Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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jemand

jemand,
aliquis, quisquam, quidam.
1)
das compositum existiert im gothischen noch nicht: wenn die partikel aiv, in negativen sätzen, an das subst. manna mensch gerückt erscheint, wie Marc. 11, 14: ni þanaseiþs us þus aiv manna akran matjai (μηκέτι εἰς τὸν αἰῶνα ἐκ σοῦ μηδεὶς καρπὸν φάγοι), so verliert sie ihre zeitliche bedeutung (sp. 2274) nicht; erst ahd. hat sich das compositum êo-man, io-man, ia-man entwickelt, in welchem der erste theil den substantivbegriff ins allgemeine oder unbestimmte zieht, ioman, êoman quis, aliquis Graff 2, 747; ebenso alts. êoman, fries. ammon, emman, immen, emma, ammant; mhd. ieman, iemen; mnl. ieman. dem ags. und altnord. fehlt das wort.
2)
die ahd. und mhd. form des zweiten worttheiles findet sich bis ins 16. jahrh.: were es daʒ yeman ymme nach volgete frevenlich. weisth. 4, 156 (Elsasz, ausgang des 14. jahrh.); ob in jemann fünde. 153 (ebendaher, bald darauf jemandt); jemann noch in Rihels Livius (1598) s. 10; aber schon früh ist auch ein t, d in den auslaut getreten, in nieder- wie in oberdeutschen quellen: daʒ daʒ honig an dem êrsten anplick iemant hin zuo lad. Megenberg 289, 12; gekürzt iemd: daʒ die selben swammen iemd getœtt haben. 481, 25; alem. iemand und iemt, wie niemant, niemand, niempt seit dem 14. jh., vgl. Weinhold alem. gramm. s. 448; keiner, vulg. iemant, ullus, nullus, nemo. voc. inc. theut. k 8ᵃ;
die laufent hin, die laufent her,
ob iemant dâ sî, der ir ger.
Renner 419;
niederd. iemant quisquam Dief. 480ᶜ (von 1420), und mit schon früher jotierung des anlautes, die sich nach und nach ausbreitet (vgl. sp. 2275. 2286) jemant:
se sprak: was hir jemant, de na mi vragede?
Reinecke fuchs 1116;
seit dem 15. jahrh. gilt iemant, imant, iemand, imand, yemand fast ausschlieszlich: gibt di ymant zu kawfen. d. städtechron. 1, 29, 6; jmant von iro wegen. 9;
ee das uns yemant strafe,
so heb dich wider uff die fart.
Hätzlerin 4ᵇ;
was mir darvon khan sagen
gar yemandt icht, so ist es alles nichtes.
Püterich bei Haupt 6, 41;
ob iemant an eren wer beschwert.
fastn. sp. 305, 8;
hilft mir das iemant rechen.
421, 13.
bei Luther ist die heutige form jemand bereits einzig geschrieben; in oberdeutschen quellen aber gilt noch lange der vocalische anlaut: yemandts, yenen einer, quisquam, ullus Maaler 509ᶜ, wie er noch heute in den mundarten haftet, vgl. Schm. 1, 9 Fromm.; kärntn. iemp, eamp jemand Lexer 148; westerwäld. ime, ême u. hänl. Kehrein 207.
3)
die declination ist ursprünglich die von mann, daher im mhd. acc. ieman, iemen, dat. iemanne, gen. iemannes:
si kan an den sternen sehen,
swaʒ iemanne sal geschehen.
Eneit 74, 14;
ichn mach daʒ niht gesprechen,
daʒ eʒ iemannes scholt sî.
75, 1;
wand sî was des ân angest gar
daʒ sî iemen bræhte dar
der ir kempfen überstrite.
Iwein 5752;
sie ändert sich indes, wie folgt.
a)
gen. bleibt flectiert: wenn in jemands fleisch an der haut eine drüs wird. 3 Mos. 13, 18; wenn jemands gesind gelobd oder sich mit einem eide verbindet. 4 Mos. 30, 11; ob ich von jemands hand ein geschenk genomen habe. 1 Sam. 12, 3; er hat nicht lust an der sterke des rosses, noch gefallen an jemandes beinen. ps. 147, 10; wird aber jemands werk verbrennen. 1 Cor. 3, 15; auf das sich nicht einer wider den andern umb jemands willen auf blase. 4, 6; ohne jemands einrathen. Lessing 3, 31. der dat. selten auch nach der substantivdeclination: so ich etwas vergebe jemande. 2 Cor. 2, 10; gewöhnlich ist er unflectiert wie der accusativ: wer aber, daʒ der egenant unser herre der kunig die guldein iemant verschüf (zutheilte, abträte). d. städtechr. 1, 116, 16 (urk. von 1385); muͦsz er sie (die schuld) ieman bezalen? Keisersberg bilg. 5ᵈ; von yeman. 7ᵃ; hadder nicht mit jemand on ursache, so er dir kein leid gethan hat. spr. Sal. 3, 30; wenn du von jemand geladen wirst zur hochzeit, so setze dich nicht oben an, das nicht etwa ein ehrlicher denn du, von jm geladen sei. Luc. 14, 8; wenn ich jemand vorlese, ist es denn nicht, als wenn ich ihm mündlich etwas vortrüge? Göthe 17, 46;
sag ich ieman deinen sin.
ring 6ᵇ, 28;
hast du yemant ichcz versprochen,
daʒ scholt du läisten ungeprochen.
29ᵇ, 1.
acc. ich warte obs jemand jamerte, aber da ist niemand. ps. 69, 21; ob jr jemand findet der recht thu. Jer. 5, 1; jemand zu verdamnen, der die strafe nicht verdienet hat. weish. Sal. 12, 15; wo jr etwas wider jemand habt. Marc. 11, 25.
b)
neuerer brauch ist, acc. und dat. nach der pronominalen declination zu bilden, jemanden, jemandem; den acc. jemanden gibt Steinbach: jemanden von den seinigen erwarten, aliquem suorum exspectare 2, 19, während seine quelle Hederich 1356 in derselben verbindung noch iemand setzt; ergriffen aber die vorster jemannen vor dem walte von dem dorfe. weisth. 4, 155 (Elsasz, nach einer abschrift des 18. jahrh.); ihr seid nicht im stande jemanden zu lieben, als euch selbst. Lessing 1, 376; sie scheinen mir jemanden zu suchen. 2, 367; ich höre jemanden kommen. sie wird es ohne zweifel sein. 398; einige geschäftsmänner, die eben in auszerordentlichen fällen jemanden brauchen konnten, der mit der feder umzugehen wuszte. Göthe 18, 236. für den dativ jemandem: wenn sie sich etwas vornimmt oder jemandem etwas verspricht. 155, begegnet auch jemanden: es von iemanden anders erfahren haben, aliunde quid scire Steinbach 2, 20 (bei Hederich nur iemand); acht tage habe ich dazu einen ausschlag über den ganzen körper gehabt, dasz ich mich kaum vor jemanden sehen lassen konnte. Lessing 12, 304.
4)
jemand wird durch irgend (spalte 2158) noch mehr verallgemeinert: es musz irgend jemand hier in der nähe sein; wenn aber jemand jrgend einen todten menschen anrüret. 4 Mos. 19, 13; ferner mit theilungsenitiv verbunden: auf das meins volks nicht jemand von seinem eigenthum zerstrewet werde. Hes. 46, 18; wenn der menner jemand entrinne, die ich unter ewre hende gebe. 2 kön. 10, 24, wie mhd.
kome iemen armer liute her,
der es geruoche oder ger,
dem teilet disen ricke mite.
Trist. 76, 31;
aber auch, und nicht blosz in der modernen sprache durch praepositionen umschrieben: jemand aus dem volke oder von dem volke; sehet zu, das jr nicht jemand von diesen kleinen verachtet. Matth. 18, 10; sehet zu, .. das nicht jemand unter euch ein arges ungleubiges herz habe. Hebr. 3, 12. besonders gern steht in der alten sprache der gen. plur. von adjectiven bei jemand:
hân ich guoter iemen,   die sol ich niht verdagen,
disiu starken mære   sol ich mînen friunden clagen.
Nib. 146, 3;
daʒ ich iemen guoter ane sehe
mit sô süntlîchen ougen.
Gregor. 3340;
und hierher ist das von Weigand wb. 1, 740 aus dem Simpl. aufgewiesene jemand fremder noch zu zählen.
5)
in verbindungen wie jemand anders u. ähnl. ist das beiwort ursprünglich ebenfalls genitivisch zu nehmen, wie das mhd. ergibt, wo es so wenigstens zu niemen tritt:
ern mohte die schulde
ûf niemen anders gesagen.
Iwein 3223;
wand er dâ niemen anders sach.
6237;
und diese genitive natur blickt noch später durch, wenn anders zu obliquen casus von jemand sich stellt: von wem redet der prophet solches? von jm selber, oder von jemand anders? apostelgesch. 8, 34; auf das aber, was mich betroffen hat, hat Vosz, ich weisz nicht ob selbst, oder durch seinen diener, oder durch jemanden anders antworten lassen. Lessing 12, 14; jemand anders von meinen befinden abhängen zu lassen. Schiller an Göthe 1, 14;
so dasz disz weiter geht dann was von jemand anders.
Opitz Grotius' wahrheit 308.
aber man scheint doch frühe schon dieses anders als neutrum gefaszt zu haben, weil das dem geschlechte nach unbestimmte im neutro steht: item daʒ di purgrafen und alle ir erben und nachkomen, ir amptlewt, vorster und ymant anders von irn wegen den walt ... nicht schullen verkawfen. d. städtechron. 1, 28, 12; denn man bildete nun analog auch: jemand vertrautes zu seiner lieb zu schicken. kurf. Joh. Friedrich bei Melanchthon 3, 1041 Bretschneider; wenn man jemand geliebtes so fortfahren sähe. Göthe 28, 23; wenn jemand bedeutendes aus der menge, eine schöne, ein reicher, ein vornehmer am rechten und guten theilnimmt. 36, 181; allweg ists den armen thieren ein trost, wenn jemand vernünftiges bei ihnen ist. Gotthelf 10, 182;
Scapine. welche gestalt? wer ist das?
Scapin. jemand bekanntes.
Göthe 11, 126;
und man declinierte das dazu tretende beiwort nach dem casus von jemand: es lag mir viel daran, dich zu sprechen, ehe ich mich vor jemand anderem sehen liesz. Schiller neffe als onkel 1, 2;
noch hat mich nie die eitelkeit versucht,
sie jemand andern zu erzählen (so für anderm).
Lessing 2, 323;
da ist ein brief; er musz von jemand hohem sein.
Göthe 7, 56,
die erste abfassung gewährte aber:
er musz von iemand hohes sein.
der junge Göthe 1, 166.
6)
von dieser neutralen verwendung aus musz die seit dem 15. jahrh. erscheinende form jemands ihren ausgang genommen haben, sie ist gebildet wie das persönliche eins theil 3, 255, keins theil 5, 472, oder: jegliches hauszgesesz des obgedachten dorfs. weisth. 4, 616; wird aber schon beim ältesten vorkommen mit dem masculinen relativ verbunden: wer iemans hie, der das fischerhantwerg uff geb. weisth. 4, 515 (Schwarzwald, von 1442). sie ist bis ins 17. jahrh. häufig gebraucht: yemandts, yenen einer, quisquam, ullus Maaler 509ᶜ; so yemandts ist, der begärt biderben leüten zuͦ gefallen, si quisquam est qui placere se studeat bonis. 509ᵈ; abe imans were, der die sine straszen geschendt .. hette. weisth. 1, 627 (Westerwald, von 1480); wenn sich jemands an der hant am fewr brennet. 3 Mos. 13, 24; hat auch jemands hew feil? Mathes. Sar. 24ᵇ; wann ber jemands zürnen wolt. Fischart groszm. 144; so jemands sagt .. der sei verflucht. bienk. 108ᵇ; noch s. Paulus, noch jemands der andern aposteln haben von einiger anbettung gewuszt. 174ᵃ; wenn ihn dann jemands vexirte. Simpl. 3, 34 Kurz;
ob ich wol nicht hab vernumen,
das mich jemands hab verklaget.
P. Rebhun in Tittmanns schausp. 1, 46, 125.
es bleibt auch im dat. acc.: wenn an jemands deines samens in ewren geschlechtern ein feil ist, der sol nicht erzu tretten 3 Mos. 21, 17; keinen spär gegen jemands auf diesem stechen einzulegen. Galmy 136; (dasz das kind) etwan von jemandts gefunden .. werden mag. Amadis 29; so lasz ich jemands mir ein frisches venedisch glasz geben. Schuppius 119;
als wolln sie jemands binden.
P. Rebhun in Tittmanns schausp. 1, 70, 139.
mit einem beiwort: sind wir sie (die sünden) iemansanderst schuldig. Keisersb. bilg. 5ᵃ; wer es das iemans fremdes gen Owenheim züg, der das fischerhantwerg wölte han. weisth. 4, 515 (Schwarzwald, von 1442); item ob yemans fremds rytens oder geende keme zu eime hirten und fregten (plur.), wes die swin weren. 521 (um 1434); das nicht jemands frembds sich erzu mache der nicht ist des samens Aaron. 4 Mos. 16, 40.
7)
auch eine nominativform jemanden kommt vor, alemannisch iemanden neben iemande Weinhold alem. gramm. s. 448: wann jemanden wider ihren (der frau) willen solte ins haus schmecken. Schuppius 531; gesetzt auch dasz jemanden also geboren. 528.
8)
jemand, in ältern quellen nach mhd. weise für niemand gesetzt, in einem abhängigen satze nach dasz (vergl. mhd. wb. 2, 1, 41ᵃ): wir setzen und gebieten auch hiebei ernstlich und vestigclich, das hinfürn ymantz, er sei burger oder inwoner, underthan oder gast, weder durch sich selbs oder ymand anders, die obgemelten silberin münz .. füren, schicken noch verkaufen sol. Nürnberger pol.-ordn. 148 (von 1487); in einem relativsatze: wer auch zewnholcz hawet, eʒ sey weidein, heslein, ernlein oder ander holcz, daʒ niht pau holcz wer, der ist dar umb ymant ihtz schuldig zu geben. d. städtechr. 1, 30, 5.
9)
jemand als masculines substantiv gefaszt: je erhabener die beweggründe waren, aus welchen jemand zu handeln vorgab, desto gröszer war das mistrauen, welches er entweder in die redlichkeit dieses jemands oder in die gesundheit seines gehirns setzte. Wieland 7, 23; Michel. es ist jemand drauszen, der in einer dringenden angelegenheit ein geheimes gehör verlangt ... Narbonne .. dieser jemand wird sich ja wohl einen augenblick gedulden. Schiller parasit 2, 2.
10)
jemand, einer den man nicht nennen mag, wie lat. quidam: base, sagte Vreneli halblaut, es kam jemand zwischen uns. J. Gotthelf Uli der pächter 47;
und doch hat jemand einen braunen saft,
in jener nacht, nicht ausgetrunken.
Göthe 12, 81.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2301, Z. 12.

jemands

jemands,
s. jemand 6.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2304, Z. 6.

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Zitationshilfe
„jemands“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jemands>, abgerufen am 28.10.2021.

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