Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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jähe, jäh, adj. und adv.

jähe, jäh, adj. und adv.
praeceps, proclivis, repentinus, nebenform zu gähe (theil 4¹, 1144), wie jach zu gach. eine mittelform jäch, auch in flectierter stellung, begegnet nicht selten im 16. und 17. jahrh.: ein jecher narr kan der zeit nicht erharren. Sir. 20, 7; ein jächer sinn, ingenium calidissimum, effervescens Stieler 876; jäch zu antworten, inconsideratus in respondendo. ebenda; in dem wortspielenden sprichwort: ein jächer gibt keinen guten jäger. Schottel 1125; wird aber seit dem 18. jahrh. von der schriftsprache wieder abgestoszen. dagegen gewinnt die form jähe, jäh, deren unechtes j bereits im 15. jahrh., wie jach erweist, aufgetaucht sein musz, und die seit dem 16. jh. sich stark verbreitet, namentlich in der neuern sprache gegen das berechtigte gähe, gäh die überhand. es steht ganz in des letzteren bedeutungen;
1)
mit ungestüm hereinbrechend, plötzlich herabstürzend:
was ich eur majestät zu melden habe,
ist, dasz durch jähe flut und wolkenbrüche
Buckinghams heer zerstreut ist und versprengt.
Shakesp. Richard III 4, 4;
the news I have to tell your majesty
is, that by sudden floods and fall of waters
Buckinghams army is dispers'd and scatter'd.
2)
steil und plötzlich abfallend, von felsen, abgründen u. ähnl.: jäher ort, locus abruptus, praeceps, praeruptus Stieler 876; jäher stikkeler ort, praecipitium Schottel 1340; eine jähe kluft am fusze des berges that sich vor ihnen auf. Göthe 21, 63; das thier verzögerte seinen schritt, aber der abstieg war zu jäh, die vorüberziehenden konnten nicht anhalten. 6; hier lag ich am jähen abhang. Bettine briefe 2, 149;
tief unter ihm klettern die ziegen
am jähen absturz der kluft.
Chr. E. v. Kleist 1 (1804) 171;
dort an des stromes jähstem rand.
Gotter 1, 353;
und stets an eines abgrunds jähem rande
sturz drohend, schwindelnd risz er mich dahin.
Schiller Wallensteins tod 3, 3.
das neutrum substantivisch:
das sternenkind, die seele, strebt zur höhe,
der geist, der flieger, stürzt sich in das jähe,
zur dunkeln tiefe schnellt er rasche schwingen.
Arndt ged. (1840) 216.
jäh als adverbium:
auf dem höchsten grat
wo die felsen jäh versinken.
Schiller alpenjäger.
jäh heiszt dann aber eben so auch steil aufragend: aber das steile, jähe scheint der jugend zuzusagen; d esz zu unternehmen, zu erstürmen, zu erobern ist jungen gliedern ein genusz. Göthe 15, 311; auf jeden jähen (der erste druck gähen) gipfel der leidenschaft mich zu begleiten. Schiller 201 (kab. u. liebe 4, 2); mir däucht, man müszte bis zum philosophenthurm reiten können; bis dahin ist es nicht zu sehr jäh. Seume spazierg. 2, 30;
was quält ihr euch und uns, auf jähem stege
nur schritt vor schritt den lästgen stein zu wälzen,
der rückwärts lastet?
Göthe 2, 16;
das fahrzeug treibt an jähe klippen hin,
wo selbst der steurer nicht zu retten weisz.
9, 268.
3)
plötzlich, unerwartet schnell und mit ungestüm kommend:
hilf .. dasz kein jäher sturm noch schneller blitz entsteh.
Günther 550;
hier wo der hoffnung blüten
ein jäher frost erstickt.
C. F. Weisze;
woher, o königinn, diesz jähe schrecken?
Gotter 2, 214;
er wich voll jäher bestürzung.
Ilias 5, 626;
erkläre du mir, was so schnell und jähe
das blut mir hemmt.
Platen 100;
gescheh es denn! wir fassen uns ein herz!
verwunden jetzt der erste jähe schmerz.
Freiligrath glaubensbek. 16;
gern mit fall, sturz, sprung, wo es an die bedeutung 2 anlehnt: bei hof gibts jähe sprünge, aula barathrum est. Stieler 876;
was hilft michs aber nun, nun mich so hat gestürzet
durch einen jehen fall das leichte glückesrad?
Fleming 114;
man sieht nicht was man siehet
in dem so jehen fall.
A. Gryphius 1698 1, 279;
kann nicht der ringer
im jähen fall das haupt zerschmettern?
Gotter 2, 211;
denn unerträglich musz dem fröhlichen
ein jäher rückfall in die schmerzen sein.
Göthe 9, 46;
der götter saal schien dir auf gleicher erde,
nun überwältigt dich der jähe fall.
165;
ich wuszte nicht wie mir geschehn! wie hart
ein jäher sturz mich lähmend hingestreckt.
335;
der jähe tod, eine seuche (vgl. gähe 3, b): hierumb sprich ich, das mich der gehe todt erstosz, ob ich lenger hie bei euch bleib. Aimon bog. q; aber auch schneller, plötzlich hereinbrechender tod: fur hunger sollen sie verschmachten, und verzeret werden vom fiber, und jehem tod. 5 Mos. 32, 24; dasz seine kinder eines solchen jähen plötzlichen todes gestorben. Schuppius 158; jäher tod, mors inopina Stieler 876;
das gifttrünklein hab ich bereit ...
daran sauft er den jehen todt.
J. Ayrer 56ᵈ (297, 19 Keller);
auch hat gott jehes todts gefellt
den verrähtr bischoff Hattonem.
124ᵈ (627, 32);
geht in sein zimmer, schaut den leichnam an,
und macht die deutung seines jähen todes.
Shakesp. Heinrich VI, 2, 3, 2;
and comment then upon his sudden death;
jäche liebe, amor subitus Stieler 876; zur bedeutung hastig abgeblaszt: jächer gang, gressus citatus, velocissimus ebenda.
4)
jäh, von seelenstimmungen, unbedacht, unbesonnen: es ist ein fehrlich ding in einem regiment umb einen schwetzer, und ein jecher wesscher wird zu schanden. Sir. 9, 25; jäher raht, jähe einbildung. Schottel 1340; jähe anschläge, subita, praecipitata, calida consilia Stieler 876; adverbial:
mit urtheil fellen nicht jeh eil,
es seind dann gehöret beide theil.
J. Ayrer proc. 1, 6, observ. ⅠⅠⅠ.
jäh sein zu etwas, schnell, aufbrausend rasch: jech sein zu hadder, zündet fewr an, und jech sein zu zanken, vergeuszt blut. Sir. 28, 13; jäch zu antworten, inconsideratus in respondendo Stieler 876;
und ist eins jehen zorns dabei.
J. Ayrer fastn. sp. 38ᵃ (2525, 18 Keller);
jäh heftig, leicht zornig: ein jächer sinn, ingenium calidissimum, effervescens Stieler 876; der general gewaltiger .. solle insonderheit .. (sein) nicht zu jäh noch rachgierig, und der sich in zorn nicht übereilet. Böckler kriegsschule (1668) s. 57;
gehst nicht weg, so erstich ich dich;
dann ich bin gar ein jeher mann.
J. Ayrer fastn. sp. 91ᵈ (2800, 32 Keller);
ob ich schon nicht jäh und heftig bin.
Shakesp. Hamlet 5, 1;
though I am not splenetive and rash.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2226, Z. 5.

jehen, verb.

jehen, verb.
sprechen, sagen, aussagen; ahd. jëhan, mhd. jehen; alts. gehan, fries. ia. dieses einst über das hochdeutsche und den grösten theil des niederdeutschen sprachgebietes verbreitete wort (es fehlt im gothischen, ags. und altnord.), das noch im mhd. so häufig und in manigfacher construction auftritt, beginnt seit dem 14. jahrh. abzusterben und geht gegen anfang des 17. jahrh. in der schriftsprache ganz unter; in einzelnen resten hat sichs noch heute bei den Walsern in Vorarlberg erhalten: er jéd oder er jied und mit inclinierendem pronomen jéder oder jieder (er sagt, sagt er). Fromm. 3, 298. 4, 329. eine behauptung Carlstadts von 1523, dasz jehen ein eigenthümlich schwäbisches wort sei: ob das wort gelassen oder gelassenhait, ursprüncklich hie in Sachsen, oder andern landen erschollen sei, ist mir nit wissend. das waisz ich aber, das die Merckischen baurn brauchen, und halt es dafür, das bey jnen gemainlicher und breüchlicher sei, dann bey andern, vileicht möcht es jnen in sonderhait zuͦsteen, als den Mechelburgischen das wort vehlich und unvehlich, den Düringen das wörtlin schlewnig, den Bayern verheyrn, den Franken dise wort miszlich und gelingen, den Schwaben jehen und necken. was gesagt ist, sich gelassen u. s. w. (o. o. u. j., widmung von 1523) A 2, ist ungenau, insofern sich das verbum auch bei mitteldeutschen schriftstellern gebraucht findet. jehen steht
1)
mit acc., etwas jehen: es ist nit gar dicht, was der böffel gicht. S. Frank sprichw. 1, 16ᵇ;
der leste täil, daʒ muos ich jehen,
gie da hin, die recken sehen.
ring 9ᵇ, 15;
sie ist dir eben (passend), das wil ich jehen ( : sehen).
fastn. sp. 111, 27;
und wenn ich sol die warhait jehen.
H. Sachs 3, 1, 35ᶜ;
alles lob man im jichte (sagt man dem kaufmann).
dichtungen 1, 12, 64 Gödeke;
wenn ich ein andern tu ansehen,
wenn ich schon nichts zu im tu jehen,
so heiszt er einen schleppsack mich.
3, 97;
in diesem fal die warheit jehen.
Schmelzl blindg. sohn 8ᵇ;
wenn ich sol die warheit jehen.
P. Rebhun in Tittmanns schausp. 1, 33, 79;
das ir nicht tut unwarheit jehen.
67, 44;
die ursach (wann wir dwahrheit jehen)
könn wir an jm keins wegs ersehen.
B. Waldis päpstl. reich Eᵇ;
last hören, was sie werden jehn!
J. Ayrer 6ᵃ (43, 7 Keller);
wir hand dich nit zum krieg gereizt,
das darf ich frölich yähen.
Körner hist. volksl. 47 (schweizerisch);
lob sol man inen yehen.
45;
und wenn ich solt die warheit jehen,
so hab ich schöneren lust nie gsehen.
Grob ausreden d. schützen, bei Haupt 3, 244;
den jamer so drauf gschehen,
und auch kurzlich zu vor,
musz ich mit warheit jähen.
Weller lieder des 30 jähr. kriegs 138
es hiesz auch beicht jehen, nachdem in beicht (theil 1, 1359) der zusammenhang mit jehen verdunkelt war:
ich gie des hie mein beicht.
Püterich bei Haupt 6, 53, 121.
einem etwas jehen, einräumen, zugestehen: spreche der meyer deheinen huber an umb meh zinses, denne jhn (für jhm) der huber iehe. weisth. 4, 156 (Elsasz, nach einer abschrift des 18. jh.).
2)
mit abhängigem satze:
warumb ist aber das geschehen,
must du mir basz herauszer jehen.
Murner schelmenzunft 43ᵇ;
dieweil die alten bei in (unter sich) jahen,
ich thu die bösen dempf auf fahen.
H. Sachs 1, 483ᶜ;
nun mag ich bei meiner seel jehen,
kain schöner kindtlein sah ich nie.
3, 2, 224ᵈ;
ich mags wol mit der warheit jehen,
wir sind beid gar ubel versehen
von der natur.
B. Waldis Esop 2, 49, 9;
ich darf by miner trüw jehen,
das ich deszglychen nie han gesehen.
Val. Boltz weltspiegel A 2.
3)
mit directer anführung der rede:
Bertschi jach: hab dir nit laide!
ring 5ᵇ, 42;
dann Aristoteles der gycht:
die gstalt der ding wandeln sich nicht.
Brant narrensch. 102, 63;
do ward die fraw bald jehen:
herr, das ist alles war.
Uhland volksl. 793;
als (die glieder) den verterb und schaden sahen,
eintrechtig zu dem bauche jahen:
isz, trink, und lasz dirs schmecken wol.
B. Waldis Esop 1, 40, 28;
da solchs die andern meuse sahen,
mit schrecken zu einander jahen:
fürwar, fürwar! dem angesicht
ist umbesehens zu glauben nicht!
2, 92, 20;
da solchs die andern schäfer sahen,
es wundert sie und zu jm jahen:
was hat das arme schaf gethan?
3, 2, 10.
4)
von einem oder etwas jehen, erzählen, aussagen:
von seim vatter mag ich wol jehen,
der war fein mietsam und demütig,
den armen barmherzig und gütig.
H. Sachs 3, 1, 103ᵈ;
ich musz vor (lies von) groszem wunder jehen,
kein schöner mansbild ich nie gesach.
3, 2, 217ᵃ.
5)
zu etwas jehen, für etwas erklären, als nachklang mhd. fügung:
daʒ mir ze sælden ist geschehen,
des muoʒ ich ze unsælden jehen.
Hartmann 2. büchl. 106;
soll ichs nit zu eim wunder jehen?
der mensch steckt aller voller narren.
H. Sachs 1, 467ᵃ.
6)
jehen, für schelten, zanken:
o wer ich blieben beim vatter mein!
bey jm ich furcht das zornig jehen,
wolt mir nach bessern tagen sehen
und hab mir drumb ein weib gnommen.
so bin ich gar ins fegfeur kommen.
J. Ayrer fastn. sp. 109ᵈ (2887, 26 Keller).
7)
jehen, lauten, klingen, in der weise intransitiv geworden, wie keden th. 5, 381: wer kan sagen wie der offenbar sünder: 'gott bis mir gnedig', der ist sälig. tausent und aber tausent lallens wol nach, es gicht aber nit vor gott, dann es gehet ausz keiner solchen pfeüfen. S. Frank parad. (1539) 86ᵇ; also ist es alles ain orgel und stimpt zuͦ einander, wo ains nit da ist, da gicht es schon nimmer. 155ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2298, Z. 27.

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„jehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jehen>, abgerufen am 28.10.2021.

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