Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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kissen, küssen, n.

kissen, küssen, n.
culcita, pulvinar, die zweite schreibung ist die geschichtlich richtige, bis ins 18. jh. in vorwiegender geltung (s. 1, e); mhd. küssen, küssîn, küsse, ahd. chussîn, chussi; älter nd. kussen Chyträus c. 91, Dief. 473ᵃ, nl. kussen; engl. cushion, älter quishin, wie altschott. quisching, s. quissinus nachher; auch gael. cuisin (aber nicht nord. und slavisch). Wort und sache sind ein culturgeschenk des rom. westens: frz. coussin, it. cuscino, span. coxin (cojin), prov. aber coissí, altfrz. cuissin, wie mlat. quissinus neben cussinus (s. Ducange s. v. culcita), aber alle masc., entstanden nach Diez 107 (1, 135) aus einem vermuteten dem. von lat. culcita polster, culcitinum, culçtinum (st zu sc, ss geworden, s. Diez gramm. 1, 225, 2. ausg. 215). vgl. auch Diefenbach orig. europaeae s. 307, wo die kelt. formen angeführt sind und der von Plinius schon angegebene ursprung von culcita aus Gallien besprochen wird. Aus dem dem. erklärt sich das deutsche neutr., man musz es bei der übernahme noch als dem. verstanden haben, ahd. chussi, chussîn sind wie heimische deminutiva gestaltet, s. kitz II, 3, b.
1)
Die formen.
a)
noch das 15. 16. jh. kennt die volle form küssin Dief. 161ᶜ. 97ᵇ. 115ᵇ, Keisersb. sünd. d. m. 47ᵃ, hauptküssin Frisius (1574) 215ᵇ, hauptkussin voc. 1482 n 8ᵇ, pflawmfedrin kussin z 1ᵃ: bald satzt man im einen stuͦl dar und ein küssin darauf. Wickram rollw. 118, 8 Kurz. küssin noch im 17. jh. Henisch 1678, 42.
b)
auch küssi noch im 15. jh., in kyssi, var. kussi Brack voc. Dief. 473ᵃ, plumacium wangküssi 442ᶜ; im alem. gebiete gewiss länger erhalten.
c)
aus küssi muszte küsse werden, so schon mhd. (wb. 1, 916ᵃ. Gudr. 1194, 4. Helmbr. 854). küsse (und nur diesz) gibt Maaler 255ᵈ, wie Frisius s. v. pulvinar küsse, auch im dat.: uf dem küsse sitzen. Frank spr. 2, 23ᵇ; pulvinatus, das einem hauptküsse gleich sicht. Frisius. so noch in dem Frisius von 1697, auch stulküsse (neben küssen 1, 572ᵃ), küsse Denzler (1716). auch kusse cento voc. opt. Lpz. 1501 F 1ᵃ.
d)
diesz aber ward notwendig weiter zu küss:
da unser knecht ölpern und ringen,
eins theils karten in die nüsz,
eins theils (spielen) des rüpfleins auf dem küsz.
H. Sachs 1, 472ᶜ (1590 354ᵈ),
vom treiben in einer rockenstube; auf einem küsz, bettküsz Abele gerichtsh. 1684 2, 85. 86; tischküsz cubital, haubtküsz cervical, liderin küsz Schönsleder h 6ᶜ;
tregt ein kron auf einem schönen küsz.
J. Ayrer 128ᵃ.
schon im 15. jh. ærchüss (ohrkissen) cervical Mones anz. 8, 254; s. auch kiss unter 2, d. Auch kuss (wie kussi, kussen): hauptkusz Dief. 97ᵇ, vgl. 442ᶜ; kuss, cussinus, est genus pulvinaris. voc. inc. teut. o ijᵃ;
ein straif must umb das kuss auch gan.
fastn. sp. 213, 24.
e)
die gewöhnliche form ist aber küssen (kussen). so bei Alberus, Dasypodius, B. Faber, Schottel, Stieler 1020, im 18. jh. bei Rädlein, dem verf. des teutsch-engl. wb. Lpz. 1716, Kirsch, M. Kramer 1719, Steinbach, Frisch, M. Kramer 1787, sie alle kennen oder nennen etwas andres als küssen gar nicht, und so selbst noch Adelung. erst Campe hat kissen ins wb. eingeführt, mit der bemerkung zuletzt 'andere schreiben der aussprache ungemäsz küssen' (die Heinsius dann wegläszt). Aber gerade in den nordd. mundarten ist die rechte form jetzt noch gültig: küssen Danneil 121ᵇ aus der Altmark, Schambach 117ᵇ. 36ᵃ aus dem südl. Hannover (er schreibt auch hd. küssen), Dähnert 260ᵇ aus Pommern, Richey 27, Schütze 1, 187 aus Hamburg, Holstein, küssentje dem. Stürenburg 127ᵇ aus Ostfriesland; im brem. wb. 1, 169 noch ohne umlaut kussen in 'kussenbüren, überzug über ein küssen'. nicht anders in solchen südl. mundarten, wo man ein ungetrübt überliefertes ü suchen darf, z. b. alem. in den gemeinden am Monte Rosa chüssen Schott 280; auch bair. in Tirol küss Fromm. 6, 433, küss, küsch Schmeller cimbr. wb. 140ᵇ. Es ist wol klar, dasz jeder das recht hat, wieder küssen zu schreiben, wie altdeutsch geschulte schon thun, ja dasz es zu empfehlen ist.
f)
kissen zeigt sich früher nur vereinzelt, ein zeichen der einreiszenden vermischung von ü und i. im 15. jh. houptkissen in einem rhein. voc. Mones anz. 7, 157 (wie driesz drüse 160 u. a.), dann in einem Augsb. wb. v. 1521 Dief. 115ᵇ, wie im 17. jh. bei Henisch 669, kissen Serranus synon. Cöln 1605, auch kiss, s. Heros u. 2, d. eine ausdrückliche unterscheidung von küssen osculari, mit dem es im wortspiel gern zusammengebracht wurde (s. 2, e), gibt ein sächs. orthograph im 18. jh.: verächter der ehe mögen das bettkissen zu küssen erkiesen. Schmotther 1, 47 (1726); diese unterscheidung, wie man sie damals hoch anschlug, mag kissen durchgesetzt haben. seit dieser zeit etwa scheint es allmälich vorherschend zu werden, doch küssen zeigt sich noch oft genug:
die Eris windelt es in ein beschwitztes küssen (: gerissen).
Günther 1735 s. 496;
stiehlt sich die pulver selbst und steckt sie unters küssen (: genieszen).
Canitz 1734 s. 228 (Bern 1764 s. 91);
soll ich ihnen etwa ein küssen holen? Gellert lustsp. 1748 s. 232, auch in den schriften 1784 3, 227 (also auch der Leipziger corrector duldete es damals noch); einem kranken vater die küssen zu legen. Leisewitz Jul. v. Tar. 1776 s. 49;
(ihr haupt) stürzt auf das küssen.
Lessing Nathan 1779 s. 8 (Lachm. 2, 194);
er fällt in das küssen zurück (der sterbende Attinghausen). Schiller Tell 1804 s. 177 (2. ausg. 118), gewiss aus Schillers handschrift.
g)
noch sind erwähnenswert ein paar ältere nebenformen: kuschen und kossen (kossin) Dief. 473ᵃ. 115ᵇ. 442ᶜ. 97ᵇ aus rhein. vocc. d. 15. jh.; die zweite form bürgt dafür, dasz kussen, aus dem es entstanden sein musz, wirklich umlautlos bestand, obwol hie und da küssen damit gemeint sein wird (s. darüber kiste I, d).
2)
Gebrauch. Das küssen ist urspr. und noch jetzt beweglich, zu freier verwendung, während polster jetzt ein festgemachtes küssen genannt wird; übrigens ist dabei sehr beachtenswert für die sittengeschichtliche seite, dasz polster (s. 2, 234) sich als altes heimisches wort ausweist.
a)
küssen auf die bank oder den stuhl zu legen (s. z. b. Wickram unter 1, a):
zeig dich (gegen eine jungfrau) als ein dinstbar knecht ...
stand domit uf, büt ir mit witz
ein kussen, das sie dar uf sitz,
buck dich, such ir ein schemel bald,
das sie ir füeszlin dar uf halt.
Brant thesm. 650 (s. 152ᵇ);
die .. richen .. die nüt thuͤnd, dann uf dem küsse sitzen. Frank spr. 2, 23ᵇ. zum aufstützen des armes: cubitale, ein kussen under dem arm. voc. opt. Lpz. 1501, gemma Straszb. 1518; so mhd. im meier Helmbrecht 854. zum auflegen des kopfes, hauptküssen, tischküssen (s. 1, d Schönsl.), ohrküssen, wangküssen. je nach der füllung federküssen, pflaumfedrin küssen voc. 1482 (1, a), dunenkussen plumacium, daunenküssen Dief. 442ᶜ, aber auch kräuterküssen (bähküssen), kleiküssen, sandküssen Adelung, luftküssen, nach der hülle lederküssen, nach dem zweck sitzküssen, ruheküssen, auch reit- oder sattelküssen (schon mhd.) u. a.: da stieg ich von meinem pferde Tornon, legte mein kissen und meine steigbügel auf die gedachte poststute. Göthe; postküssen Garg. 157ᵃ. fensterküssen, knieküssen, zum knien. küssen, etwas darauf zu tragen, zu überreichen, s. Ayrer unter 1, d: da (bei der fastnacht) gibts wild holzleut, tragen ein dreck auf eim küssen herum ... Garg. 51ᵃ (kissen 81 Sch.); für andre arbeit ich mich ab und erlange nichts, für mich mag ich kaum einen finger rühren und es wird mir alles auf einem kissen überreicht. Göthe an fr. v. Stein 2, 179, bildlich, aus dem hofleben. etwas anders nadelküssen, nähküssen, klöppelküssen; blattküssen als unterlage bei goldschlägern, u. a. sofaküssen, hier auch gleich polster.
b)
küssen allein bezeichnet im hause besonders das bettküssen, kopfküssen: bette oder küssen oder slâflachen. Ssp. 3, 89 (3, 56. 38, 5 dagegen als stuhlküssen);
untergebett und pfühle, gestopft mit lebenden federn,
auch feinbarchene kissen mit schwanflaum (zum hochzeitbette).
Voss Luise 3, 2, 603;
und zwei trauliche kissen sich lilienweisz an einander
dehneten.
das. 610 (schon 1795 s. 212. 213 kissen);
wir liebten uns einander um die wette,
wir wollten nachts auf einem küssen ruhn.
Gökingk lieder zweier lieb. 1777 s. 50;
um halb 10 uhr schliefe ich diszmahl (beim antritt des neuen jahrs, 1792) schon so fest, dasz weder der nachtwächter .. noch pfeifen und trommlen mich in meinen 7 kiszen incommodirten. Göthes mutter, briefe der frau rath an ihre lieben enkeleins s. 13, woher die siebenzahl? es könnte irgendwie von den folg. 'sechs küssen' herrühren. küssen wurden nämlich bei hochzeiten und kindtaufen von den gästen als geschenke dargebracht; man fand selbst nötig, den luxus dabei zu beschränken: non debent plures cussini poni super lectum in nuptiis et puerperiis quam sex. verordn. in Wismar v. 1420, s. Burmeister bürgerspr. d. stadt Wismar 43, 16. daher patenküssen als patengeschenk, davon die redensart einem (patchen) etwas ins küssen binden, einbinden. Dazu als redensarten: was es für eine wollust ist, einem kranken vater die küssen zu legen. Leisewitz Jul. v. Tarent 49, bequem zurecht zu legen, das lager zu erneuern, mit aufzuschütteln u. dgl., ebenso ziehen, rücken: da zeühest dir selber dʒ küssin und richst es darumb zuͦ, dʒ du sanft ligest. Keisersb. geistl. spinn. (granatapfel) M 5ᵈ, bildlich von sinnlichem behagen;
(du, mitleid) rückest der geduld das kissen
auf des schmerzenlagers streu.
Salis 1793 s. 12 (das mitleid).
bildlich: mein lager hat kein sanfter küssen
als die zufriedenheit.
Günther;
(herzog Alba zu don Carlos) wie sanft
mags auf dem weichen kissen unsrer siege
sich schlafen lassen!
Schiller 259ᵃ (schon 1787 s. 104).
c)
ähnliche redensarten rühren von dem ruheküssen älterer zeit her, das anfangs als zeichen vornehmer verweichlichung gebraucht wird (vgl.polster): weh euch (propheten), die ir küssen machet den leuten unter die arme und pföle zu den heubten .. die seelen zu fahen. Ezech. 13, 18 (vgl. v. 20), ihnen das leben in gott zu leicht macht, vgl. die stellen unter küsselein und ellenbogen; wir .. denken gar nichts zu leiden, sondern eitel junkern zu sein, die auf küssen sitzen und thun möchten nach allem mutwillen. Luther 3, 147ᵇ; eure grandes bilden sich ein, gott müsse ihnen nothwendig ein sammetes küssen in himmel legen lassen. Schuppius 87; man wird euch da nicht auf küssen setzen (wie herren behandeln). teutsch-engl. wb. Lpz. 1716 sp. 1093. Später blosz als bild bequemer ruhe: du bist zu ehrlich ... sie sitzen im unrecht, wir wollen ihnen (dabei) keine (nicht auch noch) kissen unterlegen. Göthe 8, 125. 42, 162, Sickingen zu Götz, es ist dabei vielleicht zugleich an die ratsküssen gedacht (nl. heiszt op het kussen zitten in der regierung sein); welche wollust wird mirs sein ... die unruhigen köpfe in Schwaben (Götz u. a.) aufs kissen zu bringen, die ruhe des bisthums, unser aller herzustellen. 8, 75. bildlich: ich sehe wol, ihre ruhe ist durch nichts zu stören .. und das erwirbt man nur, wenn man auf dem kissen des vergessens gewisser dinge ruht. Klinger 9, 145, halb zu b; ohne das kissen der sinnlichkeit lägen wir zwar auf einem sehr reinen, aber sehr kalten marmor. 11, 31.
d)
müsziggang des teufels küssen, wo der teufel sich zu einem legt: derhalben der heil. Ambrosius den müsziggang ein kisz des teufels genennt hat. Heros ird. pilgerer 1562 4ᵇ. von einem ganz weichlichen, weibischen menschen: er ist wie herr Tillmann (s. 2, 1150) mit einem kissen durch beide arschbacken geschossen. Simrock spr. 10321ᵇ.
e)
ein wortspiel mit küssen osculari: von den weibern, die da sagten küssen sei nur ein abwischen, pflegte er (Keisersberg) zu sagen, wann sie einem auf das küssen erlauben, so ist er bald vollend auf dem bett. Zinkgref 1653 1, 160; wer sich aufs küssen legt, der legt sich auch aufs bette. umschrift einer verrufenen münze aus d. 18. jh.; die sich aufs küssen legt, legt sich auch wol aufs kissen. Simrock spr. 6118.
f)
übertragen im schiffbau von stücken weichen holzes als unterlage, zum schutz gegen reibung u. ä.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 852, Z. 5.

küssen, n.

küssen, n.
die geschichtlich richtige form von kissen, s. d.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2869, Z. 8.

küssen

küssen,
osculari, ahd. chussian, chussan, mhd. küssen, alts. kussian, im praet. ahd. chusta, alts. kusta, mhd. kuste; altfries. kessa, ags. cyssan, altn. isl. kyssa, schwed. kyssa, dän. kysse, engl. kiss; nd. kussen Rein. vos, nl. kussen. auch bair. noch ohne umlaut kussen Schm. 2, 337, wie im 17. jahrh. bei Schönsleder h 6ᵇ. das weitere unter kuss.
1)
küssen als ausdruck der freundschaft, verehrung, huldigung u. ä., in der regel ein küssen des mundes (vgl. c).
a)
wie z. b. Iwein und Gawein mitten im kampfe sich erkennen:
diu swert wurfen sî hin
und liefen ein ander an ...
sî underkusten tûsentstunt
ougen wangen unde munt.
dô der künic diu minne
und diu küniginne
von in zwein gesâhen ...
Iwein 7503,
sich underküssen, sich 'unter einander' küssen (zu minne vgl.amor, goth. frijôns u. kuss II, 1, c), es ist zugleich ausdruck der freude an einander und des gruszes; Esau aber lief im (Jacob) entgegen und herzet in und fiel im umb den hals und küsset in, und sie weineten. 1 Mos. 33, 4; und (Joseph) küsset alle seine brüder und weinet über sie. 45, 15; und (David und Jonathan) küsseten sich mit einander und weineten mit einander. 1 Sam. 20, 41; vergl. von Schiller und Göthe unter kuss II, 1, c. ebenda 1, a von küssen als zeichen der versöhnung. als ausdruck tiefer freude: ich möchte doch wissen, was sie (die schwester) mir zu sagen hätte. sie küszte mich vor freuden. Gellert zärtl. schwestern 2, 11 (lustsp. 1748 s. 55).
b)
als zeichen der verehrung, z. b. gegen götter, heilige u. ä. (vgl. Krünitz 57, 151 ff.): und ich wil lassen über bleiben .. alle knie die sich nicht gebeuget haben fur Baal und allen mund der in nicht geküsset hat. 1 kön. 19, 18; noch predigen sie von denselben (götzenbildern), wer die kelber küssen wil, der sol menschen opfern. Hosea 13, 2, s. dazu das hohnwort unter e. auch in unserm heidenthum mag das küssen zur verehrung der götterbilder gehört haben, da es später als verehrung des teufels erscheint oder teuflischer thiere, vergl. katzenküsser, Grimms myth. 1019 fg., auch 921. die alte verehrungsform lebt nach in dem küssen der heiligenbilder oder ihrer reliquien. auch in folg. küssen der spielkarte klingt eine art göttlicher verehrung nach: wann einer die karten küsset, dasz sie glück bring. Lehman flor. 1, 798, vgl. das küssen des schwertes Wigal. 168, 9, der erde: küssete die erde, nahm urlaub und zog davon. Olearius pers. ros. 46 (3, 6), zum abschied oder willkommen; noch jetzt kommt dreimaliges küssen der erde als zauberhaftes, d. h. heidnisch gottesdienstliches mittel vor, z. b. als schutz gegen gewitter (Wuttke volksabergl. § 448), wie ein dreimaliges küssen verwünschte erlöst (§ 29. 768); s. auch 5, a. eigen die schwelle küssen, to promise never to return Ludwig 1092, abschiedskuss mit einer art urfehde.
c)
übrigens wird bei solcher verehrung in sich steigernder selbsterniedrigung hand, knie, fusz geküszt, dann selbst schuh, pantoffel: er küsset einem die hand, die weil man im leihet. Sir. 29, 5; bracht sie ein glas mit salben .. und küsset seine füsze und salbet sie mit salben. Luc. 7, 38. 45; dem pabste den pantoffel küssen (vgl.fuszkuss); mit der gröszten demuth, die ich schuldig bin, küsse ich die heiligsten füsze. Göthe 29, 210, schlusz einer zuschrift von Phil. Neri an den pabst;
Peter, du solt das warlich wissen,
das im (dem pabste) all fürsten die fuͤsz küssen.
Berner fastnachtsp. D 5ᵇ,
wie seinerseits der pabst dem bilde des h. Petrus die füsze küsst. auch das gewand küsst man dem heiligen:
wenn der uralte
heilige vater ...
küss ich den letzten
saum seines kleides.
Göthe 2, 84 (gränzen der menschheit).
d)
auch in weltlichem kreise wird diese art der verehrung ausgeübt.
α)
aus neuerer zeit: ich werfe mich ihr zu füszen, küsse ihr kleid. Göthe 23, 77 (die neue Melus.); im nothfall küsst er acht tage vorher den rok derjenigen, die ihn beissen könnten. Soph. reise 2, 427; (wie er) dort den rok geküsst, da sich eingebettelt .. haben soll. 438, von schmeichelnder selbsterniedrigung. auch fuszkuss: gleich darauf liesz sie von neuem ihn los (aus der umarmung), stürzte zur erde, und war willens, seine füsze zu küssen. Schiller 3, 572 Göd.; vater meines hauptmanns! ich küsse dir die füsse! 2, 170 (räuber 4, 5);
doch einmal noch ist mir vergönnt, die hand
der besten königin zu küssen?
Carlos 4, 20 (vgl. 4², 332);
übertragen auf das verhältnis zu gott als vater:
wer thut und trägt, was gott gebeut,
aus gottes willen macht den seinen,
und küszt die hand, die strafe dreut,
wird danken, wo er meint zu weinen.
Haller (1777) 218,
was zugleich an das einstige küssen der rute nach der strafe erinnert: die ruthe küssen, disciplinam approbare. Frisch 1, 560ᵇ; wenn man ein kind houwt, so muͦsz es dann die ruͦten küssen u. s. w. Keisersb. bilg. 68ᵈ, s. J. Grimm zeitschr. f. myth. 2, 1, Rochholz Germ. 1, 134, vgl. 9, 158 (kiss the rod Shaksp. Rich. II. 4, 2). Auch briefliche handküsse, wie andere (s. an den pabst unter c): habe nicht lassen können, demselben durch dises mein dreiwörtiges briflein die hände zu küssen. Butschky kanz. 8; für die schönen stücke zu den Horen küsse ich ihnen die hand. Schiller an Herder, aus H.s nachlasz 1, 189; für deine oden küsse ich dir die hand, für den Messias die füsze. Meta an Klopstock 8. aug. 1752 (Kl. und seine freunde 2, 14). Ähnlich in blosze worte übersetzt, als compliment: ich küsse euch gehorsamst die hände. Rädlein 574ᵇ, wie noch östr. i küss dhand, küss dhand.
β)
in alter zeit hatte aber solches küssen eine art rechtlicher bedeutung. ein überwundener ergibt sich dem sieger so:
ir müget den tôt und daʒ leben
mir beidiu geben, ob ir welt ...
ich ergibe mich und küsse
iuch als herren iuwer man (nom.).
Heinr. v. d. Türlin krone 7601,
vermutlich mit einem fuszkusse, verbunden mit fuszfallen, wie im folg. ein ritter einer frau 'sich ergibt' (nach der geläufigen auffassung des minnedienstes als eines vasallendienstes):
für ir füeʒe er sich bôt (hinstreckte)
mit ûf gerahten henden ....
der meide kuste er an den fuoʒ
vor fröuden unde ergap sich ir.
Wigalois 111, 4 (4228).
aber auch eine frau huldigt dankbar ebenso einem manne, ihrem retter:
Gâwân bôt ir sînen gruoʒ (er ist zu rosse),
si kust im stegreif unde fuoʒ.
Parz. 621, 16.
das mag weit über die ritterzeit zurück gehen, ursprünglich wol eins mit der huldigung die man den göttern bot.
γ)
aber auch umgekehrt die gnade und huld des herren, des siegers äuszerte sich neben dem handreichen, das eigentlich ein aufheben vom fuszfalle ist, mit kusse gegen den dienstmann, den unterworfenen (wie hulde und gnâde von beiden theilen galten). daher noch im lehnrechte des mittelalters der gebrauch des lehenskusses, dasz der herr den knieenden zu belehnenden mann küsste; es hiesz lîhen mit gefalden henden, mit gekustem munde, der kuss wird auch pacis osculum genannt (s.kuss II, 1, a), s. Homeyer Sachsensp. II, 2, 321, ein ungekusset lîhen war kein vollständiges (das. 1, 483), so nötig war das küssen dabei. noch im 16. jh. z. b. in Sachsen: da i. j. 1553 die herren von Schönburg vom churfürsten belehnt wurden, so hat der churfürst, alten gebrauchs nach, jedem die lehn mit gewöhnlichen kusse gethan. Buder amoenit. jur. feud. 122. mehr bei Haltaus 1227.
δ)
ähnlich erscheint das küssen des neu gesalbten königs darch den salbenden priester, wie es Samuel gegen Saul übt: da nam Samuel ein öleglas und gosz (d. i. gosz's) auf sein heubt, und küsset in, und sprach: sihestu, das dich der herr zum fürsten über sein erbteil gesalbet hat? 1 Sam. 10, 1. das gieng dann in das ceremoniell des röm. kaiserthums über:noch heut zu tage wird der neu erwählte römische kaiser von dem erzbischofe zu Mainz zuerst, und hernach auch von andern ständen .. mit diesem kusse gebührend verehrtKrünitz 57, 164 (1792), wo freilich der weihekuss in den verehrungskuss übergeht; vgl. in Einhards annalen in dem berichte von der ersten kaiserkrönung z. j. 801: ab eodem pontifice more antiquorum principum adoratus est.
ε)
ähnlich auch das küssen des sohnes durch den vater u. ä., überhaupt des niederen durch den höheren, z. b.: der vater fällt dem sohn um den hals, küsset seinen kopf (stirn, sp. 1750) und augen. Olearius pers. ros. 3 (1, 4), eine art weihekuss; als ich Gretchen bis an ihre thür begleitet hatte, küszte sie mich auf die stirn. Göthe 24, 331, es soll eben kein liebeskuss sein. das küssen der augen (vgl. aus Iwein unter 1, a) aber auch in liebe:
wan er begunde bî der stunt
ir wangen, ougen unde munt
dâ küssen unde triuten.
Konrad troj. kr. 16736;
er umbevienc ir kiuschen lîp
und kuste ir ougen unde munt.
15969.
bei Rädlein 574ᵇ steht darüber eine art wissenschaftlicher angabe: die eltern küssen ihre kinder auf die stirn, die freunde küssen einander auf die backen, die liebhaber auf den mund und wo sie nur wollen.
e)
aber auch ein anderes küssen findet hier seine erklärung unter dem verehrungskusse, als gegensatz dazu, wie aus der verkehrten welt. eine grobe abweisung im 16. jahrh., gegen mägde gerichtet:
eh solt euch all der bader krawn,
dann ich wolt ewer fuͦszthuͦch sein ...
ja küsset kuͦkelbertate.
Scheit grob. F 4ᵇ,
auch bei Fischart Garg. 94ᵃ (s. unter kuhkalb), s. dazu kusskälbertate; gemeint ist, was auch den ars küssen hiesz, altfr. li cul baisier (s. 1, 565 unten), aber offenbar im anschlusz an das alttest. götzendienerische küssen der kälber (s. unter b), so als ob das wunderliche wort in die übergangszeit aus dem heidenthum ins christenthum zurückgienge, wie das küssen des teufels (dessen after als ein gesicht gebildet ward):
X. was fordert denn das ritual?
ceremonienmeist. beliebt dem herrn den hintern theil zu küssen.
Göthe 57, 273 (paral. zu Faust).
ebenso das küssen der katzen im hintern als verehrung, von dem auch noch im 16. jh. die rede ist, s. unterkatzenküsser; in dem katzenhintenlecker dort ist lecken nur höhnende auffassung des küssens, wie es in leck mich u. s. w. (1, 566) ursprünglich auch gemeint sein wird und wie auch das küssen des mundes verächtlich als ein ablecken bezeichnet wird. Statt kalb und katze erscheint auch die sau, gleichfalls ein hexenthier: wie möchtestu billich sagen, küsse mir die sau aufs pacem unter dem pirzel (schwanz), wo hastu so lern reden? Luther 8, 85ᵃ, eig. aufforderung, einem die verehrung in dieser weise zu leisten, vgl.: die fünft eigenschaft des schafs ist zucht oder schamheit, das es seine scham bedeckt mit dem wadel, nit thuͦt also ein geisz, sunder zeigt seinen unflat, als solt man da dʒ pacem küssen. Keisersb. irrig schaf (4°) A 5ᵃ, wieder als verkehrung einer gottesverehrung, denn das pacem küssen ist eine küssende verehrung gottes durch den messpriester, s. mhd. wb. 2¹, 457. Aber wiederum erscheint diesz küssen auch als wirkliche, tiefste huldigung gegen frauen, bei uns im 16. jh., in Paris noch im 18., jenes bei Fischart, freilich aus einer fremden quelle (s. R. Köhler Germ. 11, 221), in der aufzählung der frauenschönheiten am schlusse:
rucken aus Braband, händ von Cöln,
den ars ausz Schwaben, küszt ir gseln.
Garg. 76ᵇ (Sch. 130);
Er (Rameaus neffe). es gibt .. tage, wo ich für einen pfennig der kleinen Hus den hintern geküszt hätte. Ich. ei mein freund! sie ist weisz, niedlich, jung, fettlich. zu so einer demuthshandlung könnte sich wol einer entschlieszen, der delicater wäre als ihr. Er. verstehen wir uns. es ist ein unterschied zwischen hintern küssen. es gibt ein eigentliches und ein figürliches. fragt nur den dicken Bergier, er küszt madame de la M- den hintern im eigentlichen und figürlichen sinne. Göthe 36, 28. s. auch 3, c.
2)
küssen in liebe im engern sinne, vgl.kuss II, a.
a)
intrans.:
si tâten als die gelieben tuont,
sie hielsen unde kusten.
Ulr. Trist. 1575 (536, 35 M.);
Bacchus, weg! ich will nun küssen.
Uz (1768) 1, 31;
denn plötzlich steht er da, und spricht,
der grimme Tod, 'von dannen!
du trinkst, du küssest länger nicht!
trink aus! küsz' aus! von dannen!'
Lessing 1, 48;
er schüttelte den kopf, da sie ihn so festhielt, und sagte, da sie endlich nachliesz: du küssest doch auch gar zu hart. Pestalozzi Lienh. u. G. 3, 232. Besonders natürlich im bloszen inf. und im partic. praes.: küssen ist nur ein abwischen. facet. facet. 431; er (der neue bräutigam) sieht so süsze wie ein chorengel ... den ganzen tag über ist sein mund spitzig und küssend. Rabeners briefe (1772) 200; nicht küssen! sagte sie (Gretchen), das ist so was gemeines, aber lieben wenns möglich ist. Göthe 24, 271.
b)
trans., einen küssen:
kuster mich? wol tûsentstunt ...
seht, wie rôt mir ist der munt.
Walther 39, 26,
vergl.wangen, ougen, munt küssen unter 1, d, ε; er küsse mich mit dem kusse seines mundes. hoh. lied 1, 2;
und er zog mich, ach, an sich nieder,
küszte mich so hold, so süsz.
Göthe 1, 22;
und du mich küsztest, als wolltest du mich ersticken —
küsse mich! sonst küss ich dich!
12, 241;
o wär ich doch an seinem platz,
wie küszt ich mir das mädchen!
1, 38.
Auch andeutend, verhüllend für liebesgenusz überhaupt: es muͤst einen sehr gelüsten, dasz er ein alte küszte, da er ein jungfraw wüszte. Lehman flor. 1, 163;
nachdem beklagter förmlich überwiesen ist,
dasz er sein treues weib nicht stets allein geküszt.
Kotzebue dram. sp. 2, 185.
Gern verstärkt herzen und küssen, wie schon 1 Mos. 48, 10 (Israel seine söhne), mhd. küssen unde triuten (1, d, ε):
ich will dich küssen und herzen,
wie ich geherzt und geküszt
den lieben kaiser Heinrich,
der nun gestorben ist.
H. Heine b. d. lieder 295 (die Ilse).
c)
mit bezeichnung der richtung des kusses einem den mund oder einen auf den mund küssen, wie einem die hand oder ihn auf die hand, die stirn küssen. früher auch mit an, vor:
sie halst in minnigklichen
und küst in an sein mund.
hürn. Seifr. 152, 8;
küst es vil mal an seinen mund.
H. Sachs 4, 2, 18ᵃ.
unde wolden kussen vor de munt.
Rein. vos 5135.
diesz an war die mhd. gebrauchte praep., einen an den munt küssen (wb. 1, 918ᵇ), an den fuoʒ (s. aus Wig. 1, d, β). auch an einander: sie kussten aneinander und weinten miteinander. bibel v. 1483 1 Sam. 20, 41, bei Luther küsseten sich mit einander, aber auch so: und war ein rauschen von den flügeln der thiere, die (die flügel) sich an einander küsseten. Hesek. 3, 13, worin aber wol das aneinander vorliegt das misverständlich für anander, d. i. enander, einander erscheint, schon mhd. enander Nib. 548, 3 J, anander in A, auch 551, 1 A, auch aneinander völlig gleich einander Nib. 2047, 4 und Lachmanns anm., Gudr. 1409, 4 und Martins anm., Germ. 4, 433, s. auch bei Lexer 1, 53. 521. vgl. mhd. sich underküssen 1, a.
d)
reflex. mit passivischem sinne, es küsst sich, ist zu küssen, kann geküsst werden:
schwester braut, thut, wie ihr wiszt,
dasz sichs auf das beste küszt.
Fleming 387;
es küszt sich so süsze die lippe der zweiten,
als kaum sich die lippe der ersten geküszt.
Göthe 1, 71.
Das passivum selber erscheint z. b. so:
was mein mund, der nichts mehr bittet,
als von ihr geküst zu sein,
nachts und tages, spat und früh
redt und singet, das ist sie.
Fleming 516.
in briefen am schlusse sei geküsst, sei gegrüszt und geküsst u. ähnl. Merkwürdig auch der inf. küssen passivisch: die glückselige, die wirdig worden ist, von meinem Theagene zu küssen. buch d. liebe 186ᵈ.
e)
zum küssen adjectivisch, küssenswert oder zum küssen nötigend, reizend, z. b. ein mund zum küssen, liebenswürdig zum küssen, hübsch zum küssen, auch auf dinge übertragen, selbst auf unsinnliches (wie liebenswürdig, charmant, reizend u. a.), z. b.: und allerliebste verse und reime voller musik und gedanken, zum küssen. Zelter an Göthe 3, 12. ähnlich ist: darum lieb ich auch dies wort, das amen fein, amen, bis zum herzandruck, bis zum küssen. Hippel lebensl. 3, 269.
3)
Auch die hand, den ellenbogen küssen.
a)
die hand, d. h. die eigene, in vertretung des wirklichen kusses als verehrung u. a.; schon mhd.:
vor freuden kuste er im (sibi) die hant,
umbe und umbe an sîn gewant.
er neic gegen dem winde,
der dâ wâte von Gotlinde.
Helmbrecht 1459,
ausdruck der liebe und huldigung an das mädchen, die ihm ihre liebe hat zusagen lassen, das küssen des gewandes mit gleicher bedeutung als vertretung für das küssen des gewandes der geliebten; die aber ihre hend küssen und auf ihr vil renk, künst .. sich verlassen .. S. Frank spr. 1, 103ᵇ, schmeichler; ich kenn ir ... welche, weil (während) sie .. zwo händ hätten und die seer küszten und alles ausliefen und versuͦchten, nichts gewinnen mochten (neben andern, die mit éiner hand reich wurden). paradoxa 93ᵃ;
die hendlein küssen, wilkom reichen.
froschmeus. H 5ᵇ;
die hende küst er oft und wol
und mit den augen winkt.
er solt küssen ein ander hol,
wenns gleich ein wenig stinkt.
hasenjacht str. 75,
wo zu hol zu erinnern, dasz man bei der kusshand urspr. seine hohle hand küsst und den kuss dem zu verehrenden zuwirft oder zuwinkt (vgl.kuss II, 2, d), wie noch unterm volke zu sehn ist, während der gebildete dabei nur noch seine fingerspitzen küsst.
b)
als spottende übertreibung davon sich den ellenbogen küssen, etwas schwer oder nicht mögliches (das man im scherze doch versuchte): ein ander (charlatan) der gab vor, innerhalb 24 stunden die kranken leute im hospital gehend zu machen! jener antwortete: er wolle sich den ellebogen küssen, wo er solches effectuiren könte. Ettner med. maulaffe 277.
c)
aber auch einem andern den ellenbogen küssen, wenigstens als aufforderung, in der trunkenen litanei: holla, das maul zum ars, man blast auf, blas mir inn ärmel, küsz mir den elenbogen, ich hab den ars inn ermel geschoben. Gargantua 94ᵃ (Sch. 163), also zu 2, e, als verhüllung des hohns, wie küsz mich auf den ermel, lambe mihi nates. Stieler 1049.
4)
Transitiv in kühnerer verwendung.
a)
küsse küssen, einen kuss küssen:
nehmt und gebet, gebt und nehmet,
dessen sich kein herze schämet ...
schaffets, dasz sich selbsten müssen
die geküszten küsse küssen.
Fleming 367 (Lapp. 300),
am schlusse eines hochzeitgedichtes, von Gottsched dichtk. (1751) 252 als beispiel von leerem wortspiel angeführt (z. b. ein kusz kann ja nicht geküszt werden, weil er im küssen erst entsteht, und sogleich aufhört zu sein), Fleming meinte den wettstreit der küsse, den angenähmen streit wie ers nachher nennt;
drum küsz' geschwind
ein tausend küsse.
Lessing 1, 61;
und sie küsst ihm einen kranz von küssen um das ganze schöne gesicht. S. Geszner (1770) 2, 92;
und allerfrischend ist ...
der kusz den sie mir küszt.
Bürger 118ᵃ;
und küss' mir den kusz der verlobung einmal.
34ᵇ;
dein wort ist süsz, doch süszer ist
der kusz, den ich dir abgeküszt!
Heine buch d. lieder 116.
ähnlich eins küssen, wie eins tanzen u. ä. (3, 257 ff.):
und dann (sie) an meine brust gedrückt
und weidlich eins geküszt.
Göthe 1, 20.
b)
sich satt küssen, mit doppeltem acc.: ach, erwiederte sie ganz naiv, wenn das küssen keine sünde wäre! wann ich das gewisz wüszte, so möchte ich mich wohl einmahl an ihnen satt küssen! Fr. X. Bronner leben 2, 461.
c)
die wirkung des küssens wird mit einem obj. bezeichnet:
und ich küss' ihr den schleir von der gehobnen brust.
Hölty (1814) 129,
die wendung ist aber von Voss, s. Halms ausg. (1869) 117;
wie ein mädchen das rothe mal verschleiert,
das der bräutigam ihr im heiszen abschied
auf den busen geküszt.
Voss lyr. ged. (1802) 1, 87;
einer alten stirn die falten
glatt zu küssen.
Gökingk 1, 138;
lasz mich mehr von diesem ... mund küssen, mehr aus diesem angesicht des engels lesen! Klinger th. 2, 131; die süsze lippen, die so viel ruhe in mein herz küszten! 3, 206;
dies süsze mädchen, welches mir
den himmel küsset, danket dir.
Bürger 12ᵃ;
die hundert tausend kleinen freuden,
die er aus seinen kindern küszt,
musz jeder hagestolz beneiden.
Gökingk 1, 127;
stoszt an und küsset treu
bei jedem neuen bunde
die alten (bünde) wieder neu.
Göthe 1, 130, bundeslied.
schon mhd. bei dichtern, z. b.:
sold ich der vil minneclîchen
éin wort küssen in den munt ...
ich wolt eʒ sô küssen dar,
daʒ si von dem kusse würde minnevar.
ich wolt ûʒ ir rôten munde
küssen daʒ mir tæte wol ...
Lichtenstein 581, 5 ff.
5)
Bildlich und übertragen.
a)
die erde küssen, vom sterbenden, todten: oppetere (mortem), erde kussen. Dief. 398ᵃ; dein vergnügen küst die erde. Plesse 1, 199, prophezeiung einer zigeunerin, 'deine geliebte liegt im grabe'. auch von dem, der blosz zur erde stürzt, doch wunden, auch tödtliche, nicht ausgeschlossen: wöllen wir sie ... empfangen, dasz sie den boden küssen müssen, und den tact schlagen mit den füssen. Garg. 255ᵇ (482);
dem ritter, der bisher die nebenbuhler alle
die erde küssen hiesz.
Wieland Oberon 12, 87.
im letzten falle ist das wirkliche erdeküssen (1, b am ende) mit hohn verwendet, in dem ersten wol mit dem alten religiösen hintergrunde.
b)
vögel küssen sich (vgl.kuss II, 2, c), tauben u. a.:
seh ich zu meinen füszen
euch froh und sicher küssen ...
dann denk ich an Belinden.
J. G. Jacobi (1825) 1, 217;
ihr spatzen in der hohlen weide,
ihr küszt das ganze lange jahr ....
ihr schmetterlinge dieser auen ..
gern mag ich euch hier küssen schauen.
J. N. Götz 3, 32.
vergl. auch bienen küssen schöne blumen Logau 3, zug. 77, die flügel, die sich an einander küssen Hesek. 3, 13 (2, c).
c)
dichterisch auch von andern naturwesen, die sich heranbewegend ein anderes berühren, umfangen u. ä.:
wies feur das stroh küst und anlacht,
bis das es alls zu aschen macht.
froschmeus. H 7ᵃ (I, 2, 3);
die wogen gleichsam sich nu mehr allein bewögen,
zu küssen des schifs rant.
Weckherlin;
der leichte Zephyr küszte
die pflanzen dieser insel.
Hagedorn 3, 67;
das lispeln des kühlen abendwindes küszt deine wangen. Klinger 7, 208;
ich grüsz' die sonne, die die stäbe
von meinem gitter küszt.
Schubart (1825) 1, 78;
du heiliges und weites meer ...
sei mir im frühen stral gegrüszt,
der zitternd deine lippen küszt.
ged. der brüder Stolberg (1779) 208.
d)
gott, himmel, geister küssen den menschen, die erde, weihend, sich zu eigen machend, mit ihrem gehalt erfüllend u. ä.:
schön ists, von des thränenberges (des Aspergs) höhen
gott auf seiner erde wandeln sehen,
wo sein odem die geschöpfe küszt.
Schubart (1825) 2, 80;
es war, als hätt der himmel
die erde still geküszt,
dasz sie im blüthenschimmer
von ihm nun träumen müszt.
Eichendorf 382 (mondnacht), vgl. Logau unter kuss II, 3;
die Grazien küszten dem kindlichen herrn
sein mündlein.
Voss lyr. ged. 1802 4, 27;
nein, ich war es heute nicht werth, dasz mich der grosze Plato küsse. J. Paul flegelj. 1, 79; die schwägerin .. ist ein gar von gott geküsztes kind. Chamisso (1853) 5, 209;
als der schöpfer sie erschaffen ...
küszte er die schöne seele,
und des kusses holder nachklang
bebt in jedem lied des dichters ...
Heine romanzero 221;
(hat) ausgegossen alle flammen
seiner gottgeküszten seele.
225.
e)
auch die seele selber küszt (liebt):
ihr grauen felsen seid die himmelsgerüste
und die leichensteine der welt,
wo alles herrliche wieder zerfällt
was die seele je küszte.
Arnim 19, 218;
dasz er zu verwerfen wisse
böses und das gute küsse.
Joh. Geiszler im Leipz. gesangb. 1767 nr. 191, 4.
6)
Eigen den boden (des bechers) küssen, ein schlemmerwort, zum beweis dasz der becher ganz geleert sei: nur schöpf, schenk ein, zett nit, trink ausz, kusz den boden war die münz. S. Frank trunkenheit (1531) D ijᵇ; totum extra, ut nihil maneat intra. küsz den boden. Scheit grob. G 4ᵃ am rande, auch N 2ᵇ; vgl. unter boden 2.
7)
Der inf. als subst. war mhd. und länger in gebrauch völlig gleich kuss oder einmalige küssung, ein küssen, wie ein trinken und noch heute ein essen und franz. auch un baiser; s. die mhd. wbb.; noch im 15. jh. basium ein kuschen Dief. n. gl. 49ᵇ, s. mehr unter kuss I, 1, c. Jetzt nur noch in gewöhnlicher art, z. b.: die schlege des liebhabers meinens recht gut, aber das küssen des hassers ist ein gewesch. spr. Sal. 27, 6;
ein küszchen, das ein kind mir schenket,
das mit dem küssen nur noch spielt ..
Lessing 1, 41;
mein freund, so kurz von mir entfernt,
und hasts küssen verlernt?
Göthe 12, 241.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2869, Z. 9.

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Zitationshilfe
„küssen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCssen>, abgerufen am 09.08.2020.

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