Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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können

können,
scire, posse.
I.
Formen und verwandtschaft.
1)
die gestaltung des wortes überhaupt.
a)
sein praesens ist urspr. vielmehr ein starkes praeteritum, wie noch das heutige einfache sprachgefühl den formen abmerken kann. ich kann ist ja gestaltet wie ich begann, ich sann, und auch der wechsel des vocals im conj. ich könne und im pl. ind. wir können, urspr. ich künne, wir kunnen, ist wie der gleiche wechsel bei den entsprechenden starken verben, z. b. sing. ich ward, ich würde, wir wurden, oder ich sang, pl. urspr. wir sungen (man denke an das sprichwort von den alten und jungen). doch ist von einem starken kinnan auszer diesem praet. nichts mehr übrig.
b)
es musz aber als praet. dem sprachgefühle schon ahd. und länger verdunkelt gewesen sein, das zeigt die 2. pers. sg. kannst, ahd. chanst. denn die 2. pers. z. b. von ich gewann hiesz mhd. vielmehr du gewünne, ahd. giwunni, und da diese form wahrscheinlich an die stelle einer älteren getreten ist, die dem chanst entsprach, so musz schon zu diesem zeitpunkte, der vor der ahd. zeit liegt, kann als praet. ungefühlt gewesen sein, weil man es bei dem umsatze dieser 2. pers. bei seite liesz (wie die gleich gestellten ich darf, soll, musz, mag, weisz u. s. w.). im goth. dagegen stand kant (kannst) noch ganz gleich mit vant, 2. pers. sg. vom praet. vann, inf. vinnan, das dem hd. giwinnan, gewinnen entspricht.
c)
das praesens, zu dem das urspr. praet. nun geworden war, muszte aber bald eines eignen neuen praet. bedürfen; es ist in schwacher form gebildet worden, und zwar vom plural aus, wie alle andern noch benötigten formen. es sind nun folg.: goth. kann, pl. kunnum, praet. kunþa, part. praet. kunþs (unser kund); ahd. chan, chanst, pl. chunnum, conj. chunni, praet. chunda, chonda (chonsta), conj. chundi, chondi; alts. kan, kanst, pl. kunnun, praet. konsta, kunsta (wie noch mnl. conste neben conde); ags. can, canst, pl. cunnon, praet. cûđe; altn. kann, kant (Rydqv. 1, 268), pl. kunnum, praet. kunna (aus kunda). die neueren formen sind: nl. kan, pl. kunnen, praet. konde (kon), part. gekund (bei Weiland vielmehr gekonnen); engl. can, praet. could; schwed. kan, pl. kunna, praet. kunde, part. kunnat, inf. kunna; dän. kan, pl. kunne, praet. kunde, part. kunnet, inf. kunne. die mhd. und nhd. formen s. u. 3.
2)
zur vorgeschichte und verwandtschaft.
a)
was mag aber kann, als es noch praet. war, bedeutet haben? wie weisz, goth. vait = gr. οἶδα urspr. 'ich habe gesehen' bedeutete und lat. vidi gleichsteht, so musz auch dem kann eine sinnliche bed. unterliegen. sie wird bei dem unzweifelhaft nahverwandten ahd. kichennan, archennan, ags. cennan, âcennan erzeugen, gebären zu suchen sein (vgl. unter erkennen und dazu oben sp. 541). J. Grimm nahm gesch. d. d. spr. 901 das vorausgesetzte kinnan als gignere an, kann urspr. als genui. übersetzt man sich das aus der kahlen begriffswelt (in der man noch gewöhnlich solche fragen abmachen will) ins leben, so kämen kann genui und kann novi recht natürlich zusammen im munde eines vaters den kindern gegenüber, etwa bei erbtheilung o. ä., kann zugleich 'ich bin sein vater' und 'ich kenne ihn', d. h. ich erkenne ihn an, lasse ihn also zu als erbberechtigtes kind. auch im munde der mutter wäre es vielleicht ähnlich denkbar. wo gibt es denn ein völligeres kennen, als bei vater und mutter dem kinde gegenüber? und diesz kennen rührt ja eben vom zeugen und gebären her, kommt aber am bedeutendsten zur sprache als anerkennen in rechtsfällen, hauptsächlich den kebskindern gegenüber. vgl. das stammverwandte kind als echtes, erbberechtigtes kind sp. 710 (c) und kennen als anerkennen sp. 536 (c), zu jenem noch mhd. unkint, bastart Kuhns zeitschr. 16, 46.
b)
diese doppelheit der bed. in dieser wurzel, kennen und erzeugen, reicht aber bis in die älteste zeit zurück. denn ebenso stehn neben einander schon skr. ǵan, ǵanâmi (ǵaǵanmi) ich erzeuge und ǵnâ, ǵânâmi ich kenne, weisz, zend. zan erzeugen, gebären und kennen (Justi 121ᵃ, vergl. zâ 125ᵃ), gr. γεν in γίγνομαι, ἐγενόμην, γένος und γνο in γιγνώσκω, ἔγνων, lat. gen in gigno (aus gigeno), genus und gno, gna in gnosco (nosco), gnarus, keltisch in gael. gin to beget, kymr. gan birth u. s. w. und gael. ir. gnia knowledge, aber auch altgael. adgénsa cognosco (s. Kuhns beitr. 2, 161 fg.).
c)
die zweite gestalt der wurzel findet sich übrigens auch im deutschen gebiete: ahd. biknâan, biknâhan, irknâhan, inknâhan (vgl. inkennan sp. 532 unten), erkennen, kennen, ags. aber cnâvan starkformig, engl. know (vergl. altsl. böhm. po-znavati neben po-znati, znati erkennen), altn. knâ possum? in der andern bed. in ahd. chnuat natura, goth. knôds genus, aber auch noch in knabe, knappe, knecht, während kind und künne genus die erste wurzelgestalt zeigen. doch zurück zu können.
3)
das nhd. können.
a)
im 15. 16. jh. waren die formen noch ziemlich rein die mittelhochdeutschen. letztere sind folgende: praes. kan, kanst, pl. kunnen, inf. kunnen, conj. kunne, künne; praet. kunde und konde, conj. kunde, künde, könde; der umlaut dringt aber wie bei mügen, dürfen, müeʒen, süln auch in den ind. praes. und inf. vor, künnen, und ist sogar in nhd. können durchgedrungen, er hat seine erklärung noch nicht gefunden.
b)
bemerkenswert ist dabei vor allem, wie auch hier im nhd. das o (ö) über das echte u (ü) den sieg davongetragen hat, wie in gönnen, könig, mönch, mögen, sohn, trotz, kommen, sonne, wonne, sommer, trommel u. a.
α)
im praet. zwar bestand es schon ahd. neben u, bei Otfried ist konda selbst vorwaltend (wie onda, irbonda), nur in der Freisinger hs. einmal kunda, s. Haupt 12, 128 fg., Notker hat nur chonda, das o ist da als brechung zu begreifen. mhd. ist zwar u vorwaltend, aber dieselbe hs. bietet oft neben kunde einzelnes konde, wie z. b. die liederhandschriften A (s. die lesarten minnesangs frühling 123, 27. 164, 15), C (das. 129, 8. 132, 28. 194, 35. 197, 8. 200, 16), E wie es scheint vorherschend (vergl. Haupts zeitschr. 3, 348 fg.), die Nibelungenhs. A (1248, 4. 1407, 1. 1417, 4).
β)
im praes. dagegen kann ja von brechung nicht die rede sein, vollends im conj., der doch auch alem. schon im 14. jh. als konne, könne erscheint, wie überhaupt konnen, können (Weinh. al. gr. 398), während im bair. gebiete können weit später auftritt (dess. bair. gr. 330). die Würzb. liederhs. (E), die wahrscheinlich fränk. ursprungs ist und vor 1350 fällt, hat könne, wie sie konde, könde vorzieht (minn. frühl. 175, 9 var.). man musz also an mitteld. einflusz denken, der wol auch sommer, wonne u. a. gegen das oberd. u durchsetzte. hessisch konnen z. b. weisth. 3, 888 15. jh. (konde conj. 889), aber es heiszt md. eben so gut kunnen, z. b. cod. dipl. Sax. II, 1, 305 14. jh., Höfers ausw. v. urk. 43, thüring. 13. jh. auch mnd. heiszt es zwar gewöhnlich konnen, einzeln können, praet. konde; aber das u fehlt auch da nicht, z. b. kunde (: vrunde) im 2. theil von Hoffmanns Theophilus s. 17, kunt (: begunt) für kunnent Rein. vos 3238; konde ist das. 1511. 6303 u. ö. gereimt auf wunde, begunde, s. Hoffmanns 2. ausg. s. vi. auch nnd. heiszt es im praet. kunne wie konne. in den oberd. mundarten herscht noch im praes. ü wie im praet. u vor.
γ)
in nhd. schrift dauert das schwanken zwischen beiden vocalen bis ins 17. jh. Luthers bibel von 1545 schreibt können, aber kundte, kund, conj. kündte, künd; ebenso meist in den werken, doch ü im praes. noch dazwischen, oft nahe beisammen mit ö, z. b.: und ob dir einfiele vom teufel (beim beten), du werest nicht so heilig .. als David, darumb künnestu nicht so gewis sein (der erhörung). 5, 50ᵃ; und sei auch ein grosze ehre wenn solche leut aufs allerwenigst können, gleich wie es ein grosze ehre ist wenn fürsten und herrn ubel schreiben künnen. schreiber sollen schreiben können, herrn sollen herrschen künnen. 2, 83ᵃ ausg. von 1555; ebenso künde und köndten kurz hintereinander 7, 395ᵃ (1562), vermutlich herschte u, ü noch in der lebendigen sprache, das andere aber sah man als die richtige schreibung an. früher schrieb er auch noch kunnen, wie in dem sendschreiben an den adel G 1ᵃ (wie kunig, munch, muglich das.), conj. praet. kunde, kund D 1ᵇ. J 3ᵇ. G 4ᵇ. B 3ᵃ, nach oberd. weise, z. b. kund conj. Brant 85, 151, auch künd, z. b. vorr. 27, kunnen Steinhöwel 23ᵇ (1555), künnen Brant 18, 21, conj. künn 7, 3. Fischart dagegen hat im Garg. schon können, kond kont kondt, köndt, wie könig, mönch u. a., ebenso Philander, ja selbst Maaler schon, während Dasypodius noch künnen gibt, wie noch Schönsleder 1618, indem er darauf bei können f 6ᶜ verweist. auch von mitteldeutschen hielt noch Logau künnen fest, weil es ja kunst heisze (s. seine vorr. zum dritten tausend), kunde Opitz 3, 96, kundte 2, 99, daneben zwar können, aber im reime auf sinnen 2, 99. 107. 250. 242. 260 u. o. (ebenso Fleming 125 Lapp. und oft, auch andere), kunte Olearius pers. ros. 5, 2. 9. Lokman 1. 2. 6 u. o., Schuppius 708, conj. künt Werder Ariost 1, 2, 8. 11, 34, 4.
δ)
noch jetzt wird das u in alterthümelndem oder volksmäszigem stil einzeln gebraucht, doch nur im praet.:
was ich nun nicht all kunt bemeistern,
das wuszt ich weise zu überkleistern.
Göthe 57, 257 (Hanswursts hochzeit);
und freut mich recht von herzens grund,
wenn dir der dreck gefallen kunt.
56, 69 (Gotter an Göthe);
Siegfried den hammer wol schwingen kunt,
er schlug den ambosz in den grund.
Uhland ged. 402;
wie blei lag meine zung im mund,
dasz ich kein wörtlein sprechen kunt.
Heine lied. 13;
das weib nicht zähmen kunnt er (: herunter).
romanz. 17.
c)
auch im umlaut des praet. war früher schwanken. wie mhd. der conj. wol nur kunde hiesz (Weinhold alem. gr. 399, bair. gr. 330) und noch im 15. 16. jh. kunte ganz gewöhnlich auch als conj. erscheint, so noch im 17.: wann ihr 20000 ducaten erhalten kundtet, wolt ich den hohen schulen in Teutschland rahten, dasz sie .. Schuppius 705; wann ich alle ciceronianische phrases zusammen wurd schaben, kunte ich keine andere ochsen erkaufen. 708 (könt 645 u. o.). Dafür erscheint auch der ind. mit umlaut: ich sahe oft, dasz sie von ihren weibern vexirt wurden, und köndte mein deutsches maul und ehrlich herz nicht im zaum halten .. Schuppius 263; noch 1716 gibt Ludwig teutsch-engl. wb. 1052 für den ind. praet. an ich konte, könte oder kunte. schuld daran war der umlaut im praes. ind. (wir können), der ja in gekönnt noch besteht.
4)
in der übergangszeit erscheinen einige ausgeartete formen, die das 17. jh. wieder beseitigt hat.
a)
eine form des praes. mit d (t) nach dem n, wie das in überwinden für überwinnen, niemand, jemand, minder sich wirklich festgesetzt hat und in vielen andern fällen versucht worden ist, z. b. gunden, vergunden gönnen (z. b. Mones anz. 5, 247), kind für kinn sp. 776, kenden für kennen sp. 534 mitte; s. Weinhold al. gr. s. 145.
α)
am häufigsten künden, könden für künnen, können, es übersieht sich leicht, weil es oft für conj. praet. gehen kann: der muͦsz vil könden, der got wil blenden. Frank spr. 2, 53ᵇ, durch den reim gefestigt; des künden wir von in nit bekomen. Augsb. chron. 2, 343, 13;
mir (wir) .. künden (können) weder singen noch lesen.
fastn. sp. 434, 28;
wer ein haustmacher ist, der soll ein gabel und rechen mitbrengen und ein mederlohn verdienen künden .... ein sämbler soll ein rechen bringen und schniderlohn verdienen künden. weisth. 2, 196, vom Hundsrück; wee denen die da kündent ire garten pflanzen, aber nit ir seelen. Keisersberg irrig schaf C 3ᵇ; auf das wir nit uns zuͦ schreiben was wir künden (wissen). crist. künigin aa 4ᵃ; die das beichtwe haben und nit gnuͦg künden beichten. eschengrüdel (4°) a 4ᵇ; bisz das sie vol weins werden, das sie nit me reden künden. sünden des munds 81ᵇ (er hat öfter künnen); auswendig künden (inf.). Luther br. 1, 515; so sind sie auch das mehrer teil untüchtig zu leren und regiren, denn sie kündten nichts, on des bauchs pflegen. werke 2, 467ᵃ, von den in klosterschulen gebildeten; das er ein andermal nicht ehe griechisch fürgebe (praes.), er künde es denn zuvor. werke 3, 69ᵃ (s. sp. 873); (lügen so grob) das mich dunkt, es solt ein trunken bawr behender und geschickter liegen kunden. an den adel F 4ᵃ; man wirt mir yhe (je) nit mehr den das leben kunden nehmen. M 3ᵇ (in den werken an beiden stellen können 1, 300ᵇ. 315ᵇ 1564); wann sie voll seind und die kanten (kanne) nimmer (nicht mehr) zum maul künden bringen. S. Frank trunkenheit d iiij; wer sol billicher teütsch künden und verstehn dann die Teütschen? Ickelsamer gramm. D 5ᵃ; es ist ser unrecht, das die teütschen schulmaister nit mehr künden oder thun wöllen dann ainem jungen lesen, schreiben und rechen leren. D 7ᵃ; wirdsts nit künden verstehen. Alberus dict. V 2ᵃ; vil weniger wirstus künden thun. i 1ᵃ; was wenig grosze schif sein, könden in porto de Candia mit voller ladung nicht in noch uszlaufen, sondern müesen herauszen .. sich legen. Kiechel 439; die janitschar .. sich manigmahl so doll voll ansaufen, das sie weder stehn noch gehn könden. 254;
hat künden dsach verstan.
Körners hist. volksl. 170, schweiz.;
und habs der tüfel überwunden,
mit glerten worten so vil kunden (gekonnt),
bisz er si hat zwitrechtig gmacht.
Ruff etter Heini 876;
wie hands nun (nur) künden on ursach
uns eltren lan?
Ad. u. Heva 2538, könden 182;
nictare, die augen kaum kunden aufhalten. Junius nomencl. 1577 20ᵃ;
bruthenn, urhenn, leghenn, kochhenn
künden die weiber wol erkennen.
Glanner liedlein München 1578, bei Hoffmann gesellsch. lieder s. 257;
des einen herz ist falsch und faul ...
beed könden nichts dan liegen.
Weckherlin 43.
noch Schönsleder (1618) h 4ᵃ führt künden für können in allen beispielen durch, daneben 4ᵇ künden für kund thun.
β)
recht wunderlich sieht das dann aus in kinden für künden, können: solh werk hab ich nicht mögen noch kinden genuͦgsam verwundern. Brant laiensp. bei Zarncke s. 170ᵃ; ich hab noch biszher nichts gewissers schreiben kinden. Schertlin briefe s. 3; es hat inen niemant kinden zehilf komen. 7 u. o., daneben mit u: aus ursachen als e. w. wol abnämen kunden 12 (ein beweis dasz künnen und kunnen in demselben munde statt hatte), aber auch schon können 115. 154, conj. könn 17.
γ)
noch wunderlicher aber nimmt sich kunnten für kunnen aus, das doch wolüberlegt sein musz: wie sie haben kunnten hülf und rath suchen. Luther br. 2, 323; diejenigen, so hie haben kunnten helfen. daselbst;
die von der music urthel fällen,
die sie doch gar nit künnten (: blinden).
Elsbeth lieder Frankf. a. O. 1599, Hoffmanns gesellsch. l. 267.
b)
eine vermischung mit kennen im praet. kande, herbeigeführt durch den anklang von kann an kande und durch die frühere bed. von können = kennen (findet sich doch erkönnen für erkennen Keisersb. eschengr. 4° a 5ᵃ. irrig schaf F 3ᵃ): wurde denne erkandt von jung und alt, das her damitte (der geselle mit seinem meisterstück) nicht geweren (sich als tüchtig ausweisen) kande, derselbige salde noch ein jar wandern. faszbinderinnung von Freiberg (vor 1400) bei Schott samml. zu den d. land- und stadtrechten 3, 296; das kand ich all mein tag genzlich ny erfarn. küchenmeisterei a vj;
das die zwa in willen waren
wider deidgenoszen nit faren
noch thun, so fer si kanten (: wandten).
Lenz Schwabenkrieg 60ᵃ,
als conj. (vgl. 3, c), so weit es ihnen möglich wäre;
tag und nacht, wan si kanten (: ranten).
127ᵃ;
all wolfart in dem ganzen landt
gehindert wardt so vil man kandt.
Soltau 1, 364;
graf kändest du wol bleiben,
darzu ein fürst im land.
2, 330;
schickt er sich bald, seim vaterland
hulif (hülfe) zu suchen wie er kand.
Wolff hist. volksl. 405, meisznisch;
dise buben, so handwerk kunden,
wurden zsam bunden all zu haufen
und musten im Necker ersaufen.
den andern haufen, der nichtsen kand,
liesz er (pfalzgr. Friedrich 1452) verweisen aus dem land.
H. Sachs 1, 349ᵇ.
auch nd.: wan nun mann und fruwe beide verstorven .. wo dar dann ein klein (kind, vgl. kleinlein) bleve, dat de vêr wende beschreien kande .. weisth. 3, 197. noch bair. kant (neben kunt) als conj. Schm. 2, 307. auch nl. noch gekend für gekund gekonnt (nl. wb. 1, 210).
c)
blosze reimwillkür, wol durch Nürnberger aussprache dargeboten, ist kon bei H. Sachs, wie er im reime mon für mann brauchte:
'tausent gülden wird euch zu lohn'.
o solche hörner ich wol kon
vertreiben thun ohn allen schmerz.
3, 44ᵃ (1588) u. ö.
5)
besondere betrachtung erfordert auch das part. praet.
a)
es heiszt sowol gekonnt als gekönnt, volksmäszig gekunt und gekünt (z. b. schles. Fromm. 6, 250), wie mhd. gekunnet, z. b. alem. 14. jh.: hette ich es denne gekunnet odder gemüget duon. R. Merswin bei Schmidt gottesfreunde 75. es erscheint aber lange als selten, zuerst verzeichnet von Stieler 1008, der gekunt und gekönnet gibt:
die warlich nicht gekonnt so sehr betrogen werden.
Opitz ....;
Servius .. hat auch für das podagram gekönnt. Philander 2, 438 (429); Sylla hats gekönt. Schuppius 765;
ein zufall that, was Carlos nie gekonnt.
Schiller 245ᵇ;
und wers nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus unserm bund
19ᵃ.
b)
auch ohne ge- im 16. 17. jh. und noch landsch., z. b. bair. i ha künt Schm. 2, 307:
und hats kein pfaff me weihen kunt.
Murner luth. narr, kloster 10, 40;
als ich in nit hab künt bewegen.
153;
o wie fro solten die lieben veter gewesen sein, wenn sie hetten so künd zur heiligen schrift komen und die sprachen lernen als wir kündten (d. i. können). Luther 2, 465ᵃ (1555); ich hette auch wol kund frum sein. 465ᵇ (wie habe muszt lesen 467ᵃ);
ungerochen hat für zeiten
niemand Deutschland kunt bestreiten.
Logau 1, 7, 25.
c)
im gebrauch aber tritt in den meisten fällen können dafür ein (z. b. ich habe nicht kommen können), das doch niemand als ein particip ansieht oder fühlt; es ist wie ich habe lesen müssen, wollen, dürfen, sollen, selbst ich habe sein herz schlagen fühlen u. a. (s. 4¹, 108. 4², 74), und dasz diese wunderlichen infinitive wirklich misverständlich von ursprünglichen participien veranlaszt sind (s. gramm. 4, 168. 949), das zeigt sich gerade hier deutlich, denn mhd. bestand ein deutliches part. erkunnen (s. dazu unter II sp. 1724):
er hât die liste erkunnen,
ê er geborn wart.
MS. 2, 170ᵇ. MSH. 2, 242ᵃ.
So wird auch kunnen urspr. partic. sein:
die nacht ich in umb herberg pat,
'des tags wer mir zerrunnen,
ich het nit fürpaʒ kunnen'.
Behaim Wiener 410, 29;
das si aber dehain (irgend ein) bild geschnitten habint (conj.), das enhaben si nit, dann si habint das nit kunnen. Konstanzer urk. von 1490, anz. des germ. mus. 1861 sp. 53; hette maister Niclaus nit unsern herren römischen kaiser kunnen howen uf stain, so hette man kum ainen stainmetzel funden der dasselb werk hett kunnen machen. 54; so er hohe leute hat konnen zu fall bringen. Luther tischr. 2, 11 (wie nd. darjegen heft de marggraff nicht khonen gramm. 4, 949);
disz ists, mit dem ihr habt bezwungen können werden.
Opitz 2, 100.
auch mit künden (kinden, kunnten) statt künnen, z. b.: man hats künden verstehn. Schönsleder h 4ᵃ; es hat inen niemant kinden zehilf komen. Schertlin br. 7, s. darüber unter 4, a vorhin. Recht eigen nimmt sich diesz können aus, wenn dabei noch das hat, haben (vollends hätte) gespart wird, das allein noch das kennzeichen des gemeinten perf. ist: (meine gedichte) so vielmahl ... übel abgeschrieben und dergestalt verkehret worden, dasz ich meine eigene kinder nicht mehr kennen können. Hoffmannsw. vorr. a 1ᵇ; bisz dasz ich .. auch endlich tichten und erfinden können. das.; das räthsel, wie sich Berengarius gegen so viele kirchenversammlungen verhärten können. Lessing 8, 412; dasz Natter in seinem werke die feder nicht selbst führen können. 11, 346; es hat sich noch nie schicken wollen, dasz ich mir das vergnügen (hätte) machen können an sie zu schreiben. 12, 80; verschiedene häusliche anstalten, die sie längst gewünscht, aber nicht recht einleiten können. Göthe 17, 43.
d)
es hat sich übrigens dafür die regel ausgebildet, dasz diesz können dann eintritt wenn ein infin. dabei steht, sonst aber gekonnt zu nehmen sei. Adelung tadelte sogar darum Rabenern für die wendung: aber warum schrieb er mir nicht? schreiben hätte er zum wenigsten gekonnt. 3, 145 (1755). aber in diesem falle ziehen noch jetzt die meisten gekonnt vor, weil da der inf. schreiben eben nicht, d. h. nicht dicht dabei steht, wie für gewöhnlich der gebrauch ist, mit dem gefühl dabei, als ob erst der inf. schreiben den inf. können (sollen, müssen u. s. w.) nach sich zöge. doch wird auch sonst noch gekonnt beim inf. gesetzt: wie er mich nicht wieder finden gekonnt. Chamisso 4, 299, hier, weil hat fehlt und das blosze können zu wenig wie perf. aussähe; da hätte er keine ausrede ... bringen gekonnt. Arndt wanderungen 136, hier, weil hätte von gekonnt zu weit entfernt ist. übrigens zeigen die beispiele oben, dasz urspr. auch kunnen, können allein als partic. in gebrauch war und umgekehrt auch beim inf. gekunt, kunt stand (s. b), wie in der volkssprache noch jetzt, z. b. thür. ich habe nicht könnt kommen, und umgekehrt z. b. alem. ich habe nicht können (s. z. b. Felder unter II, 8).
e)
für die sprachgeschichte ist die frage wichtig nach dem geschichtlichen werte des part. kunnen, ob es wirklich noch von jenem vorgeschichtlichen kinnan (1, a) ein rest sei, wie Weigand annimmt, oder erst aus kann gebildet. in jenem falle müszte doch schon kinnan die bed. gehabt haben, die sich eben erst aus seinem praet. entwickelte. so musz es wol eine neubildung sein, wie sie in der nhd. zeit nachweislich vielfach ausgeübt worden ist (s. zu Soltau 2, 407) und auch mhd. unzweifelhaft vorliegt in ervorhten, unervorhten mhd. wb. 3, 386 fg., volleenden Merswin 2, gepfenden Pfeiffers übungsb. 162, 51, gemachen leseb. 954, 30, vergl.geschanken Serap. 1, 64, verhassen Mones anz. 7, 158, gedungen gedüngt oben 2, 1531, das gewichen geweihte erde weisth. 2, 263, mnd. gevlôken geflucht Mones schausp. d. m. 2, 83, unbewaren 99, gefriehen gefreit oben 4, 199.
6)
ungebräuchlich ist der imperativ:
doch sprich es nicht nur! könn es auch wahrhaftig.
Schefer laienbrevier (1867) 484.
7)
zuweilen kann potest als subst., wie das musz, ein musz:
und kann und glück kommt auch ins spiel.
Göthe 5, 79;
ja ja! es kann, es konnte! wenn zwei wüszten was sie wollen. was noch mehr ist: sie wollen, aber da ist wieder das kann. Zelter an Göthe 2, 347. vgl. kannichts.
II.
Die bedeutung. Können bedeutet urspr. wissen, kennen, verstehen, wie schon die urverwandtschaft ausweist und noch nhd. die ableitungen kund, kunde, kundig (auch kunst ist eig. wissen, wissenschaft), während das heutige sprachgefühl unrichtig 'vermögen' oder 'möglich sein, möglich haben' als die erste und hauptbedeutung empfindet und es dem lat. posse, frz. pouvoir gleichstellt; Frisch, Adelung setzen daher diese bed. zuerst, jene zuletzt, ja Stieler führt scire gar nicht mit an (während Dasypodius umgekehrt posse noch ganz wegläszt). unmittelbar von kann scio gebildet ist auch kennen, eigentlich zu wissen thun. Die alte sprache hatte auch ein von der pluralform abgeleitetes kunnen, erkunnen, praet. erkunnete, erforschen, erfahren, ahd. chunnên, kichunnên, irchunnên (chunnâ f. kunde, kenntnis), alts. gikunnôn, ags. gecunnian, cunnian. diesz erkunnen noch im 16. jh., was 3, 885 nachzutragen ist: so kert sie (die seele) sich zuͦ der ewigen weisheit, zuͦ erkunnen und erfaren den willen gottes. Keisersberg crist. künigin (4°) aa iijᵃ;
der landgraf wirt nun innen,
kan zmal ermessen wol
den Brunschwig ouch erkunnen
und handlen wie man sol.
Körners hist. volksl. 173, schweiz. v. 1545,
dem reime nach erkünnen, wie sich auch mhd. findet, wol nur durch vermischung mit künnen scire (s. das part. erkunnen I, 5, c). Es gab aber noch mehr solcher zusammensetzungen. ein mhd. verkunnen, praes. verkunne, hiesz zweifeln, verzweifeln, mistrauen, ahd. aber zu chan gehörig praes. firchan, praet. firchonda, im goth. frakunnan, frakann, frakunþa, verachten, ags. forcunnan; dann ahd. inchunnan (inchan, inchonda) beschuldigen, ags. oncunnan, altn. kurz kunna; alts. bikunnan verstehn, vgl. goth. gakunnan sp. 546. von dem ganzen reichthum ist nun blosz können übrig als bruchstück; schwäb. jedoch hat man noch ein verkönnen, verstärktes können Schmid 323. Aber auch können selbst hat in seinem urspr. gebrauchskreise eine starke einschränkung erfahren, dafür freilich reiche erweiterung nach einer seite.
1)
können, wissen, verstehn, kennen, savoir.
a)
urspr. galt es so in ausgedehntestem gebrauche.
α)
goth. z. b. hva þau valjau, ni kann. Phil. 1, 22, was ich wählen soll, weisz ich nicht (οὐ γνωρίζω); alts. nu ik is aldar kan Hel. 724 (22, 5), nun da ich sein alter weisz. auch mit menschen als obj. (vielleicht der ausgangspunkt des ganzen begriffes, s. I, 2, a), goth. ni saihviþ ina nih kann ina, iþ jus kunnuþ ina. Joh. 14, 17, sieht ihn nicht und kennt ihn nicht, aber ihr kennet ihn (γινώσκετε); ags. ic hine cûđe cniht-vesende Beov. 372, ich kannte ihn als knabe; ebenso noch altn. kunna, z. b. þik kann ek fullgerva, dich kenn ich recht gut Egilsson 479ᵇ. und merkw. so noch jetzt ostfriesisch ik kan hüm woll, ich kenne ihn gut, wie könen 'n anner, wir kennen einander Stürenb. 117ᵇ; vgl. umgekehrt kennen für können I, 4, b.
β)
hd. dagegen scheint der gebrauch sich früher als anderwärts eingeschränkt zu haben. an das vorige erinnert noch mhd. eine strâʒe kunnen minn. frühl. 242, 4, Wigal. 31, 36, Lanz. 7577, Merswin 139, die wege Haupt 5, 20, 119, Mai 45, 15, die waltstîge kunnen Trist. 69, 22, wissen, kennen. im 12. jh. gleich wissen, mit abhängigem satze:
alle die ie smiden begunden,
dî ne wessen noch ne chunden,
wî daʒ swert gehertet was.
Rol. 117, 21,
was selbst Stricker Karl 4050 beibehält, aber es war wol nur durch das dabei stehende wessen (wuszten) möglich und herbeigeführt. vgl. auch übel unde guot künnen Haupt 7, 345.
b)
hd. tritt früh die seite des begriffs in den vordergrund, die uns noch dabei voransteht, dasz man etwas kann, was man gelernt hat. nur in der verbindung mit einem nomen u. ä. ist es dabei noch vor der schwächung zum hilfsverbum geschützt.
α)
so ahd.: chan puoch, kennt die buchstaben, kann lesen; du chanst musicam, astronomiam. mhd.: erzenîe kunnen, heilkunde verstehn. Nib. 254, 1;
ine kan decheinen buochstap.
Wolfram Parz. 115, 27;
wan manic man vil buoche kan,
und ist doch niht ein wîser man.
Renner 11058;
Gregorius der heilege man,
von dem man guotiu dinc kan
harte vil.
w. gast 4796,
d. h. durch den wir viel treffliches gelernt haben.
β)
nhd. beschränkt sich auch das allmälich:
dar umb sol nimant urteil fellen
noch (nach) dem man ein (einen) sicht auszen an,
wer weisz drum was er innen kan.
Folz in den fastn. sp. 1264;
wer in der gdat guͦt ansleg kan,
der muͦsz sin ein erfarner man.
Brant 12, 7;
ich acht nit, das man vil kunst künn ...
wer wis ist, der kan kunst genuͦg.
92, 35. 38,
die kunst ist büchergelehrsamkeit, wîse meint natürliche weltkenntnis; sehen, lieber herr, die zwen vocal I und A die kan er ietzund (der esel). Eulensp. hist. 29; aber die schwermer können auch keine kinderlogica. Luther 3, 500ᵃ; der ich nun fast ein alter doctor und prediger bin und freilich so viel kan oder ja können solt in der schrift, als alle solche klüglinge können. 5, 125ᵇ;
dann wölcher arzt kan guͦten grund (gründlich studiert hat),
der mach sich billich selbst gesund.
Schwarzenberg 133ᵇ;
es vermögen die keiserliche rechte (bringen es mit sich), das ein keiser drei sprache können soll, als teudtsch, latein und lombardisch. Agricola sprichw. 159ᵃ (zu nr. 264); studiert nicht zu sehr, dann die nichts können die studieren. Garg. 287ᵇ (Sch. 540); ich kan auch noch fünf sprachen. das.; es ist ein grob ding an einem arzt, der sich einen arzt nennet und ist der philosophei leer und kan ihr nit (d. i. nichts von ihr). Parac. 1589 1, 142; fackelhansen die räthe in Narragonia sein wollen, doch nichts erfahren noch gesehen als den Donat, kein nomen (gedr. namen) können als numus, kein verbum als capio. Philander 1650 2, 182;
kein schönes buch geht aus, du weiszt es, eh es kömmt,
und kanst es, eh es der kaum in die hände nimmt.
Fleming 47 (135 Lapp.),
hast es durchstudiert, aber es steckt wol auswendig können dahinter, wie auf derselben seite:
was Opitz hat geschrieben,
was unser Werder singt, das kanst du ohn gefehr
und sagst es ohne buch auf einen nagel her.
136 Lapp.;
bei hofe keinem trauen, wer diese regel kan,
der kan den hofeglauben und ist ein hofemann,
der hofecatechismus steht meistens drauf und dran.
Logau 3, 4, 59,
wie es noch in der schule heiszt eine regel, den catechismus, eine aufgabe können, begriffen oder gelernt haben. Auch folg. neuere beispiele wurzeln durchaus in der schulsprache und kommen uns zum theil nicht wie gewählt oder edel vor: dasz er in mathematischen wissenschaften belehrt sei, dasz er architectur, optik und perspective könne. Hackert bei Göthe 37, 355; die (sixtin.) capelle selbst kenne ich recht gut, ich ... kann die gemählde fast auswendig. Göthe 29, 291; ein bemoster fels, ein wasserfall hält meinen blick so lange gefesselt, ich kann ihn auswendig. 16, 212, wie ein buch aus dem er lernt; nun geht es mir zwar ganz gut hier — aber was ich kann das kann ich (lerne nichts weiter), denn mit meinen schönen lehrstunden hat es ein ende. Thümmel 4, 212; 'nichts können ist keine schande, aber nichts lernen wollen'. so gilt diesz können nur noch in unmittelbarer beziehung zu lernen, wie auch bei Fleming z. b.:
der musz mehr sehn und lernen,
der noch nicht gnugsam kan.
47 (135 L.),
das lernen durch reisen im bilde des lernens in der schule. offenbar hat eben nur der schulgebrauch die alte bed. in dieser beschränkung gerettet.
γ)
rein ist aber der alte begriff auch da nicht mehr. höchstens noch in nichts können, viel, etwas können, auch er kann was ordentliches u. dgl.; aber das sind eben schulausdrücke, die man in gewählter sprache verschmäht. sobald dagegen ein ausgedrücktes object dazu tritt, lauscht uns ein gedachter infinitiv dahinter, die wendung kommt uns wie abgekürzt vor, d. h. wir fühlen auch da können schon halb zum hilfsverbum posse abgeschwächt. wenn es z. b. bei Göthe 7, 121 heiszt liedchen kann er recht hübsch, so kommt uns dazu singen oder hersagen in sinn (aus der schulzeit her); wenn bei Gellert gefragt wird
kannst du das spiel, Montan? man fragt 'was macht die liebe'
u. s. w. 3, 474 (1784),
so ergänzen wir uns spielen, die kinder aber schwerlich (es ist kindersprache). so gibt schon Frisch 1, 536ᶜ bestimmt an: 'er kan seine lection nicht (nemlich auswendig hersagen)', 'er kan diese sprache nicht (nemlich reden, verstehen oder schreiben)'. wird die sprache benannt, so heiszt es noch kurz lateinisch, griechisch können (latine scire): zu meinem unglück konnte sie deutsch genug, um mich verstanden zu haben. Göthe 24, 150; aber auch hier wird lateinisch verstehn als gebildeter oder deutlicher von vielen vorgezogen, in der schule empfohlen, lat. können wol gar als falsch bekämpft, da nun einmal pouvoir als der grundbegriff gilt.
c)
verhältnis zu wissen.
α)
urspr. wurden können und wissen gern gehäuft verbunden (s. schon sp. 1724 unten Rol. 117, 24):
die niht sinne hânt gewunnen (tôren),
die enwiʒen noch enkunnen.
leseb. 574, 12;
der sô vil kan unde weiʒ,
daʒ er bœser liste hât
mêre dan alle vische grât.
welsch. gast 5202,
vgl. wan si kan sô vil, nämlich zauberkünste MSH. 1, 27ᵇ, minn. frühl. 138, 34 (altn. ebenso marg-kunnandi 'viel könnend', d. i. zauberkundig Möbius 243. 291, vgl. klug 8);
so wolt ich euch mein pferd,
das ausdermaszen dieselb gefert (einen felsweg)
wol und gwiss zuͦ geen weist und kan,
leihen, so durft (dürftet) ir kein sorg han.
Teuerd. 47, 23.
β)
ebenso können und verstehn später: sein vater sprach zu ihm (dem studenten, der unter andern stud. schweigt) 'mein sohn, warum gibt du das deine nicht auch dazu und lässest dich hören was du kanst und verstehst?' Olearius pers. ros. 4, 3; die berichten uns so gut sie kondten und verstunden. Simpl. 1713 3, 119. das zweite wort bestimmt das mehrseitige können nach der hier gemeinten seite hin.
γ)
noch jetzt gibt es fälle genug, wo können und wissen geradezu ihren platz tauschen können, z. b. ich kann mir nicht helfen und weisz mir nicht zu helfen, 'weisz' keinen rat (mhd. auch einen rât kunnen Barl. 193, 23); er konnte es recht hübsch deutlich machen und er wuszte es deutlich zu machen; kannst du mir nicht sagen und weiszt du mir nicht zu sagen, doch versteht man auch diesz können jetzt nach 2 oder 4.
2)
Von einer fertigkeit oder befähigung, ahd. z. b. chan singan, mhd. z. b. zouberlist, seitspil kunnen. diese bed. hat aber eine nahe berührung mit der vorigen wie mit der folgenden. besonders mit der vorigen, eine fertigkeit ist schon unter 1 fast immer still mitverstanden, wie sie gleichfalls kunst heiszt, es ist ja meist ausübung eines gelernten, gewuszten. so kann denn auch hier verstehn öfter für können eintreten, wol auch wissen.
a)
auch die gewöhnliche fügung ist wie unter 1.
α)
mit infin.: so das ouch vermügen die goukler, das sie vil mit behendikeit verschlahen und verandren künnen vor den ougen der mönschen. Keisersberg irrig schaf (4°) D 5ᵇ; wan er doch éine sprach recht reden möchte oder könte, entweders ganz latein oder doch recht teütsch allein. Philander (1650) 2, 200; ich .. spiele gar kein instrument, auszer dasz ich gut pfeifen kann. Lichtenberg (1800) 1, 10; er kann einem durch seine worte recht das herz aus dem leibe reden. Gellert (1784) 3, 108; ich wollte wünschen, dasz ich sagen könnte, was von der zeit an (als braut) in meinem herzen vorgieng. 4, 251.
β)
mit einem accus.:
wer vil hantwerk kan, verdirbt.
Murner geuchm. 905 Sch.;
er kondt die gelegte, die gebrochene, die current schrift, die versal und canon. Garg. 176ᵃ (322 Sch.); er könne kein seitenspil. Schuppius 741; daher können die schulmeister alle ein handwerk, welches sie in den übrigen stunden treiben, um sich desto besser durchzuhelfen. Stilling jünglingsj. (1778) 171, ebenso gut ein handwerk verstehn. Auch 'eine kunst können', bis heute:
ich pfennig kan sulche kunst,
die auf erden niemand kan.
Rosenblüt fastn. sp. 1184;
künste kann er (der zigeunerbub) wie der ältste .. er macht dasz dem jäger die büchs versagt, daszs wasser nit löscht u. s. w. Göthe 42, 179 (vgl. u. 1, c, α bloszes künnen von zauberei). Besonders aber, wie unter 1, mit so allgemeinen begriffen wie viel, nichts u. dgl., oder diesz, eins oder dgl.: können sie eins, können wirs ander, sie poltern, wir foltern. Garg. 233ᵇ (437); wer das nicht kan, kan nicht vil. 167ᵈ (309ᵃ Sch.);
(der mensch) kan nichts nicht von sich selbst, das weinen ausgenommen.
Opitz 3, 285;
du kannst ja alles, Tell! an nichts verzagst du,
das steuerruder führst du wie den bogen.
Schiller 537ᵇ.
γ)
auch hier fühlen wir aber bei bloszem acc. gern einen inf. ausgelassen, zwar nicht bei ein handwerk, eine kunst können, aber bei seitenspil können, schrift können unter β, oder wenn man z. b. beim billardspiel sagt den ball kann er gut, kann er noch nicht (spielen, machen), wenn ein mädchen das andre fragt kannst du filet (stricken)?
b)
mhd. ward diesz können vielfach blosz mit praep. und subst. näher bezeichnet, oft mit zugesetztem wol, gut, z. b.
er kunde wol an ritterschaft.
En. 9006;
ich kan ein teil mit sange.
Parz. 114, 13,
lât mîne wunden schouwen
etswen, der dâ künne mite.
577, 9;
die ze arbeite kunden.
Gudr. 285, 4,
s. weiter gr. 4, 137. 948, mhd. wb. 1, 805ᵇ, es ist 'sich auf etwas verstehn, es gelernt haben, damit umzugehn wissen' und wirklich ein inf. dabei ausgelassen (vgl. 3, d). das hat sich denn ins nhd. fortgesetzt, theilweis bis jetzt (β).
α)
mit auf, z. b. scire fidibus, auf dem seitenspil künnen Dasyp. 217ᵈ, auf seitenspil können Maaler 247ᵇ, Schönsleder h 4ᵃ, der lat. ausdruck entspricht dem deutschen genau, mit ausgelassenem inf. canere: sihe ich hab gesehen einen son Isai des Bethlehemiten, der kan wol auf seitenspiel. 1 Sam. 16, 18 (ältere lesart der kan auf seitenspiel, vulg. scientem psallere); ein abenteurer, der .. kunt uf der fideln wol. Eul. hist. 24 s. 31; konnte wol auf der geigen. Sastrow 2, 622; die zimlich wol auf der laute konte. Simpl. 1, 177. doch auch mit acc.: etwas auf der leiren können. Petr. 21ᵃ, wie noch er kann ein stückchen auf dem klavier u. dgl. aber auch anders, z. b. auf dem wasser können (fahren): nun was der Tell ein starker man und kondt vast wol uf dem wasser. Tschudi (gleich nachher und kan wol schiffen). daher auch 'kunst auf etwas', s. z. b. unter klingeln 2, a.
β)
mit für (vor): Servius grammaticus, ein Römer, hat auch für das podagram gekönt. Philander 2, 438 (429), d. h. hat dafür ein mittel gehabt, hat zu helfen gewuszt;
für alles kan ein arzt, das eine fehlt ihm nur,
dasz er für seinen tod weisz selbsten keine kur.
Fleming 221 (199, 79 L.);
Rosa kan für traurigkeit; wann sie wein in magen geuszt,
sieht man bald wie traurigkeit ihr zun augen rauszer fleuszt.
Logau 2, 9, 8;
wer kann für unglück? Fischart groszm. 622 Sch., noch jetzt ganz gebräuchlich, ebenso wer kann für schaden? man sagt es tröstend oder entschuldigend, eigentlich: 'einmal bestimmtes unglück kann ja niemand verhindern;' ich konnte nicht dafür, eigentlich: 'ich konnte es nicht verhindern, nicht vorbauen', wie bei Schönsleder h 4ᵃ 'darfür künden, darvor sein', und noch bei Ludwig 1054 ich kan nicht davor, ich kan nicht dawider, ich kan ihm nicht helfen. Es sprang aber, aufgefaszt nach dem geschehenen unglück, in die bed. um, die wir jetzt allein hinein legen, 'wer ist für unglück verantwortlich', 'ich war nicht schuld daran':
sie trieft von lauter fett .....
vor disz kan sie zwar nicht.
Günther 482;
wer kann indessen dafür, dasz sie (die thoren) gemeiniglich unheilbar sind? Gellert 9, 229; dein kind kann ja nicht dafür, dasz dieser traum so schön war und so fürchterlich jetzt das erwachen. Schiller 192ᵇ. bei Steinbach 1, 908 selbst ich kan nicht vor dich, tui facinoris non ego sum autor (als ob einstehn hinzugefühlt wäre). Häufiger fast mit einem acc.: ich kan nichts davor Rädlein 556ᵃ, dafür Steinbach;
was kann ich denn für das, was selbst die liebe thut?
Gellert (1784) 3, 351;
ich habe was liebes, das hab ich zu lieb.
was kann ich, was kann ich dafür?
Bürger, an die menschengesichter.
Ebenso mit acc. aber auch im urspr. sinne (wie unter α), noch bei Frisch er kan was davor, weisz eine arznei dafür, und bei Bürger:
wenn ihr für die leiden der liebe was könnt,
vernünftler, so gönnen wirs euch.
wenn wir es nicht können, so irr' es euch nicht.
56ᵃ.
ja noch landsch., z. b. bair. etwas fürs fieber künnen Schm. 2, 307, was denn zusammenfällt mit dem hd. etwas fürs fieber wissen. mhd. aber sagte man in beiden bed. waʒ mag ich des (in bezug darauf)? vgl. nachher mit zu unter 3, e sp. 1733.
γ)
mit mit, von mehrerlei geschicklichkeit: wenn etwan ein grober mensch über ein fürgezüg kompt, der nit darmit kan. Keisersberg bilg. 13ᵃ; spötlich heiszt einer ein lautenschlager, der nit mit der lauten kan. Frank weltb. 1567 127ᵇ; (die Augsburgerinnen) ein schön weiblich bild, das wol mit der bofart kan .... dann sie könden (können) sich so artlich drein schicken, das sie gleich vor hoffart demuͤtig sein. Germ. chr. 1538 281ᵃ;
und der mit geucheryen kan.
Murner geuchm. v iij;
er wer ein artist und künt mit der archamy (alchymie). Eul. hist. 27; etlich meinten, er kunt mit der schwarzen kunst. 58, in hist. 65 s. 95 einmal ausgeführt so kunt Ulenspiegel etwaʒ (einigermaszen) mit der schwarzen kunst sich behelfen, es müssen aber noch andere verba dabei ausgelassen sein;
das alt weib steckt der liste vol
und kan mit irem kloben wol (sie kuppelt).
H. Sachs 1, 517ᵃ (1590 387ᵃ).
Auch von der behandlung von menschen:
das man kein canzler nimet an,
der mit den geuchen gar nüt kan.
Murner geuchm. b iiij (Scheible 904),
mit ihnen umgehn, sie richtig behandeln, schon im 14. jh.: ein bidderwe .. wîp .. die mit arm und rîch wol kunde und men ir gar wol gloubende was. Nic. v. Basel bei Schmidt gottesfreunde 90, d. i. die sich auf die behandlung von leuten aller stände verstand und allgemeines vertrauen genosz. daher allgemeiner gemacht mit einem in freundschaft k., in freundschaft umgehn, herzlich einig sein, Waldis schlieszt eine fabel:
wenn der boshaftig (die bösen) und die reichen
in freundschaft künnen mit irs gleichen,
so musz ir schwerdt den armen schneiden:
zur zeugnus han wir Christus leiden.
Esopus 3, 22, 22.
Auch hier aber mit acc. (wie bei α. β):
vil nemen arzeny sich an,
der dheiner (keiner) ettwas do mit kan
dann was das krüterbuͤchlin lert.
Brant 55, 8;
er könte nichts damit. Frey gart. c. 78; ich kan nichtz damit (verstehe mich nicht aufs zerlegen eines huhns). Pauli sch. u. ernst s. 49 Öst.
δ)
mit zu, wie mit mit (man vergl. dazu 3, e sp. 1733):
wann er wol kund zu ritterschaft.
fastn. sp. 424, 20;
so kan ich auch zuͦ den sachen.
Murner luth. narr D iij;
kan gar nüt zuͦ den dingen.
narrenbeschw. q 8;
und was zu hoffart dienen soll,
darzu künden si auch wol.
Val. Holls handschr. 153ᵇ;
nit seind halb und halb, gaistlich und weltlich ... als etlich in clöstern ... die künden zuͦ baiden henden, zuͦ lieb und zuͦ laid. Keisersb. has im pf. a 4ᵇ (Aa 5ᵃ), sind achselträger.
c)
zuweilen auch es können.
α)
mit auf .., mit .. ganz gleich dem vorigen:
frisch auf mit tausent freuden,
wers mit der feder kan.
Uhland volksl. 685;
d. h. ihr studenten; da sprach Saul zu seinen knechten, sehet nach einem man, ders wol kan auf seitenspiel. 1 Sam. 16, 17, vulg. aliquem bene psallentem (gleich darauf nur der kan wol auf seitenspiel, vorher aber v. 15 der auf der harfen wol spielen künde); könne er (der meisterknecht) es wol mit den dienstboten und mache auch was sie, so passe ihm Joggeli auf wie ein polizeidiener, bis er ihn fortschicken könne. Gotthelf 2, 164, wisse er mit ihnen umzugehen, sei leutselig mit ihnen; seinem weibervolk müsse er aufpassen, das könne es viel zu gut mit Uli. 211; aber es sei doch nicht allemal gut, wenn es die weiber und die knechte zu gut mit einander könnten. 137; wenn ihr nicht zusammen zanket, so könnt ihr es sonst recht gut mit einander. 343. auch bair. noch so es künnen mit einem, einer Schm. 2, 307, wie sp. 1728 mitte ohne es. ähnlich bei Rädlein 556ᵃ es wol bei einem können, wol bei einem stehen, was gelten, doch greift das mehr in 3 über. das zugesetzte es ist wie ein ersatz des ausgelassenen infinitivs, als hätte man sich damit das in seinem ursprung verdunkelte blosze können wieder deutlicher machen wollen.
β)
zuweilen aber erklärt sich ein solches es aus dem gleich vorhergehenden: schaffet und bestellet klageweiber, das sie komen, und schickt nach den, die es wol können. Jerem. 9, 17, es, d. i. das klagen. verstärkt das:
und ain frummer getrüwer hantwerksman,
der gern arbait und das wol kan.
priamel bei Keller alte schwänke s. 48,
das, nämlich das arbeiten, oder auch das hantwerk. hier erklärt sich auch die redensart: wer es kann, dem kömmts (vgl. sp. 1642 mitte): als ihm aber am ostertage vor der predigt eine magd ein paar strümpfe brachte .. dasz er sie flicken solle, da meinte der schneider, er habe einen groszen fisch gefangen und sagte 'wer es kan, dem kömbts'. Schuppius 110, vgl. Fischart oben sp. 1641.
γ)
dagegen auch bloszes können, wo man es vermissen möchte: hab ich mit disem (n.) ... ja an den baw des gemainen nutz dise meine stein wöllen tragen. wer mer hat und basz kan, der geb mer und thuͦ basz. S. Frank Germ. chr. Augsb. 1538 279ᵇ. vgl. 3, c.
3)
Können, vermögen, posse, pouvoir.
A.
Der begriff selbst fordert zuerst nähere betrachtung.
a)
das können ist hier nicht mehr äuszerung eines wissens (1) oder einer fertigkeit (2), sondern einer kraft, und dabei ist zweierlei merkwürdig. einmal dasz überhaupt eine benennung des vermögens aus einer des wissens, verstehens hervorgewachsen ist (also veräuszerlichung eines geistigen wortbegriffes, während sonst verinnerlichung eines sinnlichen der gewöhnliche gang der entwickelung ist), dann dasz für das vermögen als kraftäuszerung schon ein wort bestand, das von diesem können verdrängt werden muszte, nämlich mögen, goth. magan, dessen urspr. begriff ja in vermögen, macht noch uns im 19. jh. greifbar vorliegt. bemerkenswert ist auch, dasz das subst. kunst seinem verbum auf diese und die folg. stufe nicht gefolgt ist, während umgekehrt macht sein verbum mögen jetzt nicht mehr zur seite hat.
b)
den anlasz zu jener verschiebung des begriffes von können gab das leben an tausend stellen, im hause, im handwerke, selbst im kampfe, wo ja die kraft von kunst, d. h. wissen oder fertigkeit, oder von beiden geleitet wird. die meisten fälle sind daher so, dasz von diesen drei begriffen zwei oder alle drei in können zusammenflieszen, und auch der vierte, die möglichkeit, gesellt sich oft dazu. ja das wissen selbst, wie die fertigkeit, konnte dann umgekehrt als ausflusz einer inneren kraft aufgefaszt werden. merkwürdig ist dabei, dasz im altn. für das dritte können eine andre gestaltung der wurzel bestand, knâ potest, valet (s. I, 2, c), unterschieden von kann scit.
c)
wann das dritte können ins leben getreten ist, bleibt genauer zu untersuchen. schon später ahd. wird einmal valuere, freilich nicht in sinnlicher bed., mit chunnîn übersetzt (Graff 4, 409. 1, lv), es erscheinen schon da gern verbunden (s. d) du chanst unta maht, sie kunnen unte mugen (beskirman) u. dgl. Im mhd. ist es schon entschieden entwickelt, obwol selten wie es scheint (im mhd. wb. ganz geläugnet); Lübben im wb. zu den Nib. wies es nach. so z. b. von dem todwunden Siegfried und der ohnmächtigen Kriemhild:
erblichen was sîn varwe, ern kunde niht gestên (stehn bleiben).
Nib. 928, 1 in B,
sîn kraft was im geswichen, ern kunde niht gestân,
in C;
dô truoc man si von dannen, sine kunde niht gegân.
1010, 2 in AB,
während dort A, hier CDJ noch mohte haben.
d)
beide erscheinen seit ahd. zeit gern verbunden.
α)
anfangs freilich meistentheils wol in ihrem verschiedenen sinne. so recht deutlich z. b. im weinschwelg:
ich kan wol trinken unde mac,
ich hân kunst unde kraft.
leseb. 579, 18. Germ. 3, 215ᵇ;
oder wenn es von gott als schöpfer bei David von Augsburg heiszt: wan dû alliu dinc maht, unde kanst waʒ dû maht. myst. 1, 367, das vermögen und die fertigkeit, befähigung unterschieden.
β)
nachher aber auch so, dasz kunnen vom andern seine farbe erhält, zu ihm übertritt (vgl. kunnen und wiʒʒen sp. 1726 c, α):
so lebt kein man, der mag noch kan
solche lieb von einander spalten.
Ambr. lb. 110, 23;
das wir uns rüsten zuͦ dem dot
und leren (lernen), das wir muͤszen, künnen
und mögen in kein weg entrinnen.
Brant 85, 15;
ich kann und mag dir solchs keinswegs abschlagen.
Hoffmanns gesellsch. lied. 160;
es wird dir schwer, es ist das erstemal,
dasz du dich so verstellen magst und kannst.
Göthe 9, 231,
ich bitte dich was ich kann und mag. 7, 141, wo denn mögen einerseits durch die alte formel auf seiner alten bedeutung festgehalten ist.
γ)
auch können und vermögen: der guͦt engel ist sterker und weiser weder (als) der bös, und behüetet den mönschen als fil er kan und vermag. Keisersberg hellisch löw a iijᵃ, wo doch kan, dem weise entsprechend, noch die bed. 2 haben kann;
ich weisz was er vermag und kan.
Wolffs hist. volksl. 95.
δ)
dann auch in der bed. 4. 5:
guͦt gsell, darumb mich betten hast,
das kan und mag nit sein.
Uhland volksl. 105;
solt mich meins buln erwegen ...
das kan und mag doch nit gesein.
129,
kan und mags dann nit anders gesein.
363. 360.
B.
Gebrauch und fügung.
a)
mit inf., die beispiele suchen den übergang von äuszerer zu innerer kraftäuszerung zu zeigen.
α)
von menschen als subj.: ich konnte vor müdigkeit nicht mehr stehn; er hat einen kranken fusz und kann nicht gehn; darumb wil ich strafen und schlahen, so lange ich ein ader (muskel) regen kan. Luther 3, 125ᵃ; er kann sich im zorne nicht mäszigen;
wer kann sich denn im trunke zähmen?
Gellert (1784) 1, 200;
ich kan dein nit vergessen.
Uhland volksl. 85;
nur seufzer, die ein herz verlieret,
wann es sein leid nicht fassen kan.
Haller (1777) 221;
ich that alles, was ich thun konnte, diesem misverständnisse vorzubauen. Lessing 8, 18;
pfeiler, säulen kann man brechen,
aber nicht ein freies herz.
Göthe 13, 306;
auch, wenn er da ist, könnt ich nimmer beten.
12, 183;
kannst du die verderbende gewalt deines vaters aufhalten, lenken, so thus. 8, 294; alles schwimmt und schwankt so vor meiner seele, dasz ich keinen umrisz packen kann. 16, 57; meine andere grille kann ich auch nicht aufgeben. 199; er hatte einen überwiegenden verstand und konnte sich in alle vorstellungsarten versetzen. 19, 306; ich kanns nicht überdulden. du siehst ja, das kann kein weib überdulden. Schiller 142ᵇ;
nur einen blick des mitleids gönne mir,
doch deinen hasz kann ich nicht mit mir nehmen.
383ᵇ;
ich kann dich nicht entschuldigen, ich kanns nicht.
373ᵃ,
d. i. kanns nicht über mich gewinnen;
o gott! gott! ich ... kann diese hand nicht lassen.
383ᵇ;
haben uns jedesmal nur mit mühe von dem schönen anblick losreiszen können. W. v. Humboldt br. an eine freundin 1, 203.
β)
von dingen (eig. als menschen gedacht): die liebe kann uns einige zeit erhalten (gesund machen). Gellert 4, 252; was klugheit und behutsamkeit in der ehe für wunder thun können. 289; dasz wir im überirdischen in höherer klarheit wieder finden, was uns schon hier beseligen konnte. Humboldt an eine freundin 1, 207.
γ)
ein paar proben vom verflieszen der verschiedenen können:
kann ich armeen aus der erde stampfen?
Schiller 454ᵃ,
sowol: bin ich im stande? als auch: habe ich die fähigkeit? und: ist mirs möglich? (nach 4), genauer aber ein aus allen dreien zusammenwachsender begriff;
o sie kann mit mir schalten wie sie will,
mein herz ist weiches wachs in ihrer hand.
469ᵃ, ebenso;
bester! ich bin dahin! sie kann mit mir machen was sie will. Göthe 16, 131; bester bruder! diese viertelstunde über — ich kann dir nicht sagen was in meinem herzen auf und abgerannt ist. 7, 141;
und ich kann keine worte finden,
so leicht man im affect sie sonst auch finden kann ...
Gellert 1, 283;
so hoch wir denken können,
die höh wird gott genannt.
Voss (1825) 3, 216;
du lieber gott! was so ein mann
nicht alles alles denken kann!
Göthe 12, 169.
b)
mit acc. nur in beschränkter weise.
α)
wenn ein gedachter inf. dahinter steckt, zu dem der acc. gehört:
wer das rechte (thun) kann, der soll es wollen.
wer das rechte will, der sollt es können,
und ein jeder kanns der sich bescheidet.
Göthe 11, 260;
im gedränge hier auf erden
kann nicht jeder was er will.
13, 292;
was je ein erdenmann
für menschenheil gekonnt und kann.
Bürger 58ᵇ.
β)
doch erscheint ein solches was, viel u. dgl. oft auch als von kann selbst abhängig:
das lang erbeiten (warten, der Penelope) zeigt wol an,
was ein küsches herzly kan.
Murner geuchmatt 908 Sch.;
ich fieng an zu glauben, dasz ich doch wol nicht ganz elend wäre: so viel konnte dieser willkommene trank. Schiller 709ᵇ; der ganzen gegend woll er zeigen, was das bauren (landwirtschaft) könne. Gotthelf 2, 253.
γ)
neben diesem acc. oft noch mit einer praepos., die denn gleichfalls zwischen dem ausgelassenen inf. und können schwankt: hie wider kundten sie nichts mehr (vorbringen im streite, dagegen aufkommen). Luther 8, 177ᵇ;
bleibt!
was könnt ihr gegen ihn?
Schiller 523ᵇ;
was kann vernunft, religion wider dieses giganten eiskalte umarmung. 113ᵃ;
ach! wenn ich etwas auf dich könnte!
du ehrst auch nicht die heilgen sacramente.
Göthe 12, 179,
'über dich vermöchte', auf dich wirken könnte; kann denn die religion nichts über diese finstere laune? Tieck nov. 5, 117.
δ)
oft 'was ich kann', d. i. 'so sehr, so viel, so gut u. dgl. als ich kann', bezogen auf ein vorgängiges verbum (was als vertreter des mhd. swaʒ):
ich will im helfen, was ich kan,
das mein frau irn zorn sol lan.
fastn. sp. 423, 7, quantum potero;
die güldnen cherubinnen
bemühn sich, was sie können.
Fleming 332;
ein schmeichelkätzchen! und herzt mich was er kann! Göthe 7, 127; ich bitte dich was ich kann und mag. 7, 141;
versprich mir, Heinrich! 'was ich kann!'
12, 179;
drüben hinterm dorfe
steht ein leiermann,
und mit starren fingern
dreht er was er kann.
Wilhelm Müller ged. 1, 156;
lauf was du kannst!; eilen sie was sie können! Göthe 25, 286. Ganz eigen ist in diesem sinne 'was hast du, was kannst du': er lief davon was hast du was kannst du; und nähen denn los (reiszen aus), hast du nicht, so kannst du nicht. Siegfr. v. Lindenb. 1790 2, 317; vgl. oben 4², 70.
ε)
natürlich auch mit es als vertreter irgend einer vorausgegangenen wendung (vgl. sp. 1729 β):
nû sî dîn schuole meisterlôs an mîner stat: in kan dir niht.
kan eʒ ein ander, deist mir liep.
Walther 101, 34;
o gott! gott! ich kann nicht von dieser stelle.
ich kann es nicht.
Schiller 383ᵇ;
und jetzt verlaszt mich. 'kann ich es mit einer
erfüllten hoffnung, dann ist dieser tag
der schönste meines lebens'.
281ᵃ.
ζ)
ungewöhnlich mit acc. von geldmitteln, von einer zahlung: weil aber wir aus des stifts mitteln dieselben (die zurückgeforderten gelder) nicht haben können (d. i. nicht gekonnt haben), so haben wir gedachte 1000 thaler ... erborgen müssen. Corveyer urk. von 1638 bei P. Wigand denkw. beiträge 31; es ist wol nach dem beispiel von vermögen gesagt, das so mit acc. gebraucht war.
c)
bloszes können ohne inf. oder acc. ist überhaupt vielgebraucht, zumal im leben (wie wollen, sollen, dürfen u. s. w. gleichfalls). es sollen dabei gleich die folgenden bedeutungen mit zugezogen werden.
α)
können als äuszerung männlicher kraft:
darumb man (beim spiel) kein gebluͤt (verwandtschaft) betracht,
ein jeder nimpt das sein in acht,
wer kan der kan, wer leit der leit,
hie uͤbt man kein barmherzigkeit.
Ringwald l. w. 84 (75),
leit ist wol liegt (mhd. lît), sodasz die redensart aus dem kampfe stammen mag. ebenso das mhd. ine kan dir niht bei Walther vorhin, ein weiteres beispiel für schon mhd. kan valeo (s. A, c), denn es heiszt sonst ich enmac dir niht (nämlich gestrîten), kanns nicht mit dir aufnehmen, bin dir nicht gewachsen (entsprechend ist it. poterla oder non si poter con uno).
β)
besonders auch von mannskraft dem weibe gegenüber:
Cacus war ein junger schelm, ist ein alter frommer mann.
dasz er anders ist als war, macht dasz er jetzt nimmer kan.
Logau 2, 5, 11;
Hanswurst (verschnitten). bin ich nicht dein mann?
frau Knips. o ja, 'n kerl, der nicht mehr kan.
(Schink) marionettentheater 1778 s. 81.
γ)
aber auch ganz allgemein: um zu können, muszt du in jedem fall thun, um zu wissen, darfst du dich in vielen fällen nur leidend verhalten. Pestalozzi 5, 253; man kann nicht immer wie man möchte; daher gerieth er in dürftige umstände, seine kleider waren schlecht und abgetragen, so dasz er aussahe als einer der gern will und nicht kann. Stilling jünglingsj. (1778) 171, die redensart ist sehr gewöhnlich im leben von leuten die mühsam über ihren stand, ihre kräfte hinausstreben, auch er möchte wol, aber er kann nicht.
δ)
verstärkt früher wol können, praevalere (vgl.wolkönnend unter könnend):
schat nit dʒ einer ein narr wer,
wann er im (bei sich) behielt sein leer ...
und tret nit daher als könt er wol.
Soltau 255,
als wär er der allmächtige, gewaltige, als wär ers gar wie es früher auch hiesz. ebenso wol mügen.
ε)
in den meisten fällen ist ein inf. leicht zu ergänzen, während wir in den vorigen fällen einen inf. nicht brauchen: und wan sie schon voll und doll sind (von trinken), dasz sie nicht mehr können, dennoch machen sie sich wider darüber. Philander (1650) 2, 221; wollte ich mich der gesellschaft entziehen und meine verhältnisse verändern, so konnte ich nicht. Göthe 19, 295; bauer. ihr wollt nicht zum nachtims (imbisz) bleiben? Götz. können nicht. adies. 8, 78.
ζ)
zusätze zum inf. gehn dann auf können über: 'hier stehe ich, ich kann nicht anders';
kehren sie sich nicht
an meine thränen, Carl — ich kann nicht anders.
Schiller 308ᵇ, ich musz weinen;
sag Thekla, dasz du mitleid mit mir hast,
dich selber überzeugst, ich kann nicht anders (handeln).
383ᵇ.
So entstehn für unser gefühl sogar bindungen wie fort können, weiter können, hin können u. dgl., die man doch nicht als composita behandeln sollte: ich .. wandere wo ich hin (wandern) kan. richter 17, 9;
können wir hin (zu Gretchen)? 'es ist noch zu früh'.
Göthe 12, 136;
seze dich hier, denn du scheinst, kraftlos von der hize des weges,
nicht viel weiter zu können.
Voss Phil. u. Baucis 4
Wilhelm konnte nicht weiter (lesen), er überliesz sich ganz seinem schmerz. Göthe 20, 105; mein wandergefährte war so müde, dasz er bald nicht mehr mit fort konnte, zurückblieb; du muszt allein gehn, ich kann noch nicht fort, musz noch hier bleiben; jetzt ist eine that gethan, die keine vergebung mehr findet, die republik wird fürchterlich, weil sie nicht mehr zurück kann (auf der betretnen bahn). Schiller 776ᵃ;
wärs möglich? könnt ich nicht mehr wie ich wollte?
nicht mehr zurück wie mirs beliebt?
362ᵃ.
η)
selbst die fügung des verschwiegenen verbums geht scheinbar mit auf können über (wie bei mhd. tuon):
ich kan nit denken, was er kan.
Teuerd. 47, 100;
Gretchen. versprich mir, Heinrich! Faust. was ich kann!
Göthe 12, 179;
ich diene wem ich kan.
Logau 1, 5, 3 s. 97;
fahret ja
mit eifer fort, den himmel zu bevölkern,
wenn ihr die erde nicht mehr könnt.
Lessing 2, 293.
θ)
besonders oft wird es so mit einem gesteigerten adv. gebunden, das eig. zum inf. gehört: ich mache es so gut ich kann; läszt sein lied schallen so weit er kann. Göthe 27, 131; ich komme so bald (als) ich kann. Früher war aber diese wendung etwas anders: so knie nider (beim beten) oder stehe mit gefalten henden und augen gen himel, und sprich oder denk aufs kürzest du kanst. Luther 6, 308ᵇ; will ich aufs nähest ich kan hinzu schieszen. 6, 136ᵃ; sie verwahrten es aufs beste sie konnten. Opitz Arg. 1, 612; und rufte zum allerlautesten er konte. Zinkgref 1653 1, 231. es ist dabei nach dem superl. ein relatives als oder so ausgelassen (vgl. 1, 253), gerade wie bei dem jetzigen so kurz, so nahe du kannst auch. diesz so oder als erscheint auch noch im 16. jh.:
sagt eurem herren haim,
dasz er sich sol bewaren
des besten so er kan!
Uhland volksl. 462,
in andern fassungen des liedes
das beste so er kan.
Soltau 2, 50,
ufs beste als er kan.
Körners hist. volksl. 119.
Die frage ist, ob und wie etwa die lat. wendung quam optime poterit, quam potero proxime darauf eingewirkt hat. im mhd. ist diese einwirkung nicht zu verkennen: sô ich allerbeste, allerschierest kan, das sieht wie aus dem lat. übersetzt aus; aber das nhd. ûfs beste als er kan trennt sich merkwürdig genug vom mhd. (und damit vom lat.), und davon wieder ebenso merkwürdig das jetzige so gut (als) ich kann. dennoch sind beide änderungen im grunde nur leichte, im ersten falle eine versetzung des rel. hinter den superl., im zweiten ein umsatz des superl. in den positiv und zuziehung des demonstr. so. es treten aber darin drei verschiedene epochen der syntaktischen entwickelung zu tage.
d)
besonders auch praepositionen treten so zu können.
α)
praepos. mit einem subst. dazu:
so ist auf erden niemand,
der zuͦ der junkfraw kan.
hürn. Seifr. str. 96, kommen, durchdringen kann;
gib uns den bachen, es ist spat,
weil (solange) wir noch können ausz der stadt.
H. Sachs 1, 356ᵃ (1590);
in himel unser keiner kan (sagt ein landsknecht).
Ayrer 2970, 11;
Wilhelm stellte ihm vor, dasz er wol aus dem garten, aber nicht aus der stadt könne. Göthe 19, 227; nun es sommer wird, kann man wieder ins freie; er konnte nicht von der stelle;
gott! ich kann nicht von dieser stelle.
Schiller 383ᵇ;
ich habe meinen schrankschlüssel verloren und kann nicht zu meinem gelde (gelangen); man kann nicht an ihn (kommen);
könnt ich dir nur an den dürren leib!
Göthe 12, 198.
β)
aber auch eine blosze praeposition, die dann mit können in gedanken zusammenwächst (vgl. vorige sp. mitte): und belagert die stad .. das niemand aus und ein kund. 1 Macc. 15, 14; das pferd war so erschöpft, dasz es nicht wieder auf konnte (vergl.aufkönnen); nicht jederman konnte mit den versen sogleich nach (kommen, im spiele wobei aus dem stegreif gedichtet wird). Göthe 16, 207;
die götter sterben nicht, der tod kan ihrem samen
mit keiner sichel zu.
Opitz 2, 246;
man kann ihm nicht bei (kommen), s. beikönnen;
du gehst nun fort? o Heinrich, könnt ich mit!
Göthe 12, 243;
die thür ist verschlossen, wir können nicht ein.
41, 312 (hinein 313);
wer kann an (ankämpfen) gegen verzweiflung?
γ)
die praep. verstärkt durch ein adv. und ähnlich noch anders: platz gemacht, dasz sie vorbei kann! Weisze kom. op. 1, 38; wenn man nur mit einem stemmeisen dazwischen (dahinter, darunter) könnte!; kann ich ein biszchen hinunter (in den garten)? fragen die kinder. auch mit dem subst. dabei, wo dann die praep. zweimal erscheint: könnten wir nur übers wasser hinüber, ins haus hinein; ein mann von stande, sehr guter lebensart, der aber nicht aus sich heraus kann. Göthe 27, 150;
der mensch kann nimmermehr hinaus
aus dieser narrenwelt.
Eichendorf ged. 94.
e)
besonders beachtenswert ist eine solche verbindung mit zu, dazu, beispiele schon 2, 873: wollen aber etliche derselben gemeinen unterthanen von eigenem gewissen weichen, da kan e. g. nicht zu. Luther 3, 90ᵇ, ist nicht schuld daran, eig. aber wol dazu thun, mitwirken, um es zu hindern, vgl. das gleichbed. dafür können u. 2, b, β mit dem es immerhin auch im ursprung gleich sein könnte, s. dort u. δ können zu, sich auf etwas verstehn; thuts der tyrann mit gewalt, da können sie nichts zu. 4, 316ᵃ, es zu hindern; ist das veracht, da kann ich nicht zu. briefe 2, 285;
ist einer unächt geboren,
sei er ruhig darüber, was kann er weiter zur sache?
Göthe 40, 146,
he heft hierane nêne schult
Rein. vos 4012.
f)
mit umhin, ich kann nicht umhin (kommen) mit zu und inf., non possum non, οὐ δύναμαι μή.
g)
hierher endlich gehört auch einem wol, übel können: wem der herr wol wil, dem kan niemand ubel. Mathesius Sar. 39ᵃ, nämlich 'thun', wie das auch bei wol wollen zu ergänzen ist.
4)
Von der möglichkeit eines thuns. Das können, das sich auf ein thun bezieht, hängt ja hundertfältig von umständen und verhältnissen ab, und so konnte es nicht ausbleiben, dasz der begriff des könnens auch den einflusz dieser umstände in sein bereich zog (wie bei posse, δύνασθαι); ist doch möglich selbst ebenso von mögen (eig. vermögen) entstanden, das auch selbst in diese bed. übertrat. diese erweiterung der bed. ist schon ahd. beginnend, mhd. völlig entwickelt.
a)
zuerst natürlich von menschen.
α)
wenn die umstände uns ein thun möglich machen, das in unserm willen oder streben liegt: gleich als wenn ein fewr angehet, wer am ersten kan leschen, der ist der beste. Luther 3, 124ᵃ ('der erste der beste' musz ähnlich entsprungen sein, der beste ist der den preis erhält, s. Germ. 10, 134);
so seid ihr nun!
wenn ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!
Lessing 2, 193;
wenn du deinen Richard
nur loben kannst! (bist du glücklich).
229;
wer kann in den verzweifelten groszen städten schlafen? die karossen, die nachtwächter ... 1, 526; nur hier herein, Damis ist ausgegangen. sie können hier schon ein wörtchen miteinander im vertrauen reden. 1, 237; das verdammte glücke! ohne das kann man nicht einmal ein guter spitzbube sein! 1, 304; denn nur mit dir kann ich leben, mit dir allein mag ich leben. Göthe 7, 141; ein für allemal, ich kann Fabricen nicht heiraten. 140;
kannst du mich mit genusz betrügen,
das sei für mich der letzte tag.
12, 86,
bringst dus dahin, wird es dir möglich;
ach kann ich nie
ein stündchen ruhig dir am busen hängen?
183;
mit solchen schätzen kann ich dienen.
85;
kann denn ein groszer sünder noch umkehren? ein groszer sünder kann nimmermehr umkehren, das hätt ich längst wissen können. Schiller 142ᵇ;
der soldat musz sich können fühlen.
328ᵇ;
kannst du das läugnen oder läugnen wollen?
β)
wenn die umstände uns ein thun erst an die hand geben, auch den willen erst hervorrufen:
nun, einem engel, was für dienste,
für grosze dienste könnt ihr dem wol thun? (diesz noch zu α),
ihr könnt ihm danken, zu ihm seufzen, beten,
könnt in entzückung über ihn zerschmelzen,
könnt an dem tage seiner feier fasten u. s. w.
Lessing 2, 203;
wie leicht kannst du nicht dem alten den brief geben und ihm sagen, der postträger habe ihn gebracht? 1, 267; wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnügt machen zu können. 1, 302; zwar könntest du mir mit einem verwandten gleichnisse antworten. Göthe 16, 62; sie ward hofdame an einem benachbarten hofe, wo er sie einer freundin ... zur aufsicht und ausbildung übergeben konnte. 19, 307;
denn was man schwarz auf weisz besitzt,
kann man getrost nach hause tragen.
12, 97;
traut mir, ihr könnts!
Schiller 372ᵇ;
auch nicht in meiner, kann ich euch versichern.
354ᵃ;
Max Piccolomini liebt euch. ihr könnt
ihn unauflöslich an den vater binden.
374ᵃ.
γ)
endlich wo der einflusz der umstände so stark wird, dasz von einem willen, oder auch von einem thun unserseits nicht mehr die rede ist, z. b.: fieng an zu zweifeln, ob (nicht) sein sohn auch wol endlich gar ein liederlicher taugenichts werden könnte. Stilling jünglingsj. (1777) 2, 171, hier zieht sich, trotz der immer noch persönlichen wendung, können schon zum gröszeren theil auf den bloszen begriff der möglichkeit zurück (s. 5). bes. auch verneintes können läszt sich hierher stellen, z. b.: man könne einem verdampten ketzer nicht unrecht thun. Luther 4, 536ᵃ (1556 566ᵇ);
der schade ist zu grosz, er kann mirs nicht verzeihen.
Gellert (1784) 3, 462;
ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen.
Göthe 12, 97;
dasz in den menschen so viele geistige anlagen sind, die sie im leben nicht entwickeln können. 16, 198; tugendübungen? an die konnte ich nicht einmal denken. 19, 319; lieber als meinen bruder kann ich euch nicht haben. 7, 130; das hab ich nicht wissen können (vergl. das hättest du doch wissen können!); man kann den menschen zu nichts brauchen, aber auch man kann ihn gut brauchen läszt sich hierher ziehen. ebenso folgende nicht verneinende fälle: wie hätten wir es aber klüger können anfangen? Lessing 1, 304; einen (von uns brüdern) kann er so leicht missen, und dieser eine bin ich. Schiller 142ᵇ. Aber jeder sieht wol, wie eitel die bemühung wäre, die vielseitigkeit dieses könnens wirklich zu erschöpfen, so viele nebenbeziehungen spielen darin, die von der verschiednen lage der umstände abhängen, und überdiesz spielen mehrere arten des könnens oft in einander.
b)
einige fälle jedoch, wo es eine besondre farbe annimmt, verdienen hervorhebung (mit zuziehung von 5).
α)
wo ein recht, eine erlaubnis in frage kommt, streift es an dürfen und kann damit tauschen:
es ist gewiss andem, er denkt an keine liebe ...
er kann ja wol mein freund, ich seine freundinn sein.
Gellert (1784) 3, 447,
d. i. wir werden doch vor den leuten freunde sein dürfen, unter umständen könnte es aber auch bedeuten 'es ist doch wol möglich, dasz wir nur freundschaft hegen';
geh, falscher, geh nur hin, du kannsts ihr wieder sagen.
3, 458,
meinetwegen sags ihr, ich habe nichts dawider, es ist mir einerlei; man kann sich ja wol (einmal) übereilen, wenn man nur wieder zu sich selber kömmt. 3, 108; niemand konnte es mit recht von ihm verlangen. Lessing 11, 752; wen ich brauchen kann, versetzte der löwe, dem kann ich ja wol meine seite (gesellschaft) gönnen. 1, 144; jeder mensch .. musz machen können was er will. 1, 275; nun könnt ihr herein kommen, oder jetzt könnt ihr noch nicht herein ruft man den kindern die auf die bescherung warten; das kann nicht so fortgehen! darf nicht mehr geduldet werden; das kann meinetwegen geschehen, ich gebe meine einwilligung; 'spare deine seufzer' und 'deine wünsche' hätte er sagen können, aber 'spare deinen harm', diesz hat er des reims wegen gesagt. Gellert 1, 333; ach liebste freundinn, warum kann ich nicht den augenblick (gleich) erfahren .. ob ich hoffen darf? 4, 250, wo kann und darf die stellen wechseln könnten oder dürften;
o der neu erwählte könig
kann mehr als das, kann die verordnungen
des abgeschiednen durch das feur vertilgen u. s. w.
Schiller 251ᵃ;
kein kaiser kann, was unser ist, verschenken.
529ᵇ,
das musz man doch sagen können!
β)
ebenso, wo ein guter grund und anlasz darin ausgedrückt ist, oder auch eine günstige gelegenheit: bist du in dem einen (im geschäft) sicher, so kannst du in dem andern (im leben) desto freier sein. Göthe 17, 41; in der familie sagte man sich ... dasz wir kinder uns schon als erben seines (des kinderlosen oheims) groszen vermögens ansehen könnten. 19, 306; sie konnte nach ihren .. gaben .. auf die ersten partien anspruch machen. 307; du kannst mirs glauben; man kann gut und gerne behaupten dasz ...; darauf kannst du stolz sein, dir was einbilden; kann ich nun anfangen? ist alles bereit zu hören? eben so gut darf ich nun anfangen.
γ)
eine aufforderung oder bitte, ein vorschlag, eine weisung, anfrage werden oft damit eingekleidet, als in milder, vorsichtiger form, aber auch ironisch: ich habe jetzt nicht zeit für euch, ihr könnt aber morgen wieder einmal nachfragen; kannst du nicht einmal zu mir kommen? sei doch so gut und komm; du könntest mir eigentlich (oder vielleicht, am ende, wol) das lästige geschäft abnehmen, vorschlag oder bitte in mehr versuchender form, entschiedner mit du kannst; wenn arbeiten vertheilt werden, das kann der und der machen, das der und der, das kann nach umständen nur vorschlagsweise gemeint sein oder auch schon eine vorschrift in milder form; vielleicht könnt er dem könig einen fuszfall thun. Weisze kom. op. 3, 13; wenn das ist, Damis, so kannst du meinetwegen noch heute die nacht fortreisen. ich will gott danken, wenn ich dich narren wieder aus dem hause los bin. Lessing 1, 302 (ebenso magst du); er kann mich .... heiszt die derbe volksmäszige aufforderung (s. z. b. Göthes Götz oben 1, 566), auch mit zugesetztem wenn er will. mit vorwurf zugleich oder bitterkeit: du kannst (könntest) immer auch einmal mit angreifen!; das kannst (magst) du selber machen!
δ)
dem entsprechend wird auch ein entschlusz, ein halbes versprechen, ein anerbieten so ausgedrückt: krieche sie nur derweile hier in den schrank ... 'das kann ich ihm wol zu gefallen thun'. Weisze kom. op. (1777) 2, 242; ich kann dir ja das geld vorschieszen; das können wir machen; was ich (von geld) daraus löse, kann er gleichfalls haben. Lessing 1, 524.
ε)
verwundernd, tadelnd, vorwurfsweise:
o herr got, straf menschlich geschlecht!
wie kanstu doch so gütig sein?
ich schlüg fürwar mit keulen drein.
Schades sat. u. pasqu. 1, 162;
es reut ihn nicht einmal! er kann noch gar verlangen,
dasz ich ihm sagen soll, wie sehr er sich vergangen!
Gellert (1784) 3, 457, ist so dreist;
ihr könnt noch fragen?
139;
ich weisz nicht wie ihr mich so lange bitten könnt.
137;
dasz ihr doch noch erst so was
erinnern könnt!
Lessing 2, 255;
wie kannst du dir das erlauben!; du könntest nun einmal aufhören zu zanken! zugleich nach γ, verfluchter kerl, hast du dein maul nicht halten können? Lessing 1, 303;
er wuszte was davon, und konnte mich
zu seinem mörder machen wollen! wart!
2, 362, schlusz des Nathan;
Saintrailles konnte seine stimme geben
zu solchem schimpflichen vertrag?
Schiller 453ᵇ;
du hättest mir einen wink geben können! 192ᵃ. auch von sich selbst sagt man: ich begreife nicht, wie ich so unvorsichtig sein konnte; ich musz mich schämen, dasz ich mich so übereilen können. Lessing 1, 336.
ζ)
beachtenswert ist auch ein nicht können mit dem man sich auf seine natur beruft: ich kann das nicht essen, von einer speise die mir widersteht; ich kann die kälte nicht vertragen; ich kann den menschen nicht leiden, aber auch den kann ich gut leiden:
ich hab es wol gemerkt, ihr könnt einander leiden.
Gellert (1784) 3, 446, liebt euch.
auch ich kann das nicht glauben ist oft ebenso gemeint, u. a.: gott ist geduldig, dasz er so schweigen kann und den ärgesten buben so lange zusehen ... ich konnts nicht thun. Luther tischr. 2, 27. vgl. dazu 6.
η)
mit nicht genug u. ä.: darüber sie sich .. nicht genugsam verwundern konnen. Luther tischr. 2, 4; in den ersten wochen konnte ich mich an den mannichfaltigen scenen dieser gegend nicht satt sehen. Gellert 4, 121; für wolgerathene kinder können ältern nicht zu viel thun. Lessing 1, 139; man kann das den kindern nicht oft genug oder nicht zu oft sagen.
c)
natürlich auch von dingen als subj., wieder in endloser mannichfaltigkeit, z. b.: das wasser kann nicht abflieszen; öffne das fenster, dasz die luft ins zimmer kann; der stock kann schon was aushalten; das zeug kann keine nässe vertragen; der baum kann doch nicht alle jahre tragen; das geld kann mir nun nichts mehr helfen, es 'kommt' zu spät; konnte dich die frage so verwirren?; (Luther) der .. den Teutschen gezeiget, was ihre sprache, wenn sie wolten, vermögen könte. Schottel 49; ja, díe betrachtung kann einem schon bange machen; das kann mich nicht ärgern; was einen éin blick voll liebe beglücken kann!; nichts kann einen so stärken als rechtzeitiges lob;
ich weisz zu gut, dasz solch erfahrnen mann
mein arm gespräch nicht unterhalten kann.
Göthe 12, 160.
die bed. 3 und 4 mischen sich dabei. sobald man aber darin die menschliche auffassung des dings nicht mehr empfindet, wird die bed. 5 daraus.
5)
Endlich vom bloszen begriff der möglichkeit.
a)
eine geschichte dieses täglich, stündlich gebrauchten begriffes und seiner bezeichnung wäre wol gar wertvoll.
α)
man weisz, dasz er in den alten sprachen noch vielfach blosz durch formen des verbums ausgedrückt ward (conjunctiv, optativ); doch war das mehr eine andeutung als ein voller ausdruck davon, er erschien da als anhängsel des verbalbegriffes, noch nicht als begriff für sich. so hat er denn im lauf der zeit seinen eignen bestimmten ausdruck erhalten, bei uns in können, dem aber auch hier wieder mögen zur seite trat (wovon ja das mögliche benannt ist), früher auch müeʒen, goth. môtan; man machte gleichsam von mehrern seiten her versuche, den begriff sicher zu fassen. kunnen ist schon mhd. in vollem gebrauch, z. b.:
ir enkunde in dirre werlde nimmer leider sîn geschehen.
Nib. 13, 4,
hätte nicht geschehen können (wie noch engl.);
er dâhte in sînem muote 'wie kunde (mohte J) daʒ ergân,
daʒ ich dich minnen solde? daʒ ist ein tumber wân'.
284, 1.
β)
auch unsere vorfahren hatten aber eine bezeichnung davon, die mehr eine blosze andeutung war, wie eine färbung des verbalbegriffes, durch den indic. mit wol (wovon in den wbb. nichts steht), z. b.:
ob nu (auch wenn) der mensche vellet, der tugende (gen.) sich nu sundert
und sich Lucifer gesellet, der kümt wol wider.
jüng. Titurel 15, 2,
der kann wiederkommen (gerettet werden);
jâ truogen si die ünde (dahin, so weit) ... daʒ si die Hilden burc wol erkanden.
Gudr. 749, 4, sehen konnten;
die weil (sobald) daʒ gslasz (schlosz) nur was gespeist (verproviantiert)
und ach (auch) nit mer wan drei man het (besatzung),
so spilten die zwen wol im pret ...
der drit eʒ wol pehute (konnte es allein schützen).
Beheim Wiener 403, 1. 4,
um die festigkeit einer burg recht deutlich zu machen; wer sich selbs kützelt, der lacht wol wenn er wil. sp. 880 mitte. oft in den rechtsbüchern, z. b.: wirt ouch ein kint geborn stum .. oder blint, daʒ ist wol erbe zu lantrechte. Sachsensp. I, 4; der bûrmeister ist wol gezûg über den gebûr ... 13, 2, kann als zeuge auftreten; als daʒ kint ze vierzehen jâren kumt, eʒ nimt im wol einen andern phleger (vormund). Schwabensp. 54, 4.
γ)
wie können, urspr. wissen, zu dem begriffe der möglichkeit gekommen ist, zeigt das voraufgehende. noch jetzt lassen sich die verschiedenen stufen, auf denen es dazu gelangte, in derselben wendung anbringen, z. b. er kann nicht reden kann je nach umständen bedeuten 1. er weisz oder versteht nicht zu reden (hat nicht die nötige geistesbildung), 2. er ist nicht geschickt zu reden (es fehlt ihm die übung), 3. er hat nicht die körperlichen mittel (z. b. ein kranker, stummer), endlich 4. die umstände erlauben es ihm nicht, er hat nicht die möglichkeitaber eben diese möglichkeit schwebte gleichsam auch schon über den drei ersten fällen, wie die gemeinsame begriffliche spitze von allen, die nur noch zu erfassen war.
b)
das nhd. können in seinem gewöhnlichen gebrauch.
α)
am schärfsten tritt der neue begriff heraus, wo sichs um ein geschehen, werden, sein handelt:
was nicht ist, es kann noch werden.
Göthe 13, 292;
das kann jedem widerfahren; wie soll das geschehen können?; das kan schon sein, wahr sein, cela est assez possible. Rädlein 556ᵃ; könnt es sein, wär es möglich. Haller ged. (1777) 194; wie es denn auch in der natur ist, das, wo kein gesetz ist, kein sünde sein kan. Luther 3, 222ᵇ; darumb kans nicht war sein, das sie rühmen ... wie kans ernst und nicht erlogen sein, da sie sagen u. s. w. 8, 177ᵇ; denn es kan nicht beides bei einander stehen, das ich solt ein mönch bleiben und doch Christum predigen. 268ᵃ;
und kan er mir nicht werden,
der liebst auf diser erden.
Uhland volksl. 265,
und konnte keine welt des übels ganz entbehren,
wie (warum) lieszest du nicht eh ein ewig unding (nichts) währen?
Haller 195;
es hat vielen einfallen können, und ist vielen eingefallen. Lessing 8, 18;
so kann noch alles gut und glücklich werden.
Schiller 374ᵇ;
geschehn ist leider nun geschehn,
und wie es gehn kann, so wirds gehn.
Göthe 12, 197;
manchmal stell ich mirs vor ... wie alles gehen könnte und gehen möchte. 7, 130; es kann doch nicht immer so bleiben. 141; das kann noch lange dauern; könnte ich doch dieser verwirrung überhoben sein! Lessing 1, 314; freilich begreife ich wol, dasz ein feldzug wider den Türken nicht halb so lustig sein kann als wider den Franzosen. 1, 524, dieser 'musz' lustiger sein als jener, 'es ist nicht möglich' dasz .., obwol an sich auch zu verstehen wäre 'es ist möglich dasz er nicht' .., dieser 'ist vielleicht' lustiger;
wie elend, elend hättet ihr indess
hier werden können! euer haus .. das brannte.
Lessing 2, 191;
da hatt ich (Wallenstein) nichts mehr als mich selbst — doch was
éin mann kann werth sein, habt ihr schon erfahren.
Schiller 380ᵇ (ältere lesart mag).
β)
aber bei einem thun und persönlichem subject hebt sich dieses können von den vorigen eigentlich am schärfsten ab, z. b.: sintemal es itzt von gottes gnaden alles also zugericht ist, das die kinder mit lust und spiel lernen können. Luther 2 (1555), 466ᵇ, dasz nun, nach dem verbesserten schulwesen, die möglichkeit vorliegt, dasz ...; seliglichern tod kanstu nimermehr überkomen. 3, 125ᵇ, es ist nicht möglich, dasz du ..; hier kánnst du gar nicht irre gehn;
im geisterlabyrint, in scheinbaren begriffen
kan auch der klügste sich in fremde bahn vertiefen.
Haller 60,
es kann ihm begegnen, widerfahren, er ist dem ausgesetzt;
auf ein mal wird man nie der gröszte bösewicht,
allein den grund dazu kann man auf ein mal legen.
Gellert (1784) 1, 164.
auch von sich selbst sagt man so:
ich bin meim buͦlen von herzen holt,
ich könt ir nit holder werden.
Uhlands volksl. 89;
wer weisz wie viel stammwörter, die in dieser (der hebräischen, als ursprache) verloren sind, ich in jener (der wendischen) entdecken könnte! Lessing 1, 217 (der junge gelehrte sagt es), nicht: zu entdecken verstünde oder im stande wäre, sondern: zu deren entdeckung die möglichkeit da verborgen ist, die ich vielleicht entdecken würde. ein solches vielleicht steckt öfter darin, z. b.: das kann ich dir ein andermal melden, melde dir es 'wol' oder vielleicht ein andermal; nur keine vorwürfe, herr Philto! ich kann sie wol verdienen, aber sie kommen zu spät. Lessing 1, 480, es ist wol möglich dasz .., ziemlich gleich ich mag, das indessen noch weiter gienge im zugeständnis (es wäre aber auch nach 6 zu verstehn).
γ)
es hat dieses können nämlich zwei seiten. auf der einen liegen die bedingungen des geschehens, die in den umständen ruhen, auf der andern seite steht die rechnung, die der redende gleichsam damit anstellt, mit der er eine möglichkeit gleichsam herausrechnet. auf die zweite seite aber fällt hier oft das hauptgewicht, z. b.:
nein, nein, der himmel kan, was er erschuf, nicht hassen.
Haller (1777) 108,
d. i. ich halte es nicht für möglich, es ist mir nicht denkbar; über den büchern können sie doch unmöglich die ganze zeit liegen. Lessing 1, 223, so sagt Lisette zum jungen gelehrten; auch diese (federn) können nicht dein sein. 144, die pfauen sagen es zur krähe; so wenig also Winkelmann die beiden citate des Spon verglichen haben konnte eben so wenig kann es hr. Klotz gethan haben. 8, 243;
der herr ist ja am hof erzogen,
wie könnt er da wol böse sein?
Weisze kom. opern 1, 32;
kanonenkugeln flogen wild auf uns ein, ohne dasz wir begriffen wo sie herkommen konnten. Göthe 30, 69;
die welt kann hundertmal,
kann tausendmal um ihre pole treiben.
eh diese gunst der zufall wiederholt.
Schiller 250ᵇ;
was kann dein herz beklemmen? sag es mir.
519ᵃ,
wie kann er leben, der ermordet ward
zu Uglitsch und im feuer umgekommen?
669ᵇ.
daher wird ganz häufig eine vermutung damit ausgesprochen: er kann sich ja verlaufen haben; er ist noch nicht da (der erwartete), aber er kann jeden augenblick kommen, wo man auch nach meiner rechnung oder berechnung zuweilen hinzusetzt; es können (mögen) etwa zwanzig leute gewesen sein, oder es konnten etwa zwanzig leute sein, die uns begegneten; es konnte zwei uhr sein, als die nachricht kam, ungefähr um zwei uhr.
δ)
nicht zu häufig erscheint es mit einem passivum: auf diese weise hätten die beiden hauptgegenstände der erdichtung schön gezeigt werden können. Gellert 1, 323; thun sie doch, als wenn ihr körper eine spinnewebe wäre, die so leicht erschüttert werden könnte! 3, 243 (häufiger zu erschüttern wäre); wenigstens hat er ... nicht so viel hinterlassen, dasz er unter die erde gebracht werden konnte. 267;
sie sind
der träumer nicht, der etwas unternähme,
was nicht geendigt werden kann.
Schiller 281ᵇ;
denn göttlich musz eine lehre sein, für die so freudig gestorben werden kann. 775ᵇ (gewöhnlich mit man); unser herzog weisz, dasz keine academische functionen von mir geleistet werden können. 1259ᵃ.
c)
dazu einige besondere wendungen.
α)
soll die möglichkeit recht nachdrücklich ausgesprochen werden, so häuft man in folgender weise:
nimmer, nimmer, nimmer traurig sein ...
wann es kann müglich sein.
Hoffmanns gesellschaftsl. s. 249;
freund, kann es möglich sein, dasz die sich glücklich schätzen,
die unverschämt sich selbst an gottes stelle setzen?
Lessing 3, 337;
ich sehe in die fenster, nicht anders, als ob es möglich wäre dasz sie noch heraus sehen könnten. Gellert 4, 194; er kann sich ja möglicherweise verirrt haben; ich bin nicht im stande, ihm etwas helfen zu können, obwol letzteres urspr. gar keine häufung ist, im stande gleich in der lage.
β)
'kann sein', ohne es, ist so viel gebraucht, dasz es sich einer partikel nähert gleich vielleicht, möglicherweise, wie das entschieden geschah in franz. peut être, engl. may be, schwed. kan ske, dän. kan skee, maa skee (geschehen), die völlig als éin wort behandelt werden (s. dazu gramm. 3, 242): sie (die teufel) verstellen sich in diese und jene person, und kan wol sein dasz sie oft die gestalt u. s. w. Simpl. 1, 301;
zweideutelei? kann sein.
Schiller 281ᵇ;
und hätte mir das herz wie jetzt gesprochen —
kann sein, ich hätte mich bedacht — kann sein
auch nicht.
401ᵇ.
auch bei uns ist das in mundarten ganz zur partikel geworden, wie im bair., z. b. i gê kansein heunt in dstad, s. Schm. 2, 307, tirol. Schöpf 334, auch oberlaus. Anton 9, 6.
γ)
es kann mit weggelassenem sein: soll ich Mariannen verlieren? die letzte meiner hoffnungen, den inbegriff meiner sorgen? es kann nicht! es kann nicht! Göthe 7, 139 (geschw.);
es kann nicht sein! kann nicht sein! kann nicht sein!
siehst du, dasz es nicht kann! du hättest ihm
nothwendig deinen abscheu ja gezeigt ...
Schiller 357ᵃ.
ebenso lat. potest, es ist möglich, gr. δύναται, franz. cela se peut (faire), il se peut que .., und ähnlich bei uns es musz, es soll, es wird (geschehn).
6)
Noch ist ein lange beliebter eigenthümlicher gebrauch zu erwähnen, der noch genauer zu beobachten bleibt, wonach können mit inf. oft so steht, dasz es uns rein überflüssig erscheint und einer bloszen nachdrücklichern umschreibung des verb. finitum gleich sieht.
a)
so mhd. sehr häufig, z. b.:
dô stuont er ûf unde sprach
'frouwe, ich tuon iu ungemach,
ich kan ze lange sitzen,
daʒ tuon ich niht mit witzen'.
Parz. 29, 19,
entschuldigung 'ich werde euch lästig, dasz ich so lange sitzen bleibe, es geschieht aus unbedacht';
si kunde wol getriuten
ir sun.
117, 18, sie liebkoste ihn gern;
wan von dem ertrîche
dem menschen ist geboren an,
daʒ er dem tôde wahsen kan
und er verliesen muoʒ sîn leben.
Konrad Silv. 3748,
dasz er dem tode entgegenwächst; weitere beispiele im mhd. wb. 1, 807ᵃ. An andrer stelle das. 806ᵃ, 45 steht eine erklärung, die auf viele dieser stellen passt und wol von Benecke dafür bestimmt war: 'meine natur, meine sitte bringt es mit sich'; nachher auch: es ist meine art so, oft gleich 'ich pflege', z. b.:
die ritter, die hânt einen site:
swaʒ si getuont, sô künnents jehen,
eʒ sî durch diu wîp (den weibern zu liebe) geschehen.
Heinzelein s. 107.
Entstanden ist es offenbar aus der bed. 2; z. b. bei Reinmar
wie möhte ein wîp dem iht versagen,
der ouch sô tugentlîche lebt als er wol kan?
minn. frühl. 193, 7
ist freilich zunächst gesagt 'wie ers so gut versteht', aber wirklich gemeint ist 'wie er thut, wie man ihn immer leben sieht', wie es seine art ist.
b)
im 15. 16. jh. ist diesz nun noch ganz gewöhnlich.
α)
in fällen, wo es uns wirklich völlig überflüssig erscheint, von einem einzelnen vorfalle:
Peter sagt: dás kan ie (doch) glück sein!
Peter Lewe 190 (weim. jahrb. 6, 430),
das ist doch einmal ein glück! das heisz ich glück!;
der pfarrherr sagt: wolan, ich mein,
dás kann ein seltsams fischen sein!
604 (s. 443),
das ist ja eine närrische fischerei!;
das kan ein seltsams külen sein!
741 (s. 447),
was ist das für ein närrisches kühlen (des weins, nämlich ein überschwemmen der stube)! 'das wäre mein kühlen!';
was kanst für ein groszer götz sein!
1094 (s. 457),
du bist doch einmal ein dummkopf! doch schon dieses beispiel ist auch zum folg. zu ziehen, aus dem die vorige wendung entstanden sein musz.
β)
besonders wo sitte und art eines menschen, thiers oder dinges geschildert wird:
ich weisz mir ein feins brauns megdelein,
hat mir mein herz besessen.
es kan mir ein krauserlein mauserlein sein.
Ambraser liederb. s. 30;
vil kürzweil kan sie machen (die liebste)
dem jungen herze mein.
O. Schades bergreien nr. 34, 3;
fründlicher wib sindt nit uf erden ...
die so züchtig künnendt berden (sich geberden).
Murner geuchmatt 992 Sch.
darumb sitz ich hie uf dem küssen,
das ich vil geuchery kan wissen.
1068;
si (die dirne) kan bi irem bulen ligen
und dich (den erklärten liebhaber) lon uf der gassen schrigen ...
si kan dich lernen (lehren) hechlen lecken
und lassen wüeten wie ein gecken.
si kan dich lassen singen, pfifen (ständchen bringen)
und si dir nach dem seckel grifen.
si kan dich lernen engstig schwitzen ...
das sindt die siben frien künst
die du bei den geuchin findst.
1024,
wieder an die bedeutung 2 angelehnt. Von dingen, thieren:
der wagen hat ein krummes rad,
er kan so vil des knarren.
O. Schades bergreien nr. 43, 5,
es knarrt immer so (eig. er versteht das knarren);
silber, gold und freude viel
nur alles wert ein kleines ziel (zeit),
es kan sich bald verkehren.
Ambr. lb. nr. 126, 12,
nicht etwa wie das jetzt gemeint sein würde 'es ist möglich dasz ..', vom einzelnen falle, sondern allgemein 'es ist seine art so';
ein wasserspinn ist also licht,
si gat uf wasser tief und sicht ...
doch kan ir kein wol lichter sin,
dann frauenglaub ist und ir trew.
S. Brant bei Zarncke s. 155ᵇ.
Auch in prosa, und offenbar in der alltagsrede: diesen ort des propheten Jona pflegen die sophisten auf die werk zu ziehen ... solchem geschwetz ist (aber) Jona zuvor komen, das er .. spricht 'die leute zu Ninive gleubten an gott'. solchen spruch können sie (aber) fein uberhüpfen und uns die werk zeigen. Luther 3, 216ᵇ (1560), das können steht dem pflegen vorher ziemlich gleich; Clemens der achte ist auch ein feiner kirchenfan gewesen, welcher in den schweren kriegen zwischen keisern Carln und könig Franzen es nun mit den Franzosen, bald (gleich drauf) mit dem keiser hat halten können. Fischart bien. 132ᵃ (143ᵇ), beidemal ironisch, wie bei Murner vorhin.
γ)
noch im 17. 18. jh. ist es zu finden:
ach seht, wie (auch) gottes zorn den herren keltern (peinigen) kan,
er ist ihm bis in tod des kreuzes untertan.
Dan. v. Czepko heil. dreieck (hdschr.);
da wohnt der süsze schlaf, der alle pein kan temmen,
erneuern unsern muth.
Opitz 1, 442;
dem beruf und ampteswerke
gib, o vater! seine stärke,
groszer doctor, du allein
kanst mein bester lehrer sein.
Schuppius 207;
'heer' Niels, 'heer' Laers sind van den geringen,
'mester' Niels, 'mester' Laers kan beter klingen.
Lauremberg 57 (3, 468);
zwar noch zu glücklich, wessen wunden
bei dem gerüchte plaz gefunden (der im kriege berühmt ward),
sein name kan unsterblich sein.
Haller 1734 s. 27, 'ehre' str. 10.
ja noch heute sind wol nachklänge davon zu erkennen in alltagswendungen wie diese: ich kann keinen gefallen daran finden; ich kann mir nicht viel draus machen; das kann mir nicht gefallen, es gefällt mir nun einmal nicht; er ist sonst fromm wie ein lamm, aber wenn man ihn reizt, kann er sehr böse werden, d. i. wird er (gewöhnlich) sehr böse; zeig ihm nur einmal die zähne, da kann er gar hübsch unterkriechen; was das kind schmeicheln und schön thun kann!
c)
als beitrag zur weiteren beurtheilung der interessanten erscheinung ein paar ähnlichkeiten. ähnlich, wo nicht gleich, war altn. ein gebrauch von knâ potest (s. I, 2, c), z. b. 'knâ biggja = þiggr accipit, knâ falla = fellr decidit', s. Egilsson 468ᵇ. auch mhd. mügen erscheint so, für uns überflüssig, z. b.:
wie ist sô vil der bürge an Rüedegêr gewant,
der er von dem künige vil manege haben mac.
Nib. 2076, 3,
rîch unde küene moht er vil wol sîn.
82, 2;
er mohte Hagnen swestersun von Tronje vil wol sîn.
118, 2;
er hât noch manige schœner dan wir mügen sîn.
Gudr. 1223, 2, vgl. 401, 2. 484, 2;
die meistere von den schûlen,
die ûf hôhen stûlen ...
dâ wol mochten sitzen.
pass K. 674, 3.
ähnlich auch im homerischen griechisch εἰδέναι, z. b. ἀθεμίστια ἤδη Od. 9, 189, als ob gesagt wäre ἀθεμίστιος ἦν.
7)
Dagegen findet sich in der übergangszeit, wo das auslassen von hilfsverben längere zeit stark betrieben wurde (reste davon noch jetzt bei haben und sein), dasz man dem leser sogar können oder mögen zu ergänzen überliesz: darumb, wenn er (der versteckte liebhaber) als natürlich, des stuelgangs nit geraten (konnte), brach er zieglstain aus der mauer u. s. w. Wilwolt v. Schaumb. 62; das ein iedlicher junger edelman von guetem adl nimer sein (kann), es werd (denn) sein herz und gemüet einer werden frauen .. zugestelt (zugewandt). 64; (Sluis in Holland) ein solch bevestigung, daraus man die ganzen kristenhait bekriegen (könnte). 101; wo das nit sein (könnte), wolten si wider auf die stat zu flihen. 111.
8)
Endlich eine nachträgliche bemerkung zur verbindung mit dem inf.; wenn dieser immer unmittelbar, ohne zu beigesellt wird, so stellt sich diesz zu doch zuweilen ein, wenn der inf. eben nicht unmittelbar bei dem hilfsverb steht, z. b.: aber die Gadareer Gadarer zu nennen, das kann nur Klotz. Lessing 11, 281; sie habe nicht anders können (zu I, 5, d), als dem armen teufel .. wieder ein wenig auszuhelfen. Felder reich und arm 1, cap. 7. Aber alts. konnte te auch unmittelbar bei kan stehn, z. b. nio hie sô wîdo ni kan te githenkeanne, er kann nicht so weit denken Hel. 2532 (77, 13); ebenso altn. kunna mit oder ohne at (Möbius 243).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1719, Z. 7.

können, n.

können, n.
der inf. als subst., scientia, potestas:
sich von auszen und von innen
kennen ist das beste künnen.
Logau 3, s. 210;
wen verleitet sein können nicht öfters über sein sollen hinaus? Lessing 8, 18; dasz er alle sein wissen und können manchmal nur für ängstlich tastendes versuchen erklären möchte. Göthe 23, 207; niemals werde ich in gefahr kommen, auf mein eigenes können und vermögen stolz zu werden. 19, 362. 323; die kunst musz wieder aus dem können und nicht aus dem tausendfachen gered über das können hervorgebracht werden. Pestalozzi 9, 174.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1741, Z. 38.

kunnen, künnen

kunnen, künnen,
1)
gleich können, s. d.
2)
verschieden davon, doch nicht im stamme, gleich erforschen, noch im 16. jh. in erkunnen, erkünnen, s. sp. 1724 mitte, kurz vorher auch noch kunnen selber, s. unter kunner 1, vgl. auch kunnigen sp. 2630.
3)
noch anders: kunnen vel zu wissen thuen, nunciare, annunciare, insinuare. voc. inc. teut. o 1ᵃ. s. dazu unter künden 3, c verkunnen verkünden, erkunnen demonstrare.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2665, Z. 55.

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„künnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCnnen>, abgerufen am 30.07.2021.

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