Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jeglich

jeglich,
quisque, quilibet. ahd. êogalîh, iogilîh, iegelîch, mhd. iegelîch, hier von dem dualen ieweder der bedeutung nach noch scharf geschieden, da ie-gelîch, aus dem verallgemeinernden ie (vgl. sp. 2280) und dem adj. gelîch gleich zusammengesetzt, die vereinzelung in der vielheit bezeichnet. seitdem aber ieweder in der kürzung ieder, jeder sich eben diesem begriffe zuwendet, unterscheiden sich in bezug auf denselben beide wörter nicht mehr; nur begegnet jeglich noch im 16. jahrh., z. b. in Luthers bibelübersetzung, viel häufiger als jeder. in der modernen sprache hat es jedoch zu gunsten des letzteren bedeutend an boden verloren, so dasz es fast nur noch der gehobenen rede zusteht, während jeder sowol dieser wie auch der gewöhnlichen dient. die form des anlautes verläuft wie bei je und jeder, neben dem alten iegelich, ieglich begegnet schon frühe und noch lange auch iglich, bei Luther jglich: gegen einem jglichen. 5, 166; iglich quilibet Steinbach 1, 810; quilibet iclicher, icklicher, ein ichelichers Dief. 479ᵇ; eine form yetglicher bei Keisersberg berührt sich mit ietlich, jedlich (sp. 2294): ein yetglicher mensch sol umbsichtigklichen behuͦtsamglichen urteilen. sünd. des munds 7ᶜ. die heutige form jeglich wird bei Stieler 884 ausdrücklich aufgeführt, Schottel 1340 schreibt jechlich unusquisque. jeglicher steht, wie jeder,
1)
im gegensatze zu dem zusammenfassenden all: ein jglichs hat seine zeit, und alles fürnemen unter dem himel hat seine stund. pred. Sal. 3, 1;
fromm sind wir liebende, still verehren wir alle dämonen,
wünschen uns jeglichen gott, jegliche göttin geneigt.
Göthe 1, 263;
in der formel all und jeglicher, alles und jegliches: das haben wir davon, dasz wir alles auf die spitze stellen, von allem und jeglichem das höchste, überschwänglichste begehren! Immermann Münchh. 1, 34;
aber nachdem ich zum schiffe hinab und dem meere gewandelt,
schalt ich sie ringsum all' und jeglichen.
Odyss. 12, 392;
αὐτὰρ ἐπεί ῥ' ἐπὶ νῆα κατήλυθον ἠδὲ θάλασσαν,
νείκεον ἄλλοθεν ἄλλον ἐπισταδόν.
2)
in substantiver stellung: er ist keltendo iegelichemo nâh sînen uuerchen. Notker bei Hattemer 2, 39ᵃ;
swaʒ ieglîcher gerne sach.
Barl. 54, 10;
ich will euch allsambt hie verkeren.
iegeleichem will ich ain platten scheren.
fastn. sp. 433, 6;
jetzt, da jeglicher liest.
Göthe 1, 335;
man gibt ihm (dem soldaten) nichts, und, jeglichem gezwungen
zu nehmen, ist er jeglichem ein greuel.
Schiller Piccol. 2, 7.
gern auch in der neutralen form jegliches (vgl.jedes sp. 2289): er heiszt ieglichs (von den hausgenossen) thuͦn syn ampt. Keisersberg bilg. 7ᵈ; und duͦt ieglichs sin ampt. 9ᵃ; kauft, alte, was sich für jegliches schickt. Holtei Lammfell 155.
3)
adjectiv: mit jm zehen öberste fürsten, unter den heusern irer veter, aus jglichem stam Israel einen. Jos. 22, 14; ein faden von zwelf ellen war das masz umb jgliche seulen her. 1 kön. 7, 15; die andern diener haben jeglicher nur 10 ducaten besoldung. pers. rosenth. 4, 13;
es reget der wein dann jegliche kraft auf
seines heftigen wollens.
Göthe 40, 275;
jeglich gewissen ist wie tausend schwerter,
zu fechten mit dem blutgen bösewicht.
Shakesp. Richard III 5, 3.
im plural, wo alle besser stünde (vgl. jeder sp. 2290):
denn es löset die liebe, das fühl ich, jegliche bande,
wenn sie die ihrigen knüpft.
Göthe 40, 274.
4)
am häufigsten mit dem unbestimmten artikel verbunden: ahd. daʒ leid ih durch einen iegelîchen dînero doctorum. Williram 34, 10; mhd.
wan ich eim iegelîchen man
sîner êren wol gan.
Iwein 2491;
ein ieglîch kristen, juden unde heiden.
Walther 21, 27.
nhd. ein jglicher sol fur seine sünde sterben. 5 Mos. 24, 16; einem jglichen dünkt sein weg recht sein. spr. Sal. 21, 2; so faret hin, und diene ein jglicher seinem götzen. Hes. 20, 39; unter den jüngern beschlos ein jglicher, nach dem er vermochte, zu senden eine handreichung den brüdern. ap. gesch. 11, 29; es stelle sich aber ein jglicher unter uns also, das er seinem nehesten gefalle. Röm. 15, 2; es wär .. ein jglicher des liedlins müde worden. Luther br. 1, 207; wie ein jeglicher sein ampt .. thun solle. Schuppius 6;
denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste bedürfnis
schnell zu befriedgen und rasch.
Göthe 40, 306;
also loszt die sünd ab (erläszt) ein ieglicher priester. Keisersberg bilg. 5ᵈ; ein ieglich christglöubig mensch. 6ᵃ; gloub, das er bereit ist zuͦ verzeihen einem yeglichen sünder. 11ᵈ; eine jgliche schwelle einer ruten breit. Hes. 40, 6; der mensch lebet nicht vom brot alleine, sondern von einem jglichen wort, das durch den mund gottes gehet. Matth. 4, 4; dasz ich euch in dieser kurzen zeit einen commentarium über ein jeglich capitul mache. Schuppius 11. dafür ungewöhnlich jeglich ein: jecklich eyne (kartaune) schoys eynen stein van anderhalf hondert punden. Harff 61, 38 (kurz nachher eyn yecklich); der ieklich ein .. ier eigen porzen ind toerne binnen Rodijs inne haven. 73, 19.
5)
jeglicher, wie jeder II, 11 und jedweder 4, eine steigerung in sich schlieszend:
ich bin ein mann, sire, den die harten stösze
der welt so aufgebracht, dasz ich bereit bin,
der welt zum trotze jegliches zu wagen.
Schiller Macbeth 3, 4;
sie sind auf jegliche bedingung mein.
Wallenst. tod 1, 5.
6)
jeglicher, irgend ein, ein beliebiger, wie jeder II, 12 sp. 2291: summa, wer in ein jeglich hausz kömt und wil wissen, wie die hauszhaltung geführet werđe, der sehe wie man sich zum essen und zur kirchen schicke. Schuppius 110;
nimm die reifsten orangen, die weiszen feigen; das meer bringt
keine früchte, sie bringt jegliches land nicht hervor (irgend ein land nicht = kein land).
Göthe 1, 299.
7)
jeglicher in dualem gebrauche, wie jeder sp. 2287: sie waren aber beide zugleich gegen jr entbrand, und schemets sich einer dem andern zu offenbaren, und jglicher hette gern mit jr gebulet. hist. v. d. Susanna v. 11; und wenn sie (beide richter) von einander gegangen waren, keret darnach jglicher widerumb. 14;
hausfrau, du redest vast nach meinem willen (spricht der ehemann),
die sach kunnen wir nicht pasz gestillen,
dann iklichs hab am andern ain genüg.
fastn. sp. 166, 24;
zwen sein der pauren kamrer, ..
die gen auch paid in ainer wat.
ieklicher ain kränzl hat.
445, 10;
und von der andern seite
trat, ein kind an jeglicher hand, der richter zugleich ein.
Göthe 40, 311.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2296, Z. 55.

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Zitationshilfe
„jeglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jeglich>, abgerufen am 16.10.2021.

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