Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

jungfrau, f.

jungfrau, f.
virgo. ahd. jungfrouwa, mhd. juncvrouwe, juncvrowe, juncvrou; die Schweden haben das wort als jungfru, die Dänen als jomfru, entlehnt. im nhd. ist, während die seit dem 17. jh. gewöhnliche form jungfer (s. d.) der gemeinen rede angehört, das volle jungfrau der edeln sprache eigen, ältere quellen bieten assimilierte formen: adolescentula jūffrawe (lies jumffrawe) Dief. 13ᵇ; virgo junffrawe, jumffrauwe 622ᵃ (mitteldeutsch);
der jümpfrow kind (Christus) well uns nit lan.
Hildebrand volksl. 142, 1 (schweiz., 1533).
die längst wieder abgestoszen sind. die bedeutungen sind wesentlich dieselben wie von jungfer.
1)
jungfrau, die junge herrin, gebieterin, ohne rücksicht darauf ob sie verheiratet oder unverheiratet ist; der mhd. gegensatz altfrouwe von der mutter einer jungen fürstin steht Wigal. 99, 7. jungfrau heiszt darum auch die junge verheiratete frau: zu Senis kam zu jm sein gemahel Leonora, die fürbündig schön junkfrauw. Stumpf 1, 87ᵃ; im Nassauischen ist jungfrau noch heute eine noch nicht lange verheiratete frau, daneben auch ehrenname der hausfrau, z. b. im munde der dienstboten, selbst wenn sie in hohem alter ist. Kehrein 212.
2)
vornehmlich ist jungfrau (neben frau, unsre frau) bezeichnung der himmelskönigin Maria, allerdings in rücksicht auf die bedeutungen 3 und 5, worauf auch das ältere mhd. maget für Maria weist:
lob, er und dank so sprechen wir,
zart junkfrauw dir,
seit du uns hast
den höchsten gast
her bracht mit keuscher minne.
Muscatblut in Wackern. altd. leseb. (1873) 1343;
das ist Maria, die junkfraw zart,
ain sun hat sie geboren.
Uhland volksl. 845;
das heilig hohe fest der freudenreichen nacht
in der die jungfrau hat des höchsten sohn gebohren.
A. Gryphius 1698 1, 67;
die holde himmelskönigin
erhörte mich, die jungfrau voller gnaden.
Wieland 22, 110 (Oberon 3, 25);
die gottbefruchtete jungfrau
und den wunderthätigen gottessohn.
H. Heine 15, 251.
in dieser bedeutung wird die gekürzte form jungfer nicht verwendet.
3)
jungfrau ist die ehrende bezeichnung eines herangewachsenen mädchens, modern wenigstens noch in dichterischer sprache häufig. der begriff der unverletzten keuschheit liegt zunächst nicht in dem worte: welheu jungfraw daʒ waʒʒer trinkt, ist si noch magt, sô geschicht ir nihts, ist si aber niht maget, so beprunzt sie sich zehant. Megenberg 447, 27; aber es läszt sich nicht immer scharf bestimmen, wo die bedeutung 5 eingreift: jre junge manschaft fras das fewr, und jre jungfrawen musten ungefreiet bleiben. ps. 78, 63; jünglinge und jungfrauen, alten mit den jungen, sollen loben den namen des herrn. 148, 12; heule wie eine jungfraw, die einen sack anleget umb jren breutigam. Joel 1, 8; er drewet mein land zu verbrennen, und meine manschaft zu erwürgen, kinder und jungfrawen weg zu furen. Jud. 16, 6; ich bate die vornehmsten frauen und jungfrauen zu gaste. Schuppius 474; eine spitzfündige jungfraw. Logau 2, 231, 127 (überschrift);
ich mein die zarte junkfrauen,
ich dient ir fruͤ und spat.
Uhland volksl. 84;
pfui, dasz mir der bart nicht wachsen wil!
die jungfrau spricht:
kein bart hast nicht.
Gödeke u. Tittmann liederb. 50, 49;
ihr bürger aber all, ihr männer und ihr frauen,
ihr kinder, knäbelein, ihr jüngling und jungfrauen.
Opel u. Cohn 221, 52;
im stillen klostergarten
eine bleiche jungfrau gieng.
Uhland ged. 195;
die jungfrau von der zinne sah.
197;
führten sie nicht mit wonne
eine schöne jungfrau dar,
herrlich wie eine sonne,
strahlend im goldnen haar?
207;
das kind ist herrlich zur jungfrau herangereift; wenn eine jungfrau reif ist, so hätte sie gern einen mann. Simrock sprichw. 282;
vom mädchen reiszt sich stolz der knabe ..
fremd kehrt er heim ins vaterhaus.
und herrlich, in der jugend prangen,
wie ein gebild aus himmelshöhn,
mit züchtigen, verschämten wangen
sieht er die jungfrau vor sich stehn.
Schiller glocke v. 65;
und schamhaft tritt als jungfrau ihm entgegen,
die er einst an der amme brust verliesz.
Piccol. 1, 4.
die alte jungfrau wird seltener gesagt als alte jungfer; veralte jungfraw exoleta virgo Dasyp.; alte jungfrau virgo exoleta Stieler 547:
der jungfrau name will den jungen nur gebühren;
wer alt wird unverfreit soll andern namen führen.
A. v. Abschatz verm. ged. 183.
4)
als titel und in der anrede, wo es jetzt in der gewöhnlichen rede veraltet ist (vgl. jungfer 3): der hospitalmeister konte sich in diese freigebigkeit nicht schicken, zog seinen hut ab und sagte: edele jungfrau, das wird am jüngsten tage gerühmt werden. Schuppius 476;
da zog er von der hende
von gold ein fingerlin:
'so se dir, schöne iungfrauwe,
dabi gedenk du min!'
Uhland volksl. 81;
daʒ (kleinod) fuortens gmaincleich in dem her
durch junkfrawn Mätzen zuht und er.
ring 2ᶜ, 36;
juncfrau Gerhaus, ich verstee euch wol.
fastn. sp. 569, 14;
die arznei zu erlangen,
wird gleichfals eine bach, so lauter ist und rein,
herzliebste jungfrau braut, das beste mittel sein.
Opitz 2, 71;
seid gegrüszt auf diesen auen,
schönste jungfrau, edle herrn!
Uhland ged. 249;
das war jungfrau Sieglinde,
die wollte früh aufstehn,
mit ihrem hofgesinde
zum frauenmünster gehn.
251;
herunter jungfraw, du tochter Babel, setze dich in den staub. Jes. 47, 1; das die jungfraw Israel so gar grewlich ding thut. Jer. 18, 13; du jungfraw Israel, du solt noch frölich pauken und eraus gehen an den tanz. 31, 4.
5)
jungfrau, mit ausdrücklicher hervorhebung des geschlechtlich unbefleckten, wofür es älter maget hiesz: (das einhorn) ist gar scharpf und härwe, alsô daʒ eʒ kain jäger gevâhen mag mit gewalt. aber sam Isidorus und Jacobus sprechent, sô væht man eʒ mit ainer käuschen juncfrawen. Megenberg 161, 24; das weib hab ich genomen, und da ich mich zu jr thet, fand ich sie nicht jungfrau. 5 Mos. 22, 14; sie haben die weiber zu Zion geschwecht, und die jungfrawen in den stedten Juda. klagel. Jer. 5, 11; die heiden zu strafen, so die jungfraw genotzüchtigt und zu schanden gemacht hatten. Judith 9, 2; wer gewalt ubet im gericht, der ist eben als ein hofemeister, der eine jungfraw schendet, die er bewaren sol. Sir. 20, 12; weil sie noch jungfraw ist. 42, 10; das ich eine reine jungfrawe Christo zubrechte. 2 Cor. 11, 2; wann man keine jungfrawen hat, musz man wol mit huren danzen. Zinkgref apophth. 2, 84; wer eine jungfrau schändet, stirbet keines guten todes. Pistorius thes. par. 10, 15; er musz ein scharf gesicht haben, der eine jungfrau kennen soll. Simrock sprichw. 282;
mir geviel nie kaini bas.
wiszt, daʒ sei ein junchfraw was! (spricht der mann
am morgen nach der hochzeit).
ring 43ᶜ, 21;
du scholt kainn kranz mer auf tragen,
wan du bist kain junkfrau nit.
waistu wol, heur im haberschnit
das der Hainrich pei dir lag
und der lieb mit dir pflag?
fastn. sp. 586, 15;
das macht du hast ein jungfraw geschwächt.
Weller lieder 227;
eine reine jungfrau
vollbringt jedwedes herrliche auf erden,
wenn sie der irdschen liebe widersteht.
Schiller jungfrau von Orl. 1, 10;
eine jungfrau schwächen
ist wie eine kirch erbrechen.
Simrock sprichw. 282.
von der jungfrau Maria (vgl. dazu oben 2): und im sechsten mond, ward der engel Gabriel gesand von gott .. zu einer jungfrawen, die vertrawet war einem manne .. und die jungfraw hies Maria. Luc. 1, 27; eine jungfraw wird schwanger sein, und einen son geberen. Matth. 1, 23;
euch ist ein kindlein heut geborn,
von einer jungfraw auserkorn.
Luther 8, 358ᵃ.
6)
jungfrau, auch von männern, die ihre keuschheit bewahrt haben (vgl. jungfer 6): diese sinds, die mit weibern nicht befleckt sind, denn si sind jungfrawen, und folgen dem lamb nach, wo es hin gehet. offenb. 14, 4; das muszten allein junge unbärtige knaben, die reine unbeflekte jungfrauwen waren, thun. b. d. liebe 223ᶜ; darum ich beilag in freuden und mit ehren, und bin, gleich wie die braut, eine reine jungfrau gewesen. Schweinichen 2, 91.
7)
auch von einer noch nicht eroberten festung: die alte burg .. weil sie so manchen angriff abgeschlagen, manche befehdung vereitelt und sich immer als jungfrau gehalten hat. Göthe 52, xiv. vgl. unten jungfrauburg.
8)
jungfrau, die jugendliche dienerin, höheren, aber auch niederen ranges:
nu begunder umbe schouwen
und sach vil juncvrouwen,
die ir gesindes waren.
Iwein 5200;
die jungfrawen in dem haus, die braten nicht, ja wol, der eschengrüdel muͦsz es als thuͦn. Keisersberg brösaml. 79ᵇ; ein jungkfrouw die würket heidensch werk, die ander spint, die dryt negt, die viert reibt das geschirr, ein fegt das husz. der knecht ouch des selben glichen ... bilg. 9ᵃ; er (der sterbende) entpfilcht den kinden, den jungfrouwen, den knechten und allem sinem gesind, das sie lugen, das sie siner frouwen gehorsam sigent. 7ᵈ; man füret sie (des königs tochter) in gestickten kleidern zum könig, und jre gespielen, die jungfrawen, di jr nachgehen, furt man zu dir. ps. 45, 14; Gismunda tritt ein mit zweien jungkfrawen. H. Sachs 1, 117ᶜ;
darzu ir (des fräuleins) liebste junkfraw sprach,
die ir helferin was.
Hätzlerin 5ᵃ, 31.
jungfrau geradezu wie dienstmagd: jungkfrauw, dienstmagt, köchin, ancilla, ministratrix Maaler 238ᵈ; und sol ouch (der meier) darkommen mit siner wirtin, mit einem knecht und mit siner junkfrowen. weisth. 4, 333 (Zürich, 15. jh.); do ward ich zrad mit miner frowen (ehefrau), wen er sy welte annen (annehmen) zu einer jungfrowen und mich zu eim diener, so welten wier zu im. Th. Platter 70.
9)
jungfrau, das bekannte sternbild (auch hierfür im 14. jh. noch maget: unde gât die sunne in die magt. calendar. bei Haupt 6, 360): die sonne gehet durch die jungfrau, sol astrum virginis attingit. Stieler 547.
10)
jungfrau, name des bekannten berges in den Berner alpen:
und wohnt er droben auf dem eispalast
des Schreckhorns oder höher, wo die jungfrau
seit ewigkeit verschleiert sitzt.
Schiller Tell 1, 4.
11)
die eiserne jungfrau, ein marterinstrument.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1877), Bd. IV,II (1877), Sp. 2388, Z. 16.

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Zitationshilfe
„jungfrau“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/jungfrau>, abgerufen am 19.10.2021.

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