Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kuse, küse, kusel

kuse, küse, kusel,
kuhkalb u. ähnl., s. kosel 3, vgl. kuhkalb. eigen kusichen f.: eine tragende kuh wird trächtig genant, die noch nicht trächtig gewesen, eine junge kusichen. Docemius Comenius sprachenthür 417. nordthür. kîsen n. (wol î für ü), weibliches kälbchen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2865, Z. 12.

kuss, m.

kuss, m.
osculum, basium, suavium.
I.
Formen und verwandtschaft.
1,
a)
ahd. chus, gen. chusses, mhd. kus, gen. kusses, für letzteres auch kuss, z. b. Lohengr. 3122, gewiss noch nhd. zu finden. auch alts. kus, dagegen ags. coss, pl. cossas, altfries. kos, altn. koss. dann mnd. kus, nl. kus, pl. kussen, aber engl. kiss, dän. kys, schwed. norw. kyss, isl. noch koss, doch kyssa küssen, wie altn., auch ags. cyssan, daher engl. kiss kuss, aber nordenglisch noch cus Halliwell 288ᵃ. eigen auch cimbr. küss Schm. 140ᵇ, lusern. küsch Zingerle 39ᵇ.
b)
nebenformen sind im 15. 16. jahrh. einmal kusse osculum Dief. 402ᶜ, basium 69ᶜ aus mehrern vocc., oberrh. und nrh., schwerlich eine schwache form begründend. dann mit o, nicht nd., kosz, kosse 402ᶜ, kosze 69ᶜ, suavium ein kosz der unkuszheit 558ᶜ; schon mhd. und früher (Bech Germ. 9, 368): Juda, mit einime chosse sô gist du hine des menniskin sun. fundgr. 1, 31; nu segin (sagen wir), was dc kos si. J. Haupts hoh. lied 8, 9, also n., daʒ kos (aber gekussit 7, 16). ebenso ahd. einmal chossôn osculis lambere Graff 4, 523.
c)
bemerkenswert auch kosche osculum Dief. 402ᶜ, wie das. kuschin osculari, beides rheinisch, wie auch ein kuschen basium nov. gl. 49ᵇ, und noch cimbr. küschen, lusern. kuschen. vgl. die nebenform kuschen zu küssen (d. i. kissen) sp. 853 und Weinhold alem. gr. s. 160. Das subst. kuschen übrigens ist nichts als eigentlich der inf., mhd. ein küssen oft gleich ein kus, vgl. nd. 'osculatio vel osculum, cus, ein cussent' (gerund. für inf.) Dief. n. gl. 274ᶜ, mnl. een cussen gheven, met enen cussene Oudemans 3, 582 fg., es stimmt zu franz. un baiser.
2)
auswärtige verwandtschaft, mit unzweifelhaftem einklange, obwol mit gleicher lautstufe, bietet das keltische, wie cymr. cus, cusan m., corn. cussin kuss, cymr. cusaw, cusannu küssen Diefenb. goth. wb. 2, 463, altkelt. cussan, cussin kuss Ebel in Kuhns beitr. 2, 175. danach kommt gr. κυνέω küsse mit κυ- als stamm (vgl. Curtius s. v.) doch auch in frage. das goth. kukjan küssen (vergl. sp. 306 und 2, 570) zeigt wol gleichfalls, dasz dem kus und kuk ein einfaches ku als stamm vorausgieng; übrigens noch ostfries. kükken küssen, kük kuss, s. Fromm. 4, 359. slav. anklänge, wie sloven. kuš m., sind unsicher wegen entlehnung, vgl. Diefenbach a. a. o.
3)
der kuss hat übrigens noch eine menge anderer landschaftlicher namen, über die kuss als hd. die herschaft behauptet hat. ein dichter des vorigen jh. bringt ihrer mehrere in einem hochzeitgedichte an (anweisung zu einer critique über das verliebte küssen):
der sechste punct verwirft das pöbelhafte wesen
und reden, so wir noch in alten schriften lesen,
als: bossen; dieses wort ist längstens ausgestört,
kaum dasz man selbiges annoch bei kindern hört!
ein guschel klingt zu thumm, die menschen sind nicht schweine (s. unter kusch 4);
ein tunsch, wie auch ein maul läst eben gar nicht feine;
ein schmatz ist zum gehör der bauern eingericht.
Picander 1, 357 fg.
zu bossen (auch im welzabend B 1ᵃ, s. 4, 210 unten) s. bussen und busserl 2, 570, auch nd. noch buss Kuhns zeitschr. 2, 479, nrh. bützen küssen Fromm. 5, 521, vgl. schweiz. butsch Stalder 1, 250. guschel, d. i. mäulchen (wie osculum) ist noch schlesisch, neben schmatz auch schmutz, schmützlein. bei Leipzig auch heizen küssen, heiz kuss, in Posen musche f. hörbarer kuss, muschen küssen Bernd 185, schweiz. schmugeln Stalder 2, 337, westf. pipen (starkf.) küssen, auch pupen, s. Woeste volksüb. 104, ostfries. tûtjen Fromm. 4, 358, auch sônen, sôntjen 359 (s. II, 1, a).
II.
Gebrauch und bedeutung.
1,
a)
Im alten leben war das küssen wichtig als zeichen und besiegelung der versöhnung, des friedens und der freundschaft (s. wb. 1, 918ᵃ. 919ᵇ), z. b. bei versöhnungen:
dum convenerunt reges, ubi constituerunt (auf der brücke),
nil penitus dicunt sibi quam prius oscula figunt.
Rudlieb 3, 28;
dô der künec mit kusse versuonte sînen zorn.
Gudr. 159, 1;
dô sprach der künic rîche (Gunther): mîn swester lie den zorn.
mit kusse minneclîche si hât ûf uns verkorn
daʒ wir ie getâten.
Nib. 1400, 2;
den si durch suone kuste in Burgonden lant.
1334, 3;
Gâwân unt Gramoflanz
mit kusse ir suone ouch machten ganz.
Parz. 729, 26, vgl. das vorherg.
daher pacis osculum (z. b. Gengler cod. jur. munic. 1, 73ᵇ, vgl. mhd. pæce kuss wb. 2¹, 457ᵃ), mnl. vredekus, z. b. bei einer sühne vom j. 1320: de soenpenningen betaelt synde, hebben de vriende an die van Harderwyk gegeven den gewonen vredekus (Richthofen altfries. wb. 878ᵃ). daher auch 'sühne' selbst gleich kuss: suaviare, kussen oder versunen. gemma Str. 1518 BB 1ᶜ, in der Cölner gemma sonen Dief. 558ᶜ, noch jetzt ostfries. sônen, sôntjen küssen, sôn, sôntje kuss Fromm. 4, 359, Stürenb. 249ᵃ, nl. zoen kuss.
b)
nhd. friedenskuss, versöhnungskuss u. ä.:
wohl! so besiegelt den erneuten bund
mit einem brüderlichen kusz, und mögen
die winde das gesprochene verwehen.
Schiller 462ᵃ (jungfr. v. Orl. 2, 2),
vergl. bruderkuss. Dagegen Judaskuss (s. Matth. 26, 48. 49): Juda, verrhetestu des menschen son mit einem kus? Luther Luc. 22, 48;
daʒ was ein kus, den Jûdas truoc,
dâ von man sprichet noch genuoc.
Parz. 634, 19;
untrew und arge list ...
sampt Judas kusz wird new.
H. Sachs 1 (1590), 214ᵃ.
Zwischen freunden, freundeskuss, freundschaftskuss (vgl. Fleming 60):
schon hast du, freund, der letzten letzte küsse
auf nasse wangen uns gedrückt.
Lessing 1, 92,
dagegen: entzükend wars zu sehn, wie die beiden freunde .. sich grüszten ... diese beiden männer lieszen nichts von jenen schon sehr zweideutigen freundschaftsbezeugungen sehn: keine umarmung, keinen kus. Hermes Soph. reise 2, 420 (er schreibt auch weis, gros u. dgl.), vgl. Lessing selbst in dem liede die küsse vom jahre 1747:
ein kusz, den mir ein freund verehret,
das ist ein grusz, der eigentlich
zum wahren küssen nicht gehöret:
aus kalter mode küszt er mich.
1, 41,
und zu der ausartung des küssens unter männern seit der neuen geflissentlichen freundschaftspflege: vergessen sie nicht, zu mir auf einen kaffee und auf einen kusz zu kommen. Klopstock an Gleim 16. jun. 1750 (Klopst. u. seine freunde 1, 16); ich habe sie eigentlich auf einen kusz von mir eingeladen, und das wird auch einer sein von zärtern als von männlichen lippen. das. s. 17, vgl. Schmidt an Gleim s. 153: küssen sie Klopstock von mir (vergl. 1 Thess. 5, 26), und Klopstock selbst an Gleim s. 20 (1750): schicken sie mir .. auch von den damen und demoisellen in Magdeburg einen gemeinschaftlichen anakreontischen kusz (der im briefe gemalt werden sollte, man sehe die vorzeichnung an ort und stelle).
c)
als zeichen und ausdruck des gruszes, willkommens, des abschiedes, der freude des wiedersehens und ähnl.: grüszet euch unternander mit dem kus der liebe. Luther 1 Petr. 5, 14 (ἐν φιλήματι ἀγάπης, vulg. in osculo sancto); grüszet euch unternander mit dem heiligen kus. Röm. 16, 16. 1 Cor. 16, 20 u. ö. (goth. frijôns, vgl.amor für kuss Rudlieb 3, 31, amorem osculari Grimms myth. 53); du hast mir keinen kuss gegeben. Luc. 7, 45; einen mit einem kussz empfahen, excipere osculo. Maaler 101ᶜ, mhd. mit kusse empfâhen, der kuss gehörte nach alter sitte zum empfange verwandter und freunde und ist in bloszem empfangen oft eingeschlossen (wie im franz. embrasser), z. b. hierüber empfingen wir einander sämtlich Opitz 2, 249 (2, 652 Tr.). H. Voss erzählt von dem wiedersehen Göthes und Schillers nach der krankheit beider: sie fielen sich um den hals und küszten sich in einem langen herzlichen kusse, ehe eines (s. sp. 473) von ihnen ein wort hervorbrachte. mittheil. über Göthe u. Sch. 60. zum abschiede (wie bei Lessing unter b zwischen männern):
die schwester hätt' ihm doch noch einen treuen kusz
gegeben auf den weg (zum tode) und letzten abschiedsgrusz.
Opitz 2, 117;
werft den letzten kusz hinüber,
dann befehlt sie eurem gott!
Körner leier u. schw. (bundeslied vor der schlacht).
auch segenskuss, weihekuss u. ä.:
ein kusz, den mir mein vater giebet,
ein wolgemeinter segenskusz ...
Lessing 1, 41.
als zeichen der gnade: ich bin euer gnädger könig (er reicht ihm die hand zum kusse). Schiller Carlos 3, 2.
2)
Kuss der liebe zwischen mann und weib.
a)
ein richtiges antwort ist wie ein lieblicher kuss. sprüche Sal. 26, 26; er küsse mich mit dem kusse seines mundes. hoh. lied 1, 2;
dick ward mit lieber künde (s. sp. 2640 mitte)
ain kus zu kus getragen.
Hätzl. 11ᵇ;
ihr auch deckt euch in der ruh sanfte zu
und erwärmet euch mit küszen (: füszen).
Fleming 389,
in einem gedichte auf eine hochzeit im winter; wenn sie mich nur einen kusz von ihren purpurrothen lippen frei wolte brechen lassen. Parthenophilus, das bei academien lebende frauenzimmer 12, vgl. küssblümlein; die charmante ... empfieng mich auf französische manier mit einem gedoppelten kusse. Schelmufsky 1, 33;
nun raubt er einen kusz von ihren warmen wangen.
Uz (1768) 2, 186;
nun warf er ungestüm sich Lesbien zu füszen,
fiel über ihre hand mit gierigheiszen küssen
und küszte mund und brust.
187;
der lange verweilende kusz auf ihren entblöszten arm. Schiller 145ᵃ;
ihr lacht und spitzt den mund auf küsse.
Hagedorn 3, 101;
er will den liljenhals umfassen,
der seinen küssen sich entzieht.
Uz 1, 79;
ihm ward ein kusz zu lohne.
1, 38;
und ihr kusz war götterbrod,
glühend wie der wein.
Göthe 1, 14;
wie träume fliehn die wärmsten küsse,
und alle freude wie ein kusz.
1, 47;
an dem felsen beim flusz,
wo sie reichte den kusz ...
1, 89;
sie gab ihm einen frischen trunk
und einen kusz dazu.
1, 122;
einen kusz in ehren
kann euch niemand wehren.
Hölty 160;
sie schwieg und aller wonn' ergusz
durchströmt' uns beid' im ersten kusz.
Voss (1825) 3, 112:
in diesem kusz nimm meine ganze seele,
in diesem ring das pfand der ewigkeit.
Matthisson nachtr. 1799 s. 50 (sie an ihn);
die kinnbacken sind der stoppeln beraubt, weil sie den weiblichen kusz stechen könnten. J. Paul 6, 9.
b)
von den ausschreitungen, wie sie dabei im betrieb der dichtung zu zeiten auftreten, probeweise einiges aus der anakreontischen und horazischen zeit des vorigen jahrh.:
o nacht, da nur der scherz sich regt,
da keine neider lauschen
und nur die küsse rauschen.
Hagedorn 3, 111,
doch rauschen nicht mit der kraft von heute (vergl.geräusch); haben sie vor Gleim bei den Magdeburger mädchen ankommen können, oder rauschten die küsse nur neben ihnen hin? Schmidt an Klopstock aug. 1750 (Klopst. u. s. fr. 1, 114);
in büschen rauscht kein kusz.
Uz 1, 148 (der winter);
lauben klingen von gläsern,
lauben rauschen von küssen.
Hölty 125 (192 Halm),
traute scherz' und küsse flistern
durch das thal und auf den höhn.
157 (140);
izt lachte Daphnis und drükte sie an seine brust und regnete küsse auf ihre wangen. S. Geszner 2, 113 (1770).
c)
übertragen auf vögel:
ein kusz, den Lesbia mir reichet,
den kein verräther sehen musz,
und der dem kusz der tauben gleichet,
ja, so ein kusz, das ist ein kusz.
Lessing 1, 42;
fleuch, nachtigall, in grüne finsternisse ...
und spend im nest der treuen gattin küsse.
Hölty 158;
weil dein weibchen mit dir wohnet in einem nest,
ihrem singenden gatten (nachtigall)
tausend trauliche küsse giebt.
103.
d)
kuss mit der hand zugeworfen (s. küssen 3, kusshand):
hier warfen mir viel weisze hände
da einen kusz, dort einen zu.
Gellert (1784) 1, 220;
noch einen letzten kusz
werf ich ihm freundlich zu.
Kotzebue dram. sp. 2, 255;
er winkt vom hengst herunter
euch küsse!
Voss (1825) 4, 144;
vgl. Körner u. 1, c und: ich küszte die strahlen des mondes, damit sie im zurückprallen meine (fernen) freunde und freundinnen von mir wiederküssen möchten. Sulzer bei Kl. Schmidt, Klopstock u. s. freunde 1, 79;
drauf schick' ich diesen kusz
ihr durch die luft.
Fleming 532.
e)
dazu ehrenkuss, liebeskuss, brautkuss, morgenkuss, mädchenkuss, weiberkuss, gegenkuss, flammenkuss, herzenskuss, hurenkuss, vaterkuss, mutterkuss, lehenskuss (s. küssen 1, d, γ) u. a.; s. auch handkuss, fuszkuss.
3)
Bildlich mehrfach (vgl. küssen):
dieser monat (der mai) ist ein kusz, den der himmel gibt der erde,
dasz sie jetzund seine. braut, künftig eine mutter werde.
Logau 2, 4, 34;
ich sahe wie der flusz ...
dem weiszen ufer gab so manchen stillen kusz.
Rist Parn. 673;
so schied auch er, der nun dahingegangen (Göthe) ...
auf dessen lipp', auf dessen bleichen wangen
der kusz des glücks noch jetzt verglühet leis.
A. Grün ged. (1838) 209.
vergl. der himmelsliebe kuss Göthe 12, 45, der mystische, heilige, geistliche kuss, s. Krünitz 57, 141, vgl. 168.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2865, Z. 38.

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„küse“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCse>, abgerufen am 25.07.2021.

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