Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kindlich

kindlich,
puerilis, filialis, ahd. chintlîh, mhd. kintlîch, nl. kindelijk, kinderlijk; engl. childly, childlike. s. auch oben kinderlich.
1)
als allgemeines adj. (adv.) zu kind puer.
a)
kindtlich, das den kindern zugehört, kindtlich alter, kindtliche kurzweil Maaler 243ᵈ; rudimentum fidei, einfeltig kintlich lere. Melber varil. x 1ᵇ, gleich kinderlehre; in seinen kindtlichen jaren. Aimon vorr.; in kindlichen jarn. H. Sachs 5, 167ᵈ; in meinen kindlichen jahren. Olearius pers. baumg. 9, 12; indesz andere mütter schwache freude über die menge oder thätigkeit der kindlichen zähne beweisen. J. Paul leben Fibels 93; abschied von der ebbe und windstille des lebens, von der kindlichen jugend. Titan 2, 100. diese ursprüngliche bedeutung, im 16. jh. noch im vollen gebrauch, ist allmälich abgekommen, jetzt bildet man dafür lieber zusammensetzungen je nach bedürfnis, in den kinderjahren u. dgl., wie vielfach doch auch mhd. schon mit lose vorgesetztem gen. kindes. kindliche hand für kinderhand, kindliche mienen, wünsche, gedanken, kindliches alter u. s. w. finden sich wol, werden aber meist etwas gefärbt sein von der bed. 3. besonders im höheren stile, oder wenn blosz das lebensalter zu bezeichnen ist:
und noch kindliche mädchen, in jungem harme sich grämend.
J. H. Voss;
all mein kindliches erinnern
findet in mir seine gruft.
A. W. Schlegel;
der ganze kindliche tag (die kindheit als tag) besteht aus heiszen schöpfungstagen. J. Paul 36, 25.
b)
als adv. kindlich gleich 'als kind':
die statt seins vatterlands erkoren (die treffliche),
darinn er kindlich wer geboren.
Spreng Aeneis 414ᵃ;
ebenso kindisch bei Göthe sp. 766. Maaler gibt als adv. die alte form kindtlichen, wie die kind, pueriliter. 243ᵈ.
c)
es wird auch als adj. zu kind puella (sp. 713) angegeben: puellaris, kintlich. Dief. 471ᵃ 15. jh., und noch bei Schönsleder kindlich, quod ad puellas pertinet.
2)
kindlich wie jetzt kindisch, findet sich in älterem nhd. noch wie mhd., das wort war eben sittlich gleichgültig und erhielt seine färbung erst durch die umstände:
eʒ is ein michel tôrheit,
daʒ her sô kintlîchen vert.
Eneit 128, 11;
daʒ der hêre rîche
sîn dink sô kintlîch ane vienk.
219, 13;
swâ der michel (erwachsene) kintlich tuot
und der junge hât eltischen muot (wie die alten),
da ist daʒ hinder für gekêret.
Haupt 8, 570;
wie lang wöllen ir kind kindliche ding lieb haben? Keisersberg narrensch. 68ᵃ; einest waren unser zwei hirtlin (hirtenknaben) im wald, redeten mancherlei kindlich ding, under andrem wunschten wier das wir kenden fliegen. Th. Platter 12 (31); von einem kind das kindtlicher weis ein ander kind umbbringt. Wickram rollw. 133, 13. 134, 6. jetzt ähnlich nur in schonendem, zartem oder ironischem ausdruck: das war ein recht kindlicher wunsch, für ein kind, nicht für einen mann passend; das war recht kindlich gefragt! Eugenie nennt sich ein kindlich nichts Göthe 9, 271;
(wenn ich) dir leere tändeleien kindlich bot.
9, 272.
3)
wie aber kindisch sich gegen die neuere zeit hin auf das am kinde mangelhafte beschränkte, so prägte sich in kindlich immer mehr der begriff des am kinde wünschenswerten aus, besonders im sittlichen sinne, s. beide wörter im gegensatze unter kindisch 2, b.
a)
in eigentlichem sinne:
erinnrung hält mich nun mit kindlichem gefühle
vom letzten ernsten schritt zurück.
Göthe 12, 46,
die religiös reine stimmung des kindes, die Fausten am ostermorgen überkommt;
den rest von kindlichem gefühle.
12, 81;
Ottilie war kindlich heiter. 17, 133, harmlos, voll und rein wie die kinder heiter sind; Linda freuete sich kindlich auf Idoine. J. Paul; kindliche frömmigkeit, unschuld, reinheit, kindlich fromm, kindlicher sinn, kindliche naivetät u. s. w.
b)
daher auch von erwachsenen:
du auch, kindlicher Hölty.
Voss (1825) 3, 12;
wol dem der frei von schuld und fehle
bewahrt die kindlich reine seele!
Schiller 58ᵇ;
malt in dem keuschen auge noch treu und rein sich die wahrheit,
tönt ihr rufen dir noch hell in der kindlichen brust.
87ᵇ;
das naive der denkart kann daher niemals eine eigenschaft verdorbener menschen sein, sondern nur kindern und kindlich gesinnten menschen zukommen. 1193ᵃ; den kindlichen charakter, den das genie in seinen werken abdrückt, zeigt es auch in seinem privatleben und in seinen sitten. 1193ᵇ.
c)
von ganzen völkern, und von der natur: am allgemeinsten äuszert sich diese empfindsamkeit für natur .. bei kindern und kindlichen völkern. Schiller 1191ᵃ;
er (der dichter) kommt aus dem kindlichen alter der welt,
wo die völker sich jugendlich freuten.
51ᵃ;
(die natur) in ihrer groszen ruhe, in ihrer naiven schönheit, in ihrer kindlichen unschuld und einfalt. 1195ᵃ; die natur ist kindlich, sie will verstanden sein. Bettine tageb. 13; der kindliche frühling mit seinem .. schmuck von blüten. J. Paul uns. loge 1, 41.
4)
zu kind filius.
a)
rechtlich: zur schmälerung seines kindlichen oder andern antheils (am erbe). braunschw. landsordn. v. 1647 n. 33 Haltaus 1086, s. kindestheil.
b)
von dem sittlichen verhältnis des kindes zu den ältern, filialis, pius, wofür kindisch nie gebraucht scheint: filialis timor, kintlich ersame forcht die usz lieb gat. Melber varil. i 4ᵃ; wer dem menschen die eh entzihet, der tilget auch die geschlecht aus, ja die statt, die gemein .. alle freundliche zusammenwonung .. väterliche fürsorg, müterliche herzlichkeit, kindliche anmut (anhänglichkeit), geschwisterliche liebe. Fischart ehz. 502 Sch.; kindliche liebe und treue, filialis observantia, kindlich bitten, demisse ut filium decet rogare. Stieler 950;
wenn dir, hochwertheste, ein kindliches vertrauen
zu deiner muttertreu lieb und erfreulich ist.
Günther;
die kindliche pflicht zwinget mich, der mutter unrecht zu verschmerzen. Steinbach 1, 854; ich wich nicht ein haar breit, und wem ich nicht kindlichen respect schuldig war, der wurde derb abgefertigt. Göthe 19, 299;
gleich unter sie vertheil' ich lieb und sorge,
und beide (söhne) weisz ich kindlich mir geneigt.
Schiller 489ᵇ;
Carlos. oft hab ich mit mir selbst gerungen, oft ...
mit heiszen thränengüssen vor das bild
der hochgebenedeiten mich geworfen,
sie um ein kindlich herz gefleht.
246ᵇ.
c)
vom kinderverhältnis zu gott: das ist auch die weis der diener gots .. das sie forchtsam sind mit einer kindlichen und nit allein knechtlichen forcht. Keisersb. irrig schaf A 6ᵇ; ir habt nicht einen knechtlichen geist empfangen .. sondern ir habt einen kindlichen geist (πνεῦμα υἱοθεσίας) empfangen, durch welchen wir rufen abba, lieber vater. Röm. 8, 15; dasz man (betend) ein gläubig gespräch in kindlicher zuversicht mit gott hält. J. Arndt wahres christ. 2, 20; kindliche ergebung in gottes willen;
der Celt' und Griech' und Hottentott
verehren kindlich éinen gott.
Voss;
zu gott dahin zu treten,
ihn kindlich anzubeten.
Tiedge.
d)
zu fürsten (s. sp. 720 mitte):
o du beherscher, sei uns vater
und dir gehorcht kindlich das volk.
Voss (1825) 3, 174.
5)
kindlich als adv. vor adjectiven wird oft mit diesen zusammengesprochen und geschrieben: kindlichfromm, kindlichgut; mein kindlich - gehorsames bitten. Butschky kanzl. 272; der kindlichhelle aufblick des reinen blauen augenpaars. J. Paul Tit. 3, 24; an ihrer mutter hängt sie .. kindlichtreu. Klinger 4, 104; kindlich - unabfällige zuneigung. Butschky kanzl. 549; kindlich-ungefärbte liebe. 274.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 768, Z. 76.

kundlich, kündlich

kundlich, kündlich,
ziemlich gleich kündig. schon mhd. mit wechselndem umlaute kuntlîch und küntlîch, s. Lexer 1, 1783 fg.; ahd., alts., ags. s. unter 2, a. nd. kuntlic notorius Dief. 383ᵇ.
1)
selten activisch, erfahren, kundig: expertus, kundtlicher. Brack bei Dief. 218ᵇ; vgl. kündig II, 2. im adv., gleich aus eigner erfahrung:
von den webern kan ich nit sagen
kuntlich, wan ich hans nit gesehen.
Konr. v. Ammenhausen 210 Wack.
2)
passivisch, offenkundig, 'notorisch', 'authentisch'.
a)
zuerst besonders im adv., ahd. chundlîhho manifeste, certe Graff 4, 420, alts. cûđlîco, ags. cûđlîce (hier sehr entwickelt, s. Grein 1, 173), überall nur im adv. bezeugt. mhd. und länger auch kuntlîchen.
α)
sicher ohne umlaut: kundtlich, nach wol erfarnen sachen, explorate. Maaler 256ᶜ, der den umlaut genau beobachtete; schon mhd. scheint der mangel des umlauts vorzuherschen. sachlich stellt sich Maalers angabe mehr zu kunden 3, b, erkunden, vgl. unten 3, b.
β)
mit umlaut, den dieszmal das md. voraus hat, wie öfter umgekehrt: und kündlich grosz ist das gottselige geheimnis, gott ist geoffenbaret im fleisch. Luther 1 Tim. 3, 16 (schweiz. bekanntlich grosz), ὁμολογουμένως μέγα, vulg. manifeste magnum (goth. unsahtaba mikils); das ist das kündlich grosze und anbetungswürdige geheimnis. Claudius 7, 148; allen schaden, der sich kündlich erfindet, wider gut thun. Tschudi Schweizerchr. 1, 590; wo aber solches ... kündlich erfunden wurde. weisth. 6, 176, bair. vom j. 1588. schon bei Steinbach 1, 950 als veraltend, bei Adelung als völlig veraltet, bei beiden übrigens nur im adv., wie schon bei Frisch; Rädlein, Ludwig, Aler führen es schon gar nicht mehr.
γ)
auch mit sein, wie unter b: als dann kuntlichen ist. Haltaus 1143, mrh. v. j. 1461; vgl. sp. 2605.
b)
als adj., besonders praedicativisch.
α)
ohne umlaut oberdeutsch: es ist kundtlich und offenbar, extat, kundtlich machen testificari Maaler 256ᶜ; sintemal kundlich und offenbar ist .. Fischart bien. 1588 52ᵃ; dasz menniglich desto kundtlicher (sei). Frankf. ref. I, 45 § 2, s. auch c am ende. Unsicher im umlaute: kuntlich, notorium. voc. 1482 r 7ᵃ; chuntleicher, notorius. Dief. 383ᵇ, anf. 15. jh., bair.; so doch kundlich ist aus itzt gemelten dingen, das er die warheit nicht fürbringt. Luther 1, 158ᵃ, nachweislich, offenkundig.
β)
mit umlaut: notarius, küntlich. Dief. n. gl. 265ᵇ, 15. jh.; aufs dritte ist das kündlich und offenbar, das ein mensch mag wol gezwungen werden für der welt zu thun das er nicht gerne thut. Luther 2, 233ᵃ; dann kündlich wer, das alle teurung von inen kem. Schöfferlins Livius 32; und (das) ist aus mehr denn einest der erfahrung kündtlich. Kirchhof wend. 130ᵇ (1, 160 Öst.);
nun hat er (gott) sich gemacht ganz kündlich
durch seinen eignen son selbst mündlich.
Fischart ehz. 24 (Sch. 429).
Im 18. jh. alterthümelnd (vgl. Stolberg, Bürger unter c):
und er empfindlich,
daneben dreust
und auch, wie kündlich,
ein groszer geist.
Klamer Schmidt poet. briefe 32;
doch willst du wissen meinen stamm
der weit und breit auf erden kündlich ist ...
Bürger 171ᵃ (verm. schr. 1797 1, 129).
c)
attributivisch: er beweise denn mit kündlichem anzeigen, das er sein leben geendert und gebessert hat. Luther 3, 274ᵃ; zuletzt ward er gefangen als ein kündtlicher dieb fürs gericht gefürt. Steinhöwel Esop Freib. 1569 79ᵇ; nach kündlichen gebrauch dieser stadt. Haltaus 1143, aus Braunschweig 1601, von einem rechtsgebrauche; kündliche verrätherei .. begangen. Möser phant. 2, 344;
die frevlerinn! mein kündliches gebot
zu übertreten war ihr nicht genug.
Stolberg 14, 32,
νόμους ὑπερβαίνουσα τοὺς προκειμένους
Soph. Antig. 481;
siehe da stellt ihn der gott, der ihn sandte, zum kündlichen mahl dar.
Bürger 198ᵇ,
τὸν μὲν ἀρίζηλον θῆκεν θεός
Il. 2, 318,
als offenkundiges denkmal. Wieder auch ohne umlaut, oberd.: es were dann dasz das geliehen gelt in iren kuntlichen nutz gewendet und kommen were. Nürnb. reform. 1564 81ᵇ.
3)
auch in anderen bedeutungen.
a)
arroganter, kuntlich, kontlich, konticlich vel kyntlich, nd. kundeliken Dief. 50ᵇ aus verschiedenen vocc., s. dazu kündig II, 3, c.
b)
zu kunde m. zeuge, kunde f. zeugnis (s. kunden 3, b): das er uns küntlich bewisen mag. Mone zeitschr. 4, 280, durch 'kundschaft', zeugenbeweis. ähnlich: wer daʒ überfuͤre, daʒ man kuntlichen hinz im bringen (gegen ihn rechtlich beweisen) möchte. Augsb. chron. 1, 144; s. auch 2, a, α. auch küntlich machen, vor gericht beweisen, s. Scherz 843. schon ahd. mit deutlichem anschlusse an den begriff des bezeugens 'ungichundlîh, intestibilis' Graff 4, 426, intestabilis unkikhuntlîh Hattemer 1, 185ᵇ, vgl. intestabilis ungezeuglich Dief. nov. gl. 220ᵃ.
c)
es gab mhd. auch kündelîch schlau, listig wb. 1, 813ᵃ, Lexer 1, 1772, und das musz noch nhd. anfangs gegolten haben, dafür zeugt älter dän. kyndelighe äller klogelighe, callide Molbech dansk gloss. 1, 462. es ist gleich kündig 3, a.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1871), Bd. V (1873), Sp. 2632, Z. 9.

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„kündlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCndlich>, abgerufen am 28.07.2021.

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