Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jungfräulich, adj. und adv.

jungfräulich, adj. und adv.
einer jungfrau eigen oder gemäsz, mhd. juncvrouwelîch. es geht in der modernen sprache neben dem engverwandten jüngferlich (sp. 2384) dergestalt, dasz jungfräulich als edleres wort mehr das innere wesen, jüngferlich das äuszere gebahren einer jungfrau hervorhebt. jungfräulich wird gebraucht
1)
im eigentlichen sinne: jungfrauwlich, virginalis, virginaliter. voc. inc. theut. k 7ᵇ; jungfröuliche jugend, die zeit einer jungen tochter, aetas virginea Maaler 238ᵈ; jungfreuliche tracht, habitus, stola virginalis. Stieler 548; jungfreuliche zucht und erbarkeit, pudor, verecundia virginalis. ebenda; sich jungfreulich halten, pudice se gerere. ebenda; meine ... jungfräuliche schamhaftigkeit. Simpl. 3, 18 Kurz; ich bin kein knabe und sehe wohl, dasz sie mir herzlich zugethan ist. über die tiefe und dauer eines jungfräulichen gefühls haben wir beide kein urtheil. Freytag handschr. 1, 250;
mit jungfräulichem wehren
zog sie die hand zurück.
Gotter 1, 28;
hier auf dieses
jungfräulich blühende haupt will ich den kranz
des kriegerischen lebens niederlegen.
Schiller Piccol. 2, 3;
kargt von nun an
mit eurer jungfräulichen gegenwart
ein wenig mehr.
Shakesp. Hamlet 1, 3;
from this time,
be some what scanter of your maiden presence.
mit besonderer hervorhebung des geschlechtlich unbeflekten: die jungfräuliche ehre bewahren, verlieren:
allein fürcht ich mich meiner ehr,
dasz mein rein jungfräulicher leib
von jhnen nicht ungschendet bleib.
J. Ayrer 155ᵇ (772, 14 Keller);
ach, was setzt jhm (sich) der graf nur für,
das er also nachstellet mir,
zu fellen an jungfräuling (so nach fränkisch-bairischer aussprache) ehrn?
416ᵇ (2090, 33);
so lang als jungfrau du (Magdeburg ist angeredet) und ungeschwächt
geblieben,
so lang als von sich noch gab einen hellen glanz
die gulden ehrenkron und jungfräulicher kranz
auf deinem gelben haar!
Opel u. Cohn 220, 10;
lieblich in der bräute locken
spielt der jungfräuliche kranz.
Schiller glocke v. 95;
hier gönnt man ihr doch ihren mädchenkranz,
und das bestreun mit jungfräulichen blumen,
geläut und grabstätt.
Shakesp. Hamlet 5, 1;
yet here she is allow'd her virgin crants,
her maiden strewments, and the bringing home
of bell and burial.
2)
an dieses letztere angeschlossen, von männern, die ihre keuschheit bewahrt haben: so möcht man denken, jr gros reinigkeit, und jr unverruckt jungfrewliche keuscheit, were ein ursache, das sie ein weib, oder die ehe, auch nicht mügen horen nennen. J. Jonas bei Luther 6, 451ᵇ; von niedern seelenkräften, die vorher den frauen verglichen sind: ein meister sprichet, daʒ all die niedersten krefte der sêle alsô verre als sie berüeret habent zît oder stat, alsô vil habent sie verlorn ir juncvröwelîche reinekeit und enmügent niemer sô gar ûʒgezogen werden noch sô gar gebiutelt werden, daʒ sie iemer komen mügent in die oberôsten krefte. Meister Eckhart 70, 37. auch sonst von reinem, nicht berührtem, in manigfacher weise: jungfräulicher boden, der noch nicht bearbeitet ist; geologisch jungfräuliche schicht, erdschicht, die man unberührt, ungestört auffindet;
mutter des allerquickenden weins, jungfräulicher weinstock!
Herder;
(die Fugger) sandten kein kaufschiff, von deutschen wimpeln umflattert, umsonst
nach dem noch jungfräulichen indischen weltmeer.
Platen 130.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2392, Z. 21.

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Zitationshilfe
„jungfräulich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jungfr%C3%A4ulich>, abgerufen am 22.10.2021.

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