Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jungfer, f.

jungfer, f.
puella, virgo.
1)
die verkürzung jungfer, welche die sprache des gemeinen lebens aus dem, der gehobeneren rede eigenen compositum jungfrau, mhd. juncvrouwe, juncvrou gebildet hat, entspricht dem einfachen ver für mhd. vrouwe, über das th. 4¹, sp. 72 berichtet ist, und findet sich seit dem 14. jh. zuerst in niederrheinischen quellen: virgo juncfer, jonfer Dief. 622ᵇ; woultu doin dat ich dich heischen, ich wil dir die jonfer werven. Fromm. 1, 180 (kölnisch 15. jh.); do hatt he ein schoin junfer in sime huis. 2, 10; do woulde der ritter bei der joufferen (lies wol jonferen) slaiven. 301, obschon nichts entgegensteht anzunehmen, dasz diese form allgemeiner im gebrauche gewesen ist, da die obengenannte kürzung ver für vrouwe sehr weit reicht. in schriften des 16. jh. ist sie, offenbar als unedle, noch gemieden, Luther hat in derber rede: ja, ja, jungfer bepstlin, bistu da zurissen, so flicke dich der teufel und seine mutter. 8, 241; und noch Opitz verwendet sie nicht, wol aber gleichzeitige andere quellen:
ihr jungfren.
Weckherlin 796;
aller jungfren bdrangnus und schmerz.
Weller lieder des 30 jähr. kr. 206;
ihr jungfern und gesellen.
Fleming 169;
in dem (einem netze) Amor, der es stellt,
die zu kühnen jungfern fällt.
357;
so liebst (gefällst) du, meine zier,
für andern jungfern mir.
384;
ich musz hier im tiefen schatten
weit von Pindus glanze stehn:
nichts kan ich itzt lassen hören,
was die bunten jungfern ehren.
392;
seit dieser zeit bürgert sie sich in der schriftsprache ein. die formen junfer und jumpfer, obschon der gemeinen aussprache gemäsz, dringen wenig vor: jungfrau, ... pronunciatur etiam jungfer et jumfer. Stieler 546; cammer-junfer. Chr. Weise polit. redner (1679) s. 356.
2)
jungfer, von dem begriff der jungen herrin (vgl. frau 2, th. 4¹, sp. 73), im gegensatz zu der ältern, der eigentlichen frau des hauses ausgehend, bezeichnet zunächst die unverheiratete tochter des hauses, dann die unverheiratete überhaupt, als ein ehrenvoller name, wo wir heute das volle jungfrau oder, wenn mehr ein titel (vgl. 3) hervorgehoben werden soll, fräulein verwenden: jungfermagd, ist eine besondere magd, welche die jungfer vom hause allein zu bedienen, und ihr aufzuwarten hat. Amaranthes frauenz.-lex. 1584; kam eben zu der windelstege, als die magd herauf liefe, zu sehen, was ihrer jungfer mangelte. Simpl. 3, 350 Kurz; es stund nicht lange an, da kam eine vornehme jungfer, eines reichen hochansehnlichen mannes tochter. Schuppius 475; ein stolzer, der da gehet mit aufgerecktem hals, wie vor zeiten die israelitischen jungfern. 649;
ihr freunde, rahtet zu, wo sollen wir sie finden,
das fromme liebe kind, sie aller jungfer zier.
Fleming 54 ('auf einer edlen jungfrauen nahmens-tag')
sprichwörtlich: man wird dich gewisz mit jungfern bitten sollen, precibus forte humillimis implorandus es. Stieler 547.
3)
in der anrede und als titel zumal bürgerlicher unverheirateter, während fräulein für den adel blieb, bis sich das letztere wort weiter ausdehnte (vgl. th. 4¹, 88. 89): die verhoffende künftige schwiegermutter ist eine hauptreiche wittib, welche .. mir ihre jungfer tochter nicht geben würde. Simpl. 3, 291 Kurz; hr. wirth, ist das seine jungfer tochter? unwürd. doct. 726; hören sie, jungfer? Lessing 2, 405; freuen sie sich, meine liebe jungfer. 410; jungfer, hier bringe ich ihnen zwei leute. 402; mademoisell, jungfer braut, madam — wie teufel soll man sie nennen? 399; sollten sie es nun nicht bald verstehn, jungfer muhme? 409; hier ist es, meine liebe jungfer Ohldinn. ebenda; spielend mit der bedeutung 5:
und der jungfername war,
wie die jungfrau, sonst nicht rar.
unsre lockern junggesellen
machten jungfern — zu mamsellen,
und sie gaben jungfernsinn
für mamsellentitel hin.
Blumauer 1, 101;
mit ersonnenen eigennamen: jungfer Naseweis;
ich war wohl jungfer Eigensinn,
durch güte kaum zu zähmen.
Bürger 111ᵃ.
4)
weniger den gesellschaftlichen, als den geschlechtlichen stand betonend, wo heute in den meisten fällen mädchen stehen würde eine reife, mannbare, heiratsfähige jungfer; ein schöne jungfer, virgo bella. Steinbach 1, 819; eine erbare jungfer, virgo bene morata ebenda; die jungfer gefällt den mannsbildern, virgo placet viris. 820; eine wohlgebildete jungfer heirathen wollen, virginem eximia forma ambire. ebenda; vier und funfzig jahr ist just recht für eine mannbare jungfer. Lessing 2, 386;
jungfern, wann sie mannbar sein, wollen dennoch nichts nich wissen,
was am mann sei für ein ding, wie ein mann sei zu genieszen.
Logau 2, 127, 39;
rother mund und rosenwangen,
sind der jungfern schönstes prangen.
unwürd. doct. 727;
zu meiner zeit
bestand noch recht und billigkeit,
da wurden auch aus kindern leute,
da wurden auch aus jungfern bräute:
doch alles mit bescheidenheit.
es ward kein liebling zum verräther,
und unsre jungfern freiten später.
Hagedorn 3, 72
denn das ist gottes wahre gift,
wenn die blüthe zur blüthe trifft;
deszwegen jungfern und junggesellen
im frühling sich gar gebärdig stellen.
Göthe 47, 92;
wann bursch und jungfern abends spät
beim pfänderspiele juchen.
Voss 4, 202;
was klinget und singet die strasz herauf?
ihr jungfern, machet die fenster auf!
es zieht der bursch in die weite.
Uhland ged. 211;
da gehet die frau hin, welche den jungfern die kinder abtreibet. Schuppius 481. Nicht veraltet ist das wort in der verbindung eine alte jungfer für ein mädchen das über die gewöhnliche zeit hinaus unverheiratet geblieben ist: o! in dergleichen entschlieszungen sind die alten jungfern zu hartnäckig. Lessing 2, 392; wenn er (Bacchus) .. seine hörner ablege, wie ohngefähr eine alte jungfer ihre falschen zähne und brüste? Herder krit. wälder (1769) 1, 92; ich will eine steinalte jungfer werden, wenn es nicht wahr ist. Kotzebue dram. sp. 3, 225.
5)
durch jungfer wird die geschlechtliche reinheit einer unverheirateten hervorgehoben, in welchem sinne das wort auch heute noch gebräuchlich ist, sofern es nicht in gewählter sprache durch jungfrau abgelöst wird: eine reine unbefleckte jungfer; ich bekenne dir Corinna dasz ich keine jungfer gewesen sei, da mich dein vater zur ehe nahm. Schuppius 472; es sind nicht alles jungfern, die einen kranz tragen, habitus non facit monachum. Stieler 547; wer eine jungfer schändet, stirbt übeln todes. alle mädchen sind jungfern, so lange der bauch schweigt. jungfern und gläser schweben in stäter gefahr. Simrock sprichw. 282;
(sie hat) die freier abgeschreckt, den kranz aus noth gespart;
den gürtel trägt sie noch, weil keiner ihn verlanget,
und ob sie noch so sehr mit ihrer jungfer (mit sich als jungfer) pranget,
so weisz doch jederman, dasz sie aus überdrusz
was sie nicht ändern kan, geduldig tragen musz.
Günther 1003.
in zweideutigen wendungen: Lis. und wanns dazu kömmt, ist er wohl gar auch ein jude, so sehr er sich verstellt? Christ. das ist zu neugierig für eine jungfer gefragt! 1, 340;
denkt, wie gesund die luft, wie rein
sie um diesz jungfernstift musz sein!
seit menschen sich besinnen,
starb keine jungfer drinnen.
4 (nach Zinkgref apophth. 2, 32).
6)
in diesem sinne wird jungfer selbst auf männer bezogen, vgl. nachher unter jungfrau: der mensch ist noch eine reine jungfer, juvenis ille virgo pura est. Stieler 547. Von dem begriffe des reinen und noch unberührten aus bezeichnet ferner jungfer in einer reihe unten folgender compositen den erstling oder das beste und feinste seiner art.
7)
jungfer bezeichnet auch eine dienerin, die im range über der einfachen magd steht; vergl. hausjungfer, kammerjungfer, ladenjungfer, zimmerjungfer: man sehe die grosze dame! sonst wissen sich jungfern ihrer herkunft noch glücklich, wenn sie herrschaften finden. Schiller kab. u. liebe 4, 7; das papier, auf welchem ihre jungfer (kammermädchen) stickte. Kotzebue dram. sp. 3, 219;
dasz jungfer, zof und trosz mit steifen fingern lacht.
Günther 389.
8)
jungfer, in verschiedenem andern sinne.
a)
ein fisch, cobitis barbatula, schmerle.
b)
ein insect, libellula, auch verfluchte jungfer, wasserjungfer.
c)
nackte jungfer heiszt die zeitlose, colchicum atuumnale; die nackte jungfer im frühjahr aber bulbocodium vernum, die unächte narcisse.
d)
verfluchte jungfer, cichorium intybus, die gemeine cichorie.
e)
jungfer im grase, jungfer im netze, nigella damascena, der damascenische schwarzkümmel, holländ. juffertjes in't groen, schwed. jungfrun i det gröna.
f)
weidmännisch heiszt jungfer machen, die jungfer legen, beim zerwirken des wildbrets, wenn man das schlosz öffnet, und die hinterschlägel auseinanderdrückt, so dasz man das gescheide frei ausheben kann. dann sagt man der hirsch, die sau u. s. w. ist zur jungfer gemacht. Jacobsson 2, 324ᵃ.
g)
im schiffbau ist jungfer, juffer eine rolle, mit der z. b. die wände des schiffes befestigt werden. Jacobsson 2, 323ᵇ; die luvwanten des groszmastes gaben nach. sie zu zerreiszen vermochte der sturm nicht, aber sie zogen sich allmählich unten an den jungfern aus den bändseln. daheim 1869 s. 125.
h)
jungfer, im hüttenwerk, am hochofen ein längliches stück eisen, welches am schlackenbleche herunter liegt, und verhindern musz, dasz die schlacke nicht vorbeiflieszt. 6, 175ᵇ.
i)
jungfer in hammermünzen ist ein groszer eiserner löffel, worin die platten geglüht werden. 2, 323ᵇ.
k)
jungfer heiszen die steinsetzer die handramme, womit die pflastersteine zusammengetrieben werden. ebenda; jungfer beim pflastern, tudes lapidatorum. Frisch 1, 494ᵇ.
l)
jungfer, eine gattung mühlsteine. Jacobsson 6, 175ᵇ.
m)
jungfer, in der chemie ein trichter, mit dem man ölige von wässerigen flüssigkeiten sondert.
n)
bei den gefangenhäusern ist jungfer ein klotz, an den die gefangenen geschmiedet sind und den sie im arme mitschleppen müssen, wenn sie sich bewegen wollen. Frisch 1, 494ᵇ.
o)
die eiserne jungfer, ein folterinstrument.
p)
jungfern werfen, in Hessen ein knabenspiel, indem platte steine auf eine ruhige wasserfläche geworfen werden, um von derselben mehrmals abzuprallen. Vilmar 188.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2381, Z. 21.

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Zitationshilfe
„jungfer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jungfer>, abgerufen am 17.10.2021.

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