Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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künstel, n.

künstel, n.
gleich künstlein, bergmännisch in der redensart einem ein künstel hängen, betrügen Frisch 1, 557ᶜ, auch ein künstel langen Veith 306, einem ein lödlein eintragen Chemn. bergwerkslex. 346ᵃ (369ᵃ), vergl. das. 'kunst hangen, d. i. eine solche machine, welche die wasser hebet, aufrichten', künste hängen Veith 263, s. kunst 5, c;
bin ehrlich wie gediegen gold,
und jedem ist caputzer (der berggeist) hold,
ders künstelhängen hasset.
bergmannslied, Mildheim. liederb. nr. 472, 4, Veith 307.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2688, Z. 30.

künsteln

künsteln,
künste, besonders kleine künste brauchen, mit demselben -l wie in künstlein, künstler; es gab auch künsten, s. d.; auch dän. kunstle, schwed. konstla, entlehnt. ohne umlaut auch hd., s. Paracelsus unter 1, a.
1)
verzeichnet ist es zuerst im 17. jh.: künstelen, sonderliche kunststüklein wissen Schottel 567, gehört aber schon ins 16. jh., vermutlich ins 15.
a)
zuerst, wie es scheint, von den wunderbaren, geheimen künsten, denen man im 16. jh. nachgieng, in der meinung man könne der natur das schaffen ablernen (vgl. u. kunst sp. 2677): bergleut, so sie bei groszen herrn künstlen und one blei ein erzprob auf dem tische machen wöllen, brauchen auch des salpeters, welches sehr lustig zu sehen ist. Mathesius Sar. 120ᵃ, von alchymistischen oder hüttenkünsten zur ergötzung hoher herren. daher auch von der natur selber, der man ja noch heute seine eignen wissenschaftlichen begriffe und schulwörter unterlegt: dasz der mensch der substanz halben ein auszug der vier elementen ist, und derselbig auszug ist in blut und fleisch kunstlet worden. Paracelsus 2, 351ᶜ, zugleich trans., durch höchste kunst in fleisch und blut verwandelt, gestaltet. auch reflexiv, sich zu tode künsteln: es kan jhe nit helfen, wann man gleich sich ob den todten (sie wieder zu erwecken) zu todt leret, schrie, geböt, künstlet. S. Frank ..... 2, 100. dieser begriff musz nach folg. noch dem anfang des 18. jahrh. gegenwärtig gewesen sein, die weisheit fragt eine mit der allmacht rechtende seele:
steht ein haar auf deiner scheitel, so gering und schlecht es scheint,
welches dein verwegnes künsteln selber zu erschaffen meint?
Günther 847.
gekünstelt gold, aurum quod vocant sophisticum Frisch 1, 557ᵃ, aus der goldmacherei (vgl. c).
b)
daher auch von wissenschaftlichem klügeln und künsteln:
so leget die vernunft mit ihrem künsteln ...
dergleichen an den tag.
Wiedemann märz 19;
er (der menschl. vorwitz) künstelt an der welt so lang bis es gelückt.
17.
in technischer, mechanischer wissenschaft (vgl. 2, a): scharfsinnige und künstelnde klugheit hat die schlaguhren erfunden. 30. s. auch verkünsteln (Simpl. 1, 594).
c)
anderseits von zauberei, goldmacherei (vgl. Frisch vorhin), quacksalberei u. ä., was alles auch als kunst, künste schlechthin bezeichnet wurde:
da hebent auch die zauberer an ...
jeder wil künstlen, werden reich,
am carfreitag si consecrieren,
ihre lose kunststück zu volfieren.
Thurneisser archid. 56;
noch jetzt schweiz. küstelen, im Appenzell chöstla (vergl. kunst I, c), unbegreifliche künste treiben, zaubern Stalder 1, 144, Tobler 117ᵇ, dazu 'chöstler tausendkünstler', d. i. zauberer, s. sp. 2677. Von zauberhafter quacksalberei bei geburtshilfe: gond demnach (statt zum arzte) zuͦ einem abgefeimpten, bösen, lasterhaften, in denen stücken gelerten alten ... wyb, die vil künstlet. Ruff trostbüchle 24. Auch allgemein künstlen betrug brauchen, das ist gekünstlet, fraudibus agitur Aler 1256ᵃ.
2)
Den jetzigen bestand zeigt etwa folg.
a)
künstlich bästeln, oder pfuschen (vgl. das künsteln des uhrmachers unter 1, b): bald nahm er den kamm aus der tasche und kämte sich ... bald zoge er einen puffer (pistol) aus der ficke und künstelte dran. Weise erzn. 204, cap. 20, von einem gecken. so von dem affen mit der uhr:
der ganze schlag ist falsch. er nimmt sie nochmals vor
und künstelt unten an dem kettchen,
stöszt in die räderchen.
Lichtwer fab. 3, 14.
von Peter Fix, der sich eine taschenbuchdruckerei gekauft hat, ohne die gebrauchsanweisung: dafür künstelte er so lange, bis er den gebrauch eines jeden dinges herausbrachte. Siegfried v. Lindenberg (1790) 1, 176. Göthe erzählt von seinem besuche in 'Sessenheim' 1779: ein nachbar, der uns sonst hatte künsteln helfen, wurde herbeigerufen. an fr. v. Stein 1, 245; an Wilhelm habe ich hier und da eingeschaltet und am style gekünstelt dasz er recht natürlich werde. 3, 57, v. j. 1784; sie (die natur) läszt jedes kind an sich künsteln. werke 50, 6; als so ein schelmenfabricant aus kleinen ... anzeigen und umständen sich .. einen ... vogelscheu zusammenkünstelt. 8, 246.
b)
übertragen auf kunstthätigkeit im heutigen sinne (vgl. Göthes künstelei): wie ein ungeschliffener mahler ein bild, jemehr er daran künstelt, nur schlimmer und ungestalter macht. Opitz 3, 69; sonderlich was die nette und scharfsinnige redensart betrifft (d. h. vollständige und geistreiche ausdrucksweise), da man oft über ein paar zeilen wol einen tag künstlen möchte. Chr. Weise cur. gedanken von deutschen versen 2, 55; künstlen, artificiose, ad leges artis conficere, affabre facere. Aler 1255ᵇ; ich will ihnen alles aufschreiben ... es versteht sich dasz ich auf keinen übergang zu künsteln nöthig habe, die übergänge werden unser einem nicht so leicht als den Lessings. Mendelssohn an Lessing 13, 2; s. auch 3, c.
ehrt die wirkende natur, laszt das künsteln ferne bleiben.
Hagedorn 2, 15.
c)
aus a und b gemischt auf anderes übertragen, unsinnlich: ich mus überhaupt sagen, dasz Sophie an allen tugenden künstelt, auch an denjenigen, die sie vielleicht wirklich hat. Sophiens reise 4, 66; dasz schriftsteller kein recht haben, an der sprache ihrer zeit zu künsteln. Adelung magaz. I, 4, 69; so entbindet der griechische dichter seine menschen von dem ... zwang der convenienz und von allen frostigen anstandsgesetzen, die an dem menschen nur künsteln und die natur an ihm verbergen. Schiller 1126ᵇ (über das pathet.); aber wie er auch mit sich selber künstelte, so war ihm doch nicht wol. Pestalozzi 1, 181.
3)
Es ist auch zum trans. geworden.
a)
von hand- oder kunstarbeit, künstlich machen, herstellen, herrichten u. ä. (künstlen, artificio aliquid investigare, persequi, perficere Stieler 1011), vgl. schon Paracelsus u. 1, a: wer musz das leichtfertige stücke gekünstelt haben? Weise comöd. 314;
sie künstelte das haar, sie schmückt und putzte sich.
Picander ged. 3, 327;
die erde hat zum durst nur brünnen hergegeben,
und kein gekünstelt saur beschleunigt unser grab.
Haller 38;
Homer läszt den Vulkan zierrathen künsteln, weil .. Lessing 6, 483;
dann lieg ich an gekünstelten cascaden.
Göthe 2, 93;
neue worte zu künsteln, wo die sprache schon so an ausdrücken für gegebene begriffe keinen mangel hat, ist eine kindische bemühung. Kant 4, 105.
b)
auch noch kühner:
ich will kein lob den Türken schenken,
doch lernen sie uns ähnlich sein:
sie künsteln frieden, trinken wein
und reden immer wie sie denken.
Hagedorn 3, 106 (lob unsrer zeiten),
thun als ob sie friedlich wären? mein rath, zu uns zu kommen und noch hochselbst einen besuch (bei Mina) zu künsteln. Hippel lebensl. 2, 233. jetzt wäre da erkünsteln geläufiger.
c)
eigentlich geläufig geworden ist doch nur das part. gekünstelt (s. schon 1, a zuletzt, auch dän. kunstlet, schwed. konstlad), ungekünstelt, sine superflua arte Frisch 1, 557ᶜ: alle diese zweifelsknoten kan man vermeiden, wenn man sich natürlich zu schreiben angewöhnet. das natürliche ist leichter als das gekünstelte. Gottsched vern. tadl. 1, 95; Opitz und Gryphius .. welche sich nicht wie Hoffmanswaldau und Lohenstein durch die Italiäner zu einem gekünstelten wesen und einer gezwungenen hoheit (haben) verführen lassen. 96; wie es jetzo vielen geht, die aus abscheu vor der wässerichten und niedrigen schreibart in die gekünstelte, gezwungene und finstere verfallen. ders. redekunst (1759) 357; weil man das für eine gekünstelte bescheidenheit hielt. Soph. reise 4, 335; einmal ist der stolz überhaupt ein unnatürlicheres, ein gekünstelteres laster, als die eifersucht. Lessing 6, 135; dem zu gekünstelten, in zu regelmäszige form gezwungenen garten. Engel 1, 221.
d)
gleichfalls geläufig dagegen ist das transitivum überhaupt in zusammensetzungen, wie zusammenkünsteln unter 2, a zuletzt, auskünsteln, erkünsteln, nachkünsteln (Frisch 1, 557ᶜ), verkünsteln (schon Simpl. 1, 594), überkünsteln, auch ankünsteln, aufkünsteln, hinzukünsteln, herauskünsteln u. a., wie man es nun frei weiterbildet.
e)
eine eigne bewandtnis hat es mit sich künsteln im folg.: der kobelt ist ein tausendkünstler (d. i. zauberer), er hat deines jungen gestalt an sich genommen. 'es hat sich wol gekünstelt ... der arme schelm ists selber'. Chr. Weise opferung Isaaks 139, d. i. es ist nichts mit dem künsteln. es zeigt zugleich wie man da noch künstler als zu künsteln gehörig fühlte.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2688, Z. 65.

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„künstel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCnstel>, abgerufen am 27.07.2021.

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