Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jeder, pron.

jeder, pron.
omnis, quisque.
I.
Die form.
1)
jeder geht zurück auf das ahd., bei Notker nicht unhäufige êo-hwedar, io-wedar, mhd. ieweder, alts. ia-hwethar, ie-hwethar, ags. â-hväđer, zusammengezogen âvđer, âđor, âđer, fries. â-hwedder, auder, ouder, aider, eider, immer in der bedeutung alteruter, uterque. die zusammenziehung der mhd. form zu ieder (nom. zunächst iederer, iedere, iederes) ist erst seit dem 14. jahrh. eingetreten, indem zugleich die ursprünglich duale bedeutung des wortes sich verwischte und es dem sinne nach mit jeglich gleich ward; indem aber auch weiter die flexionssilbe sich zerrüttete und das gekürzte ieder, iede, iedes eben so erwuchs, wie unser, euer aus unserer, euerer, fem. unse aus unsere (Lexer mhd. handwb. 2, 1936), ein ander für ein anderer (oben theil 1, 306) u. a.: alsô hât ieder mensch sein aigen stimm. Megenberg 16, 31; iedeu fruht (des nespelbaumes) hât vier staindel in ir. 333, 19; die iedem menschen guotes .. erzaigent. 271, 14;
keiner sach nie hindersich;
he! ieder bgert vornen dran.
Sempacher lied in Wackern. leseb. 1 (1873) 1289, 31.
2)
indes halten sich die reste älterer flexion bis ins 17. jh. hinein.
a)
der nom. sg. masc. iederer: daraus ein jederer verstendiger klar zu merken hat. J. Jonas bei Luther 6, 417ᵇ;
warlich ein yederer weinreben,
der in mir nicht beleiben thut,
der kan nicht bringen früchte gut.
H. Sachs 1, 60ᵇ;
ein iedrer wird erweichet.
Opitz 1, 248;
was niemand wissen soll, soll niemand auch begehen,
ein jedrer soll jhm selbst statt tausent zeugen stehen.
Logau 3, 220, 8.
b)
nom. sg. fem. iedere, jedere: eine jedere zeit hat ihre laster, mängel und fehler. Schuppius 784; dafür die kürzung ieder: auch erkennet der scheffen einer jeden obgenannten gemeinde einen freyen anhauwe in bestimmtem Hohem waldte, in welchem anhauwe ein jeder gemeinde ihr wendens und kehrens den grundgerichten nach weisz. weisth. 4, 713 (v. 1546).
c)
auf den nom. acc. neutr. iederes, jederes geht die neutrale form ieder, jeder zurück:
keyns mit dem andern hatt gedult
oder mittlyden syner schwär,
ieder wolt das es gröszer wär.
Brant narrensch. 99, 74;
twar jeder handwerk wol einn boddem heft von golde.
Lauremberg 1, 143 (Lappenberg ändert in jedes).
d)
acc. sg. masc. iederen, jederen: denn wir wöllen aus Christus kirche nicht ein sewstall machen, und einen jedern unverhört zum sacrament, wie die sew zum troge, laufen lassen. Luther 6, 109ᵃ; wo .. der fürst sich einen jedern melken, und auf dem maul trumpeln leszt. 138ᵃ; damit sie ein jedern bergkmann seines fleiszes .. erinnern wöllen. Mathes. Sar. 24ᵃ; (habe) uber einen jedern actum ein argument verfertiget. H. J. v. Braunschweig 557;
das er ein jedern lassen musz.
H. Sachs 3, 3, 21;
ermordten jdern mit gewalt,
der jhn nicht wolt gehorchen bald.
froschmäus. Tᵃ (2, 1, 1);
ein wolbestalltes reich pflegt jedern so zu schätzen.
Opitz Hugo Grotius s. 360;
fast jedern hört man jetzt von seinem stande klagen.
Kongehl Innocentia 43;
wann jeder näscher so solt jedern bissen büszen.
Abschatz verm. ged. 145.
e)
dat. sg. masc. und neutr. iederem, jederem: wirdt doch .. mit frieden jederm wider zu den seinen zu kommen vergönnet. Kirchhof mil. discipl. 204;
wie dieser tugend preisz die sein recht jederm giebt,
mit wahrer gottesfurcht zugleiche ward geliebt.
Opitz Hugo Grotius 356;
mein lied im höhern chor
klingt nicht wol jederm ohr.
Opel u. Cohn 402, 226;
schwache form in der verbindung einem iederen, jederen: einem jedern nach seinem vermögen. Matth. 25, 15; lassen wir eim jedern sein urteil. Melanchthon corp. doct. christ. (1560) 233; das helfe mir der ewige und warhaftige son gottes, vor des angesicht ich eim jedern .. gut antwort und bescheid wil geben. Mathes. hist. von Luthers leb. (1570) 2ᵇ;
das helf und geb das höchste gut
einm jedern, ders begehren thut.
Ringwald tr. Eck. M 3ᵇ;
lieb haben (steht) eim jedern frei. lustige gesellsch. (1657) 49; auch ohne einem:
ein weiser wird zwar nicht aus hochmuth sich erheben,
doch wird er jedern auch sich nicht zum füszen geben.
pers. rosenth. 8, 25.
f)
der schwache genitiv jederen geht auf volleres eines jederern zurück, dessen erstes glied ausgefallen ist:
das jedern menschen sich der mensch auch soll erbarmen.
Opitz Hugo Grot. 372.
die gegebenen reste alter flexion sind fast ausschlieszlich mittel- und niederdeutschen schriftstellern entlehnt, bei oberdeutschen scheinen sie bereits seit dem 16. jahrh. zu fehlen.
3)
die jotierung des anlautes geht bei jeder eben so vor sich, wie bei je sp. 2274 fg. sie breitet sich jedenfalls erst im 17. jh. aus, und ist in ihrem fortschreiten, wegen des theilweisen durcheinandergehens der zeichen für i und j in den drucken, schwer zu controlieren; Schottel, der beide zeichen genau scheidet, schreibt schon stets jeder; aber die ältere, rein vocalische aussprache der ersten silbe ist noch lange, bis ins 18. jahrh. verbreitet und durch schreibung und reim gesichert:
wollauf jhr ordensbrüder,
ein liedlein sing ein jeder:
so gehts glas auf und nider,
so kommets an mich wider.
Fischart Garg. 86ᵃ;
der geist fuhr sichtbar nieder,
und satzte sich auf jhn: das zeugnüsz hört ein jeder.
Fleming 5;
ümm dieses musz ein jeder,
ja auch die heiligen, vor dir sich bücken nieder.
17;
ohne pein ist sie verschieden,
das geschicht nicht einem ieden.
323;
zeuch hin; machs wol; komm wieder.
das wünscht mit mir ein ieder.
450;
so würde it jo unterscheden ein ider
und konde daran nicht twifeln wider.
Lauremberg 1, 251 (s. 24 Lappenb.)
di färtigkeit der glider
verzährtele ja nicht, damit von dihr ein ihder
kan sagen, dasz du seist der perlenmutter ehr.
Zesen adr. Rosemund 344;
nun lehrt und lernt ein ieder,
und dichtet neue schwärm, und baut, und bricht es wieder.
A. Gryphius 1698 1, 274;
rein seid ihr, doch nicht jeder.
er (Christus) trucknet alle (füsze der apostel) wieder.
2, 199;
wie der geschmack sonst unterschieden,
so geht es auch im lieben her.
nicht iedes schicket sich vor ieden.
Picander 2 (1734) 316;
geht! geht! doch dasz ihr auch vonsammen unterschieden,
und auch zugleich beliebter seid:
so schenk ich hiermit einer ieden
ein ihrer art gemäszes kleid.
Stoppe neue fabeln (1740) 1, 284;
entsteht dadurch an einer jeden (blume)
die zierliche figur von einer pyramiden.
Brockes 3, 595.
niederrheinisch galt für ieder auch eder: ein eder scheffen soll sin fraw mitbrengen. weisth. 1, 625 (von 1538). — In Rabeners satiren bd. 3 (1757) ist jeder (z. b. s. 101. 102. 214 u. ö.), in bd. 4 (in demselben jahre erschienen) aber ieder gedruckt (z. b. s. 98. 104. 106 u. ö.); zu dieser zeit schwankt also in Obersachsen die aussprache noch, wenn gleich Gottsched kern der deutschen sprachkunst (1753) s. 183 nur jeder anführt. bei Schütze 2 (1801) s. 187 wird als holsteinische form ider, iderên (jedermann), aber als hamburgische jedweddên (jedereiner) verzeichnet.
II.
Bedeutung.
1)
jeder hat, als verallgemeinernde zusammensetzung mit dem dualen fragpronomen weder, ursprünglich nur den dualen sinn einer unter zweien:
dô hete sich ouch ein recke   von den vînden dar
erhaben uf die warte:   der was ze flîʒe gar.
den sach der hêrre Sîfrit,   und in der küene man:
ieweder dô des andern   mit nîde hüeten began.
Nib. 181;
der auch später noch nachklingt: ist er .. zwischen die beide älteste töchter gesetzt worden, welche sich auch ihm zu gefallen, weil ihn jede zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt hatten. Simpl. 4, 309 Kurz; denn fürt man sie beid auf den richter stul, gibt yedem ein stab in die hend. H. Sachs 1, 116ᵃ;
iedem gab er einen smucz
und schied si von einander beid.
ring 7ᵈ, 41;
als Gentilis und Mesue,
der yeder starb am selben we,
des er meint helfen yederman.
Brant narrensch. 21, 22;
siege jeder (der beiden feindlichen brüder),
den dolch einbohrend in des andern brust.
Schiller braut von Mess. v. 453;
so wenn von den zwei seiten eines wesens oder dinges die rede ist: das thor .. hatte auch auf jeder seiten drei gemach. Hes. 40, 21; also stunden auf jeder seiten vor dem thor, vier tissche, das sind acht tissche zu hauf. 41; und mas die erker an den wenden, die waren zu jeder seiten sechs ellen weit. 41, 1; aber die wende zu beiden seiten an der thür, war jede fünf ellen breit. 2; der reisig zeug war geteilet in zween haufen, auf jede seiten einen. 1 Macc. 9, 11;
Cupido treit syn bogen blosz,
uff yeder sytt ein kocher grosz.
Brant narrensch. 13, 26;
ungewöhnlich von den beiden menschlichen armen:
die schöne, von begier entzündet,
den alten zauberer und seinen bart zu sehn,
dankt ihren rettern sehr, springt auf des prinzen rücken,
schlingt jeden arm um ihn, und fliegt aus ihren blicken.
Wieland 17, 110 (Idris 2, 72).
2)
die verallgemeinerung des begriffs ist oben I, 1 schon aus dem 14. jahrh. belegt, jeder heiszt nur noch einer unter vielen; es vereinzelt gleichmäszig den begriff der vielheit, während all ihn zusammenfaszt:
die täyding allen misseviel,
ieder schluog sich an den giel,
der schimpz begond seu reuwen.
ring 3ᵈ, 5;
wir irren allesamt, nur jeder irret anderst.
Haller (1768) s. 59;
jeder ist dieszmal dem andern
mehr zur last als zum trost, und alle müssen wir endlich
uns im fremden lande zerstreun.
Göthe 40, 312;
weswegen eine plurale verwendung von jeder eigentlich ausgeschlossen ist. doch kommt sie vor, weil ein nachlässiger sprachgebrauch all und jeder dem begriffe nach vermengt (vergl. unten no. 8 und theil 1, 209).
3)
jeder steht substantivisch: jeder mag das seine frei brauchen und besitzen. jeder kann seine haut gerben lassen wo er will. jeder ist seines gutes mächtig. deutsche rechtssprichw. 93; der bereit ist, jedem, sobald es verlangt wird, rechnung davon abzulegen. Schiller an Göthe 1, 4; vielleicht ginge es doch an, mehrere lieferungen davon zu machen, deren jede doch unabhängig von der andern bestehn könnte. 26; so ist jedem dieser drei stücke sein werth schon gewisz. ebenda; die gesellschaft ist zahlreich und gut, und jeder lebt auf seine weise. Göthe an Schiller 1, 76;
die knecht derzäigten ire zucht,
yeder zuo seim freunde sprang.
ring 39ᵈ, 23;
dar umb wir mügen vechten ..
wider yedem, der uns tuot
ze kurcz an leibe oder guot.
41ᵈ, 12;
wenn sie auf stan oder gen nider,
gedenkt ider: het ich mein gelt wider!
fastn. sp. 383, 36;
kanst du geben den wurzen glanz,
mit farben ieder ir gestalt,
sie wurden dir vast wol bezalt.
479, 28;
wer uff sich selbst vil ämpter nymbt
der mag nit tuͦn das yedem zymbt.
Brant narrensch. 18, 14;
jedem gefelt sein weis so wol,
desz ist das land der narren vol.
H. Sachs 1, 469ᶜ;
solt wir jedem ein pachen (mastschwein) geben,
wir woltn ir gnug in der stat finnen (die das verdienten).
476ᶜ;
jeder meiner freunde sasz
froh bei seinem herzchen.
Göthe 1, 15;
und die fackel, wie sie glomm,
liesz man eilig wandern,
jeder drückte sie geschwind
in die hand des andern.
ebenda;
nicht soll jeder sich quälen, wie wir und andere thaten.
40, 252;
der gen. jedes ist seltener, gewöhnlich wird dafür die fügung eines jeden (unten no. 5) gesetzt:
wa würd die gerechtigkait da schweben,
wann ides frevel und arglist
gedult würd, und nicht bald vertüst.
Fischart dicht. 2, 71, 2657 Kurz;
den schmerz konnt man in jedes angesicht
mit groszen lettern deutlich lesen.
Merck briefs. 1, L;
auch in Schillers:
still wars, und jedes ohr hieng an Aeneens munde.
zerstörung von Troja 1,
wird jedes besser als solcher genitiv gefaszt, denn als nom. neutr. in adjectiver stellung zu ohr.
4)
jeder adjectiv: aus ydem haws ein snyter und aus ydem haws ain pfennig und aus ider smytt essen ain β. d. (schilling pfennige, als gefäll). d. städtechr. 1, 28, 3; unden an den erkern an jedem thor war eine kamer. Hes. 40, 38; jeder bürger ist seines gutes genosz. deutsche rechtssprichwörter 93; M. wollen sie mir die einzige frage beantworten? Tellh. jede, mein fräulein. Lessing 1, 541; die ehe ward eine der glücklichsten in der stadt. die familie hing, jedes glied mit jedem, durch die zärtlichste liebe zusammen. Engel 12, 399; jeder schriftsteller von verdienst. Schiller an Göthe 1, 3; jeden monat ist man übereingekommen, ein stück von 9 bogen zu liefern. ebenda; ein verleger, der diesem unternehmen in jeder rücksicht gewachsen ist. ebenda; den vortheil jedes augenblickes .. zu genieszen. Göthe 18, 52; ich wollte doch auf jeden fall einen vorschlag thun. an Schiller 1, 47, vergl. oben jedenfalls;
ich wen, Wilhalmes sper ..
gab nit so gros qual,
als ieder stich zemal
ein eigen smertz besonder.
Altswert 217, 22;
yeder täil macht sich allain
zu eim winkel.
ring 7ᶜ, 26;
fur ide stund ein guldin man im (dem boten) geit.
fastn. sp. 278, 24;
der ist ein narr und ungeert
der alle sach zuͦm bösten kert
und yedem ding ein spett anhenkt.
Brant narrensch. 21, 5;
erinnert ihr euch jedes umstands noch?
Haml. 5, 2;
zu jeder zeit, immer, auch = bei jeder gelegenheit, jedesmal: rieten was zu jeder zeit Israel thun solt. 1 chron. 2, 32, vgl. unten jederzeit; zu jeder fahrt, immer:
(die freude) die dort im himmel klare,
an uns zu jeder fahrt,
wol bei der engel schaare,
soll werden offenbahrt.
Ringwald tr. Eck. N 3ᵇ;
ähnlich jeder frist:
der güldnen freiheit lieb und teutsches loob zu mehren
das war mein steter zweck, drauf zielt ich ieder frist.
Fleming 114.
5)
sehr häufig ist die verbindung des unbestimmten artikels mit jeder, worüber bereits unter ein theil 3, 137 gesprochen; es darf aber im gegensatze zu dem dort vorgetragenen darauf aufmerksam gemacht werden, dasz ein jeder wol nicht der nachahmung fremden sprachgebrauchs seine entstehung verdankt, sondern sich nach analogie des mhd. ein iegelîcher (vgl. unten jeglich) zu der zeit entwickelte, als jeder den sinn von jeglich annahm. ein jeder steht, wie bloszes jeder,
a)
substantiv: ein pfund newer haller, das ein rath von einem yeden on gnad nemen will. Nürnb. pol.-ordn. 54 (15. jh.); ein yder der do pawen wil. d. städtechron. 1, 29, 16; das .. du von einem jedern schande hören und dich für allen leuten schemen müssest. Sir. 42, 11; der könig lies altar aufrichten, das ein jeder für seinem haus reuchert und opfert. 1 Macc. 1, 58; da lies er das kriegsvolk von sich, ein jeden wider in seine stad. 11, 38; gab einem jeden fünfzehen hundert man zu. 2 Macc. 8, 22; einem gab er fünf centner, dem andern zween, dem dritten einen, einem jedern nach seinem vermögen. Matth. 25, 15; wie ein jder waisz, der dabei gwesn ist. Schwabe tintenf. 56; wan ich von einer jden ein schmatzerl praesentirn thet. 54;
ein ider der sich zwingen kan.
fastn. sp. 147, 29;
wer städts sich fullet wie ein kuͦ
und will eym yeden drinken zuͦ.
Brant narrensch. 16, 54
eym yeden gloubt soviel die welt
als er hat jnn sinr täschen gelt.
17, 7;
eyn yeden dunkt syn leben guͦt.
29, 25;
ein ieder wil sich mit betlen neren.
Schade sat. u. pasqu. 1, 34, 273;
het vorhofft, es must mir ein ider weichen.
70, 60;
eîn yeder schaut nur auf sein strasz.
H. Sachs 1, 59ᵈ;
nicht einen jeden betrifft es
anzufangen von vorn sein ganzes leben und wesen.
Göthe 40, 252;
ein jeder giebt den werth sich selbst.
Schiller Wallensteins tod 4, 8;
ein jeder wird besteuert nach vermögen.
Wilh. Tell 3, 1;
im wechsel mit bloszem jeder:
ein jeder ringt mit furcht und wellen,
und jedem sinket hand und muth.
Hagedorn 2, 40.
eigenthümlich steht: also treiben sie gewalt, mit eins jedem hause und mit eins jedem erbe. Micha 2, 2, statt des erwarteten eines jeden, wo das pronomen statt zu eines, zur praeposition mit und dem von dieser abhängigen hause gezogen ist; ähnlich:
es ist was himmlisches in unsrem iedren bluthe.
Fleming 107,
für: in dem blute eines jeden von uns.
b)
adjectiv: eins yden tags oder nachts. Nürnb. pol.-ordn. 104; der soll von einem yden derselben stuck und zu einer yden überfaren fardt besonder drei guldin gemainer statt zu peen verfallen sein und geben. 105; ein jeder cherub hatte zween köpfe. Hes. 41, 19; und trug ein jeder elephant einen hülzern thurn. 1 Macc. 6, 37;
was der selb (der verständige) anfaht und duͦt,
das dunkt ein yeden wysen guͦt.
Brant narrensch. 9, 12;
ein yedes laster das geschicht.
21, 25;
so spricht ein yeder guͦtter gsell.
35, 8;
von den narren will ich ouch sagen,
die inn eynr yeden sach went tagen (processieren).
71, 2;
hiemit werdt ir den glauben meren,
wo ir verschafft, ein iede herd
mit eim guͦten hirten versehen werd.
Schade sat. u. pasqu. 1, 11, 159;
auch ist uns noch ein sprichwort sagen,
ein jeder vogel sing all frist,
wie jm sein schnabel gwachsen ist.
H. Sachs 1, 472ᵈ;
ein jeder frommer thut, was man in Hamburg thut.
Hagedorn 2, 32.
6)
kein jeder, ungewöhnlich für nicht ein jeder (vgl. th. 5, 477):
das theure gut, der todt,
ist keines ieden kauf.
Fleming 111.
7)
das neutrum jedes wird auf mehrere wesen verschiedenen geschlechtes bezogen (vgl. gramm. 4, 279 fg.): es solle jedes von dieser löblichen gesellschaft drei wort sagen, die sich von sch anfangen. Harsdörfer gesprechspiel 2 (1657) 172; je mehr sie (Daphnis und Phyllis) sich sahen, je entzykter wurden sie, sich zu sehen, und jedes glaubte, das glyklichste unter den menschen zu sein. S. Geszner 2, 35; wenn man jedes (mann und frau) allein sieht. Lichtenberg verm. schrift. (1844) 168; wir .. sprechen den wunsch aus: herr Grimm, fräulein von Jakob und herr Gerhard möchten jedes in seiner art nicht nachlassen, diese so wichtige als angenehme sache (kentnis serbischer litteratur) zu fördern. Göthe 46, 335; ein jedes erwartete noch rückständige gaben. Holtei Lammfell 153;
und helt yeds (der zankenden eheleute) das ander beim schopf.
fastn. sp. nachlese 12, 5;
ein yedes leb recht inn sym husz,
das ärgernisz nit kumm dar usz.
Brant narrensch. 49, 33;
ein yedes duͦt nach syner art.
111, 45;
ain yedes styrbt zuͦ rechter zeyt.
Schwarzenberg 151ᵃ;
da ligt jedes ein weilen ob (bald siege ich, bald meine frau).
H. Sachs 1, 476ᵃ;
thut ein jedes was es will.
476ᵇ;
weinet nicht uber mich,
ihr töchter Zion, bweine sich
ein jedes und sein kinde.
Lobwasser ps. Davids (1595) 133ᵇ;
es gehet diesem wol, der so sein haus kan fassen,
dasz jedes drinnen weisz, was thulich, was zu lassen.
Logau 1, 54, 18;
ob bei hof ein jedes schmeichelt, schmeicheln doch die pferde nicht,
die den herren selbst abheben, wann er reitens nicht bericht.
3, 258, 114.
8)
misbräuchlich ist ein öfter vorkommender plural von jeder, da es seinem sinne nach nur vereinzeln kann. ein sorgfältiger sprachgebrauch müste in den folgenden fällen entweder den singular setzen, oder, wollte er eine zusammenfassung andeuten, den plur. von alle verwenden (vgl. oben 2 a. e.): nichts ist so beredt, so da allen alles und zu jeden zeiten beliebet machen und überreden könte. Schuppius 403; und wünschte, dasz in jeden dörfern und städtlein ein prediger gehalten wurde. 723; dasz die welt jede siegszeichen verachtet, die ein kleiner geist erschleichend sich aufrichtet. Göthe 8, 290; ich erklärte, dasz ich .. niemals eigensinnig auf meiner meinung beharren, vielmehr jede gründe gerne anhören wolle. 19, 298;
wo wir uns der sonne freuen,
sind wir jede sorgen los.
23, 15;
und mit der hand ein künftig glücke
für ihn und dich und uns zugleich;
dann werden jede augenblicke
an neuen lebensfreuden reich.
56, 47.
die zusammenflieszung beider begriffe zeigt sich in der formelhaften verbindung alles und jedes, alle und jede: alle festungen .. welche alle und jedere für sich etwas besonders erfordern. Kirchhof mil. disc., vorrede; diesen schwur muszten zu Athen alle und jede richter, ohne ausnahme, thun. Lessing 6, 319; wenn er der gruppe in allen und jeden stücken treulich nachgegangen wäre. 415; welche .. alle und jede gebote .. blindlings befolgen. Göthe 24, 213; so mannichfaltig auch das bestreben aller und jeder künste in Deutschland sein mag. 49, 164; das weib .. scheint sowohl jede arzneimittel, als alle gifte .. sehr wohl zu kennen. 44, 105.
9)
in etwas anderm sinne steht der plur. von jeder, wenn er durch verbindung mit einem andern worte nicht zusammenfaszt, sondern noch ausdrücklich theilt, in den formeln jede andere, jede derselben, wo aber der theil bereits als vielheit gedacht ist: die folgen des bösen müssen von den mehrern folgen des guten, und die folgen des guten von den mehreren folgen des bösen nicht blos abgezogen werden: sondern jede derselben müssen sich, in ihrer ganzen positiven natur, für sich selbst äuszern. Lessing 9, 173; jede andre hätten seinen anblick, seinen angriff nicht ertragen, nur Drullos leute achteten das nicht. Klinger theater 2, 248; unaufmerksam in jeden andern lehrstunden. Göthe 37, 105; unter jeden andern umständen. 22, 56; auch ohne solchen zusatz: sind mit solcher manier zu felde gezogen, das jede geschlechter sich in einem haufen .. zusammen hielten. Micrälius alt. Pommern 1, 18.
10)
jeder tritt distributiv zu zahlen, in welchem falle ebenso der plural verwendet wird: auf jedes tausend seelen kommen dreiszig todte; der must den purgern hie geben von idem hundert g. (gulden) 30 g. d. städtechron. 1, 26, 16; jedes dritte wort ist eine lüge; in diesem staate ist jeder zehnte mann ein beamter; dasz er jede zehn schritte seine gesinnung wechselt. H. Heine 2, 383. distributiv ist auch das folgende: es sind mehr wägen da gefahren, dann gefahren sind zu jeden jaren. Garg. 60ᵃ; ebenso wenn jeder, zu einer zeitbestimmung tretend, eine aufeinander folgende reihe von zeittheilen bezeichnet: jeder augenblick vergröszert die gefahr; sie wird mit jedem tage hübscher; man wird mit jedem jahre älter;
die welt wird schöner mit jedem tag.
Uhland ged. 35.
11)
in der verbindung von jeder mit einem superlativ liegt öfter eine steigerung des adjectivbegriffes verborgen: jeder kleinste umstand ist hier bemerkenswert, verstanden jeder kleine umstand, selbst der kleinste; jeder leiseste zweifel musz ausgeschlossen werden;
vom himmel fordert er die schönsten sterne,
und von der erde jede höchste lust.
Göthe 12, 24.
diese steigerung liegt auch im bloszen pronomen, wenn es sich auf eine vielheit von dingen bezieht, die dem grade nach unterschieden sind: jeder umstand ist hier bemerkenswert (auch der kleinste); ich bin zu jeder genugthuung erbötig (auch zur grösten);
der fürst kann meine treu
auf jede probe setzen, sagt ihm das.
Schiller Piccol. 4, 4.
12)
jeder, irgend einer, ein beliebiger, der begriff einer gleichmäszigen vereinzelung einer vielheit ist untergegangen: yeder, ye der nächst, wen man wil, quivis, quilibet, quisque, unusquisque Maaler 509ᶜ; er (der richter) käme schön in die tinte, wenn er auf jedes reden hin einschreiten wollte. J. Gotthelf schuldenb. 25;
wie yeder vor dem wald in billt,
des glych im allzyt widerhillt.
Brant narrensch. 69, 5;
für Itifalln sei niemand bange!
der wuszte, was die gute lebensart
in jedem fall erheischt.
Wieland 17, 232 (Idris 4, 41).
bei nahen zeitbestimmungen auf einen beliebigen, möglichst baldigen zeittheil hinweisend: er kann jeden augenblick kommen; wir erwarten ihn jede stunde; er versicherte sie, er habe so und so viel tausend lack rupien vom Birmanenkaiser an rückständigem solde zu beziehen, die jeden posttag eintreffen könnten. Immermann Münchh. 1, 60.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2285, Z. 50.

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„jeder“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jeder>, abgerufen am 22.10.2021.

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