Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

judenspiesz, m.

judenspiesz, m.
nur in der redensart mit dem judenspiesz rennen oder laufen: er rennt mit dem judenspiesz, dicitur de magnis foeneratoribus Maaler 238ᵃ; er läuft mit dem judenspisse, immodice foenus agitat, nummos alienos pascit, er fängt an mit dem judenspisse herum zu laufen, auspicatur lucro faciendo. Steinbach 2, 629; so würden juden .. undern christen aufstehen, und an jre statt mit dem judenspiesz rennen. S. Frank weltb. 159ᵇ; laufen darfür mit dem judenspiesz, wucher und schinderei umb. ganszkönig vorr. 6ᵇ; die handelsleute und handwerker ranten mit dem judenspiesz gleichsam um die wette, und sogen durch allerhand fünde und vörthel dem bauersmann seinen sauren schweis ab. Simpl. 1, 88 Kurz; ich .. brachte unter einem andern regiment zu fusz zuwegen alles, was ein marquetender haben solte, und fing an mit dem judenspiesz zu laufen, als wann ich das handwerk mein lebtag getrieben hätte. 3, 79;
mancher will edel syn, und hoch,
des vatter doch macht bumle bum
und mit dem küferwerk ging umb,
oder hat sich also begangen,
das er vacht mit einr stäheln stangen (mit dem wagebalken,
d. h. krämer war),
oder rant mit eim judenspiesz,
das er gar vil zuͦ boden stiesz.
Brant narrensch. 76, 11;
gar lydlich wer der juden gesuͦch,
aber sie mögen nit me bliben,
die kristen-juden sie vertriben,
mit judenspiesz die selben rennen.
93, 25;
rendt teglich mit dem judenspiesz.
H. Sachs 3, 2, 215ᵇ;
und wann dann aufschlegt korn und wein,
da dunkt es sie gerathen sein,
für sie ist es ein stündlein siesz
und laufen mit dem judenspiesz,
nur weit von gott ins teufels saal.
ganszkönig H 5ᵃ;
zuvor man jhn ein wuchrer hiesz,
das er rennt mit dem judenspiesz,
sauget den leuten ausz das mark.
J. Ayrer 449ᶜ (2257, 23 Keller);
mit dem judenspiesz fechten, reiten: weil mein vatter ... auch sonst mit dem judenspiesz trefflich fechten konte. Simpl. 1, 424 Kurz;
der unfal mich noch nie verliesz,
und het ich schon ein judenspiesz
darmit kan ich nit riten.
Uhland volksl. 899;
den judenspiesz führen, brauchen: wann mancher wucherer die ganze woche keine zeit nimmt, seiner schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem gottesdienst in der kirche, spindisiret und dichtet, wie der judenspiesz zu führen sei. Simpl. 1, 421 Kurz;
derhalben braucht er ohn verdriesz
sein wol geputzten jüdenspiesz.
B. Ringwaldt laut. warh. 34.
Bei erklärung dieses seit dem 15. jahrh. nachweisbaren bildes musz man beachten, dasz dasselbe niemals von eigentlichen juden gebraucht wird (die ja waffen nicht tragen durften), sondern nur von christen mit jüdisch - wucherischer gesinnung, und dasz die zuerst aufgeführten wendungen sich sämmtlich an das turnierwesen anlehnen. wie eine ganze reihe von bildlichen ausdrücken davon entnommen wurde, die zum theil bis heute dauern, so ist auch das streben nach gewinn unter dem bilde eines rennens mit speer oder spiesz gefaszt, und der volkswitz hat die unlautere waffe, die bei diesem rennen gebraucht wird, einen judenspiesz genannt. die aus Brant 76, 11 ausgehobene stelle macht diese auffassung unzweifelhaft. später ist das bild verblaszt, und bei dem rennen und laufen hat man an die geschäftig umher rennenden und laufenden hausierjuden gedacht.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2357, Z. 16.

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Zitationshilfe
„judenspiesz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/judenspiesz>, abgerufen am 16.10.2021.

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