Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

küchenlatein, n.

küchenlatein, n.
schlechtes, barbarisches latein, genauer mönchslatein im gegensatze zu dem wiederhergestellten echten latein: solch elend, barmherzig kuchenlatin (in dem päbstl. breve). Luther ein bepstl. breve u. s. w. 1523 B ijᵃ; es laut gar übel und man heiszt es küchenlatein, so man latein redet nach ausweisen der teutschen zungen. Aventin chron. 1ᵃ;
solst ihn denn halten zum latein,
das er die sprach lern reden fein.
da geht die Judasmarter an,
die man nicht wol aussprechen kan.
zusammn er rafft das nechst das best,
küchenlatein das bleibt ihm fest,
sich umb die sprach nicht fast bemüht ...
Mauricius comoed. von dem schulwesen A 7ᵇ;
sie (die mönche) haben auch ein besonder latein, das man mönchs oder kuchenlatein nennet, darmit sie den teufel beschwern können und dem Prisciano mit vergeben. Fischart bien. 1588 225ᵇ (6, 2), bei Marnix een besonder latijn op haer eyghen handt, dat de gheleerte selve niet en connen verstaen, ende wort ghenoemt monickslatijn oft keuckenlatijn. byencorf 217ᵇ; nach diesen .. die teutschen ungelehrte münch .. sie verbösern (hett schier verbessern gesagt) wöllen, sie ie mehr und mehr mit irem küchenlatein deformirt. Kirchhof wendunm. 1602 4, 190 (3, 142 Öst.), die deutsche sprache nämlich. in dem berühmtesten denkmal des küchenlateins, den epistolae obscurorum virorum, kommt der name nicht vor, nur latinum crispum u. ä. Was ist der grund der benennung? das 16. jahrh. muszte ihn doch noch wissen. nur scherzhaft ist Fischarts erklärung: wir antworten darauf (auf die behauptung der neuen Lateiner, dasz poenitentia nicht von punire, sondern von poenitere komme), das unser l. mutter die h. kirch mit der newen ketzer latein nicht zuthun hat, sie hat ihr eigen latin für ihre kuchen, das heiszt klostrale latinum oder culinarium latinum, genant von culina der köchin, nicht vom culo, welches stinkt. bienenkorb 1588 117ᵇ (2, 7, bei Marnix 111ᵃ ohne scherz nur die vorher angeführten worte 217ᵇ); zu bemerken ist dazu, dasz küchin sowol für küche als köchin galt, ebenso zwar nicht culina, aber popina sowol für küche als köchin, beides auch in zweideutigem sinne (s. Dief. s. v.). Kilian erklärt nl. kokenlatijn barbaries, oratio male latina, tabernis et popinis digna, latin de cuisine. Der gedanke an latein, das man in der küche sprach, liegt freilich nahe, vgl. Luther unter küchenbube, der einer päbstl. bulle nachsagt, sie sei so gar unlatinisch, als hette sie ein küchenbube gemacht; was steckt aber in dem witzworte wahres, das dazu den anstosz gab? zu bemerken ist, dasz bei Luther wie bei Kilian nicht an klosterküchen gedacht ist, an die man bei küchenlatein gewöhnlich denkt (vgl. Fischart oben), sondern an küchen überhaupt. was hatte aber da das latein zu thun? das wenige latein z. b. in dem Tegernseer klosterkochbuch aus dem 15. oder 16. jh. Germ. 9, 198 ff. gibt auch keinen anhalt zu klosterlatein als 'küchenlatein'. an die lateinische küche, d. i. apotheke zu denken (s.küche 2, g) verwehrt Luthers äuszerung. erwähnenswert eine wendung Rabeners, freilich in anderm sinne, er klagt über die todte gelehrsamkeit, der lehrer z. b.: wie viele giebt es nicht, die zwar wissen, wie sie auf den catheder, aber nicht, wie sie in der küche lateinisch reden sollen. 1, 171 (1755), die küche für das häusliche leben üherhaupt (vgl.küchenprosa). in Eichstädts programmen de poesie culinaria Jena 1831 ff. wird nach dem grunde des namens nicht gefragt. Andere namen sind auszer mönchslatein: kuttenlatein, klosterlatein, bei Stieler 1073 'küchenlatein, quod etiam vocant jesuiter- lumpen- gemein latein, sermo vulgaris, trivialis, domesticus'. in Sachsen töpferlatein, von sprüchen welche töpfer auf schüsseln malten. s. auchkrämerlatein, ↗kinderlatein, sauerkrautlatein Rochholz alem. kinderl. 47, und küchendeutsch.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2504, Z. 60.

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Zitationshilfe
„küchenlatein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCchenlatein>, abgerufen am 08.05.2021.

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