Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jauche, f.

jauche, f.
stinkende trübe flüssigkeit, flüssiger dünger. das wort gehört zu denen, die ihren ursprünglichen begriff verschlechtert haben; es bedeutet im 15. jahrh., wo es sich zuerst landschaftlich, mitteldeutsch und niederdeutsch, nachweisen läszt, sowie im 16., nur brühe, suppe: jus juche Dief. 312ᶜ (mittel- und niederrheinisch); brodium söd, juchthe, juche, juge 82ᵃ (niedersächs.); juche, jus, jusculum Kilian als sächsisch und clevisch; jüche, brüh, jus, schwartze jüche, jus nigrum, höner-jüche, jusculum gallinaceum Chytraeus nomencl. bei Frisch 1, 325ᵇ. der umstand, dasz das wort im mittelrheinischen wie im niederdeutschen denselben lautstand ch aufweist, läszt es als fremdes erkennen, woher ist offenbar, wenn man erwägt, dasz es über die slavischen dialekte gleichmäszig verbreitet ist, kslav. russ. poln. jucha, böhm. jicha, sloven. juha, fleischbrühe, wend. jucha suppe und jauche, juschka süppchen, litt. jukà, poln. juszka blutsuppe, litt. juszė schlechte suppe von sauerteig, mit dem weiteren hintergrunde des sanskr. jûsha, lat. jûs brühe; die sächsischen colonisten haben jedenfalls das wort aus dem slavischen aufgenommen und verbreitet, wofür auch spricht, dasz in jenem aus Marienburg und dem anfange des 15. jahrh. herrührenden deutsch-preuszischen vocabular, das Nesselmann aus der Elbinger handschrift 1868 veröffentlicht hat, unter den speisen (vleysch, sitevleysch, spek) das preusz. juse (suppe) durch das offenbar gleiche juche gegeben wird (s. 14ᵇ, 377); ähnlich ist ja auch kretschmar der schenkwirt (theil 5, sp. 2174) aus dem slavischen ins deutsche gedrungen. die angenommene entlehnung erklärt auch die verschlechterung des begriffs, die nach und nach eingetreten; es mochte dem worte, entsprechend der geringen beschaffenheit slavischer küche, von vorn herein etwas verächtliches ankleben. seit dem anfang des 17. jh. läszt sich die heutige bedeutung von jauche belegen, zugleich in der schreibung gauche, die jetzt wieder verschwunden ist, und nicht ohne allen nachklang der früheren bedeutung: leimgauche, aqua lutosa. Colerus hausb. bei Frisch 1, 325ᵇ; die gauche, Silesiis jauche, humor spurcus Steinbach 1, 563, seine vorlage Hederich 1013 hat nur gauche; gauche, brühe im verächtlichen verstand, jauche, humor, jus Frisch 1, 325ᵇ; arme leute pflegen auch wohl diese gauche oder mistpfütze auf ihren acker statt anderen dünger ... zu führen. öcon. lex. (1731) 1627. Jetzt heiszt uns jauche auch der dünnflüssige eiter von wunden; ferner ein sehr schlechtes bier, dies bier ist nur jauche; strigauisch bier ist trüb wie eine leimjauche. Frisch a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2268, Z. 70.

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Zitationshilfe
„jauche“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jauche>, abgerufen am 17.10.2021.

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