Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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kützel, m.

kützel, m.
eine art küssen, polster, rheinisch.
1)
z. b. in ärztlichem gebrauch, elsäss. 16. jahrh.: soltu dem patienten einen runden kützel von tuch oder werk zusammengewunden under die achsel legen. Ryff chir. 129ᵃ. vgl. das hess. kützel, haarbüschel unter kutz m. 2.
2)
kützel, hauptring, tragring, darauf die weiber tragen Rädlein 575ᵃ (s. Göthes beschreibung unter kring 1, b), im 16. jh. bei Alberus cesticulus, ein ring oder kützel uf dem haubt k 3ᵇ, auch cestillus, arculus Bb 4ᵃ. auch kitzel z. b. M. Kramer 1787, nach der heutigen aussprache, z. b. nass. kitzel, auch kitschel (ebenso auf dem Hundsrück) Kehrein 252, doch auch im 16. jh. schon mrh. kizel arculum Dief. nov. gl. 31ᵇ. dasselbe scheint kozelring ansa Dief. 36ᶜ.
3)
beide worte sind deutlich eins, benannt nach dem stoffe, werk, pferdehaaren, filz u. ä.; so ist es ein demin. alter art, d. h. mit bewahrtem geschlechte des mutterwortes, zu kotze (kutze) m., s. dort besonders II, 3; vgl. kutzhut.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2909, Z. 3.

kitzel, kützel, kutzel, kützeln, adj.

kitzel, kützel, kutzel, kützeln, adj.
kitzlich, jetzt vergessen; doch in mundarten musz mans noch vermuten.
1)
eigentlich: so ist auch wahr, dasz sie Elsa alsbald doruf die kuhe mit einem finger gestochen oder gegicket, und gesagt 'sehet zu, die kuhe ist kitzel'. Büdinger hexenprocessacten von 1596.
2)
übermütig (s. kitzel m. 2, c): so werden sie (durch die warnung) sieben mal erger, sind so sicher und kützel, das sie schier nicht wissen was sie doch für mutwillen beginnen wollen. Luther 3, 532ᵇ; es ist unseglich wie geil und kutzel die bawrn itzt worden sind durch diese friedreiche zeit etliche jar daher. 5, 465ᵇ.
3)
neugierig, begierig (s. kitzel m. 3, b. c.), in der form kützeln: das sie (die Türken) seer nigern und kützeln sind etwas zu hören von unserm glauben. Luther 8, 15ᵃ (verlegung des alcoran bruder Richardi, verdeutscht durch dr. M. L.). nigern ist mhd. niugerne, 'neugierig', kützeln scheint gebildet wie lüstern u. dgl. adj., die von nd. heimat sind, z. b. schëmern verschämt Schambach 182ᵇ (s. gr. 2, 1003), und wird danach md. sein, wie nach 5 vielleicht das ganze wort. auch folg. kutzeln scheint diesz adj.: und (Witzel) prediget fast in dem höchsten ton, wie Munzer zu Alstad und hernacher zu Mülhausen .. das dem pöbel die ohren kutzeln und widder die oberkeit wütend und grimmig macht. Alberus wider Witzel G 3ᵃ (vgl. sp. 879 mitte Schiller).
4)
auch unpersönlich mir ist kützel, ich bin begierig: dieweil denn meinem lieben herrn (dr. Eck) so kützel ist, wil ich mein maul recht auf thun von dem Costnitzer concilio. Luther 1, 343ᵃ (von den neuen Eckischen bullen und lügen).
5)
südd. scheint es nicht vorhanden, aber in den sprachen nd. lautstufe: nordengl. schott. kittle kitzlich (eig. und uneig.), sicher schon ags.; norw. kitall, schwed. kjitall, ketall Rietz 317ᵇ, altdän., jüt. kidel Molbech; gewiss auch nd., alts. u. s. w., ich finde nur ostfries. katel, wund an der haut, empfindlich Stürenburg 104ᵃ, mit anderm vocal. auch die bildung des adj. weist auf hohes alterthum.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 874, Z. 34.

kitzel, kützel, kutzel, kützeln, adj.

kitzel, kützel, kutzel, kützeln, adj.
kitzlich, jetzt vergessen; doch in mundarten musz mans noch vermuten.
1)
eigentlich: so ist auch wahr, dasz sie Elsa alsbald doruf die kuhe mit einem finger gestochen oder gegicket, und gesagt 'sehet zu, die kuhe ist kitzel'. Büdinger hexenprocessacten von 1596.
2)
übermütig (s. kitzel m. 2, c): so werden sie (durch die warnung) sieben mal erger, sind so sicher und kützel, das sie schier nicht wissen was sie doch für mutwillen beginnen wollen. Luther 3, 532ᵇ; es ist unseglich wie geil und kutzel die bawrn itzt worden sind durch diese friedreiche zeit etliche jar daher. 5, 465ᵇ.
3)
neugierig, begierig (s. kitzel m. 3, b. c.), in der form kützeln: das sie (die Türken) seer nigern und kützeln sind etwas zu hören von unserm glauben. Luther 8, 15ᵃ (verlegung des alcoran bruder Richardi, verdeutscht durch dr. M. L.). nigern ist mhd. niugerne, 'neugierig', kützeln scheint gebildet wie lüstern u. dgl. adj., die von nd. heimat sind, z. b. schëmern verschämt Schambach 182ᵇ (s. gr. 2, 1003), und wird danach md. sein, wie nach 5 vielleicht das ganze wort. auch folg. kutzeln scheint diesz adj.: und (Witzel) prediget fast in dem höchsten ton, wie Munzer zu Alstad und hernacher zu Mülhausen .. das dem pöbel die ohren kutzeln und widder die oberkeit wütend und grimmig macht. Alberus wider Witzel G 3ᵃ (vgl. sp. 879 mitte Schiller).
4)
auch unpersönlich mir ist kützel, ich bin begierig: dieweil denn meinem lieben herrn (dr. Eck) so kützel ist, wil ich mein maul recht auf thun von dem Costnitzer concilio. Luther 1, 343ᵃ (von den neuen Eckischen bullen und lügen).
5)
südd. scheint es nicht vorhanden, aber in den sprachen nd. lautstufe: nordengl. schott. kittle kitzlich (eig. und uneig.), sicher schon ags.; norw. kitall, schwed. kjitall, ketall Rietz 317ᵇ, altdän., jüt. kidel Molbech; gewiss auch nd., alts. u. s. w., ich finde nur ostfries. katel, wund an der haut, empfindlich Stürenburg 104ᵃ, mit anderm vocal. auch die bildung des adj. weist auf hohes alterthum.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 874, Z. 34.

kützel

kützel
gleich kitzel und kitzlich, s. kitzel.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2909, Z. 2.

kitzel, kützel, kutzel, m.

kitzel, kützel, kutzel, m.
titillus, prurigo. den zeugnissen nach müszte das weit jünger sein als das verbum, es fehlt ahd. mhd. wie in den vocabb. des 15. jh. bei Diefenbach, und noch heute nl., engl., schott. (doch ags. citel m. Ettm. 383 ?). auch im scand. fehlt das subst., obwol das verbum da ist und das alte adj. kitzel (s. d.); nur isl. kitl n. titillatio bei Biörn 1, 455ᵃ, das demnach neuere bildung oder entlehnung sein musz, wie dän. kidsel, das frühere wbb. angeben, die jetzigen nicht mehr. es war aus dem hd. entlehnt, wie schwed. kittsla u. a., denn nd. heiszt es kettel Dähnert 225ᵃ, ketel Schambach 99ᵇ, käddel Danneil 94ᵃ. übrigens s. unterkitzeln.
1)
Körperlich, das kitzeln u. ä., in mehrfacher wendung des begriffs.
a)
das gefühl des kitzelns, genauer des gekitzelt werdens, kitzelnder reiz: wer nicht wil, der fare hin und lasse im die ohren krawen, bis im der kutzel zum schmerzen werde. Luther 6, 335ᵃ; das lachen bei wunden des zwergfells (ist schmerzlich), bei hysterie, selber bei kitzel (wenn man gekitzelt wird). J. Paul ästh. § 30 (1813 s. 226); ich konnte es vor kitzel nicht aushalten. kitzel im halse, der z. b. zum husten reizt (vgl. kitzelhusten): aber geistliche zusprüche mochte er doch nicht, sie machten ihm wunderlich, sie krabbelten ihm in den gliedern, er wurde ungeduldig, kriegte einen seltsamen kitzel im halse, dasz er lachen muszte wenns ihm schon nicht ums lachen war. Gotthelf 3, 270.
b)
das kitzeln selbst: komm, knieriem! zeige, was dein mächtiger kitzel vermag. Weisze kom. op. (1777) 2, 49, spaszhaft, wie kitzeln 5 von schlagen. nd. selbst von dem einzelnen kitzelnden stich u. ä., daher dort mit pl. ketels, der hd. fehlt: in den lanken (seiten) het hei (das pferd) ketels ekrêgen, mit den sporen. Schambach 99ᵇ.
c)
auch das kitzelnde ding selbst, so in rachenkitzel von durstmachenden speisen Fischart Garg. 52ᵇ (85 Sch.), gumenkitzel leckerbissen pod. trostb. 674 Sch. ähnlich augenkitzel.
d)
die fähigkeit den kitzel zu empfinden: den kitzel verlieren, jemanden den kitzel vertreiben (doch s. 3, a). Adelung:
was kann sich zum genusz ein mürber schlemmer wählen,
wann kitzel, schärf und saft der spröden zunge fehlen?
Hagedorn 1, 23.
e)
selbst für kitzliche stelle am körper, der kitzel unter den achseln: so nem der arzt das kind mit der lingken hand und mach ein faust mit der rechten hande und setze die dem kind under die achsel in den kützel. Braunschweig chirurgie 1498 114ᵇ. in der späteren ausg. aber als neutr.: ob das ein kind wer und das gerecht achselbain verrenkt wer, so näm der arzet u. s. w. und setz die dem kind under die achseln in dem kitzel auf das adjutorium (os humeri), nachher under das kützel. Augsb. 1539 105 (isl. kitl ist n.). die Neapolitaner nennen ebenso die achselhöhle tetelleca (Diez 399), s. kitzelfleisch. dasselbe scheint das kitzlein n. MSH. 3, 308ᵃ (s. 797ᵃ), doch obscön, doppelsinnig auch als haedus. Es ist nicht thunlich und nicht nötig, die genaue scheidung der verschiedenen seiten des begriffes im folg. durchzuführen, sie verflieszen zu oft in einander.
2)
Sinnlich, vom reiz einer sinnlichen lust oder eines sinnlichen verlangens, sinnenkitzel, nervenkitzel (Engel mimik 1785 1, 176). kitzel bezeichnet den höchsten grad, die schärfste empfindung dieses lustreizes, hat aber hier wieder zwei seiten, es bezeichnet, wie lust selbst, sowol das vergnügen als das verlangen darnach.
a)
kitzel des gaumens (gaumenkitzel); s. kitzelgaumen vom weine (15. jh.); kitzel der zunge (s. Hagedorn vorhin), des geschmacks: Kleanth sucht das vergnügen der zunge. er iszt und trinkt .. um den kützel des geschmacks zu empfinden und zu vervielfältigen ... die natürliche neigung kömmt nur nach einem langen zwischenraume wieder, und gleichwol möchte er ihren kützel immer fühlen. Gellert 1784 7, 51. selbst vom auge, vom sehen, ohne allen möglichen tadel:
wo war mein junger geist? fühlt er die sonnenstrahlen
das erste bild im aug mit stillem kitzel mahlen?
Lessing 1, 188.
doch spricht man in tadelndem sinne von augen- und ohrenkitzel (Wieland) als unwürdigem ziele der kunst. der verfasser selbst würde wol auch folg. hierher gestellt wünschen: der feine kitzel einer complicirten (italien.) musik. Lichtenberg (1800) 3, 365. allgemein: ein verzärtelter leib, der stets an den kützel angenehmer empfindungen gewöhnt ist. Gellert; noth verknüpft nothwendiger und fester als lust, weil mehr daran gelegen ist die wunde abzuwehren als den kitzel aufzuhaschen. J. Paul friedenpr. 30.
b)
besonders von geschlechtlicher lust oder reizung, wollustkitzel, wollüstiger kitzel, fleischkitzel (Fischart pod. trostb. 668 Sch.), doch oft zugleich sinnlich übermütiger trieb überhaupt, der sich so äuszert:
als ein witwe war wol betagt,
dennocht ward sie gar sehr geplagt
von einem kützel weit dort unden,
wolt han ein fleischbeil zu der wunden.
Waldis Es. 3, 6, 3;
ein mann ward so gar frech und kün,
des geils und kützels also vol,
und nam zwei weiber auf ein mal.
3, 83, 3;
so war der könig zu Babylon auch trunken von eitel kutzel und wollust. Luther 3, 252ᵃ; in der helle wird die qual so grosz sein, das man vergessen wird was man oder weib sei, das unglück wird den kützel wol vertreiben. 4, 23ᵇ (1556): warumb ist der mann rauch und harig geschaffen, dann das er ihnen (den weibern) mehr wärm, lust und kitzel einreibe und eintreibe? Fischart Garg. 66ᵇ (111 Sch.); daher die Ungarn meinten, das alle lombardische weiber also stünken, und lieszen derhalb den kützel in die hosen sinken. 62ᵃ (102); sicht man nit wie es die meidlin so wol kitzelt .. wann ihnen die schuchmacher die enge stiefeln anmessen, das manche vor groszem kitzel, wann sie das bein zu hoch aufhebt, ein schweiszlein hinden auszlasset. vorr. s. 15 (14);
das sie sich fressen drüber heisz,
das in darnach der kützel steigt.
S. Domin. P 2ᵇ;
wie er sich oft in winters zeit,
wann im der kützel kam zu weit,
im schönen (blanken) schnee hat umbgewalzt.
A 2ᵇ,
die noth acht die gesetz zwar nicht,
wan anderst nicht der kitzel sticht.
Simpl. 1685 2, 122;
und dich, geliebte braut, wird keine reue kränken,
dasz dich der ehestand mit seinem kitzel plagt.
Picander 2, 312;
wenn schnöde wollust mich erfüllt,
so werde durch ein schreckenbild
verdorrter todtenknochen
der kitzel unterbrochen.
Canitz (1734) 187;
der kützel vergehet einem wenn man nicht zu beiszen noch zu brechen hat, sine cerere et baccho friget venus Steinbach 1, 954.
c)
sinnlicher übermut überhaupt: wo herr Müsziggang ist, da ist auch fraw Kitzel gern. Philander 1, 142, meint er also die kitzel?
wens schon in Teutschland nicht geschicht,
das sie (die Dominikaner und Franziskaner) einander plagen nicht,
weil in daselbs zum guten theil
vertrieben ist der kützel geil.
Fischart S. Domin. C 1ᵃ;
ah uns ist nur zu wol, der kützel sticht uns. Luther 3, 323ᵇ; so er sehr frölich war, beginnt ihn der kutzel zu stechen und gedenkt an das sprichwort varietas delectat. B. Krüger Hans Clawert (Berl. 1591) 39; der kützel sticht ihn, lascivia agitatur. Steinbach, wie übermütige pferde (die darum auch kitzlich heiszen) der hafer sticht (vgl. haberkitzel); sticht dich der kützel (art thou ticklish or hot-spurred), ich will ihn mit prügeln vertreiben. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716; der kitzel ist ihm vergangen, lascivia vel voluptas in dolorem versa est. Frisch 1, 517ᵇ.
3)
Seelisch, geistig. der kitzel (man bemerke den bestimmten art. dabei), wie ein ausflusz überschüssiger naturkraft, galt unsern vorfahren als die quelle alles übermäszigen im thun und trachten eines menschen.
a)
übermut, selbstüberhebung, thorheit, allerlei unbegreifliches thun flieszt aus diesem kitzel, besonders gegnern gegenüber wird es viel gebraucht: antwort ich, das solches der geist vieleicht für groszem kützel und mutwillen redet. Luther 3, 461ᵇ; so wil ich d. Carlstad mit seiner griecherei den griechisch verstendigen befelhen, das sie im den kützel vertreiben und pritzschen in recht wol, das er ein andermal nicht ehe griechisch fürgebe, er künde es denn zuvor. 3, 69ᵃ; wenn ich nu recht antworten werde und im den kutzel wo nicht gar vertreiben, doch ein wenig senften und stillen. 6, 30ᵇ; so sol man den Deutschen den beutel reumen und (auf diese weise) den kutzel vortreiben. an den christl. adel D 4ᵇ, als meinung der Römer wie man die Deutschen behandeln müsse; ei wie lustig bin ich doch nu widder die lutherische zu schreiben, ich meine ich wil ihn den kutzel vertreiben. Alberus wider Witzel M 7ᵃ;
wir wöllen im den kitzl vertreibn.
Schmelzl verl. sohn 16ᵃ.
die aufständischen bauern i. j. 1525 z. b. waren von dem kitzel geplagt: die bawren wusten nicht wie köstlich ding es sei umb friede und sicherheit, das einer mag seinen bissen und trunk frölich und sicher genieszen, und dankten gott nicht darumb. das must er sie itzt auf diese weise leren, das inen der kutzel vergienge. Luther 3, 146ᵃ;
sie (die reuter) würgten wol sechs hundert da,
der kützel (der bauern) gont sich legen.
Soltau 1, 315 v. j. 1525.
blinde misgunst, pakke dich ...
herr Philander rüstet sich
dir den kützel auszutreiben.
Rist Parnass 106.
ein vater war, wie viele väter,
mit einem wilden sohn geplagt.
nichts thörichtes, nichts kühnes ward gewagt,
Johann sein sohn war allemal der thäter.
der vater, der kein mittel sah
bei ehren in der stadt zu bleiben,
schickt ihn, um ihm den kützel zu vertreiben,
zwei jahre nach Amerika.
Gellert 1, 234 (1784 245).
wer von unglück heimgesucht wird, sagt: der kützel vergeht mir wol, insolentia a me alienissima est Stieler 935. doch sind uns jetzt diese wendungen für gewählte sprache zu derb geworden und durch zahmere, farblosere ersetzt.
b)
auch unwiderstehliche neugier ward aus solchem kitzel abgeleitet; das ergibt sich aus dem adj. kitzel 3 und aus kitzeln II, 4, c (sp. 880). daher in derber rede noch jetzt wie in folg.:
ein gutes vieh,
den nie der kitzel stach, nach wann, warum und wie
bei irgend einem ding zu fragen.
Wieland (1853) 12, 7.
c)
ebenso unwiderstehliches verlangen: darumb welchen auch der kützel sticht von haus zuzihen und die heiligen zubesuchen, der mach sich morgens mit den jacobsbrüdern auf die fahrt .. Fischart bien. 141ᵇ (1588 154ᵇ, bei Marnix 145ᵃ lust), der wendung nach immer noch in dem bilde von kitzel 2.
4)
Auch im 18. jh. ist kitzel noch viel und gern gebraucht, als kraftwort für lust, gelüste, laune u. ä.; und doch würden diese letzteren gegenwärtig wol in den meisten der folgenden stellen vorgezogen werden.
a)
kitzel schlechthin gleich lust, laune, bes. übermütige, wille der weiter keiner begründung bedarf: gesetzt, kützel allein gäbe mir den muth gegenwärtiges zu schreiben. Hamann 2, 445, jetzt schwerlich noch sagbar, es klingt dem 16. jh. näher, nur dasz man da der kützel gesagt hätte; aus bloszem kitzel werde ich zuverlässig nie unhöflich gegen herrn Klotz sein. Lessing 11, 409 (ähnlich wie Luther u. 3, a). mit andeutung der bed. 2, b in der Em. Galotti 3, 8 im munde der Claudia gegen Marinelli: zu befriedigung eines fremden kitzels zu morden! 2, 158, hier allerdings unersetzlich.
b)
gewöhnlich mit bestimmter bezeichnung, gleich gelüste, nicht zu bändigender trieb (reiz): der kitzel der schwatzhaftigkeit reiszt ihn dahin. Adelung; den kitzel der schreibsucht fühlen. ders.; ehrsuchtskützel Gökingk 1, 210; ehrenkitzel, ambition. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716 sp. 1094. öfter mit zu, wie sucht, und auch in der bed. oft diesem gleich als mehr krankhafter trieb (auch das ist neu, dem 16. 17. jh. fremd): der kitzel zum versmachen. Fr. Nicolai in dessen leben von Gökingk 155 anm.; der kitzel zu glänzen. Lichtenberg 2, 30;
wer fühlte hier nicht kitzel zu satiren?
Gotter 1, 63;
längst starb ich schon dem kitzel ab,
in almanachen und journalen
mit meiner ader fruchtbarkeit zu prahlen.
1, 455;
unter uns jungen leuten, die wir in Leipzig zusammen waren, hatte sich auch nachher ein gewisser kitzel erhalten, einander etwas aufzubinden und wechselsweise zu mystificieren. Göthe 25, 238; kein alter ist ganz frei von einem solchen kitzel (zu mystificationen). 24, 265; sogar viele die es mit Lavatern gut meinten, fühlten einen kitzel ihn zu versuchen und ihm wo möglich einen streich zu spielen. 26, 259; wenn dieser (Lavater) die bibel buchstäblich .. für geltend annahm .., so fühlte jener (Basedow) den unruhigsten kitzel alles zu verneuen. 26, 276. daher in freier zusammensetzung, wie sucht, z. b. neuerungskitzel, auch mordkitzel, witzkitzel oder autorkitzel, dichterkitzel (beide schon bei Adelung), geniekitzel u. a., aber nur wo es kräftig oder derb zu reden gilt; mehr sinnlich noch lachkitzel, liebeskitzel.
c)
auch, wie gelüste, gleich wunderliche anwandelung, besonders wenn sie plötzlich kommt. so wol in folg.: seitdem er das büchelchen (vom selbstmord) gelesen hätte, käme ihn zuweilen der kützel an sich selbst zu ermorden. Lichtenberg (1800) 1, 122.
d)
auch als sinnlicheres kraftwort für lust, vergnügen: eine begierde, sich alles zu erlauben und bei dem kützel der ungebundenheit noch die ehre eines groszen geistes zu erlangen (treibt meist zur freigeisterei). Gellert 1784 5, 119; die autorkrankheit gleicht einem bösartigen fieber, die ersten anfälle sind ein gewisser sanfter (süszer) kützel ... 5, 251; Sejus fühlt einen kützel wenn sein vermögen wächst. ders.; (er) gehet hin und mordet zu seinem kitzel. Adelung (er hatte offenbar die stelle aus Em. Galotti dunkel im sinne); sogar das komische in der kunst kann den geistigen kitzel (den das komische auf uns ausübt) bis an die nähe des geistigen schmerzes treiben. J. Paul ästh. § 30 (1813 s. 224); der kitzel der selbstvergleichung ... als komische lust. das. (226), hier zugleich wie reiz, wie in Gellerts erster stelle. trefflich von lachlust: die eine partei schätzt den werth des komischen schauspielers nach der grösze des kitzels, den er ihnen verursacht Lichtenberg (1844) 3, 206.
e)
zuweilen tritt der begriff des heimlichen, selbstsüchtigen hinzu, man sagt z. b. er hat seinen kitzel daran, von einer heimlichen, besonders hämischen freude. da steckt 'sich kitzeln' dahinter.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 871, Z. 15.

kitzel, kützel, kutzel, m.

kitzel, kützel, kutzel, m.
titillus, prurigo. den zeugnissen nach müszte das weit jünger sein als das verbum, es fehlt ahd. mhd. wie in den vocabb. des 15. jh. bei Diefenbach, und noch heute nl., engl., schott. (doch ags. citel m. Ettm. 383 ?). auch im scand. fehlt das subst., obwol das verbum da ist und das alte adj. kitzel (s. d.); nur isl. kitl n. titillatio bei Biörn 1, 455ᵃ, das demnach neuere bildung oder entlehnung sein musz, wie dän. kidsel, das frühere wbb. angeben, die jetzigen nicht mehr. es war aus dem hd. entlehnt, wie schwed. kittsla u. a., denn nd. heiszt es kettel Dähnert 225ᵃ, ketel Schambach 99ᵇ, käddel Danneil 94ᵃ. übrigens s. unterkitzeln.
1)
Körperlich, das kitzeln u. ä., in mehrfacher wendung des begriffs.
a)
das gefühl des kitzelns, genauer des gekitzelt werdens, kitzelnder reiz: wer nicht wil, der fare hin und lasse im die ohren krawen, bis im der kutzel zum schmerzen werde. Luther 6, 335ᵃ; das lachen bei wunden des zwergfells (ist schmerzlich), bei hysterie, selber bei kitzel (wenn man gekitzelt wird). J. Paul ästh. § 30 (1813 s. 226); ich konnte es vor kitzel nicht aushalten. kitzel im halse, der z. b. zum husten reizt (vgl. kitzelhusten): aber geistliche zusprüche mochte er doch nicht, sie machten ihm wunderlich, sie krabbelten ihm in den gliedern, er wurde ungeduldig, kriegte einen seltsamen kitzel im halse, dasz er lachen muszte wenns ihm schon nicht ums lachen war. Gotthelf 3, 270.
b)
das kitzeln selbst: komm, knieriem! zeige, was dein mächtiger kitzel vermag. Weisze kom. op. (1777) 2, 49, spaszhaft, wie kitzeln 5 von schlagen. nd. selbst von dem einzelnen kitzelnden stich u. ä., daher dort mit pl. ketels, der hd. fehlt: in den lanken (seiten) het hei (das pferd) ketels ekrêgen, mit den sporen. Schambach 99ᵇ.
c)
auch das kitzelnde ding selbst, so in rachenkitzel von durstmachenden speisen Fischart Garg. 52ᵇ (85 Sch.), gumenkitzel leckerbissen pod. trostb. 674 Sch. ähnlich augenkitzel.
d)
die fähigkeit den kitzel zu empfinden: den kitzel verlieren, jemanden den kitzel vertreiben (doch s. 3, a). Adelung:
was kann sich zum genusz ein mürber schlemmer wählen,
wann kitzel, schärf und saft der spröden zunge fehlen?
Hagedorn 1, 23.
e)
selbst für kitzliche stelle am körper, der kitzel unter den achseln: so nem der arzt das kind mit der lingken hand und mach ein faust mit der rechten hande und setze die dem kind under die achsel in den kützel. Braunschweig chirurgie 1498 114ᵇ. in der späteren ausg. aber als neutr.: ob das ein kind wer und das gerecht achselbain verrenkt wer, so näm der arzet u. s. w. und setz die dem kind under die achseln in dem kitzel auf das adjutorium (os humeri), nachher under das kützel. Augsb. 1539 105 (isl. kitl ist n.). die Neapolitaner nennen ebenso die achselhöhle tetelleca (Diez 399), s. kitzelfleisch. dasselbe scheint das kitzlein n. MSH. 3, 308ᵃ (s. 797ᵃ), doch obscön, doppelsinnig auch als haedus. Es ist nicht thunlich und nicht nötig, die genaue scheidung der verschiedenen seiten des begriffes im folg. durchzuführen, sie verflieszen zu oft in einander.
2)
Sinnlich, vom reiz einer sinnlichen lust oder eines sinnlichen verlangens, sinnenkitzel, nervenkitzel (Engel mimik 1785 1, 176). kitzel bezeichnet den höchsten grad, die schärfste empfindung dieses lustreizes, hat aber hier wieder zwei seiten, es bezeichnet, wie lust selbst, sowol das vergnügen als das verlangen darnach.
a)
kitzel des gaumens (gaumenkitzel); s. kitzelgaumen vom weine (15. jh.); kitzel der zunge (s. Hagedorn vorhin), des geschmacks: Kleanth sucht das vergnügen der zunge. er iszt und trinkt .. um den kützel des geschmacks zu empfinden und zu vervielfältigen ... die natürliche neigung kömmt nur nach einem langen zwischenraume wieder, und gleichwol möchte er ihren kützel immer fühlen. Gellert 1784 7, 51. selbst vom auge, vom sehen, ohne allen möglichen tadel:
wo war mein junger geist? fühlt er die sonnenstrahlen
das erste bild im aug mit stillem kitzel mahlen?
Lessing 1, 188.
doch spricht man in tadelndem sinne von augen- und ohrenkitzel (Wieland) als unwürdigem ziele der kunst. der verfasser selbst würde wol auch folg. hierher gestellt wünschen: der feine kitzel einer complicirten (italien.) musik. Lichtenberg (1800) 3, 365. allgemein: ein verzärtelter leib, der stets an den kützel angenehmer empfindungen gewöhnt ist. Gellert; noth verknüpft nothwendiger und fester als lust, weil mehr daran gelegen ist die wunde abzuwehren als den kitzel aufzuhaschen. J. Paul friedenpr. 30.
b)
besonders von geschlechtlicher lust oder reizung, wollustkitzel, wollüstiger kitzel, fleischkitzel (Fischart pod. trostb. 668 Sch.), doch oft zugleich sinnlich übermütiger trieb überhaupt, der sich so äuszert:
als ein witwe war wol betagt,
dennocht ward sie gar sehr geplagt
von einem kützel weit dort unden,
wolt han ein fleischbeil zu der wunden.
Waldis Es. 3, 6, 3;
ein mann ward so gar frech und kün,
des geils und kützels also vol,
und nam zwei weiber auf ein mal.
3, 83, 3;
so war der könig zu Babylon auch trunken von eitel kutzel und wollust. Luther 3, 252ᵃ; in der helle wird die qual so grosz sein, das man vergessen wird was man oder weib sei, das unglück wird den kützel wol vertreiben. 4, 23ᵇ (1556): warumb ist der mann rauch und harig geschaffen, dann das er ihnen (den weibern) mehr wärm, lust und kitzel einreibe und eintreibe? Fischart Garg. 66ᵇ (111 Sch.); daher die Ungarn meinten, das alle lombardische weiber also stünken, und lieszen derhalb den kützel in die hosen sinken. 62ᵃ (102); sicht man nit wie es die meidlin so wol kitzelt .. wann ihnen die schuchmacher die enge stiefeln anmessen, das manche vor groszem kitzel, wann sie das bein zu hoch aufhebt, ein schweiszlein hinden auszlasset. vorr. s. 15 (14);
das sie sich fressen drüber heisz,
das in darnach der kützel steigt.
S. Domin. P 2ᵇ;
wie er sich oft in winters zeit,
wann im der kützel kam zu weit,
im schönen (blanken) schnee hat umbgewalzt.
A 2ᵇ,
die noth acht die gesetz zwar nicht,
wan anderst nicht der kitzel sticht.
Simpl. 1685 2, 122;
und dich, geliebte braut, wird keine reue kränken,
dasz dich der ehestand mit seinem kitzel plagt.
Picander 2, 312;
wenn schnöde wollust mich erfüllt,
so werde durch ein schreckenbild
verdorrter todtenknochen
der kitzel unterbrochen.
Canitz (1734) 187;
der kützel vergehet einem wenn man nicht zu beiszen noch zu brechen hat, sine cerere et baccho friget venus Steinbach 1, 954.
c)
sinnlicher übermut überhaupt: wo herr Müsziggang ist, da ist auch fraw Kitzel gern. Philander 1, 142, meint er also die kitzel?
wens schon in Teutschland nicht geschicht,
das sie (die Dominikaner und Franziskaner) einander plagen nicht,
weil in daselbs zum guten theil
vertrieben ist der kützel geil.
Fischart S. Domin. C 1ᵃ;
ah uns ist nur zu wol, der kützel sticht uns. Luther 3, 323ᵇ; so er sehr frölich war, beginnt ihn der kutzel zu stechen und gedenkt an das sprichwort varietas delectat. B. Krüger Hans Clawert (Berl. 1591) 39; der kützel sticht ihn, lascivia agitatur. Steinbach, wie übermütige pferde (die darum auch kitzlich heiszen) der hafer sticht (vgl. haberkitzel); sticht dich der kützel (art thou ticklish or hot-spurred), ich will ihn mit prügeln vertreiben. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716; der kitzel ist ihm vergangen, lascivia vel voluptas in dolorem versa est. Frisch 1, 517ᵇ.
3)
Seelisch, geistig. der kitzel (man bemerke den bestimmten art. dabei), wie ein ausflusz überschüssiger naturkraft, galt unsern vorfahren als die quelle alles übermäszigen im thun und trachten eines menschen.
a)
übermut, selbstüberhebung, thorheit, allerlei unbegreifliches thun flieszt aus diesem kitzel, besonders gegnern gegenüber wird es viel gebraucht: antwort ich, das solches der geist vieleicht für groszem kützel und mutwillen redet. Luther 3, 461ᵇ; so wil ich d. Carlstad mit seiner griecherei den griechisch verstendigen befelhen, das sie im den kützel vertreiben und pritzschen in recht wol, das er ein andermal nicht ehe griechisch fürgebe, er künde es denn zuvor. 3, 69ᵃ; wenn ich nu recht antworten werde und im den kutzel wo nicht gar vertreiben, doch ein wenig senften und stillen. 6, 30ᵇ; so sol man den Deutschen den beutel reumen und (auf diese weise) den kutzel vortreiben. an den christl. adel D 4ᵇ, als meinung der Römer wie man die Deutschen behandeln müsse; ei wie lustig bin ich doch nu widder die lutherische zu schreiben, ich meine ich wil ihn den kutzel vertreiben. Alberus wider Witzel M 7ᵃ;
wir wöllen im den kitzl vertreibn.
Schmelzl verl. sohn 16ᵃ.
die aufständischen bauern i. j. 1525 z. b. waren von dem kitzel geplagt: die bawren wusten nicht wie köstlich ding es sei umb friede und sicherheit, das einer mag seinen bissen und trunk frölich und sicher genieszen, und dankten gott nicht darumb. das must er sie itzt auf diese weise leren, das inen der kutzel vergienge. Luther 3, 146ᵃ;
sie (die reuter) würgten wol sechs hundert da,
der kützel (der bauern) gont sich legen.
Soltau 1, 315 v. j. 1525.
blinde misgunst, pakke dich ...
herr Philander rüstet sich
dir den kützel auszutreiben.
Rist Parnass 106.
ein vater war, wie viele väter,
mit einem wilden sohn geplagt.
nichts thörichtes, nichts kühnes ward gewagt,
Johann sein sohn war allemal der thäter.
der vater, der kein mittel sah
bei ehren in der stadt zu bleiben,
schickt ihn, um ihm den kützel zu vertreiben,
zwei jahre nach Amerika.
Gellert 1, 234 (1784 245).
wer von unglück heimgesucht wird, sagt: der kützel vergeht mir wol, insolentia a me alienissima est Stieler 935. doch sind uns jetzt diese wendungen für gewählte sprache zu derb geworden und durch zahmere, farblosere ersetzt.
b)
auch unwiderstehliche neugier ward aus solchem kitzel abgeleitet; das ergibt sich aus dem adj. kitzel 3 und aus kitzeln II, 4, c (sp. 880). daher in derber rede noch jetzt wie in folg.:
ein gutes vieh,
den nie der kitzel stach, nach wann, warum und wie
bei irgend einem ding zu fragen.
Wieland (1853) 12, 7.
c)
ebenso unwiderstehliches verlangen: darumb welchen auch der kützel sticht von haus zuzihen und die heiligen zubesuchen, der mach sich morgens mit den jacobsbrüdern auf die fahrt .. Fischart bien. 141ᵇ (1588 154ᵇ, bei Marnix 145ᵃ lust), der wendung nach immer noch in dem bilde von kitzel 2.
4)
Auch im 18. jh. ist kitzel noch viel und gern gebraucht, als kraftwort für lust, gelüste, laune u. ä.; und doch würden diese letzteren gegenwärtig wol in den meisten der folgenden stellen vorgezogen werden.
a)
kitzel schlechthin gleich lust, laune, bes. übermütige, wille der weiter keiner begründung bedarf: gesetzt, kützel allein gäbe mir den muth gegenwärtiges zu schreiben. Hamann 2, 445, jetzt schwerlich noch sagbar, es klingt dem 16. jh. näher, nur dasz man da der kützel gesagt hätte; aus bloszem kitzel werde ich zuverlässig nie unhöflich gegen herrn Klotz sein. Lessing 11, 409 (ähnlich wie Luther u. 3, a). mit andeutung der bed. 2, b in der Em. Galotti 3, 8 im munde der Claudia gegen Marinelli: zu befriedigung eines fremden kitzels zu morden! 2, 158, hier allerdings unersetzlich.
b)
gewöhnlich mit bestimmter bezeichnung, gleich gelüste, nicht zu bändigender trieb (reiz): der kitzel der schwatzhaftigkeit reiszt ihn dahin. Adelung; den kitzel der schreibsucht fühlen. ders.; ehrsuchtskützel Gökingk 1, 210; ehrenkitzel, ambition. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716 sp. 1094. öfter mit zu, wie sucht, und auch in der bed. oft diesem gleich als mehr krankhafter trieb (auch das ist neu, dem 16. 17. jh. fremd): der kitzel zum versmachen. Fr. Nicolai in dessen leben von Gökingk 155 anm.; der kitzel zu glänzen. Lichtenberg 2, 30;
wer fühlte hier nicht kitzel zu satiren?
Gotter 1, 63;
längst starb ich schon dem kitzel ab,
in almanachen und journalen
mit meiner ader fruchtbarkeit zu prahlen.
1, 455;
unter uns jungen leuten, die wir in Leipzig zusammen waren, hatte sich auch nachher ein gewisser kitzel erhalten, einander etwas aufzubinden und wechselsweise zu mystificieren. Göthe 25, 238; kein alter ist ganz frei von einem solchen kitzel (zu mystificationen). 24, 265; sogar viele die es mit Lavatern gut meinten, fühlten einen kitzel ihn zu versuchen und ihm wo möglich einen streich zu spielen. 26, 259; wenn dieser (Lavater) die bibel buchstäblich .. für geltend annahm .., so fühlte jener (Basedow) den unruhigsten kitzel alles zu verneuen. 26, 276. daher in freier zusammensetzung, wie sucht, z. b. neuerungskitzel, auch mordkitzel, witzkitzel oder autorkitzel, dichterkitzel (beide schon bei Adelung), geniekitzel u. a., aber nur wo es kräftig oder derb zu reden gilt; mehr sinnlich noch lachkitzel, liebeskitzel.
c)
auch, wie gelüste, gleich wunderliche anwandelung, besonders wenn sie plötzlich kommt. so wol in folg.: seitdem er das büchelchen (vom selbstmord) gelesen hätte, käme ihn zuweilen der kützel an sich selbst zu ermorden. Lichtenberg (1800) 1, 122.
d)
auch als sinnlicheres kraftwort für lust, vergnügen: eine begierde, sich alles zu erlauben und bei dem kützel der ungebundenheit noch die ehre eines groszen geistes zu erlangen (treibt meist zur freigeisterei). Gellert 1784 5, 119; die autorkrankheit gleicht einem bösartigen fieber, die ersten anfälle sind ein gewisser sanfter (süszer) kützel ... 5, 251; Sejus fühlt einen kützel wenn sein vermögen wächst. ders.; (er) gehet hin und mordet zu seinem kitzel. Adelung (er hatte offenbar die stelle aus Em. Galotti dunkel im sinne); sogar das komische in der kunst kann den geistigen kitzel (den das komische auf uns ausübt) bis an die nähe des geistigen schmerzes treiben. J. Paul ästh. § 30 (1813 s. 224); der kitzel der selbstvergleichung ... als komische lust. das. (226), hier zugleich wie reiz, wie in Gellerts erster stelle. trefflich von lachlust: die eine partei schätzt den werth des komischen schauspielers nach der grösze des kitzels, den er ihnen verursacht Lichtenberg (1844) 3, 206.
e)
zuweilen tritt der begriff des heimlichen, selbstsüchtigen hinzu, man sagt z. b. er hat seinen kitzel daran, von einer heimlichen, besonders hämischen freude. da steckt 'sich kitzeln' dahinter.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 871, Z. 15.

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Zitationshilfe
„kützel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCtzel>, abgerufen am 09.08.2020.

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