Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jedweder

jedweder,
quisque, mhd. ie-deweder, verstärktes deweder, der eine oder der andere von zweien, später ietweder.
1)
das wort verläuft der form nach ganz wie jeder; auch hier die flexionszerrüttung, indem für ursprüngliches ietwederer, jedwederer, jedwedere, jedwederes nur jedweder, jedwede, jedwedes um sich greift, wiewol die ältern formen bis ins 17. jh. dagegen ankämpfen: es müste jedwederer so etwas daher schneiden (aufschneiden). Simpl. 4, 250 Kurz; die übrige alle (alle übrigen mägde) wuste eine jedwedre, was sie thun solte. 2, 90; können und müssen ein jedwederen, auch denjenigen, welcher bei dem göttlichen feuer ganz erkaltet, anzünden. Schuppius 724; es ist eine anzeigung eines unverschämten sicheren gemüthes, einen jedwedern, wie unvernünftige thiere thun, ohne unterscheid anlaufen. Opitz poet. 24; mit einem jedwedern disputirn. Simpl. 3, 32 Kurz; einem jedwedern soldaten. 90; weil er von jedwederm pfenge rechnung thun solte. polit. hofmädgen 170; was von der besten und raresten kielwerk und gewächsen in jedwederm bettlein angebauet ist. Hohberg 1, 583ᵃ; folgends warden die sämptliche fahnen fürgestellet, und hat der käyser und beide herzogen .. an jedwedere stange gegriffen. Micrälius alt. Pommern 3, 526; er verschafft zu jedwederer handelschaft genugsame kaufleute. Simpl. 3, 93 Kurz; in jedwederer gewohnheit oder exempel. Schuppius 728; die zeit und ort einer jedwedern geschicht. Micrälius alt. Pomm. 1, 111; die eigenschaft eines jedwedern dinges. Opitz poet. 37. Für jedweder gilt bis zum 18. jahrh. die aussprache iedweder, auch wol trotz anderer schreibung, vgl. unter je sp. 2274 und jeder sp. 2286; seltener durch die schreibung gesichert: musz ich idwedern versichern. A. Gryphius vor dem druckfehlerverzeichnis der ausgabe von 1663; iedwedes gebrechen, quodlibet vitium. Steinbach 2, 953.
2)
die bedeutung ist ursprünglich nur eine duale:
nein, ir tjost wart sô getân,
durh die schilde und durh bêde man.
ietwederm von des andern hant
wart harnasch und verch zetrant.
Wolfram Willeh. 24, 21;
beidiu sper enzwei geriten,
ietweders kraft alsô versniten
daʒ es der tôt sîn bürge wart.
24;
auch noch in späteren beispielen: under den selben sant Thomansz lüt soll der meyer dasz bahnwarththuen zwein lihen zue winachten, undt soll der jedwedere dem meyer geben fünf schillinge basiler. weisth. 4, 154 (Elsasz); jedweder site der straasze dri fuesz. 155; dasz er mich und den alten beim kopf nehmen und jedweders (neutr. in bezug auf eine frau und einen mann) besonders gefangen setzen liesze. Simpl. 3, 127 Kurz;
Adrast gelobt es mir und diesem Tydeus,
der jetzt mein bruder ist, jedweden eidam (von zweien)
zurückzuführen in sein heimisch reich.
Schiller Euripides' Phöniz. v. 426.
3)
schon mhd. aber ist auch plurale bedeutung bezeugt:
jetweder vater, sun und geist
sunder erschein.
minnes. 2, 363ᵃ Hagen;
und diese wird später die allgemeine, so dasz jedweder ganz wie jeder den einzelnen in der kette einer vielheit oder gesamtheit bezeichnet. die breitere form von jedweder gibt ihm gegen jenes einen gewissen nachdrücklichen sinn. es steht (vgl. jeder II, 3. 4. 5)
a)
substantiv: dasz jedweden das, was seine, und von ihme den ursprung hat, das schöneste und beste zu sein dünket. Schuppius 403;
jedwedem bleibet schon sein mangel aufgelegt,
nur dasz man übel sieht was unser rücken trägt.
A. v. Abschatz verm. ged. 168;
geh froh und lasz dein herz das glück mit dank empfinden,
jedwedem werth zu sein, der nur entfernt dich kennt.
Gellert 6, 229;
und eine lust ists, wie er alles weckt
und stärkt und neu belebt um sich herum ...
jedwedem zieht er seine kraft hervor,
die eigenthümliche, und zieht sie grosz.
Schiller Piccol. 1, 4;
o dann hab ich gewonnen, o dann trotz ich
jedwedem, was die bosheit sagen mag.
Tieck 1, 44.
b)
adjectiv: jedwedes thier, quodlibet animal Frisch 2, 427ᶜ; auf jedweder seite. Rabener werke 2, 223;
gehorsam ist jedwedes glied
dem orden schuldig zu erweisen.
Abschatz verm. ged. 139;
jedweder bester tag geht uns zuerst dahin.
170;
jedweder officier
von ehre kann das, musz das.
4, 1;
jedweder stand verwahret seine gränzen;
die alte Zürich selbst schlosz ihre thore.
W. Tell 5, 1;
denn wenn
du pfeifst, so springt der hund jedwedes mal
aus seinem ofenloch, und denkt es gelte ihm.
H. v. Kleist 1, 67;
ich will der schlachtordnung gestalt entwerfen,
jedwedem führer seinen stand begränzen,
und recht vertheilen unsre kleine macht.
Shakesp. Richard III 5, 3.
c)
in verbindung mit dem unbestimmten artikel: eines jedwedern natur. Hohberg 3, 2, 12ᵃ; dasz ein jedweder so viel glück hat, als er verdienet. J. E. Schlegel 3, 334; ein jedweder wird den brief nach seinen umständen einzurichten wissen. Rabener werke 3, 71.
4)
jedweder bezeichnet nicht nur den gleichen theil einer vielheit, sondern deutet auch auf den dem grade oder der stärke nach verschiedenen, wie jeder II, 11 sp. 2291:
denkt ihr, er habe ..
jedwedem stillen erdenglück entsagt.
Schiller Piccol. 3, 8;
du konntest spielend deine pflichten üben,
jedwedem schönen trieb genüge thun.
Wallensteins tod 2, 2;
so müssen sie,
uneingedenk jedweder vorigen
beleidigung, sich einzig dessen nur,
weszwegen sie beisammen sind, erinnern.
Eurip. Phöniz. v. 470.
5)
jedweder bei zeitbestimmungen, irgend ein, mit dem seitenbegriffe des ungewis baldigen, vgl. jeder II, 12 sp. 2291:
o lassen sie uns fliehen, liebe mutter!
schnell! schnell! hier ist kein aufenthalt für uns.
jedwede nächste stunde brütet irgend
ein neues, ungeheures schreckbild aus!
Schiller Wallenst. tod 3, 3.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2295, Z. 22.

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Zitationshilfe
„jedweder“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jedweder>, abgerufen am 20.10.2021.

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