Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

jammer, m.

jammer m
miseria, miseratio.
1)
form und herkunft. ahd. jâmar, âmar; mhd. jâmer, âmer; nhd. noch im 16. jh. jamer, die kürzung des vocals findet sich zwar schon im 15. jh. bei der Hätzlerin:
kund ward in des jammers krey.
1ᵇ, 49;
vor jammer achet mir mein herz,
das du so ferr bist von mir hin.
7ᵃ, 35 (vgl. auch 210ᵇ, 26. 211ᵃ, 51 u. ö.);
wird aber erst im 17. allgemein: bruch, schad, jammer calamitas Henisch 524, 66; jammer miseria Schottel 1340; auch niederl. jammer neben jamer miseria, calamitas, aerumna Kilian; neufries. jammere gegen altfries. jâmer; dän. jammer, schwed. jemmer sind jedenfalls lehnworte aus dem nhd. niederdeutsche wie oberdeutsche dialekte halten die ursprüngliche länge noch heute fest: im Göttingenschen jâmer Schamb. 93ᵇ; bair. jæmer Schm. 1, 1206; wetterauisch und schweizerisch jômer. im ags. und alts. findet sich das wort nur als adj., dort geômor, hier jâmar, niedergedrückt, traurig, leidvoll; diese adjectivische verwendung scheint die ursprüngliche zu sein, von ihr zweigt sich die substantive erst ab, zunächst im neutralen geschlecht, das ahd. noch vorwiegt, mhd. wenigstens häufig ist, und selbst im ältern nhd. noch dauert: das ist das jamer dieser welt. Paracelsus opp. 1, 345 C; da empfanden sie das jamer der welt. 2, 175 A; später im masculinen, das heute einzig gilt. jâmar, jammer ist intensivbildung zur wurzel sanskr. yam zügeln, bändigen, niederhalten, sanskr. yama zügel, hat als ursprüngliches adjectiv die bedeutung sehr gedrückt, die sich in die substantive eines groszen druckes, sehr fühlbaren elends umsetzt; im griech. ist nächster verwandter ζημία, verlust, busze, strafe.
2)
jammer heiszt somit zunächst not, hochgradiges elend, leid:
erkande si mîn ungemach
und al mîn jâmer, daʒ ich dol.
troj. krieg 15629;
man hôrte wâfen und owê
dâ schrîen unde ruofen.
nû si diʒ jâmer schuofen
und der künic Lâmedon
vil strenger nœte was gewon,
dô wart gemêret sîn verlust.
334;
jamer not und armut calamitas, miseria voc. inc. theut. k 7ᵃ; er sahe den jamer Israel an, wie sie der könig zu Syrien drenget. 2 kön. 13, 4; der herr sahe an den elenden jamer Israel. 14, 26; wenn man meinen jamer wöge und mein leiden zusamen in eine wage legte, so würde es schwerer sein, denn sand am meer. Hiob 6, 2; ich bin eingekeret in mein jamer. das ist, vorhin war ich ausgekeret von meim jamer .. ich meint ich were selig, nu bin ich jamerig in der warheit. Luther 1, 23ᵇ; die welt in krieg, blut, und alle jamer zu füren. 420ᵇ; ich habe über den politischen jammer noch nie eine feder angesetzt. Schiller an Göthe 1, 22; in groszen jammer stecken, miseria et aerumna premi. Frisch 1, 484ᶜ; für jammer oder in seinem jammer vergehen, miseria confici. ebenda; wann das geschieht, so weisz ich meines jammers kein ende, perii, si hoc fit. ebenda;
der gröszte jammer hat uns troffen,
auf kein erlösung ist zu hoffen.
H. Sachs 1, 194 Götz;
ach, das mein herr schier wieder kem
und disen jamer auch vernem!
P. Rebhun in Tittmanns schausp. 1, 60, 209;
wenn doch nur mein her vorhanden wer,
oder wüste disen jamer schwer!
64, 304;
hier ist der tempel, diese pforte führt
zu stillem jammer, wie zu stillem glück.
Göthe 9, 365;
der menschheit ganzer jammer faszt mich an.
12, 237;
(wenn ihr) jammer habt gebracht über die welt,
denkt ihrs mit golde zu vergüten.
Schiller Tell 1, 3;
in diesem sinne wird der jammer gesehen: do sü disen jomer gesohent, do erschrokent sü alle. d. städtechr. 8, 345, 27; ich würde den jamer sehen müssen. 1 Mos. 44, 34; weil ir jamer sehet, fürchtet ir euch. Hiob 6, 21;
ir werden Römer frau und man,
sehet den groszen jamer an,
den Apius der falsch böswicht
an meinem kind hat zu gericht.
H. Sachs 1, 115ᶜ;
ungern würd ich sie sehn; mich schmerzt der anblick des jammers.
Göthe 40, 240;
schwarzer jammer, wol für tiefstes elend:
was in magen man vergräbt, macht im beutel schwarzes jammer.
Logau 2, 140, 3;
formelhaft sind verbunden jammer und leid, jammer und noth, jammer und elend: du schauest das elend und jamer. ps. 10, 14; sihe an meinen jamer und elend. 25, 18; angst der hellen hatten mich troffen, ich kam in jamer und not. 116, 3; wenn dir der herr ruge geben wird von deinem jamer und leid. Jes. 14, 3; lieber mensch, gehet dirs ubel, stickst in jamer und not, und feilet dir hie und da. Luther 8, 315ᵃ; darmit sie irn jamer und elend recht lernen bekennen. Fischart bienk. 95ᵃ; jammer und eitelkeit, jammer und mühe: es ist besser das gegenwertig gut gebrauchen, denn nach anderm gedenken, das ist auch eitelkeit und jamer. pred. Sal. 6, 9; ich sahe an alles thun, das unter der sonnen geschicht, und sihe, es war alles eitel und jamer. 1, 14; es ist besser, eine hand vol mit ruge, denn beide feuste vol mit mühe und jamer. 4, 6;
erst huob sich jamer angst und not.
ring 4ᵇ, 13;
darzuo waʒ (war) ims weibe tod,
daʒ pracht ym jamer und auch not.
9ᵇ, 38;
da kam in jammer, angst und not
die königin.
H. Sachs 3, 83 Götz;
ach, das ich hab erlebt die zeit,
das ich an meinem kind sölch leid
und jamer erst erfaren sol.
P. Rebhun in Tittmanns schausp. 1, 72, 179;
dem kriege folgen noth und jammer stetig nach.
A. v. Abschatz verm. ged. 144.
ein plural von jammer findet sich selten:
dô sprach der Lamparte:   wie ist im sô liep sîn kint,
daʒ mir sô grôʒe jâmer   dâ von nu künftic sint?
Ortnit I 20, 2;
was kan wol einer nennen
aus aller jammer heer, das ich nicht werde kennen,
das mich nicht hat verletzt.
A. Gryphius 1698 2, 45.
3)
dann das bewustsein, die empfindung solches leides, herzeleid, wehe, wenn auch diese bedeutung von der vorigen nicht immer scharf geschieden werden kann:
daʒ klag ich noch, vil armes wîp:
ir bêder tôt mich immer müet.
ûf mîner triwe jâmer blüet.
Parz. 28, 8;
es (das wurfgeschosz) schlug den Franz Stromer zu tot .. es was groszer jomer. d. städtechron. 2, 18, 12; unsers nehesten schaden oder unrecht müssen wir wehren, die oberkeit mit dem schwert, die andern mit worten und strafen, und doch alles mit jamer dere, so die strafe verdienet haben. Luther 1, 252ᵇ; meine sele ist vol jamers. ps. 88, 4; ir aber solt für herzenleid schreien und für jamer heulen. Jes. 65, 14; also mustu inne werden, was für jamer und herzeleid bringt den herrn deinen gott verlassen. Jer. 2, 19; ah meines jamers und herzenleids. 10, 19; der herr hat sie vol jamers gemacht umb irer groszen sünde willen. klagel. Jer. 1, 5; die freude der menschen ist zum jamer worden. Joel 1, 12; seinen jammer fressen. Philander (1646) 585; solchen meinen biszherigen elenden jammer bezeugen viel tausend seufzer. Simpl. 3, 63 Kurz;
diesz macht nun, seligster, dasz wir mit nassen klagen
das pfand betrübter pflicht zum leichenopfer tragen
und sein bestürztes haus voll stummes jammers sehn.
Günther 816;
die weiber badeten vor jammer
im schweisze sich.
Gotter 1, 155;
(als sie) des alten ritters tiefen jammer sah,
dem seine letzte hoffnung starb durch sie,
da flossen ihre thränen, nicht das eigne schicksal,
der fremde jammer preszte sie ihr ab.
Schiller M. Stuart 5, 1;
darum wars der höchste jammer,
als einst Medschnun sterbend wollte,
dasz vor Leila seinen namen
man forthin nicht nennen sollte.
Göthe 5, 62;
schien hell in meine kammer
die sonne früh herauf,
sasz ich in allem jammer
in meinem bett schon auf.
12, 190;
Marg. lasz mich nicht vergebens flehen,
hab ich dich doch mein tage nicht gesehen!
Faust. werd ich den jammer überstehen!
239;
mit einem blick, von jammer so erfüllt,
als wär er aus der hölle losgelassen.
Shakesp. Hamlet 2, 1;
and with a look, so piteous in purport,
as if he had been losed out of hell.
es heiszt jammer über einen, etwas empfinden, haben;
euch, den eine schwere stunde
jammer über weh erregt.
A. Gryphius 1698 2, 48;
ungewöhnlich statt dessen mit genitiv:
ein tuch, ein kleid, ein ort bringt jetzt mit groszer pein
den jammer deines sohns oft ins gedächtnis ein.
Günther 823 (= herzeleid über deinen sohn).
4)
auch ausdruck dieser empfindung, wehklage, eine bedeutung die sich gleichfalls von der vorigen nicht immer scharf trennen läszt: der jamer, klag, trübsal, calamitas, quaerela Maaler 234ᵇ; jammer, quiritatus lamentabilis, lamentatio, vox querula quae dolorem testatur, beklagen und anzeigen des schmerzens. Frisch 1, 484ᶜ; es ist ein kriegsgeschrei im lande und groszer jamer. Jer. 50, 22; der tag des jamers ist nahe, da kein singen auf den bergen sein wird. Hes. 7, 7; welche töne des unmuths, des jammers, der verzweiflung, von welchen auch der dichter in der nachahmung das theater durchhallen liesz. Lessing 6, 377; oft unterbricht sie der jammer in ihrem geschäft. Schiller M. Stuart 5, 1;
das volk bebt und sie nicht, es wird mit jammer hier
und mit verwunderung zugleich allda umbfangen.
Opitz 1, 248;
personificiert:
durch die straszen der städte,
vom jammer gefolget,
schreitet das unglück.
Schiller br. v. Mess. v. 2269.
5)
daher auch jammer als ausruf des leides, der klage:
ach weh mir jamer über jamer!
H. Sachs 1, 118ᵈ;
doch wer, o jammer!
die schlotterichte königin gesehn.
Shakesp. Haml. 2, 2;
but who, o! who had seen the mobled queen;
jammer, da purzelt der korb mit den kirschen hinunter!
Voss 2, 243.
6)
jammer schreien, rufen; geschrei, ruf des jammers:
so muesz mein herz von laider schreien jamer.
Püterich bei Haupt 6, 43;
secht, do huob sich jamers chlagen.
ring 4ᶜ, 15;
kund ward in (ihnen) des jammers krey (geschrei).
Hätzlerin 1ᵇ, 49;
was für ein ruf
des jammers weckt die schläfer dieses hauses?
Schiller Wallensteins tod 5, 10;
vgl.jammerklagen, ↗jammergeschrei, ↗jammerruf.
7)
verblaszt ist der sinn des wortes in der neuern sprache, wo es oft blosz als kräftiger ausdruck für etwas widerwärtiges oder zu bedauerndes steht: es ist jammer darüm, digna est res misericordia Stieler 2481;
da ists denn wahrlich oft ein jammer!
man läuft euch bei dem ersten blick davon.
Göthe 12, 38;
in der formel jammer und schade: es ist jammer und schade. pers. baumg. 1, 33; jammer und schad, miserandum damnum Frisch 1, 484ᶜ; jammer und schade ists, dasz diese armee die erste und letzte blieb .. J. Paul Siebenk. 4, 63. vgl.jammerschade, ↗jammervoll, ↗jämmerlich u. a.
8)
jammer, mitleid, erbarmen:
gleichwie ein vatter seinem kind,
ausz jammer thut vergeben.
B. Ringwaldt geistl. lied. A 7ᵃ.
vgl. unten jammerig 3, und jammern.
9)
jammer, die empfindung eines kläglichen körperlichen zustandes, im compositum katzenjammer (theil 5, 296), für das aber auch gekürzt bloszes jammer gebraucht wird: am morgen hatte er einen furchtbaren jammer.
10)
mundartlich ist jammer auch die sehnsucht nach den eltern oder kindern, bei thieren nach den jungen oder nach der mutter; das heimweh; vgl. mhd.:
der jâmer nâch dem wîbe.
Iwein 3213;
göttingisch: den jâmer hem Schambach 93ᵇ; ferner jâmer oder ungelücke, die fallende sucht, epilepsie. ebenda. ähnlich schweiz. jammer das hinfallen des viehs in zuckungen. Stalder 2, 73.
11)
jammer ist der name eines bieres in Preuszen, nach Logaus zeugnis, der darüber das wortspiel macht:
Preuszen kan mit jammer tränken, und mit elend (elenthier) einen speisen.
o wir dürfen nicht in Preuszen, künnens einem hier erweisen.
3, 195, 20.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2250, Z. 59.

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Zitationshilfe
„jammer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jammer>, abgerufen am 20.01.2020.

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