Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kommer, kömmerlich

kommer, kömmerlich,
s.kummer, ↗kümmerlich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1681, Z. 7.

kümmerlich, adj.

kümmerlich, adj.
zu kummer, mhd. kumberlîch, nl. kommerlick Kil., nnl. kommerlijk; entlehnt dän. kummerlig, schw. bekymmerlig (hd. bekümmerlich sollicitus Steinb. 1, 946).
1)
Nebenformen im 16. jh.
a)
kömmerlich, wie kommer, (sp. 2597), sowol md. als auch oberrh., wie nrh.: (frieden) den gott noch so gnediglich, und als uns ansihet (scheint), mit gewalt und kömmerlich erhelt. Luther 5, 46ᵇ; die mucken, so doch kömmerlich den teufeln in bosheit zuvergleichen. Fischart bien. 179ᵇ (1588 197ᵇ), bei Marnix anders; dasz irs kömmerlich mit den zänen hetten .. erditrichen mögen. Garg. 104ᵃ.
b)
kumberlich alem., kumberlich sterben animam aegram ponere Maaler 256ᵇ, kumberlich, schwärlich, difficulter, morose u. ä. ders., auch noch ohne umlaut wie mhd.
c)
kumerlich, kümerlich, s. kaumerlich und u. 3, e. im adv. auch noch mit -en, wie mhd.: seid es so kumerlichen stat (im reiche). Soltau 2, 10 (15. jh.); so mag kümmerlichen arznei gefunden werden. Keisersb. eschengr. (4°) d 2ᵇ, zu 3, c, gleich kaum.
2)
Kümmerlich zu kummer im gewöhnlichen sinne.
a)
als adj.: kümmerliche zeiten, kümmerliches auskommen Stieler 926; derowegen ist dies wesen (die pest) ie mehr kümmerlicher und schwerer geworden. Schweinichen 3, 207, auf dem lande und den gemütern lastend, ängstigend u. ä.; machten uns auch bis dahin keine kümmerlichen sorgen. Felsenburg 4, 255, gleichsam kummersorgen (vgl.kummer III, 3, d, ε); ein so kümmerliches, kaum leben zu nennendes leben. Lessing 10, 5, leben in kummer und not; kümmerliche umstände. 7, 98; kümmerliche verwunderung. Butschky kanz. 807, mit kummer, besorgnissen verbunden; der kümmerliche, schmerzvolle weg (hier auf erden). Klinger 12, 205;
sie öffnet geistig gränzenlosen kreis
der menschenhände kümmerlichstem fleisz.
Göthe 47, 126 (Stotternh. saline).
kümmerlich, kümerlich, schwierig, mühsam, s. 3, a, auch bei Stieler kümmerliche reise, iter laboriosum.
b)
im adv.: wan dir widerwertigkeit erstond, so trag die nit kümmerlich, sondern mit ringem (leichtem) gemuͤt. Steinhöwel 23 (1555), vgl. kumberlich morose u. 1, b und dazu das schweiz. kummerhaft (1); demnach lebte Solande gar kümmerlich (voll kummers). Riemer polit. stockf. 239; ich lebte kümmerlich, um nur den aufwand an blei und pulver zu bestreiten. Schiller 708ᵃ (verbr. aus verl. ehre), zu kummer als not, armut; ich flog auf den platz, um einen alten armen mann, der kümmerlich nach meinem fenster sah, selbst zu sprechen. Möser phant. 2, 37, nr. 6, mit dem ausdrucke des kummers. etwas kühn: welchs ein iglichs fromes herz billich betrüben und fast kümmerlich bewegen sol. Luther 1, 73ᵇ, zu kummer bewegen.
c)
auch vom menschen selber, wie kummerhaftig, doch selten: diese (die bergleute) erreichen kein hohes alter, und sind früh kümmerlich. Möser phant. 1, 97, nr. 15, man braucht nordd. kümmerlich für alterschwach, 'verkümmert', bei Ludwig ein kümmerlicher (decrepit) alter mann. anders, einer dem man seine kümmerliche lage ansieht: ein kümmerlich armer teufel, den man an seinem verschabten .. rocke .. für einen magister, wie sie auf akademien zu vermodern pflegen, hätte halten sollen. Göthe 18, 174, wahrsch. gekürzt für 'kümmerlicher armer t.' natürlich auch k. gesicht u. ä.: sein blick und kümmerliches gesicht schlagen .. jede freude und heiterkeit aus seiner gesellschaft zurück. Tieck 4, 48.
d)
auch auf alles was der kümmerliche an sich hat, von ihm ausgeht u. a., geht die bezeichnung über: ein hagerer schreiber, in schwarzem kümmerlichem rocke. Göthe 27, 117; eine kümmerliche perücke bedeckte das haupt des demüthigen clienten. 18, 246. Ebenso geistig z. b.: wo man den menschen nur wieder begegnet, möchte man von ihnen und ihren kümmerlichen werken gleich davon fliehen. 16, 198 (briefe aus d. Schweiz);
und blast die kümmerlichen flammen (eures geistes)
aus eurem aschenhäufchen raus.
12, 36.
so ein kümmerlicher scribent, poet u. ä., der als schriftsteller, dichter k. ist, ungefähr wie dürftig, ärmlich, aber noch stärker als diese. k. wesen: die .. das beste und gröszte .. in ihrer vorstellungsart erst möglichst verkleinern müssen, um es mit ihrem kümmerlichen wesen nur einigermaszen verbinden zu können. Göthe 20, 251, es musz eins seiner stichwörter gewesen sein, vgl.erkümmerlichen.
e)
und noch allgemeiner, von allem lebendigen und was sich zu ihm in beziehung setzt: das geschöpf, das falsch lebt, wird früh zerstört. unfruchtbarkeit, kümmerliches dasein, frühzeitiges zerfallen, das sind ihre (der natur) flüche. Göthe 20, 267, von naturwesen überhaupt, bes. pflanzen und menschen; auch eine pflanze gedeiht kümmerlich, wird kümmerlich, verkümmert, z. b. getreide steht kümmerlich, sieht kümmerlich aus. Eine stadt: vor der armseligen kirche, in dem kümmerlichen orte selbst. Tieck nov. 1, 194. selbst eine aussicht, wie sie verkümmert heiszt: ein gefängnis, wo ein jeder nur eine kümmerliche aussicht hat. Bettine br. 1, 206. selbst brote, knapp, kümmerlich nährend: zählte er in diesem orte der verdammnis vierhundert und neunzig gräszliche tage an den kümmerlichen broden ab, die ihm .. gereicht werden. Schiller 715ᵃ, wie kümmerliche nahrung.
3)
Eine besondere entwickelung erfuhr das adverb.
a)
man sagte mit kummer gleich mit mühe und not (sp. 2600 unter δ), und dazu bildete sich kümmerlich in gleicher bed., schon mhd:
swie man daʒ himelrîche
erwerbe kumberlîche,
sô sol man eʒ doch suochen.
Barl. 16, 6;
er leit von hunger grôʒe nôt ...
vil kumberlîchen er genas (kam mit dem leben durch).
livl. chron. 466.
auch das adj. kommt so vor, z. b.: doch so ist es schwer und kümerlich, dʒ mönschen, die da nit sind volkummen und in demuͦt gegründet, das wol und recht thuͦn mügend (gottes ruhm suchen ohne den eigenen). Keisersberg crist. künigin (4°) bb 2ᵃ, obwol auch diesz als adv. gemeint sein kann, s. z. b. unter kündlich 2, a, γ, Grimm gr. 4, 924.
b)
gewöhnlich im deutlichen adv.: difficillime, gar kummerlich, aller schwerlichst. Melber varil. g 7ᵃ; du solt auch .. wüssen, das der drit stat .. ist schwerer oder kümerlicher wol zuͦ erkennen. Keisersb. crist. kün. ee 7ᵃ; alle meine glieder zitternt mir .. das ich kümmerlich auf meinen füszen gesten kan. Aimon o iiij; den 12 mai bin ich an der gicht wieder ein wenig ausgangen, doch kümmerlich. Schweinichen 3, 181; (wirft man beim schanzenbau die erde nach auszen) vermögen die feinde .. so viel desto kümmerlicher darüber kommen. Kirchhof mil. disc. 199;
ich kunte kümmerlich von einer buche schelen
die zache rinde weg, und disz ist mein pappier.
Fleming 113 (Lapp. 102);
die jungen weiberlein, welche noch nicht recht erstarket und die geburtsschmerzen kümmerlich ausstehen. Harsdörfer Jotham 2, 111. noch 1716 bei Ludwig er kan kümmerlich (oder schwerlich) reden, gehen u. ä., hardly, auch b. Rädlein, 'mit genauer not'.
c)
das gieng denn völlig in kaum über: als er mir selbs anzeigt, felet es .. in sonderhait an den geraisigen (berittenen). sein gnad vermaint kummerlich 300 pferd ze haben. Schertlins br. 4; Rosamunda vor groszem leid die geschrift kümmerlich zu ende lesen mocht (d. i. konnte). buch d. liebe 247ᵈ; kümmerlich hatte sie diese wort ausgeredt, da befand sich der junkherr .. aller freuden voll. Amadis 55; dasz man wol in der ganzen welt ires gleichen kümmerlich finden köndt. 57; kümmerlich mochte sich das weib enthalten, bisz die heiligen männer von ir waren. Kirchhof wend. 179ᵇ; schlag .. darvon er sich kümmerlich fallens, doch strauchlens nit enthalten kondt. 24ᵃ; die macht des papsts .. wirt mit so vilen .. zeugnussen bewisen, dasz ich kümmerlich weisz, wo ichs anfangen soll. Fischart bien. 118ᵇ, kummerlich 1588 128ᵃ, nauwelicks Marnix 123ᵃ; ob wol ihre wort durch so viel seufzer .. gebrochen waren, dasz man kümmerlich verstehen kunte, was sie redete. Gryphius 1, 935 (seugamme 5, 7); man siehet kümmerlich den anfang, principia rei vix apparent Stieler (nicht mehr b. Steinbach).
d)
reste davon sind fälle wie folg., obwol sie zugleich in die bed. 2, e zurückschlagen:
doch wie er (Schiller) athemlos in unsrer mitte
in leiden bangte, kümmerlich genas.
Göthe 13, 172;
halbdunkel dieser breterhöhlen, die nur durch des glühenden ofens geringe öffnung kümmerlich erleuchtet waren. 25, 328. landschaftlich aber noch heute als volles 'kaum', z. b. im Allgäu Schm. 2, 299.
e)
dabei konnte aber eine berührung mit kaum, kume nicht ausbleiben, die bis zur völligen verflechtung gieng. das zeigt recht deutlich folg. aus dem 15. jh.: die werdent ouch ettewenne bekert, aber kummer (so) denne die ersten. Germ. 3, 415, von einer späteren hand in kummerlicher verändert, vgl. sp. 356 mhd. kûmer, comp. zu kûme, und sp. 353 kumme kaum 15. 16. jh., das also doch förmliche geltung hatte, vgl. noch b. Rädlein mit kummer noth (s.kaum 9). Ebenso bildet zwischen kaum und kümmerlich eine brücke käumerlich, kaumerlich kaum sp. 359, das mit alem. vocal kümerlich, kumerlich für unser auge (m ist oft doppelt gemeint), wahrsch. auch für die dortige aussprache kaum oder nicht zu unterscheiden ist und war; z. b.: welichen menschen unkeüschait ain mal ganz besitzet, den laszt si kumerlich. Keisersb. siben hauptsünd 1510 ff 4ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2603, Z. 59.

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Zitationshilfe
„kümmerlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCmmerlich>, abgerufen am 06.05.2021.

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