Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jude, m.

jude, m.
Judaeus.
1)
der fremde eigenname, der im lateinischen gewande zu uns kommt, bürgert sich unter einflusz des alten deutschen betonungsgesetzes, das den hochton auf die stammsilbe legt, als Judeo und Judo im ahd. bei uns ein, alts. Judeo und Juđeo, fries. Jotha (Richthofen 130ᵃ, 16). von der ersteren form geht das mhd. jüde aus, das wie das daneben bestehende jude seinen charakter als eigennamen häufig verwischt (s. unten), sich lange hält und mundartlich noch heute dauert:
sint bœse jüden des tiuvels rüden,
wes rüden sint denne getoufte jüden?
Renner 23344;
hosanna singt man ihm. es spreitet mancher jüde
die palmen auf den weg, weil kömpt der rechte friede.
P. Fleming 6;
ein jüd, Ebreer. Alb.; bei den jüden im alten testament Schuppius 354.
2)
jude heiszt sowol der bewohner des jüdischen landes im alten testament, als der von dort vertriebene, der eigene art und eigenen glauben sich bewahrt hat: jud, Judaeus, apella, recutitus, Hebraeus Dasyp.; rücksichtlich des glaubens werden die juden mit christen und heiden als vertreter der drei hauptreligionen zusammengestellt (vergl. sp. 800):
all christen, juden, heiden
dies leid möcht wol erbarmen.
Altswert 222, 20;
und dasz ein jeder auch, er wer' auch wer er were,
ein christ, ein jüd und heid und sonsten andrer lehre,
da könte sicher stehn.
D. v. d. Werder Ariost 16, 15, 6;
aber zugleich wegen ihres glaubens gehaszt und verabscheut:
sô sül wir von uns scheiden
juden, ketzer, heiden.
Renner 253;
ich haʒʒe iuch juden sunder mâʒe,
umb den gelouben swert der kristen trag ich bar,
in herze, in hant, die wîle ich lebe,
vride ûʒ gen in!
minnes. 3, 351ᵃ Hagen;
ir juden und ungläubigen hünd,
kondten jr gleich noch einist so vil fündt,
müeszend jr dennoch sterben in ewigkeit,
dan jr hond verläugnet die christenheit.
N. Manuel 337 Grüneisen.
Die sociale und rechtliche stellung der juden ist gedrückt (vgl. die ausführlichen nachweise bei Haltaus 1044 ff.), wenn sie auch dem schutze des reiches unmittelbar unterstehen und dessen kammerknechte heiszen (vgl. th. 5, sp. 123 und Schwabenspiegel art. 214); sie müssen sich durch ein abzeichen ihrer kleidung absondern: dasz die jüden einen gelben ring an dem rock oder kapfen allenthalben unverborgen, zu ihrer erkandnusz, öffentlich tragen. Augsburger reform. guter polizei (1530) XXII, 1; und gesondert wohnen, vgl. judengasse, judenviertel. eine schimpfliche todesstrafe wird an ihnen vollzogen, indem man sie bei den füszen aufhängt: ao. 1462 am tage Mathiä ward zu Halle ein jude Abraham genannt, wegen dieberei zum galgen verurtheilet, und weil er sich nicht wolte taufen lassen, nach damaliger manier mit einer ketten bei denen füszen aufgehangen, und neben ihm auf jeder seite ein hund aufgehenkt. Dreyhaupt Saalcreis 2, 512; trag in wie man die juden henkt, den kopf under sich wie den säuen. Garg. 134ᵇ;
etliche (flöhe) hieng man an die füsz
gleich wie die juden, zu verdriesz.
flöhhatz 821 Scheible.
3)
von ihren schlimmen eigenschaften werden namentlich ihre unreinlichkeit, sowie ihre gewinnsucht und ihr wuchersinn in mannigfachen wendungen betont. schmierig wie ein alter jude; er stinkt wie ein jude; daran angelehnt, schmecken wie ein jude, widerlich, und verstärkt schmecken wie ein todter jude: man musz euch vor (zuvor) die gurgel schmieren, es schmackt sonst ohn schmalz wie ein toder jud. Garg. 216ᵇ; ein kraut so nicht gesalzen schmeckt wie ein todter judt. Lehmann 149; wuchern, betrügen, leihen, borgen wie ein jude; darauf geben wir nichts, darum leihet kein jud noch pfaff drauf. Fischart bienk. 92ᵇ; es were groszer mangel .. an juden, drumb wucherten die christen. Zinkgref apophth. 1, 329;
ich kan nichz kaufen mit lerer hant,
so leiht mir auch kain jüd on pfant.
fastn. sp. 784, 32;
wer wenig bhalt, und viel verthut,
der darf nicht stahn inn sorgen,
das man zu letst vergannt sein gut,
kein jud thut drauf nicht borgen.
Garg. 93ᵃ;
sie (die liebe) giebt der deutschen männlichkeit
die sanfte schmeichelei beim küssen,
den heiligen die lüsternheit,
und auch den juden ein gewissen.
Hagedorn 3, 41.
4)
sprichwörtliches. willst du einen juden betrügen, must du ein jude sein. es gehören neun juden dazu um einen Baseler und neun Baseler um einen Genfer zu betrügen. trügt ein jude den andern, ein pfaffe den andern, ein weib das andere, so lacht gott im himmel. Simrock sprichw. 279; er ist ärger als ein jüde, Judaeum astutiis et fraudibus longe superat. Stieler 902;
auch laszt
den vater mir vom halse. jud ist jude.
ich bin ein plumper Schwab.
Lessing 2, 225;
Wormser juden, gute juden. Pistorius thes. par. 4, 23; schlägst du meinen juden, schlag ich deinen. Simrock 279.
5)
unter jude wird auch blosz der hausirende handelsjude verstanden: etwas beim juden kaufen, verkaufen; der jude schachert; sprichwörtlich fürs gewesene gibt der jude nichts; der jude in seinem winkel (auf einem schiffe) und mit seinem zwerchsacke an der achsel, den er ja nicht ablegte, muszte viel leiden. Hebel 2, 136;
aber wie es abend ward,
gieng der jude durch den wald,
mit groszem sack und langem bart.
Rückert 'vom bäumlein das andere blätter hat gewollt'.
6)
auch, abgesehen von der religion, der, welcher gewinnsüchtig und wucherisch verfährt, wird ein jude genannt: ein unbeschnittener jude; bedenkt doch nur, zwanzig procent nimmt der allerchristlichste jude. Lessing 1, 483; nein, der henker! es gibt doch wohl auch juden, die keine juden sind. 339; ich habe jetzt wegen des musenalmanachs mit dem juden buchhändler ordentlich contrahirt. Schiller an Göthe 1, 23;
denn der kipp- und wipper-ordn
sind nur judn und zöllner wordn,
da ist kein christlich lieb.
Opel u. Cohn 424;
in bezug auf solche wucherische gesinnung werden juden und christen gelegentlich neben einander gestellt:
das alt sprichwort sagt: judn und christen
hund und katzen auf einer misten.
H. Sachs 5, 232ᵈ.
7)
der ewige jude: so ergriff ich den wunderlichen einfall, die geschichte des ewigen juden, die sich schon früh durch die volksbücher bei mir eingedrückt hatte, episch zu behandeln. Göthe 25, 309 (mit näherer angabe des zu behandelnden stoffes); als bild eines unruhig umherziehenden menschen: (ein empfehlungsschreiben) worin er .. die gründe nochmals auseinandersetzte, warum er von der unbequemen bedingung, die ihn zum ewigen juden stempelte, bald möglichst befreit zu sein wünsche. 21, 218.
8)
einige handwerksleute hieszen die jungen, welche noch nicht gesellen waren, juden, weil sie nach ihrer ceremonie im gesellenmachen noch nicht getauft waren. Frisch 1, 492ᵇ.
9)
jude, 'ein gedicht', commentum, figmentum, fabula, einem einen juden anhengen, fucum facere. Schönsleder prompt. bei Schm. 1, 1202 Fromm.
10)
jude, ein stachlichter bart; so osterländisch: ich habe einen wahren juden im gesicht, musz mich balbieren lassen. ostfriesisch ist jude eine mahlzeit ohne fleischspeise. Fromm. 4, 132, 82. rheinisch heiszt jude ein theil des rückgrats eines schweines, in Schwalbach soviel als rückgrat überhaupt. Kehrein 212.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2352, Z. 30.

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Zitationshilfe
„jude“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jude>, abgerufen am 18.10.2021.

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