Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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allerkühnst

allerkühnst:
der allerkühnste held.
Logau 1, 84, 47;
schrecken hätte darob den allerkühnsten ergriffen.
Bürger 218ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1852), Bd. I (1854), Sp. 224, Z. 54.

kuhn, m.

kuhn, m.
gleich kahn, kahm, s. sp. 32.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2573, Z. 73.

kühn

kühn,
audax, fortis.
I.
Form und vorgeschichte.
a)
mhd. küene, ahd. chuoni, noch älter chôni, flectiert auch mit -nn Graff 4, 448 (aus dem -ni, s. sp. 408), z. b. chônnêm mannum fortibus viris Hildebr. 28; daneben mhd. kuon (s. u. e), ahd. gewiss auch chuon. alts. kôni unbezeugt, mnd. kône, kœne, kûne Dief. 60ᵃ, mnl. coene, nl. koen. ags. cêne, cŷne, engl. keen. neunord. fehlend, aber in altdän. dichtung kön, kiön kühn Molbech dansk gl. 1, 437, altschw. kön, kyn Ihre 1, 1144, wahrsch. durch vorübergehenden einflusz der deutschen dichtung (s. z. b. klaffen 2, g), schwed. sogar wie öfter (vgl. kühl I, a) in hd. form kyn. denn altn. entspricht zwar kœnn, aber in anderer bed., erfahren (s. II, 1, a), auch altdän. bei Molbech kiön, z. b. lovkiön rechtskundig, er trennt es völlig vom anderen. noch anders dän. kjön hübsch, artig, schwed. kjönn, kynn, s. Rietz 320ᵇ, Dief. goth. wb. 2, 239.
b)
die entstehung betreffend liegen mehrere vermutungen vor, keine ganz befriedigend, s. J. Grimm myth. 317 anm., b. Haupt 6, 543, anders gesch. d. d. spr. 901 anm.; Weigand 1, 647 knüpft es an goth. kunnan wissen an (s.können), auf der altn. bed. fuszend, Dietrich bei Haupt 13, 117 an altn. kynda entzünden (s.kenten), auf der bed. scharf fuszend (s. II, 1, b). zur entscheidung fehlt glaub ich eine ausreichende bezeugung oder beobachtung des ältesten gebrauches, dasz man seine bedeutung, seinen inhalt an der wurzel fassen könnte. solche wörter aus der sittlichen welt machen oft wunderliche wege und sprünge, man s. z. b. gemeit, feig, klug, karg (veige = tapfer hürn. Seifr. 143, 2).
c)
oberd. auch kœne, also mit dem nd. überein (das kœne im reime auf hœne, schœne bei Wizlav MS. 3, 80ᵃ musz man als nd. ansehen):
die wâren gar kœne
und darzuo faste schœne.
Friedr. v. Schwaben, v. d. Hagens Germ. 7, 113;
von wunden wirt man kœn gar.
meister Irregang, leseb. ⁴ 961, 3;
dar zuo manig köner man
hat mein vatter an seinem reich.
Pfeiffers Germ. 1, 185ᵃ, 35 (Kellers fastn. sp. nachl. 166, 23);
von dem aller könesten weigant herr Dietereich von Beren. Haupt 5, 246; timidus, blode, unkone (o für ö) Mones anz. 7, 298;
Martin Luther ist ein köner man,
ein grosz spil hat er gfangen an.
Wolffs hist. volksl. 64;
das weiblein schön   zum gsellen köhn
sprach tugendlich mit züchten.
Hoffmann gesellschaftsl. 52;
vgl. u. kühne f., kühnmütig. Auch geschrieben und gesprochen kên (wie augsb. rêmen, blêmen für rüemen, blüemen Germ. 3, 318):
nun wer dich als ain ritter,
du edler degen keen (so die hs.).
Uhland volksl. 483, schwäbisch;
du keener degen zuͦ fuͦsz und ross.
484.
Diesz kœne ist wahrsch. eine unmittelbare fortsetzung des ahd. chôni, s. Weinhold al. gr. s. 45. 82. 100, bair. gr. 68. eigen auch mnd. mit ê in unkene timidus Dief. 583ᶜ, vgl. keine 576ᵃ, keun 60ᵃ, die wol rhein. sind.
d)
das volle alte küne hielt sich am längsten in md. munde (wie kühle u. a., s. dort I, c): darumb ist nie kein heilige so küne gewesen, das er von im selbs sagete, das seine weisheit und gerechtigkeit für im nichts sei. Luther 3, 27ᵃ; wer wil so küne sein. 27ᵇ; wer wil aber hie so küne sein, der dem bapst, cardineln ... dürfe sagen ihr seid voller teufel, ob es wol die bitter warheit ist? 8, 265ᵇ; küne wie ein junger brüllender lewe, so er etwas jagt. 1 Macc. 3, 4; die meuse .. sind küne worden. Judith 14, 11 u. ö.; bat sie hernach bei mir um verzeihung, dasz sie so kühne gewesen wäre. Schelmufsky 2, 47, die volksm. form, die in dieser zeit auch in md. wbb. nicht mehr erscheint: kün Stieler, kühn Rädlein, Steinb. u. s. w.; beiläufig, J. Grimm verlangte kün (Haupt 6, 543), wie ja grün das h nicht habe.
e)
fraglich ist ein adv. kune, das man erwarten sollte (wie kule sp. 2558): dan die weil sie es achten, der heilig geist lasz (verlasse) sie nit, sie sein so ungeleret und bose wie sie kunden, werden sie kune zusetzen was sie nur wollen. Luther an den adel B iijᵇ (Wack. les. 3¹, 90), von dem geistlichen rechte der papisten. es wird nur die bezeichnung des umlauts fehlen, wie in bose, sunde B 4ᵃ, mud L 4ᵇ, bucher L 1ᵇ; es ist wie im 15. jh. kune, kun audax Dief. 60ᵃ, kulunge, erkulen 489ᶜ, wo immer ü gemeint ist. Auch ein mhd. kuone audacter fehlt (doch vgl. wb. 3, 907ᵃ), wie erkuonen im wb. zwar angesetzt, aber nicht bezeugt ist (s. J. Grimm u. erkuhnen), vgl. dazu kuhlen. dennoch, wie kuonheit, so auch kuon für küene, d. h. ohne das urspr. -i (vgl. tir. kuel sp. 2558 mitte):
wil er sich unser abe tuon,
der sich nu dunket harte kuon.
welscher gast 12202.
anders md. kûne Albr. v. Halb. Germ. 10, 240 (: tûne, tuone), pass. K. 37, 87, mit û für hd. üe.
II.
Bedeutung u. gebrauch.
1)
Ich nehme die uns ungewohnten bedeutungen voraus, unter oder hinter denen die älteste zu suchen ist. es kommt aber, bei freilich dürftigen unterlagen, nichts heraus als dasz der heutige begriff der urspr. bed. doch wol näher steht als jeder andere.
a)
am fernsten liegt uns altn. kœnn (kænn) erfahren, kundig, klug, weise, dazu kœni f. (s.kühne f.), z. b. siâkœni seekunde, erfahrung, kœnligr verständig, s. Fritzner 381ᵃ, Egilsson 473ᵃ. 459ᵃ, Biörn 1, 488ᵃ; aber einen übergang zu unserm kühn deutet an vîgkœnn Möbius 235, vîgs kœnn Egilss. 459ᵃ, sodasz der kühne krieger zuerst nicht der kecke, waghalsige, sondern der krieggeübte, der kriegskenner gewesen wäre, vor allem auf führer passend. ja dem vîgkœnn entspricht vielleicht mhd. strîtküene, sturmküene nicht nur äuszerlich, dem vîgs kœnn ('peritus pugnae, bellicosus' Egilss.) ahd. chuoni in oder ze wîge, bellicosus, fortis in bello Graff 4, 447. auch das altn. wort gieng wol schon über erfahren hinaus in der verbindung kœnn ok hraustr (kräftig, tapfer) Möbius 235, raustr eđa vîgkœnn das. steckt die kriegserfahrung auch noch in dem mhd. spruche u. I, c von wunden wirt man kœne? übrigens wollen die wendungen und zusammens. mit kœnn bei Egilsson in dem bloszen 'kundig' keineswegs rein aufgehn, es tritt der begriff von kraft, thun und walten mit heraus und jener ist doch vielleicht nicht der erste. vgl. auch 2, b. ähnlich ist unser kraft im ags. cräft, englischen craft vielmehr fertigkeit, kunst, list.
b)
ein ganz anderer begriff tritt engl. auf, keen ist da scharf, z. b. ein messer, altengl. kene asper, acutus prompt. parv. 271ᵇ (aber auch kühn), ob schon ags.? da ist cêne audax, z. b. vom löwen, von helden, auch z. b. gârcêne 'speerkühn' (vgl. altn. skialdkœnn Egilss. 730ᵇ). auch ahd. wird chuoni oft mit acer glossiert, aber nicht in der sinnlichen bed., sondern von kriegern, helden, wölfen, auch in der stelle Verg. Aen. 9, 715 ist mit den stimuli acres (chuoni) nichts als kampfesmut, kampfgier bezeichnet; einmal, Verg. georg. 3, 346, in der bed. eifrig, wie noch engl. keen. so mag das sinnliche 'scharf' erst später entwickelt sein. umgekehrt galt mhd. scharpf auch für kühn, kampfgierig Neidh. 232, 6 (s. 2, a).
c)
eigen mhd. koufküene, von waare die sich gut verkauft (s. schon oben kaufkühn):
daʒ leder dâ von gar herte wirt
und koufküene.
Konr. v. Ammenh. 213 Wack.,
ein anderer beleg aus dems. gedichte bei Scherz 445, wo tuch von den wollenwebern durch künstliche mittel friuntgæbe und koufküene gemacht wird. vom käufer wäre das leicht begreiflich als kauflustig, kaufbegierig, aber kauf (s. d.) bedeutete nicht blosz den einkauf.
d)
eine recht sinnliche verwendung im 15. 16. jh. von salpeter, bei pulverbereitung: der allerkönest und best salpeter. von geschosz, büchsen, pulver u. s. w. Straszb. Egen. 1529 17, vgl. das.: ein pfund desselben salpeters hat mehr kraft und könheit .... dann sunst 5 pfund thun möchten. 14, entlehnt aus einem feuerwerkbuche v. 1432, aus dem Lexer 1, 1764. 1787 die stellen citiert, also wirksam, kräftig, stark; es mag aber aus der sprache der alchymisten oder goldmacher stammen, die ihre kräfte und stoffe auch in der sprache als lebende wesen behandelten.
e)
eine andere sinnliche bed. schweiz.: küen, gesund, lebhaft von farbe, ein küenes gesicht Stalder 2, 142; vgl.kühnhaft gesund, kräftig, frisch: und je vester das glied ist, gesund und küenhaft von seiner natur, je sterker er auch ist. Parac. 1, 318ᵃ. aber auch das mag nicht ursprünglich sein, nur die natürliche äuszerung thatkräftiger lebensfrische. es wird auch im folg. mit sein: geht sie (die glückliche mutter) .. mit munterm schritt und kühnem gesicht, fast wie ehedem, wenn sie vom tanze kam und die buben sich um sie die haare aus dem kopfe gerissen. Gotthelf 4, 136, zuversichtlich und lebfrisch (vgl. 2, f). so ist keck urspr. auch gesund, lebfrisch, drall, s. dort 2, a. b (nd. keck auch schön, artig, tüchtig Dähnert 223ᵇ).
f)
im folg. soll es ernst bedeuten (vgl. 2, g):
seines muhts und wandels khüne zucht.
Weckherlin 427 (od. II dedic.);
und ewer khünes angesicht
gibt einen ernstlichen bericht
von ewrer keuschen lieb gedanken.
429 (od. II, 1, 4).
g)
ob im folg. gleich begierig? von landsknechten: kuͤhn und gutdurstig gemacht. Fronsperger kriegsb. 1, 175ᵃ. engl. keen bed. auch gierig, erpicht auf etwas. ähnlich vielleicht mhd. sanges küene von den vögeln im frühjahr Germ. 12, 49, oder eifrig, vgl. der tugenden küene (kühnheit) Mart. 36, 111, begier, eifer nach tugend?
h)
kühn auf etwas: wor auf nu jemand küne ist, dar auf bin ich auch küne. sie sind Ebreer, ich auch. 2 Cor. 11, 21, ἐν ὧ τις τολμᾶ, vulg. in quo quis audet; wenn ich mit inen lachete, wurden sie nicht zu küne darauf. Hiob 29, 24; er ist kühn auf sein stück, causae suae confidit. Aler 1251ᵃ;
indes flog jener auf, kühn auf geprüfte schwingen.
Ramler fabellese 1, 225;
stolz und kühn auf seine tugend. Klinger 5, 190; kühn und sicher auf seine tugend. 202. das ungewohnte liegt da doch mehr in auf, das den gedanken ergänzt zu 'sich kühn verlassend auf ..'; aber gleich stolz erscheint wol schon mhd. küene (kœne) MS. 3, 80ᵃ.
2)
Die gewöhnliche bedeutung.
a)
wie schon ahd. audax, fortis, ferox, acer, so mhd., bes. von helden als eigentlicher ausdruck ihres heldenthums, wenn z. b. Siegfried von Günther in Worms willkommen geheiszen wird, weil er edel und küene sei Nib. 103, 2, und Siegfried sein kommen damit erklärt dasz er gehört wie Günther küener als einer sei und die küenesten recken habe 107, 2. 106, 3. den kern des begriffes offenbart wol ein beliebtes bild: küene als ein swîn oder eberswîn, letztere heiszen eben auch diu küenen eberswîn, s. wb. 2², 795ᵇ, in gleichem sinne grimmer oder scherpfer danne ein eberswîn das., vgl. oben unter eber. es ist der angreifende kampfmut, oder auszer dem kampfe brennender thateifer überhaupt (vgl. ags. dædcêne), wie in lat. acer. verstärkt z. b. grimme küene Gudr. 208, 4, vgl. acer grimmich 15. jh. Dief. 8ᶜ.
b)
ein licht auf den urspr. begriff wirft auch dummkühn 2, 1521. die jugend ist tumbkün, hat tumbküne vermessenheit (das. aus Rollenhagen), urspr. tumplîchen küene Germ. 10, 240, 110; d. h. tump sind die jungen, eig. unerfahren, tumpküene also kühn wie ein unerfahrener junger kämpfer, wer drauf geht ohne umsicht, gleichsam blosz leiblich, nicht auch geistig kühn. da berührt sich der mhd. begriff mit dem altn. 1, a. Im 15. jh. wird temerarius erklärt mit tumkun, dumkune, nd. dulkone (tollkühn) Dief. 576ᵃ, auch uberchun temerus das., aber merkw. auch unkun temerarius n. gl. 360ᵃ, worin man den altn. begriff könnte hd. wiederfinden wollen (dagegen timidus unkene Dief. 483ᶜ); übrigens auch kurz kuner ... temerarius voc. 1482 r 8ᵃ. den gegensatz drückt gut aus gelassen kühn Göthe 13, 275. auszer tollkühn auch plump-kühn, frech-kühn Ludwig 1084.
c)
mhd. auch von thieren. wie vom eber u. a, so von einem streitrosse:
dô reit der künec Purrel
starc küene unde snel
ein ors, gewâpent ûf den huof.
Wolfr. Wh. 429, 10,
d. h. man sieht dem rosse das küene an, sodasz sich da zugleich der begriff 1, e natürlich anknüpft. ähnlich von jagdhunden:
do kam der herr von Weiszenburg
mit seinen winden so kün.
Uhland volksl. 284.
d)
nhd.: kun, audax, animosus, presumptuosus. voc. inc. teut. n 8ᵇ. kuner, audax, gedurstiger, geherzter oder kecker, cordatus. voc. 1482 r 5ᵇ. so im alten sinne küner held, küne taht Stieler 1046, einen kün machen, animum addere, man siehet wol dasz er kün genug ist, audaciam in oculis praefert, der kleine ist oft küner als der grosze ders. 1047;
den kühnen ritter soll man ehren!
Schiller 65ᵃ (kampf m. d. dr.);
der muth ists, der den ritter ehret,
du hast den kühnen geist bewähret.
65ᵇ;
fünf unsers ordens waren schon ...
des kühnen muthes opfer worden.
das.,
kühner muth auch 603ᵇ, nach fortis animus? vgl. kühnmütig;
sie reinigten von ungeheuern
die welt in kühnen abenteuern.
65ᵇ;
der kühne sucht die gefahr auf
und erfreut sich mit ihr.
Göthe 40, 145;
im adv.: dasz einer der unsrigen, der sich zu kühn zwischen die hecken gewagt hatte, umzingelt .. wurde. 30, 78. vgl. kühnlich.
e)
auch tadelnd, wie lat. audax gleichfalls. so schon u. b temerarius, u. d im voc. inc. t. presumptuosus (noch engl. presumptuous dummdreist, vermessen): ein kluges herz handelt bedechtiglich, aber die künen narren regieren nerrisch. spr. Sal. 15, 14, gleich dummkühn u. b; nichts destoweniger war ich thummer narr so kühn, dasz ich ohne alle sorge fortschliefe. Simpl. 3, 414 Kz. für vermessen, verwegen oder anmaszend, keck, frech:
ein man ward so gar frech und kün,
des geils und kützels also vol,
und nam zwei weiber auf ein mal.
Waldis Es. 3, 83, 2;
welcher Santfelten hat euch .. so frech und kühne gemacht dasz ihr da kommet in den burgfrieden und denselbigen brechet? Philander 1665 2, 509; gotslestern, huͦren, spilen, mörden, brennen, rauben .. ist ir (der landsknechte) gemein handwerk und höchste kurzweil. wer hierinn kuͤn und keck ist, der ist der best (gewinnt den preis). Frank chron. 1536 253ᵃ, freilich zugleich in ironischer verwendung des echten sinnes, wie im turnier der vollen brüder (vgl. kannenritter):
Saufs gar ausz, der ist ein kuͤner held,
wer in (den) tar nider legen (mit trinken).
Uhland volksl. 612.
küner kerl, audaculus, effrons. Stieler 1046. kühn und tumm, nequam et confidens Steinbach 1, 946.
f)
zuversichtlich, mutig, ohne dasz sichs um ein augenblickliches bedeutendes thun handelt, an das wir bei kühn zuerst denken:
so wil ich dir wünschen was ich kan (zum neuen jahr),
ein kuͤn herz, ein frischen muͦt u. s. w.
klopfan, weim. jahrb. 2, 92;
deshalb wir ganz trostlich und kuen ab der gschrift worden. Zwingli b. Wack. les. 3¹, 264; ich musz dir bekennen, dasz mir dieses heitere kühne wesen gegen die stille bange furchtsamkeit in Wien und Venedig sehr wol gefiel, und dasz ich selber etwas freier zu athmen anfieng. Seume spazierg. (1803) 111, zugleich wie das schweiz. kühn u. 1, e. so auch kühn im leiden: kalt und kühn, ohne einen klagenden laut, lagen die nordamerikanischen wilden an gräszlichen wunden. Hegner molkenkur (1813) 1, 131.
g)
überhaupt von allerlei thun und wollen, auch vom äuszeren ins innere übergehend.
α)
lasz mich küne sein, alle menschen zu strafen und zu überzeugen das sie sünder sind. Luther 3, 15ᵃ;
aufrecht und redlich, kühn dabei,
deines lobs und ehren feldzeichen sei.
Hoffmann v. F. spenden 1, 14 aus Petri,
gemeint ist wol was wir fest nennen würden, vielleicht consequent, vgl. Weckherlin u. 1, f;
dasz ich bisweilen red latein,
kühn (dazu) machet mich der kühle wein.
1, 4 aus Buchler,
jetzt etwa: die courage gibt mir d. k. w.; kühne liebkosungen. Göthe 16, 70.
β)
als höfliche wendung: so bat sie hernach bei mir um verzeihung, dasz sie so kühne gewesen wäre. Schelm. 2, 47, eine frau die ihn aus irrthum als vermeintlichen sohn geküsst hatte; er lächelte den herrn pastor an und sagte .. ich freue mich, dasz ich .. den herrn pastor an meinem tisch sehen soll, aber ich würde so kühn nicht gewesen sein (ihn zum kindtaufschmause zu bitten), wenn meine freude über einen enkel nicht so grosz wäre. Stilling jug. (1779) 50, jetzt so frei gewesen sein oder es gewagt haben, oder ich würde mich geniert haben. aus Nassau bei Kehrein 250 ich bin nicht so kühn, ich 'geniere mich'.
γ)
aus dem alltagsleben ist das schöne wort jetzt überhaupt meist verdrängt, zum theil, wie man sieht, durch unnütze fremdwörter (auch in seinem eigentlichen lebenskreise, im kampfe, durch tapfer oder das franz. brav beschränkt). aus Baiern gibt Schm. 2, 308 ausdrücklich an, es sei unvolksüblich, auch in meiner heimat ist es das, und wol auch in der nordd. volkssprache, nach dem schweigen der nd. wbb. zu urtheilen, dort gilt drîste, das durch die nordd. schriftsteller auch hd. wurde.
h)
in der gewählten sprache, in büchern wird es auch für äuszeres thun da beibehalten, wo eine gefahr damit verknüpft ist (auch in dem kühn von liebkosungen bei Göthe unter g versteckt sich der begriff der gefahr), z. b. kühne bauten im eisenbahnwesen, wie viaducte mit kühn geschwungenen bogen, die einen schwindeln machen; doch kommt auch diese kühnheit mehr dem gedanken des baumeisters zu gute (s. 3, b), als dem arbeiter der die gefahren der ausführung wirklich auf sich nimmt: sah ich .. über die Rhone .. in einem hohen bogen eine schmale leichte brücke kühn hinüber gesprengt. Göthe 16, 258;
kalt wehn des grabes schrecken,
wo dräuend der granit
in kühngethürmten blöcken
den abgrund übersieht.
Matthisson 73, der alpenwanderer,
wie wenn sie menschen gethürmt hätten, mit menschengefühl aufgefaszt, das verbirgt sich zugleich in dem ausdrucke;
angesiedelt an des hügels kraft,
den aufgewälzt kühn-emsige völkerschaft.
Göthe 41, 321;
mit nichten! dieser erdenkreis
gewährt noch raum zu groszen thaten.
erstaunenswürdiges soll gerathen,
ich fühle kraft zu kühnem fleisz.
41, 257, Faust im 2. th. 4. act.
3)
Übertragen auf inneres, geistiges thun.
a)
kühn ist wer 'gewagtes' behauptet, glaubt, denkt, erstrebt u. dergl.:
Martin Luther ist ein köner man,
ein grosz spil hat er gfangen an.
Wolffs hist. volksl. 64;
o wie herzlich gerne wolten wir das thun, wenn die wort (das ist mein leib u. s. w.) nicht in allen evangelisten stünden. o da ist gut raht zu (läszt er die gegner erwidern), ir müszt küne sein und sagen, sie sind etwa hinein gesatzt aus dem rand in den text, aber nicht von den evangelisten selbs geschrieben. Luther 3, 375ᵇ; du leichtfertiger, thumer mensch! sagte ich zu mir, warumb bist so kühn, von dir zu glauben, dasz ... Simpl. 3, 423 Kurz;
du hast, getrost durch sie (die weisheit) und kühn durch eigne kraft,
schon längst den götzendienst des wahnes abgeschaft ...
und Teutschlands künftig volk den weg zum ruhm gelehrt.
Haller 254, an Bodmer,
literarisches denken und schaffen als groszes thun gefaszt; Lavater, ein groszer originalkopf und zuweilen fast übermenschlich kühner denker. Zimmermann eins. 2, 102 anm.; die vorstellung seines wesens (gottes) zermalmt den kühnsten denker, der es wagt, zu ihm auf zu steigen. Klinger 10, 295; der kühne, der sich im geist emporhebt, den ewigen zu erforschen. 302.
b)
daher kühner gedanke, plan, kühne idee u. dgl.:
kühn durchs weltall steuern die gedanken,
fürchten nichts — als seine schranken.
Schiller 4ᵇ (melancholie an Laura);
eh vor des denkers geist der kühne
begriff des ewigen raumes stand.
23ᵃ (künstler);
freunde, bedenket euch wol, die tiefere kühnere wahrheit
laut zu sagen: sogleich stellt man sie euch auf den kopf.
94ᵇ (gefährl. nachfolge);
das kühne traumbild eines neuen staates.
294ᵇ (don Carlos 4, 21);
und höher strebt
das stolze herz, es hebt bis in die wolken
den kühnen bau.
469ᵇ (jungfr. v. Orl. 3, 4).
kühner geist, kühne seele: wenn ein kühner geist, voller vertrauen auf eigne stärke, in den tempel des geschmacks durch einen neuen eingang dringt. Lessing 3, 324; je ... kahler und schaaler hof und stadt sind, die solche seelen einschlieszen, desto muthiger und kühner bilden sie doch oft sich selbst. Zimmermann eins. 1, 114, er spricht dann von Wieland. kühne politik (vgl. sp. 378 unter 4), die freilich zugleich unter 2 zurückgreift, wie ihre schwester die kühne strategie.
c)
hauptsächlich der phantasie kommt diese kühnheit zu: er ist kein leerer phantast, er spricht von groszen wahrheiten meist in einem kühnen fluge der einbildungskraft. Göthe 19, 327; hier ermüden die flügel der kühnsten phantasie. Lichtenberg, denn sie überfliegt kühn alle schranken der wirklichkeit u. ä. dazu folg., obwol von der natur: wälder, felsen, thäler, quellen, wiesen, wasserfälle, in der wildesten, regellosesten verbindung, der kühnsten zusammenstellung. Klinger 7, 205, es ist wie bei Matthisson vorhin, zugleich zum folg. aber auch gefühle heiszen so: ha! noch kühnere gefühle durchdringen meine seele! Klinger 2, 135.
d)
von der dichtung: da hingegen der poet weit ausstreicht, sich als in die höhe schwinget, die gemeine art zu reden weit hinter ihm läszt, alles kühner, bunter und frölicher setzet. Schottel haubtspr. 117;
mitleidig wollt er mich die kühnen wege lehren,
wo uns die welt nicht hört (versteht), doch künftge welten hören.
Lessing 1, 173;
der gebrauch der kühnsten tropen und figuren. 7, 87; Haller ... ist grosz, kühn, feurig, erhaben. Schiller 1202ᵇ. spottend auf die sturm- und drangdichter: ist das nicht herrlich? fürwahr so modern, so drangmäszig kühn und kraftvoll ... Lichtenberg 4, 14. geniuskühn Voss ged. (1802) 1, 78.
e)
von bildender kunst: man gedenke an das dauerhafte, kühne und prächtige der gothischen stücke. Möser phant. (1778) 1, 260; der kopf der frau, von der allerzartesten carnation, fast möchte man sagen lilienweisze, im licht und schatten vortrefflich, so wahr als kühn vom widerschein des spitzenkragens. Göthe. so kühne farbe, kühner pinsel, kühner faltenwurf:
es würfe sich ihr leicht gewand
in kühne, nicht gezählte falten.
J. G. Jacobi werke 1770 2, 119,
vgl. die federn (sollten) mit mehrerer kühnheit aufgesteckt .. werden 120, er spricht von einer reform der frauenkleidung; kühn schwüng Gotthelf 10, 33.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2573, Z. 74.

kühn, n.

kühn, n.
gleich kien, s. d. und kühnicht.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2579, Z. 19.

kühn, n.

kühn, n.
bei den kürschnern für kaninchen ( Adelung), dazu kühnrücken, kühnwamme; s. königlein 3 (kaninchen).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2579, Z. 20.

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„kühn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BChn>, abgerufen am 07.05.2021.

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