. ebenda; eines jeden armen handwerksjungen. 218; die kramjungen. 512; der erste meister, der es in einer groszen stadt so hoch brachte, dasz er dreiszig, vierzig und mehr gesellen halten konnte, verfiel ganz natürlicher weise auf den gedanken, jedem jungen oder gesellen sein geschäft anzuweisen. Möser patr. phant. 1, 184; in Holstein heiszt junge (auszer der bedeutung 3) der bursche der dem knecht in der landwirtschaft zur hand geht. Schütze 2, 200; ochsen- und pferdejungen. Holtei Lammfell 50; junge im bergwerk, ein bei der förderung oder aufbereitung beschäftigter jugendlicher arbeiter. Veith bergwörterb. 282 mit manigfachen compositen;
santend bäidenthalben einen jungen,
daʒ er scholt die gloggen leuten.
ring 8ᵃ, 19;
namentlich ein jugendlicher diener im kriege, troszbube: das war das erste banzer und harnisch, das ich anthet, sonst war ich für einen jungen zimlich versucht und gebraucht worden in kriegen und anders, doch in knaben weisz. Götz v. Berl. 46; huren und jungen nicht in zugordnung leiden. Reuter v. Speir kriegsordn. 30; jugendlicher diener bei einem edelmann, page: meinem herrn vater .. aufgewartet, mit ihm geritten und gefahren, und sonst, wie es sich einem jungen gebühret, bezeigt. Schweinichen 1, 47; ich war ein jung bei dem edelmann. darnach zog ich in krieg. Schuppius 118; aber ich ward also des gubernators page und ein solcher kerl, den leute, sonderlich die bauren, wann ich sie bei meinem herrn anmelden solte, bereits herr jung nanten, wiewol man selten einen jungen sihet, der ein herr gewesen, aber wol herren, die zuvor jungen waren. Simpl. 1, 80 Kurz; diener eines studenten: wann mein jung, der mich zuvor Philander genant hatte, hernach nicht sagte, herr m. (magister) Philander, so bekam er ohrfeigen. Schuppius 240.
3)
junge, unerwachsener mensch, knabe, nicht in rücksicht auf ein dienstverhältnis, wenn auch das wort, sofern es namentlich im 17. jahrh. von einem schüler gebraucht wird, noch an die vorige bedeutung rührt: Fabius, der nicht ein schlechter meister ist die knaben zu informiren, befilcht, dasz das studiren der jungen nicht mit härtigkeit zu schrecken. Schuppius 743; ein schuljung musz erstlich das studiren lieben, alsdann dich wegen des studirens, letzlich beede wegen desselben. ebenda; seit dem 18. jahrh. nur in rücksicht auf das lebensalter, auszerhalb der schriftsprache aber allein in Nord- und Mitteldeutschland, während im süden dafür bube gilt: ich seh ihn noch, wie er sich im dorf mit den jungens herum jagte. Schiller parasit 2, 7; besonders da der junge auch einen Wilhelm unter seinen namen hat. an Göthe 1, 191; gab einem jungen, der gerade dazu kam und sagte der vater wolle das schulgeld nicht zahlen, zwei derbe maulschellen. Immermann Münchh. 1, 74; die jungen fanden, dasz noch nie so lustig schule gehalten worden sei. 77; er hätte in den ersten augenblicken den jungen (Friedrichen) bei den haaren rückwärts die treppe herunterreiszen mögen. Göthe 18, 214;
die kleinen jungens in der pfützen,
laszt sie mit ihren schussern sitzen!
13, 55;
auf meine knie! machts euch bequem, ihr jungen!
Freiligrath dicht. 2, 178;
heute wurde uns ein kräftiger junge geboren. in zeitungsanzeigen; es thut freilich nichts, wenn unser junge ein biszchen älter ist als der ihrige. Göthe 14, 258; ein vater spricht von seinem selbst erwachsenen sohne vertraulich als von seinem jungen:
was der junge doch fährt! und wie er bändigt die hengste! (der vater von Hermann).
40, 234;
wie denn auch sonst der ältere mann, der bei einem jüngeren in väterlichem ansehen steht, diesen gleicherweise so nennen kann:
hofft
sie zu besitzen — ist der junge toll? (Wallenstein von Max).
Schiller Wallenst. tod 3, 4.
im Nassauischen ist jung, junge ein bursche vom 15. jahr bis zur verheiratung; auch der älteste sohn in der familie, ohne rücksicht auf das alter. Kehrein 212.
4)
häufig ist das scheltwort dummer junge: was würde man von einem schuster denken, welcher seinem lehrjungen alle handgriffe aus dem grundsatze seines handwerks herleiten wollte: jeder schuh musz dem fusze passen, für den er gemacht ist? der dümste junge würde ihm antworten: das versteht sich. Lessing 3, 386; er sieht aus wie ein mann und ist doch nur ein dummer junge; er benimmt sich wie ein dummer junge; einem einen dummen jungen aufbrummen, ein studentischer ausdruck;
und sie nähte sich ein hochzeitkleid,
und hat mit zärtlichen armen umschlungen
als bräutgam den dümmsten der dummen jungen.
H. Heine 15, 103;
da kam den rain entlang gesungen
so eine art von dummen jungen,
der Friedrich, meines schreibers sohn.
A. v. Droste-Hülshoff ged. (1873) 154;
auch grüner junge: er ist nur ein grüner junge.
5)
bisweilen hat auch junge allein den übeln beisinn des flegelhaften oder doch eckigen im betragen: er führt sich wie ein junge auf; er steht da, sitzt, räkelt sich wie ein junge; wortspielend mit dem adj. jung 1:
schnell wird ein dichter alt, dann hat er ausgesungen.
doch manche critici! die bleiben immer jungen.
Kästner verm. schrift. (1783) 2, 493.
vgl. jungenhaft.
6)
junge mit entsprechenden adjectiven, in wolwollend-vertraulichem sinne von einem halberwachsenen oder selbst einem jungen manne: wenn Fabrice oder sonst ein guter junge einen kuss nehmen dürfte. Göthe 7, 121; Georg! der goldne junge! 8, 163; er war der beste junge unter der sonne und tapfer. 165; einen offnen jungen, mit einer gar glücklichen gesichtsbildung. er kommt erst von academien. 16, 13; soll sie ... erst mit ihrem eigensinne manchen armen jungen .. gequält haben. 97; mein sohn, sagte der stallmeister zu Friedrichen, du bist ein braver junge. 18, 225; er (Laertes) sei zu bedauern, weil er übrigens der bravste junge sei, den gottes erdboden trüge. 19, 30;
vor allen, die um das fräulein sich
bewarben, war der giftige stich
des liebeswurms dem armen jungen
am tiefsten in die leber gedrungen.
Wieland 21, 15;
welten schliefen im herrlichen jungen,
ha! wenn er einst zum manne gereift.
Schiller leichenphantasie z. 49;
und ich sagte: blase wieder,
und der gute junge blies.
Göthe 1, 22;
war ich guter junge nicht so selig
in der öden nacht?
79;
so recht, ihr luftgen zarten jungen (Mephistopheles zu den geistern).
12, 77;
er wär ein narr! ein flinker jung
hat anderwärts noch luft genung.
187;
Unstern, diesem guten jungen,
hat es seltsam sich geschickt.
Uhland ged. 292;
selbst zu einem thier aus dem munde des reiters:
der knapp gieszt seinem thier (maulthier) mitleidig etwas wein
aus Oberons becher auf die zunge:
da, spricht er, trink, du guter treuer junge.
Wieland 22, 164 (Oberon 4, 34).
7)
junge, penis (vergl. dazu der kleine in demselben sinne theil 5, 1102):
ich arbaitet heur in der hitz so grosz,
das ich mich muszt auszziehen nacket plosz;
do sach sie mir do an mein jungen.
fastn. sp. 99, 24.
8)
jungen heiszen an einigen orten die merkzeichen, die man unter die marksteine legt. Frisch 1, 493ᶜ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2375, Z. 61.

jungen, verb.

jungen, verb.,
in zwei bedeutungen.
1)
auf ein ahd. nicht nachgewiesenes jungên geht die bedeutung jung sein zurück, die auch im mhd. jungen sich findet:
so mac ein wunder wol geschehen:
ich junge.
Walther 54, 35;
nhd. jungen, jung werden, juvenescere, widerjungen, repubescere, renovare aevum Maaler 239ᶜ; im Appenzell junga jünger werden, ein jüngeres aussehen bekommen Tobler 287ᵇ;
und wer des brünnleins trinket,
der jungt und wirt nicht alt.
Uhland volksl. 74;
was ich schaff so bin ich alt,
davon so junget sie nit vil.
781;
o das ich jetzt nit jungen mag,
und leben an den jüngsten tag.
Schwarzenberg 141ᵇ;
und wer hj altet oder jungt.
127ᵇ;
ach Hector, wärstu hier!
und mein Achilles du, und ihr, ihr andern glieder,
durch welche mir mein lob wird jungen für und für.
Fleming 119.
2)
jungen, junge werfen, von thieren, ist ahd. und mhd. nicht bezeugt, und begegnet zuerst im osten Mitteldeutschlands zu anfang des 16. jahrh.: excludere, hecken. fetare jungen Trochus H 5ᵇ; so dann die kuh ein kälblin junget. Kirchhof wendunm. 332ᵃ (Kirchhof war ein Hesse); das schaf hat im winter gejunget, hyeme peperit agnum ovis. Stieler 903; katze, die auf dem boden gejungt hatte. Arnim 1, 37;
die katze
hat gestern in die seinige (perücke) gejungt.
H. v. Kleist 2, 109 Schmidt.
dafür heiszt es schweizerisch jüngeln, junge werfen oder bekommen, von hunden, katzen. Stalder 2, 78; im Appenzell jüngla. Tobler 287ᵇ, und älter jungenzen: aber ist recht (gebürnis des kirchherrn) von des jungenzenden wegen, von einem zuchtkalb ein angster, von einem stichkalb ein haller, von einem fülin fier haller, von einem impt fier haller, und das zechend gitzi und das zechend lemly und das zechend ferly. weisth. 4, 381 (Luzern, von 1500); schwäbisch aber findet sich reflexives sich jungen, in derber rede auf das gebären der menschen übertragen: under denen waren zwo (jungfrauen), die giengen grosz mit künden, wiewol sie das nit gestendig sein wolten .. ehe ain monat vergieng, hatten sie sich baide gejungt. Zimm. chr. 2, 224, 13; was soll ich aber von solchen clostern in der ferre sagen, so wir dergleichen hausrath in unserer landtsart finden, darin sich die frawen ainsteils oft jungen? 3, 70, 30; es macht sich ein glater, junger edelman von Thurn zum frölin, der macht im ein jungs. also, nachdem sich die zeit erloffen, das sie sich gejungt ... 549, 36.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2378, Z. 42.

jüngen, verb.

jüngen, verb.,
in verschiedenen bedeutungen.
1)
dem ahd. jungjan, jungan, mhd. jungen entsprechend, jung machen (in der modernen sprache gewöhnlich nur als verjüngen erscheinend): ahd. vone diu minnônt dih die junkfrouuon, daʒ sint die sêla, die der gejunget sint in dero toife. Williram 6, 16; mhd.
mich mac diu liebe jungen.
minnes. 1, 133ᵇ Hagen;
nhd. ein bleikamm schwertzt die haare
doch jüngt er nicht die jahre.
Logau 3, 132, 74.
2)
auch reflexiv: mhd.
rehte als die arn
wil ich mich doch wider jungen
und ûf gegen den lüften varn.
minnes. 1, 327ᵇ Hagen;
nhd. damit in künftgen sommern sich jeder greise mann,
von feinden ungefährdet, im bade jüngen kann.
Uhland ged. 360;
jüngen, ein neüwe haut an sich nemmen, de serpentibus dicitur, die schlang jüngt sich im früling, anguis vernat Maaler 238ᶜ.
3)
für das intransitive jungen, jung sein oder werden:
alles in der welt veraltet, nur die laster jüngen immer.
Logau 3, 234, 88;
sprüh, o göttin, deine thränen
auf den alten gatten dort,
der davon nicht jüngt.
Rückert 15.
sich als junger zeigen, sich jung gebaren:
weil junge denn alte, weit muthiger springen,
weil junge denn alte, weit lustiger singen:
weil junge denn alte, weit rüstiger jüngen:
so pflegt es den jungen bei solcherlei dingen,
bei jungfern und witwen, für alten gelingen,
dasz leichtlich sie nieszen und leichtlich erringen.
Logau 3, 80, 30.
4)
endlich auch wie jungen 2, junge werfen, gebären; übertragen: die vorige lügen hat diese gejünget. Kirchhof wendunmut 247ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2379, Z. 7.

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Zitationshilfe
„jüngen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/j%C3%BCngen>, abgerufen am 16.10.2021.

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