Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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küchlein, n.

küchlein, n.
eine kleine kücke, 'eine küchel' Ludwig 1081, Steinb. 1, 891, kaum in gebrauch; wegen des gleichfalls zweifelhaften küchel s.kuchel. vgl.küchelchen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2512, Z. 2.

küchlein, n.

küchlein, n.
kleiner kuchen (mit langem ü).
1)
die formen.
a)
mhd. küechelîn wb. 1, 856ᵇ, kuochelîn Haupt 8, 225, sumerl. 13, 81. 28, 47; ahd. pl. 'koͮcheliu frixillae' Graff 4, 360, also chuochili, in mrh. gestalt cûchelen plur. crispelle gl. Jun. 285, kucheln tortellos Dief. n. gl. 368ᵃ (s. unter küche 1, d, α).
b)
dem chuochili entspricht spät mhd. in alem. gestalt cuechli pastillus (l. küechli) Wack. voc. opt. 23ᵇ, bei Maaler kuͤchle, bei Schönsl. küechle, s. dazu küchel 3; küechli schwäb. noch 16. jh., s. unter 2, g. das bair. kuͤchel, das masc. ist, war besonders aufzuführen. s. auch das md. küchelchen, mnl. coekelkin. in einem rhein. voc. mit nd. anklang kochlin tortula Dief. 589ᶜ. die nd. form ist kökeschen pastilli Chytr. c. 99, brotkokeschen artolaganus, urspr. mit -sken, s. gr. 3, 681.
c)
bemerkenswert eine vermischung mit küglein. wie bei Göthe neben küchelchen sp. 2495 kügelchen erscheint, so gibt Dasyp. 173ᵈ pastillus, das sonst in den vocc. küchlein ist, als kügelin; da bei Dasyp. ü und uͤ (d. i. üe) wie bei Maaler unterschieden sind, liegt zugleich eine vermischung und kreuzung der sachen vor, s. dazu 2, d; das alte pastillus war eben arzneipille, also kügelchen.
2)
gebrauch und bedeutung.
a)
die küchlein sind hauptsächlich ein feines oder festgebäck. wie mhd. 'pastillus, chuͦchelin' sum. 13, 81. 28, 47 (paxillus 42, 46), so im 15. jahrh. pastillus, pastillum, pastellus u. ähnl. kuchlin, kiechlin (auch pfankuche, pfannkuchlein, bretzel, pastet u. a.) Dief. 415ᶜ, vergl. panis artopticius, sonst pfannkuchen, als kuͤchle 409ᵇ, pastellus kuͤchlin und pfankuͤchel n. gl. 282ᵃ. auch tortellus, tortula (vgl. unter kringel 2, c und kuchen 2, c, α) kuchelein, kuͤchelein, kuchlein 589ᶜ. nachher im 16. jh. bei Maaler 254ᵈ mit gelehrtem (und zum theil verkehrtem) latein kuͤchle crustulum, collyra, laganum. es sind z. b. und besonders fasnachtkuͤchlein, s. Zarkckes Brant s. 465ᵃ, dazu das kuͤchle holen Hönigers narrensch. 394, s. darüber unter küchel 3 und besonders Zarncke a. a. o.; s. auch bauernküchlein. von stoff und form dieser küchlein wird im allgemeinen schon dasselbe gelten, was Schmeller von den bairischen küchel (s. d.) angibt.
b)
noch im 18. jh. in Alers dict. (Cöln 1727) 1248ᵇ küchlein pastillus, tortula, farriculum, lucunculus, lucunter, libacunculus, lang gezogenes küchlein offa tracta, rund küchlein offa rotundula, käsküchlein lixula, halbrunde küchlein semilixula, aber auch turunda, ein küchlein damit man die gänse fett macht (eine pille zum mästen, vergl. d, bei Denzler kügelein). bei Stieler 908 crustulum, collyra, crepis, scriblita, gelbe küchlein crocata, auch napf- polster- schnittküchlein, baurenküchlein colyphium. bei Frisch 1, 553ᵃ apfelküchlein, käs- hefen- hollunder- sternküchlein (letztere noch bei Adelung), bei Comenius orb. pict. 2, 338 fg. u. a. hefen- oder germküchlein, gewollene oder polsterküchlein placentae umbilicatae, schnittküchlein (ebend. auch törtlein). dagegen schon bei Ludwig nur noch apfel- und Nürnberger lebküchlein, bei Rädlein blosz küchlein, ein kleiner fladen, un petit gâteau. das wort musz danach um 1740 aus dem allgemeinern gebrauch gekommen sein, verdrängt durch allerhand besonders franz. namen.
c)
zu unterscheiden sind übrigens die küchlein die im hause die frauen buken (s. weiter e), und die welche der kunstbäckerei, zuckerbäckerei angehören, vergl. küchelbacher, küchelbäcker. küchlein letzterer art, wie gewiss schon unter b einige, sind z. b. zuckerküchlein, rosenküchlein Steinbach 1, 892, bei Ludwig 1081 rosen- violen- u. a. küchlein, morsellen, zeltlein; vgl. die schles. manigfachen küchel, plätzchen, zeltel bei Weinhold 48ᵇ. das geht aber wieder unmerklich über in solche, wie sie die apotheken lieferten so lange das wort ein modewort war: pastillus, apotekerküchlein, trozischken (aus trociscus, d. i. trochiscus, s. unter d) Dief. 415ᶜ aus einem späteren Frisius.
d)
von den küchlein unter b unterscheidet Stieler 908 förmlich 'küchlein, quasi kügelein' (s. 1, c) trochiscus, rotula, d. i. pillenartiges gebäck; er nennt als solche purgirküchlein, wurmküchlein (gegen würmer), bisenküchlein, berbersk., kraft- sive zuckerk., auch reucherküchlein. bei Ludwig 1081 noch brustküchlein in apotheken, kraft- oder herzküchlein, herzstärkende küchlein, auch purganzküchlein für einen falken. bei Aler küchlein der apotheker, pastillus. hustenküchlein, trochisci contra tussim Frisch 1, 479ᵃ. vielleicht ist schon folg. küchlein im 16. jh. eine art arzneipille (vgl.kugel als pille): das ich die müncherei wol mag nennen ein hellisch giftküchlin, das mit zucker überzogen ist ... wenn wir das küchlin verschlungen hatten, fand sich die gift. Luther 6, 23ᵃ.
e)
weiter von den küchlein die man im hause buk. es heiszt küchlein backen, zum feste, um sich ein gütchen zu thun, zum empfang eines gastes u. a.:
Circis, thuͦ du uns kuͤchlin bachen.
Gengenbach gouchm. 1174,
Circe zum empfang des Ulysses und seiner gefährten. auffallend ein küchlein:
bachen wir (uns) ein kuͤchelein,
meuselein und sträubelein,
und trinken auch den kuͤlen wein!
Garg. 87ᵃ (Sch. 149), Uhland volksl. 596.
die kinder machten das im spiele nach:
wie man der kinder oft musz lachen,
wann sie aus dreck thun küchlein bachen.
Eyering 3, 360.
Aber auch kochen, wie ja die fastnachtkrapfen, pfannkuchen in schmalz in der pfanne gesotten werden:
er sprach, sie wirt dir kuͤchlein kochen
ja erstlich in der flitterwochen.
hernach wirstus anders erfaren ...
H. Sachs 1, 438ᶜ, zugleich zu g.
schweiz. kuͤchli schicken bestechen s. unterkücheln 2, b.
f)
von ihrer ausnehmenden wertschätzung zeugen redensarten: darumb liebt .. sie (die welt) Antichristum, der ihr auf ihrem sack (sackpfeife?) etwas guͦts und eitels kan machen, wie sie (selber) ist, und darnach sie gern danzt, das schmeckt ihr basz dann kuͤchlin. Frank parad. 140ᵇ, 1558 296ᵃ, d. h. besser als das süszeste was sie sonst kennt; ein junger mann, der sich die ehe als lauter süszigkeit vorstellt, wird u. a. gewarnt:
er sprach, o draut geselle mein,
es ist nit lauter kuͤchlein zessen u. s. w.
H. Sachs 1, 438ᵇ;
den Benzenawer sie im pfiff
und knilt in (den floh) mit so groszer gir:
kuͤchlin hets gessen nicht darfür.
Fischart flöhh. 817 Sch., 2, 42 Kz.;
wie man keiner Schwäbin kind bald schweigt, man zeig im dann ein löffel oder ein kuͤchlin. Garg. 112ᵇ (Sch. 201). vgl. küchleinmündlein, zuckersüszes mündlein. welche wichtigkeit die küchlein im hausleben hatten, zeigt z. b. küchleinmutter, hebamme, s. dort.
g)
daher einem küchlein backen, ihn zärtlich behandeln, besonders mit vorzug vor anderen (wie es einem kücheln sp. 2496): wann das glück eim könzelt und küchlin bacht, so wil es in fassen und zertrucken. Frank spr. 1, 152ᵇ; darauf aber der vogt geantwurt, man müesze das übel strafen und man künde denen, so es verschulden (für verschuldet, s. Soltau 2, 407), nit küechli bachen. Zimmer. chron. 1, 411 (geschr. kuechli);
drumb darf man mir kein kuͤchlein pachen,
macht mirs wie mans andern thut machen!
Ayrer 349ᵈ (1753, 3),
sagt graf Reinmund der demütig ins kloster getreten und keinen vorzug vor den brüdern haben will. noch in Schwaben u. a.: weinend und jammernd beklagte ich mich darüber (über ungerechte behandlung) beim pater präfect ... allein der p. präfect sprach ernsthaft: 'kleiner, geh du heim und lasz dir küchlein backen!' ein spruch, den man gewöhnlich denen sagte, die nichts wuszten. Fr. X. Bronner leben 1, 169. zu vergleichen ist kücheln 2, b. c, wo ein höhnischer gebrauch deutlicher auftritt, als hier schon bei Bronner, s. auch Luther unter küchlich.
h)
sogar guter küchlein sein gleich guter dinge, lustig sein: essen und trinken (imper.) und seind guter küchlein. Bernh. Herzog schiltwacht H 8ᵇ; wie der bräutigam solches nicht achtet (dasz die braut sich versteckte) und nichts desto weniger guͦter küchlein war. Katzipori C 1ᵇ; essen hernach und trinken, sein guͦter küchelein. Q 1ᵃ. zur erklärung der merkw. wendung fehlt freilich ein zwischenglied. küchlein bachen kommt vor gleich glücklich, lustig leben:
lasz schauen wie du mit im haltst haus,
ob du werst allmal küchlein bachen.
H. Sachs 3, 2, 32ᵈ.
die küchlein muszten aber auch gut geraten, daher etwa das guter küchlein?
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2512, Z. 5.

küchlein, n.

küchlein, n.
junges huhn u. ä. (mit kurzem ü).
I.
Bedeutung und gebrauch.
1)
junges hühnchen: wie oft habe ich deine kinder versamlen wöllen, wie eine henne versamlet ire küchlin unter ire flügel. Luther Matth. 23, 37, var. kuchle (schweiz. übers. jungen); da junge hühnlin oder küchlin, so nur ausgekrochen waren, d. M. L. gebracht worden. tischreden 1, 123; (Christus) locket uns wie ein klugkhenne ihre puthünelein, sollen wir von den kleinen küchlein lernen, dasz wir ... Mathesius Sar. 159ᵇ;
und in deinem strahle piept das küchlein
unter der gluckhenne fittich.
Schubart 2, 304;
kann sich keine truthenne mehr freuen, wenn die küchlein unter ihr aus den eiern hüpfen. Claudius 3, 66; für solche poesien hatte ich eine besondere ehrfurcht, weil ich mich doch ungefähr gegen dieselben verhielt, wie die henne gegen die küchlein, die sie ausgebrütet um sich her piepsen sieht. Göthe 48, 15 (dicht. u. wahrh. 16. buch), vgl. Heine von seinen liebesliedern:
ach das ist ein ewig gattern,
aus den schalen kriechen küchlein,
und sie piepsen und sie flattern,
und du sperrst sie in ein büchlein.
buch der lieder 222.
ein volksm. scherz: waren 2 kleine mädchen .. die stunden gegen mir und schryen, ich solte die küchlein nicht vertreten, und konte doch keine sehen, und beschimpften mich (d. h. machten späsze) meines langen schlafens halber. Ettner unw. doctor 370; in Thüringen, Sachsen z. b. ruft man einem, der verschlafen in die stube tritt, zu, er solle die küchelchen (hühnerchen) nicht todt treten, nd. trett mi de küken nig dôd Dähnert 259ᵇ.
2)
bildlich von kindern im verhältnis zur mutter, oder zur welt u. ä.: pfui, Voss! sieh um dich her, die welt ist schön ... deine Ernestine mit ihren küchlein ... Voss br. 2, 178;
mädchen, du bist muthwillig ... du achtzehnjähriges küchlein!
Luise 1, 591.
geistlich, nach der bibelstelle unter 1:
breit aus die flügel beide,
o Jesu, meine freude,
und nimm dein küchlein ein.
Paul Gerhard nun ruhen alle wälder v. 8.
das jüngste kind, das gehätschelt wird, heiszt nordd. das nestküchlein, nestküchelchen (vgl. II, 2, c), s. das dritte küchelchen und keuchel 2. nd. auch z. b. ên dull küken ein ruchloser junge Dähnert, 'n wild küken wildfang Stürenb. 127ᵃ.
3)
von andern vögeln.
a)
sehet an die vogelin, wie fein rein gehet doch derselben zucht zu. es hacket die siehe in das häuptlin, leget sein eierlin säuberlich in das nest, setzet sich darüber, da gucken die jungen küchlin heraus. siehe das küchlin an, wie gar steckts doch im eie? Luther tischr. 1, 180; eier und küchlein des soland (pelecanus basianus) Kosegarten inselfahrt 3, 35;
gleich wie ein pelican mit seinem eignen blut
sein todte küggelein lebendig machen thut.
Creidius 1, 290.
so hüenel von vögeljungen überhaupt Megenberg 165, 14. 31, wie ja noch hahn auf alle vögelmännchen übertragen wird.
b)
man sagt es auch von gänschen, entchen, die den flaum noch haben, gänseküchlein Adelung (z. b. Hermes II, 2, c); taubenküchlein s. II, 2, a. von gänsen in vocc.: ginger bei Dief. 262ᶜ ist in der Cölner gemma cuychen, auch in oberd. (welchen?) ausg. ein kuchen, nd. kuken, und mit merkwürdiger endung in einem zwischen nrh., mrh. und nd. schwebenden voc. kuycher, in der gemmula (wol mrh.) cucker, s. II, 4; ginger oder gingerus aber ist ein junge gans voc. opt. Lpz. 1501 M iijᵃ (von gingrire sonare sicut anseres das., vgl. pipilio bei Trochus unter II, 2, a, lat. pipio von pipire).
c)
selbst von dem käferchen coccinella, Marienküchlein u. ä. (wie kühlein) Kuhns zeitschr. 4, 174. vgl. westf.: uut düüwels eggeren (eiern) kummet düüwels küüken. Curtze Waldeck 326.
II.
Geschichte, heimat, herkunft.
1,
a)
küchlein hühnchen, in der schriftsprache jetzt fest und herschend, ist in den wbb., also in der allgemeinen anerkennung, doch ziemlich jung. noch Stieler und selbst Steinbach haben es nicht, ich find es zuerst bei Rädlein (Lpz. 1711), dann auch bei Ludwig (Lpz. 1716), M. Kramer (Nürnb. 1719), Kirsch cornu cop. 1, 894ᵇ (Nürnb. 1723), Sghmotther (Dresd. u. Lpz. 1726), Frisch u. s. w.; Aler (Cöln 1727) gibt nur küchle, vgl. c a. e. wenn es demnach von Meiszen in den wbb. ausgegangen erscheint, wird es durch Luthers gebrauch in der bibel in gang gebracht und gefestigt worden sein. der oberd. sprache ist es fremd; doch s. 3, a. c.
b)
aber nicht küchlein ist die form der md. rede, sondern küchelchen (s. d.), z. b. thür., sächs., gespr. kichelchen (daher b. Schmotther auch kichlein); ist doch -lein diesen mundarten überhaupt fremd, und wo es da doch erscheint, ein zugeständnis an die oberd. sprache, im 16. jh. wol nicht anders als heute. doch schon im 15. jh. erscheint es westmd.: ocuus, ein kucheln. Dief. 393ᵇ aus einem mrh. (Mainzer) voc., das -eln für -elen, -elin ist eben mrh. (s. u. küchlein 1, a sp. 2512, küche 1, d, α). freilich ebenda ocuus .. kuchelin, jung thier aus einem sonst bair. voc., aber ders. musz danach eine md., wahrsch. mrh. vorlage gehabt haben (s. Diefenbachs angaben über die ihm verwandten vocc. s. xiii). hüener und küchlein Germ. 6, 103 in einem ged. d. 15. jh. in oberd. fassung, aber nicht mit rein oberd. reimen, vielleicht fränkisch, und dort wäre seine heimat denkbar (vgl.keuchel u. 3, b, α in dem Nürnb. voc.), da -lein dort gilt.
c)
das küchel oder kuchel, das dem küchelchen vorausgegangen sein musz, braucht noch Rollenhagen (küchel plur. s. sp. 2495), in der bed. 2 Musäus: bist ein armes verscheuchtes küchel. physiogn. reisen Altenb. 1781 1, 96 (also thür.), von einem mädchen. im 15. jh. westmd. kuchil ocuus Dief. 393ᵇ, im 14. jh. schles. kuchil pl. pulli Hoffmann fundgr. 1, 380ᵇ; freilich kann darauf auch keuchel (s. 3, b, α) anspruch machen, wenn kûchil zu lesen ist, vgl. kuͤchel Nesselm. deutsch-preusz. voc. 20ᵃ, wooft û meint. zwischen küchel und küchlein wie vermittelnd ist Alers küchle u. a, bei Luther kuchle u. I, 1.
2)
Aber auch das küchen, kuchen.
a)
küchen n., pl. küchen, nach Adelung 'noch im gemeinen leben vieler gegenden üblich' (in wbb. z. b. bei M. Kramer 1719 2, 128ᶜ), ist z. b. thüringisch, niederrh. (hier gespr. küche) Aach. mundart 133, dem. küchelchen. im 16. jh. b. Trochus (Lpz. 1517) H iijᵇ pipilio, pullus gallinaceus, ein kuchen, im 15. md. (rhein.) kuchen pullus Dief. 472ᵃ, im 14. kuchin pl.: Maria brâchte ouch ir opfer, zwei turteltûben und zwei kuchin. Herm. v. Fritzlar, myst. 1, 81, nach Luc. 2, 24 (das. 426) par turturum aut duos pullos columbarum, also taubenküchlein (s. I, c), vgl. dazu bei Haupt 3, 464ᵇ; alse ein henne sament ire kuͦchin undir ire vetiche. Beheims evang. Matth. 23, 37; als eine henne besamnet ire kuchene under di vitiche. Haupt 9, 281. als nom. sg. ist kuchin oder küchin anzunehmen, mit echtem i (s. b) wenn nicht kuchîn mit Wackern. voces var. anim.² 38.
b)
diesz kuchin ist glaub ich grammatisch lehrreich. der begriff zwingt beinahe, darin eine verkleinerungsform zu sehen, und das verkleinernde musz nicht nur das i sein (wie in den demin. endungen -i, -ili, -iko u. a., s. gramm. 3, 665 ff. 684), sondern auch das -n, das auch sonst in den kleinformen vielfach erscheint und bisher die grammatik in verlegenheit setzte (vgl. übr. Weinh. al. gr. s. 236). nicht nur in den endungen -lîn, -kîn, -chîn, wo man es als urspr. 'flexivisch' ansah (J. Grimm gr. 3, 665, vgl. 668), auch in den formen wie ahd. lewinchli kleiner löwe, cansincli gänschen, ags. hûsincle häuschen (gr. 3, 681 fg.), wo diese ausflucht erschwert war, wird das n so gut selbstständig verkleinernd sein, wie l und k u. a., allein wie mit anderen gehäuft. so erklärt sich denn mhd. magetîn mädchen, ahd. fulin oder fulîn pferdchen neben fuli (gr. 3, 684, oben 4, 510, vgl.fohlen n.), auch nd. klûwen, md. kleuen gleich hd. kläuel knäuel sp. 1032, nd. küven gleich kübel sp. 2485; ebenso ags. z. b. in cliven knäuel sp. 1032, ticcen n. zicklein, ahd. zikkin oder zikkîn; s. auch kuchel a. e. auch die Gothinen (und Gothonen?) sind wol 'kleine Gothen', und in der roman. dem endung -ino, -ina u. ä., mlat. -inus, die im lat. keinen anhalt hat (Diez gr. 2², 314), mag die altgerm. form stecken.
c)
im nd. gebiete entspricht
α)
nnd. küken n. Dähnert, Schamb., Danneil, Strodtmann, Curtze Waldeck 480ᵃ (mit kükelken n. küchelchen): ut braden eieren en komen neine küken. Tunnicius sprichw. nr. 69. auch in nordd. hochdeutsch, z. b.: wenn sie allzulebhaft auf dem nest herumtrampeln, so werden sie das pahr küken todttreten — und nun risz ich aus, denn ich sah, dasz die alte gans mich gar sehr anzischen wollte. Hermes Soph. r. 3, 433, gänseküchlein; und jezt sizen sie warm? 'oho! warm wie ein nestküken!' 6, 670, nestküken das jüngste kind Schütze holst. id. 2, 362, vgl. I, 2, und hier 5, b, α.
β)
mnd. kuken Rein. vos 3637, im reim auf dûken, tauchen, also umlautlos (s. auch 3, b, β); pullus kuken Dief. 472ᵃ, ocuus vel pullus, kuken n. gl. 270ᵃ, cuken 122ᵃ. auch mnl.: cuken, ginger (s. I, 3, b). hor. belg. 7, 12ᵇ; incubare, kuken broden. Dief. n. gl. 213 aus der nl. gemma (in der Cölner gemma kuchen broeden, brüten Dief. 293ᵇ); s. übrigens 3, b, β a. e.
γ)
auch über der see erscheint die kleinform mit -n, zum zeugnis ihres vorgeschichtlichen bestandes: ags. cycen, cicen n. (jenes Wright vocc. 63ᵃ, dieses 30ᵃ), nordhumbr. ciccen, acc. pl. cicceno Matth. 23, 37. halbsächs. chiken pullus Wright vocc. 90ᵇ, engl. chicken.
δ)
und ebenda noch die, wie es scheint, unverkleinerte form: engl. chick, bei Chaucer chike (Stratm. 140), und chuck, hühnchen als liebkosungswort für kinder u. a., was doch wol von der bed. küchlein ausgehen musz (mit einfachster verkleinerung schott. chucky küchlein Jamieson suppl. 1, 210ᵃ); ags. 'pullorum cocca' Haupt 9, 518ᵇ, s. darüber 5, b, α. Auch bei uns in spuren: ocuus, en kuke. Dief. 393ᵇ, 15. jh., vgl. nestkuk 5, b, α; s. auch keuchdieb, pullorum fur, milvius Henisch 691, 55 (nl. kiekendief Kil.).
ε)
nord. mit anderer verkleinerung (s. gr. 3, 683): altn. kjuklingr m. Fritzner 350ᵇ (auch gänseküchlein), isl. kyklíngr und kiúklíngr m. pullus Biörn 1, 483ᵇ. 455ᵇ, norw. kykling und kjukling m. Aasen 255ᵇ, schwed. kyckling, dial. kökling, kjukklung Rietz 342ᵇ, dän. kylling. bei Nemnich pol. 4, 338 auch als deutsch kikling (?).
3)
Noch andere nebenformen.
a)
auffallend auch hd. mit k, wie nd.
α)
kücklin Sebiz feldb. 106, kücklein, hünklein, poulet Hulsius Frkf. 1616 199ᵃ, vgl. küggelein b. Creidius u. I, 3 (er war aus Friedberg in d. Wetterau), das wol dasselbe meint.
β)
ebenso küken Sebiz, kücken (s. 2, c, α): aus gebratenen eirn kommen nit kücken oder huͤnlin. Frank spr. 2, 155ᵇ, aber aus dem nd. des Tunnicius (s. bl. 149ᵃ und oben 2, c). doch auch sonst: ocuus, hynckelgen vel kyken. Dief. 393ᵇ, doch wol mrh. (vgl. mrh. hünkel n. kühnchen Kehrein 205).
γ)
selbst kicken (s. c): ihr junge vögelchen, ihr armen kicken, macht ihr ewer nest so hoch? Fischart groszm. 38 (Sch. 573), bei Rabelais poulailles.
δ)
endlich keuken: die junge keuken oder piplin, welche ausgeschloffen sein. Sebiz 106. s. auch das nicht nd., wol mrh. cucker gänseküchlein I, 3, b.
ε)
die fälle gehören alle dem westen an, haupts. dem Rheinlande, bis zum Elsasz hinauf. selbst streng alem. tritt freilich solches k auf (Weinh. al. gr. s. 177); aber da das wort überhaupt nicht oberd. ist, musz wol hier einflusz vom Niederrhein, wo nicht von den Niederlanden her vorliegen, merkwürdig genug, zumal die formen mit -ch nebenher gehen, mrh. 1, b, wie nrh. b, β. die Cölner gemma z. b. braucht zugleich kuken und keuchen (Dief. s. v. pipiare, miluus und pullus). doch wäre auch ein einflusz von oberd. gockel hahn (s. 5, c) auf die k-formen denkbar; in Frankfurt z. b. heiszt der hahn kikel m., demin. kikelchen (wunderh. 3, 424), hess. gickel Vilmar 126, eig. gückel, vgl.nestgückel u. 5, b, α, wo doch gückel gleich küchlein.
b)
im vocal auch mit eu.
α)
wie keuken vorhin, so keuchel für küchel (s. sp. 647), im 16. jh. bei Waldis, noch jetzt im äuszersten nordosten wie im südosten (hier als md. oder mrh. einfuhr), im 15. jh. selbst im Nürnb. voc. v. 1482, der manches md. bringt; s. auch keuchelchen für küchelchen sp. 647, und keuchdieb u. 2, c, δ.
β)
dem keuken entspricht nrh. keuchen: pullus, ein ionck keuchen. Dief. 472ᵃ aus der Cölner gemma, wenig früher bei Harf pilgerf. 92, 24. 32 kuychen. daran schlieszt sich nl. kuiken n., bei Kil. kuycken, wie auch altclev. cuycken Teuth. 62ᵃ. Dem nd. küken, kuken (3, c, α. β) ist wie dem älter md. kuchil (1, c) länge oder kürze nicht anzusehen; doch ist länge neben der kürze sowol bei letzterm wahrscheinlich nach keuchel, wie bei dem ersteren. küken mit länge geben nnd. an Schambach, Danneil, Curtze (s. I, 3), westf. kuiken Kuhns zeitschr. 2, 207; nach dem reime im Rein. vos u. 2, c, β ist auch mnd. kûken möglich, wie ja sonst nd. û gleich nl. ui ist.
γ)
dieses nebeneinander von länge und kürze ist wahrsch. dem stamme eingewachsen. denn ags. zwar fehlt die länge (s. 2, c, γ), aber das nord. kyklingr und kiuklingr (2, c, ε) zeigt dieselbe oder eine nächstverwandte erscheinung. ähnlich steht neben krume mit urspr. kürze nl. kruim.
c)
endlich auch mit i. wie bei Fischart kicken (a, γ), so nd. im brem. wb. 2, 769 kiken und nur so, nig kind nog kiken hebben, keine eheliche erben, wie engl. nor child nor chicken. auf das engl., selbst das ags. i ist freilich kein verlasz, es ist zu oft urspr. y (d. i. ü); ich weisz nicht, ob etwa chekyn pullus prompt. parv. 74ᵃ für echtes i spricht. eigen nnl. kieken neben kuiken, bei Kil. kiecken; stimmt diesz ie zu dem nord. iu 2, c, ε? oder steht es hier für i? denn mnl. auch kiken pullus hor. beg. 7, 6ᵃ neben kieken 9ᵃ.
4)
merkwürdig kücher, doch wol auch n., bei Nemnich wb. 337, polygl. 4, 338 vom küchlein des huhns, ohne heimat oder quelle. aber bestätigt aus dem 15. jh. und aus rhein. quellen durch cucker, kuycher ginger I, 3, b, doch vom gänseküchlein. diese formen verhalten sich zu Nemnichs form, wie kücklein und keuchel zu küchlein, kücher ist nebenform zu küchen.
5)
herkunft und verwandschaft.
a)
man stellt es seit Frisch zu quick lebendig, der dafür 1, 553ᵇ auf den voc. theut. 1482 verwies, wo erkucken für ausbrüten erscheint (s. 3, 882); vgl. Weigand 1, 646. auch in einem oberd. voc. d. 15. jh. wird incubare mit erkuchken erklärt Dief. n. gl. 213ᵇ (in der nl. gemma das. mit kuken broden, küchlein brüten), selbst incubare erquicken bei Dief. 293ᵇ, doch ohne quelle. Aber dieser anklang hat keinen halt in den sachen, ist im 15. jh. höchstens als gedanke durch den kopf eines solchen glossators oder andern sprachdenkers gegangen. die gebrauchsgebiete des md. küchlein und des oberd. erkücken decken sich gar nicht, berühren sich höchstens an den rändern; das urspr. qu-, das bei der nachkommenschaft von quick bis heute stark vertreten ist (s. keck I, a. b), erscheint bei küchlein nicht éinmal, das md. -ch wäre neben dem auslaute von keck nicht begreiflich, das hd. eu in keuchel, die nd. nl. vocallänge noch weniger.
b)
weiter kommt man mit dem ags.
α)
schon Wachter 891 sah in küchlein, wie nun auch Wackernagel voces var an.² 38, ein demin. zu ags. coc gallus (Wright vocc. 30ᵃ. 63ᵃ. 77ᵃ), genauer wol cocc (Wright 29ᵇ, vgl. Dief. 58ᵇ). nach dem cocca pullorum 2, c, δ gab es selbst ein cocc küchlein, das sogar noch lebt in engl. nestcock gleich nestchicken nestküchlein, nesthökchen (s. 2, c, α), wol auch bei uns in ditm. nestkuk neben nestküken, s. Richey 419, guckenestchen Rädlein 415ᵃ (vgl. nrh. nestekack, henneb. nestgückel Fromm. 5, 416). Nimmt man dazu engl. dial. chuck henne Halliw. 249ᵃ, wahrscheinlich auch küchlein (2, c, δ), wie das schott. demin. chuckie sowol henne als küchlein ist (Jamieson suppl. 1, 210ᵃ), so hat man die ganze hühnerfamilie mit éinem wortstamme benannt, urspr. kuk, wie denn chuck! chuck! noch der engl. lockruf für hühner ist, auch das locken der hennen an die küchlein to chuck, chuckle genannt wird. Diesz an sich wahrscheinliche verhältnis ist denn gewesen wie noch in anderen sprachen, z. b. poln. kur m. hahn, kura f. henne, kurcza̜tko, kurcze̜ n. hühnchen, und wie in hahn, henne, huhn, hühnchen noch, auch in dem mit cock verwandten koppe m. hahn, koppe f. henne (sp. 1783), henneb. küppele n. küchlein Fromm. 4, 317.
β)
nun erklärt sich fast alles. neben coc oder cocc m. hahn wird ein n. coc, cocc küchlein bestanden haben; der doppelte auslaut erscheint auch in nordh. ciccen 2, c, γ, er wird eine spätere, erweiterte gestalt des urspr. stammes mit einfachem auslaute darstellen. Der name für das küchlein drängte aber zur verkleinerung, sie erscheint am einfachsten in schott. chuckie, dem sich vielleicht das mnd. kuke 2, c, γ gesellt, in folge des -i mit beibehaltenem u aus dem stamme; kräftiger, doppelt verkleinert ags. cycen, nd. küken n., urspr. kukin (s. 2, b), hd. oder md. aber, wo das verkleinernde -n, -in am frühesten schwand, küchel, küchelchen, küchlein, nord. kyklingr. Der entsprechende name der mutter ist auch nicht blosz in schott. chuckie, engl. chuck erhalten, bei den nordital. kindern heiszt die henne coca (sp. 1784), wie in dem lockrufe cochi! das. coco huhn überhaupt erhalten ist, ohne zweifel germ. rest aus alter zeit, so gut wie frz. coq. vgl.hausgug haushahn Henisch 1774, 32.
γ)
alles ist freilich noch nicht klar, haupts. der vocalwechsel mit länge und kürze, das keuchel, keuken, nl. kuiken, und nd. kiken, nl. kieken. ist das spätere entwickelung? oder von alter ablautung im stamme? vgl. ähnliche ablautung bei dem verwandten koppe sp. 1783 unten. übrigens ist der ganze stamm, besonders in dem namen für hahn, nicht blosz germ. und indog. (skr. kukkuta hahn), sondern fast europäisch (kelt., finn., slav., alban. u. s. w.), s. Miklosich 296ᵇ, Diefenb. goth. wb. 2, 482, Kuhns und Schl. beitr. 4, 79, Diez 2, 253, Nemnich 4, 939, und zwar mit ausbleiben der lautverschiebung; vgl. u. kuckern krähen.
c)
geschichtlich wertvoll wäre bei der culturbedeutung der hühnerzucht eine vergleichung der ausdehnung der beiden stämme von cock und hahn, küchlein und hühnlein. jener gehört mehr dem germ. norden, dieser mehr dem süden an, beide sind wie sich begegnende strömungen, die sich im hause das feld streitig gemacht haben. die erstere erscheint als die ältere, im norden am besten erhalten in engl. cock, in schwed. dän. dial. kokk, kok, altn. kokr, während hahn, das ags. doch bestand (s. 4², 159), engl. erloschen ist. so ist es kein zufall, dasz küchlein, küken oberd. fehlt, mit ihm hört eben die nördliche strömung in der mitte des ganzen gebietes auf; umgekehrt ist huhn n. eigentlich nur festländisch. das südd. gockel, göcker hahn freilich stört anscheinend jene annahme, aber es wird mit cock, küchlein u. s. w. nicht unmittelbar zusammengehören. s. auchkuckelhahn.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2514, Z. 1.

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Zitationshilfe
„küchlein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCchlein>, abgerufen am 18.05.2021.

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