Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kündiger, m.

kündiger, m.
erkunder, kenner.
1)
nhd. wol von Luther in gang gebracht: betteten und sprachen, herr, aller herzen kündiger, zeige an, welchen du erwelet hast unter diesen zween. ap. gesch. 1, 24; und gott der herzkündiger zeugete uber sie. 15, 8, var. herzkundiger, im urt. καρδιογνώστης, vulg. qui corda nosti omnium, qui novit corda, schweiz. übers. herzenskenner. er braucht auch die sternkündiger werke 5, 530ᵃ. ebenso dann naturkündiger Simpl. 1685 1, 519, Rädlein 571ᵇ, noch bei Lessing, Wieland, kräuterkündiger botanicus, weltkündiger Göthe 33, 90 u. a.
2)
es ist keine schöpfung Luthers erst, schon mhd.; der dichter des mhd. Cato beginnt seine übers. mit besorgnis vor kritikastern:
wæren die kündigære
guoter rede niht gevære,
swâ si die hôrten sagen,
und wolten si dar zuo gedagen ...
sô wolde ich jungen liuten
gerne lesen und bediuten
schœne lêre und guoten rât u. s. w.
Zarnckes Cato s. 27, altd. bl. 2, 18.
vielleicht sind diese kündigære eins mit den merkæren, poesiekritikern und kunstkennern, von denen Rud. v. Ems fast wie von einer zunft spricht, s. Wackern. lit. 109, leseb.⁴ 609, 2, vgl. 608, 35; dann wäre das wort dort so gebraucht, wie jetzt von dichtern wol kritiker gebraucht wird, als übelwollender tadler, und könnte doch, wie kritiker, seinen guten sinn daneben behalten haben, von Luther in hohem sinne verwendet.
3)
dasselbe ist möglicher weise folg.: kündiger, micrologus. Dasypodius 370ᵃ, genauer 137ᵃ: micrologus, ein kündiger, gnawer, der kleine ding grosz achtet (micrologia, kargheit, gnawsuͦchung); es wäre gleichfalls im üblen sinne ein pedantischer beurtheiler. doch ist es nicht sicher, dasz nicht Dasyp. das adj. kündig meinte (s. d. 3, b), da er vereinzelt noch der alten weise z. b. des voc. th. 1482 folgt, auch artikellose adjectiva mit starker endung anzusetzen, um dem lat. gleich zu kommen, z. b. langsamer (neben langsam) 371ᵈ, unmilter 384ᶜ, subst. gefaszt.
4)
vermischung von kündiger mit kündig findet sich übrigens wirklich, z. b. bei Ludwig 1086, wenn er unter kundig aufführt ein kräuterkündiger, ein kriegskundiger, ein rechtskündiger; vgl. kundig II, 2, e. vom ursprunge s. u. kündigen 3.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2630, Z. 41.

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Zitationshilfe
„kündiger“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCndiger>, abgerufen am 10.05.2021.

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