Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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kitzeln, kützeln, kutzeln

kitzeln, kützeln, kutzeln,
titillare.
I.
Formen und verwandtschaft.
1)
die doppelform, mit i und ü (u), ist hd. ursprünglich, und wenn jetzt kitzeln die nebenformen besiegt hat, so ist der sieg ziemlich jung. noch im 18. jh. und länger ist kützeln gewöhnlich, so bei Gellert, Hermes, Sturz, Lessing, Klinger, Lichtenberg, J. Paul (sp. 880), zum theil herschend, zum theil mit kitzeln wechselnd (Lessing); ebenso ist es mit kitzel, kitzlich u. s. w.; von kutzeln s. c.
a)
schon ahd. chizilôn und chuzilôn titillare, prurire, pungere, scalpere Graff 4, 538; bedeutsam auch mit qu- in quizilunga titillamentum das., vgl. quichilunga titillando 636. wäre diesz qui- wirklich das ursprüngliche, so lieszen beide formen, mit chu- und chi-, sich daraus entstanden denken (s. sp. 375 unten), wie vermutlich bei kürre, kirre; allein die nächstverwandten sprachen unterstützen hier das qu- nicht, wie doch in andern fällen (s. kirre, kone, koth, kilt a. e., kenten a. e.), und dasz wirklich noch in geschichtlicher zeit die vorliebe für qu- ein solches aus k- machen konnte, zeigt ein fremdwort, quitte, mhd. quiten und küten (s.kütte), entstanden aus κυδώνια (μῆλα). in andern fällen scheinen k- und qu- aus vorgeschichtlicher zeit her neben einander zu bestehen, s. z. b. kerren 1, c; aber ebenso thun es ohne solchen anlasz i und u (s. wirken und kiste I, d), und gerade hier bieten auch fremde sprachen beides, s. 3, b; selbst mit a kommt der stamm vor, s. ebenda litt. und ostfries. katel sp. 874 gegen unten, sodasz ablautung vorliegt.
b)
mhd. kitzeln und kützeln (Wackernagel wb. 1861 172ᵇ), ein beispiel von dem zweiten s. sp. 879. im 15. jh. bringen es die vocabularien reichlich: kitzlen, kützlen und kutzeln u. ä. bei Diefenbach unter titillare, prurire, catillare, und ebenso seit dem 15. jh. bis ins 17. bei den schriftstellern, ohne einen landsch. unterschied der drei formen wie es scheint. noch Steinbach, Wachter, Frisch geben i und ü an, doch zieht schon Frisch i vor; man sah nun das schwanken nur als sache der schreibung an.
c)
kutzeln, oft z. b. bei Luther (neben kützeln), ist noch volksmäszig in Thüringen, Sachsen, aber ebenso in der Schweiz Stald. 2, 148 (nicht bei Maaler); oberd. oft im 15. jh., in den fastnachtspielen (s. II, 1, b), im voc. inc. teut., im voc. 1482 r 8ᵃ, bei Melber, in der Straszb. gemma 1518 CC 3ᵈ. md. selbst kotzeln Dief. 585ᶜ (s. kossen für kussen kissen sp. 853 g).
2)
Im nd. und den verwandten sprachen erscheint bemerkenswerter weise nur die eine form mit i.
a)
mnd. kittelen, ketelen Dief. 585ᶜ. 107ᵇ, nnd. kitteln, ketteln, auch kiddeln, keddeln (kirreln) br. wb. 2, 766, käddeln Danneil 94ᵃ, kêteln Schamb., westf. kieteln Kuhns zeitschr. 2, 96. nl. kittelen, ketelen. auch nrh. kitteln (kittele Aachen), schon in der Cölner gemma Dief. 585ᶜ und schon in ahd. zeit chitilôn Haupt 5, 203ᵃ, alts. gewiss kitilôn. eigen auch bei Keisersberg 15 staffeln s. 12 kitlich kitzlich (Scherz 790).
b)
ags. citeljan titillare, citelung titillatio Ettm. 383, altengl. kitell, schott. kitill, kittle, nordengl. kittle, kettle, auch wiederholend kiddle-kittle Halliwell 493ᵇ (vgl. 3, a zuletzt), während es gemeinengl. wie umgekehrt tickle heiszt.
c)
isl. norw. kitla, schw. kittla, dän. aber kilde (auch kildre, kille), wol aus kidle, wie früher kidel kitzlich bestand (sp. 874). merkwürdig aber schwed. auch kittsla, altschw. kitsla Rietz 317ᵇ, kitzla Rydqvist 3, 99ᵃ, aus dem hd., und zwar über das nd. hinweg (einzeln doch auch nnd. kitzeln Danneil 101ᵇ); wie daraus gemacht klingt dial. schwed. kisla Rietz 317ᵃ, auch norw. kisle.
d)
daneben bewahrt jedoch das nord. in einfacheren formen den nächsten vorgänger von kitzeln: norw. kita, kjeta, schwed. dial. keta, kitta Rietz 317. auch älter hd. findet sich vereinzelt kitzen, s. d.
3)
Die verwandtschaft geht aber weit über das germ. gebiet hinaus, freilich wieder einmal ohne wahrung der lautverschiebung (vgl. sp. 196); aber niemand wird in den folg. anklängen bloszen zufall finden wollen.
a)
kitzeln heiszt lett. kuttét, litt. kuttẽti, kuttinẽti Nesselm. 214ᵇ, auch káturiuͦti, dazu kátulas m. kitzel, sodasz an entlehnung nicht zu denken ist (s. auch 4, c). aber auch ehstnisch kudjuma und kidditama ich kitzle, kutti und kiddi kitzel; ferner finnisch, und da reich entwickelt: kutitan kitzeln, kutelehdan leicht kitzeln, kutina kitzel, kutian, kutkun kitzel empfinden u. s. f., auch verdoppelt kutkutan, kutkuttelen kitzeln, kutkutus kitzelung, wie ähnlich in engl. kiddlekittle unter 2, b und in lat. titillo, man macht ja wiederholend kik! kik! beim kitzeln (sp. 702), siebenb. kizi! kizi! Haltrich plan 121ᵃ, finnisch kuti! kuti! Renvall 1, 237ᵇ.
b)
auch das slavische hat den stamm, und zwar mit u und i, wie hd. und vorhin ehstn.: altsl. skŭkŭtati und skȋktati titillare Miklosich 852ᵇ; die zweite form musz eig. skĭkĭtati sein, wie sich aus skĭkĭtanie titillatio das. und aus der gleichen kürzung der ersten form in skŭktanie ergibt: also der stamm kut und kit, in derselben doppelform ausgeprägt wie bei uns, eine wichtige übereinstimmung des slav. mit dem hd.; er erhielt reduplication wie titillo und vorn trat s an, falls nicht skut, skit als stamm anzusehen ist (vgl. litt. skutu ich schabe, böhm. skutiti scharren). so entspricht denn, freilich kaum noch erkennbar, russ. ščekotat' urverwandt unserm kützeln, kleinrussisch cektaty, sloven. ščegetati, šegetáti, bei Megiser H 7ᵃ noch shigìtati, kroat. segtati unserm kitzeln. eigen im anlaut böhm. lektati, poln. łesktać, łechtać, niederwendisch laskoschisch, lakoscżisch kitzeln (lagożisch schmeicheln, liebkosen), oberwend. łaskotać.
c)
bei so weit greifender verwandtschaft wird man auch ferner liegendes ins auge fassen dürfen. gaelisch ciogail, diogail kitzeln klingen z. b. auch an, das zweite erinnert an engl. tickle, zum ersten vgl. 4, c.
4)
Aber das deutsche gebiet gibt selbst noch mehr zu bedenken.
a)
es zeigt sich auch hier der oft beobachtete wechsel der lautstufen im anlaut. tirol. heiszt es gitzeln, gützeln, gutzeln (gutscheln) Fromm. 5, 435. 444. 3, 109, steirisch, kärnt. gutzeln 2, 349, Lexer 128, wie bei kitz sp. 869 unten.
b)
aber auch im auslaut, isl. kida jucken (kida sér sich jucken) liegt zu nahe, um fremd zu sein; schwed. killa kitzeln, killen kitzlich Rietz 317 könnte diesz kid- auch enthalten (für kidla), es verhält sich zu kitzeln wie isl. kid zu kitz hoedus sp. 870. aber merkwürdig auch schweiz. giden kitzeln Stalder 1, 443 (vgl. kitzen kitzeln).
c)
selbst auslautwandel in der wurzel (sp. 6) kommt in frage mit gickel m. zucken vor kitzel, begierde Schmeller 2, 25 (ags. gycce prurigo gehört wol zu jucken). östr. heiszt es die gegel vertreiben wie den kitzel vertreiben das. 2, 20, und gigel hiesz 'tentigo, id quod in vulva apparet' voc. 1482 l 1ᵃ, der kitzler; dasz 'kitzeln' von alters her mit geschlechtslust zusammenhange, ist nach 5 und II, 1, b sehr denkbar, ebenso liegen sich nahe litt. gẽszti kitzeln und gaszlẽti geil sein (sz aus urspr. g); vergl. schwed. dial. khikklig kitzlich Rietz 317ᵇ, slavon. škakljati, dalmat. skakljati kitzeln.
d)
merkwürdig auch mit z im anlaut, denn mit czhiczillen Weigand 1, 587 (15. jh.) scheint doch zizilen gemeint; es ist wie zaza katze, s. sp. 282. Stieler 935 leitete kitzeln von kitze katze ab.
e)
s. auch keuzeln unter 5 a. e. und kritzeln kitzeln.
5)
Zu erwähnen sind auch rom. wörter, die gleichfalls anklang an die deutschen bieten (Diez 592, Diefenbach goth. wb. 2, 511): franz. chatouiller, altfrz. gatoiller, catiller, walach. ge̜dilì, lothring. gattié, wallon. catî, gatî, piem. gatiè, sicil. gattigghiari, in Brescia gatigol kitzelung. aus letztern klingt es wie ein caticulare, aus den kürzeren wie mlat. catillare, aus den ersten wie ein catuliare, das Diez zurückführt auf lat. catulire brünstig sein (von katzen u. ä., mlat. auch von menschen Dief. 107ᶜ). zu erklären bleibt da der umsprung der bed. von kitzel empfinden auf thätiges kitzeln, hätten deutsche wörter von Gothen, Langobarden u. a. dazu mitgewirkt? vgl. ostfries. katel kitzlich sp. 874. mlat. catillare, catiliare, catellare werden hd. mit kitzeln, kutzeln, ketzeln, nd. ketelen erklärt (Dief. 107), aber die bed. ist nicht sicher, da sich andres darein mischt, auf die katze bezüglich, s.kätzeln. ein voc. das. 107ᵇ erklärt es mit kitzeln vel keuzeln, das an den kauzen streichen sp. 369 angelehnt scheint.
II.
Gebrauch und bedeutung.
1)
Körperlich, äuszerlich,
a)
kutzeln, titillare, hominem ad risum provocare. voc. th. 1482 r 6ᵃ;
stuont die verheit huor und kuttert (kicherte) stet,
als der si (wenn sie einer) mit willen gekutzelt hett.
fastn. sp. 331, 30;
die natter kützelt, wenn sie tödtlich beiszt.
Günther 1006;
schmeichelnd kitzelt
die schlange, wo sie sticht.
Shaksp. Cymbeline 1, 2;
wobei sich denn wol mitunter die wörtlichen neckereien in kitzeln und balgen ... zu steigern pflegten. Göthe 31, 208. bei der praeposition erscheint statt des gewöhnlichen dat. auch der acc.: hernacher an die seiten sie zu kutzelen. Amadis 22; im hinweggehen, wenn er einen abscheid von ihr nehmen wil, sol er sie in die seiten kitzeln und dem lieben schätzigen geben ein freundliches schmetzichen. hasenjagt 1629 s. 61.
b)
früher oft als theil von liebkosungen erwähnt: und ward ein solcher vater ein solchen sons hoch erfrewet, halset und küsst in, tätschelt in, pfetzelt in, kützelt in, hotzelt in. Garg. 136ᵃ (248 Sch.). als reizung zu sinnlicher lust: kutzeln .. anzunden zu unkeuscheit, titillare. voc. 1482 r 8ᵃ;
ich kam zu einer peurin, die malk ...
ich wolt sie kutzeln unter den uchsen (achselhöhlen),
do weiset sie mich zu der pfefferpuchsen.
fastn. sp. 274, 8, vergl. 335, 1;
so waisz ich ainn, der ist mir eben (sagt eine witwe) ...
den wil ich an meinen arm legen
und wil in kützeln unter den üchsen.
750, 22;
under den armen in kützel (weist eine buhlerin ihre tochter an)
und lasz offen deinen schützel (brustlatz)
baidenhalb by der seiten.
Hätzl. 307ᵇ;
(gattin) mit welcher er ungehindert mag scherzlen, sterzelen, merzelen, kützelen, kritzeln, schmützeln u. s. w. Garg. 72ᵇ (123 Sch. kitzelen);
liebkosen, küss und kützlens schimpf.
Weckherlin 458;
eine verbuhlte magd kam, und kützelte ihn auf der streu. Gellert (1784) 4, 106; noch seltsamere geschichten werden aus dem harem erzählt, wo die frauen ihren beherrscher kitzeln, sich mit ihm balgen. Göthe 6, 198.
c)
zuweilen wol geradezu verblümt für coire: Leyrmatz wurde von einer jungfer, so einen hollandischen windbrommert im kützelen in die weite welt streichen liesze, befraget, warumb solcher blasianer so schrie? Leyermatzs lust. correspondenzgeist (1668) 239. s. kitzelfreude, kitzelhaft, kitzel 2, b.
d)
die wirkung des kitzelns wird verschieden bezeichnet. mit zu: einen zum lachen kitzeln;
dann so er (der floh) vieleicht wirt erwischt,
will ich dem weib sehr gönnen wol,
das sie zu tod den kitzeln sol.
Fischart flöhhatz 893 Sch.
aber auch mit bloszem acc. des adj.: sie werden mich todt kitzeln. Lessing 8, 195, bildlich nach 3, c, schmeicheln.
e)
unpersönlich:
es leit mir an (klagt ein meidlein),
het ich ein man,
es kutzelt und krutzelt mich furan ...
hett ich ein man,
der mir mein kutzel vertreiben kan ...
Aich liederb. nr. 76, 1;
es kitzelt mich im halse. sprichw. es kitzelt ihn an der kehle, er will sich den galgen verdienen, wie dir juckt der rücken, du willst schläge haben.
f)
selten mit dem betreffenden körpertheil als subj. und dat. der person, was bei jucken das herschende ist. so im 2. theil des Faust, als zeichen der metallsucher:
wenn ihm doch auch einmal die sohle kitzelt.
Göthe 41, 19.
g)
trans. mit dat. der person und acc. des körpertheils nur in bildlichem gebrauche, wie es scheint, einem die ohren kitzeln, s. 2, b. 3, b. ironisch von schmerz, s. 5.
2)
Reizen, von nervenreiz, der sinnengenusz gibt, oder in seele und gemüt wirkt, mit dingen oder es als subj., dem menschen oder dem körpertheil als obj.
a)
sinnlich: der alte Fonseca beliebte sich auch einmahl zu netzen (baden) und die alte haut durch ein lauliches wasser zu kützeln. Riemer pol. stockf. 344;
ich weisz, dasz dirs recht kerre thut
und kützelt dich an deiner haut.
Menantes 1, 221;
mit küzlend-scharpfen büsselein (küssen).
Weckherlin 775;
o himmel! wie kützelt das züngelnde spiel!
Günther 929;
man lasse ihm die freiheit täglich die ausgesuchtesten speisen und die besten getränke zu wählen. es wird einige zeit die zunge kützeln. Gellert (1784) 7, 52;
kaum kitzelt ihre nase
der duft aus seinem glase,
so war sie auch curiert.
Bürger.
b)
mehr oder schon ganz seelisch, geistig, besonders das ohr kitzeln (vgl. kitzel 2, a): hastu auch wol einen nutzen davon (von weltlicher kirchenmusik)? gewisslich keinen als dasz dir die ohren gefüllet und gekützelt werden. Gerber sünden der welt (1701) 1071; was seid ihr nun glüklicher geworden (durch das concert)? da hat man euch die ohren ein bisgen geküzelt, und das ists alle. Hermes Soph. reise 1, 296; wenn im grunde blosz ihr geschmack belustigt und ihre ohren gekitzelt wurden. Wieland 2, 120; ihre ohren mit unartigem witze kitzeln Schiller 145ᵇ (Fiesco 1, 1). vgl. dasselbe von schmeichelei 3, b.
c)
das zwerchfell, die lachlust kitzeln: es ist ein schauspiel, bruder (das menschenleben), das thränen in deine augen lockt, wenn es dein zwerchfell zum gelächter kitzelt. Schiller 125ᵃ (räuber 3, 2);
doch sein äuszres ist so putzig ...
dasz er trotz des innern grausens
dennoch unsre lachlust kitzelt.
Heine romanzero 101.
d)
recht bezeichnend von einer ohnmacht: die erschöpfung flosz beinahe in eine süsze kitzelnde ohnmacht über. J. Paul Hesp. 4, 127.
e)
mehr ins folgende übergehend, aber absichtlich in sinnlicher fassung: er (der dichter) kizelt das ohr durch das zahlmasz und die cadanz des verses. Breitinger crist. dichtk. 2, 404, hier ganz fern von tadel (vgl. Lessings kitzel sp. 872); Cicero ... wenn er die ohren einer unwissenden menge kützeln .. wenn er mehr betäuben als überzeugen wollte. Lessing 6, 235. von rührung u. ä., geringschätzig in körperlicher auffassung: eure (Wielands) Alceste mag gut sein und eure weibchen und männchen amüsirt, auch wol gekitzelt haben, was ihr rührung nennt. Göthe 33, 275 (götter, helden u. W.); aber wenn man dieselben mit etwelcher empfindsamkeit kitzelte, so thaten sie die äuglein zu wie eine katze der man am kopfe kraut. Kotzebue dr. sp. 2, 329.
3)
Erfreuen, vergnügen, aber nur von freude oder lust die den menschen gleichsam in seinem kerne trifft, die unser selbst wolthuend, befriedigend, schmeichelnd berührt. niemand wird kitzeln sagen z. b. von freude über die edle that eines anderen, von reinem, hohem kunstgenusz. aber jéne freude kann kein andres wort bezeichnen, die uns bis ins innerste dringt, wo sie eben in sinnliches lustgefühl, in ein kitzeln ausläuft. doch wird kitzeln dadurch gern tadelnd.
a)
das heiszt kitzeln im herzen, das herz kitzeln, mhd. den muot:
sô tref (er) si anʒ gelenke (taille, beim tanzen),
daʒ kützelt den muot.
MSH. 1, 201ᵇ. Bartsch liederd. 34, 12,
freilich mehr sinnlich; denn ob ichs wol gleube, so fallen doch imer mit zu die süszen gedanken, die mich kutzeln im herzen, 'ei du hast dennoch so viel gethan .. den leuten gedienet und geholfen!' Luther 6, 68ᵇ, mit dem nebenbegriff verführerisch schmeicheln;
der arme thor! die (epicuräischen) lehren kitzeln
sein stolzes herz.
Gotter 1, 379, ebenso;
freundschaft duldet mishelligkeiten weniger als die liebe, diese kitzelt damit das herz, jene spaltet es. J. Paul uns. loge 2, 45, eig. mehr zu 5 gehörig, aber doppelsinnig zugleich hierher; ich war den Castiliern eine freude auf meinem klepper, ich kützelte ihre leber. Klinger theater 4, 204.
b)
auch werden äuszere glieder als obj. genannt, durch die die lust ins herz kommt (s. 2, b):
das kitzelt unsern augenstern (vgl. u. kitzel sp. 872 Lessing),
das schmeichelt unsern ohren gern.
Schiller 133ᵃ, räuberlied.
besonders von den ohren:
selbst die schönheit vom gemüthe (des mädchens)
bricht durch blick und antlitz vor,
und der reden geist und güte
kützelt oft ein lauschend ohr.
Günther 273;
je toller dieses zugieng, desto mehr kitzelte es (die satire auf den katholicismus) die ohren der gemeinde. Schiller 827ᵇ. daher einem die ohren kützeln, gratis sermonibus permulcere aures alicujus. Steinbach 1, 955. Frisch 1, 517ᵇ, ihm dinge erzählen die er gerne hört Adelung, von schmeichlern u. ä. mit sächlichem subj. einen in den ohren kitzeln: dieses kützelte mich dermaszen in ohren, dasz ... Simpl. 1, 82 (79, 23 Kurz), von höchster freude über wolverdientes lob.
c)
natürlich auch kurz einen kitzeln: o das kutzelt sie (die weltlichen fürsten) so wol, das sie auch schier nicht wissen wie mutwilliglich sie solcher gnaden und freiheit misbrauchen wollen. Luther 5, 148ᵃ, nämlich die neue evang. lehre, dasz auch der klerus ihnen unterthan sein soll; den raben kützelt solch lob und schmeicheln. 272ᵇ; und thet den seelmördern und verrhetern fast (sehr) wol und kutzelt sie über die masz, das sie solch wildpret und niedlich biszlin in ir netze kriegten. 6, 10ᵃ; jeder sagte 'disz gibt wieder einen jungen Joh. de Werd!' welches mich trefflich kützelte. Simpl. 1, 276 (273, 27 Kurz); nur das lob desjenigen kitzelt ihn (den wahren künstler), von dem er weisz, dasz er auch das herz hat ihn zu tadeln. Lessing 7, 113. in so ernstem tone ist es doch jetzt kaum noch sagbar (s. sp. 873).
d)
es klingt uns jetzt sinnlich oder selbstisch:
wenn wie nichts guts dich schilt ein wicht,
und es soll dich nicht beiszen,
so darf es dich auch kitzeln nicht
wenn sie was rechts dich heiszen.
Rückert 234,
die freude am lobe ist damit entschieden zu einer schwäche gestempelt. daher besonders von niedriger, hämischer freude, schadenfreude, auch triumph über einen gegner u. ä., schon früher:
aber nicht dasz mich etwan deine schmerzen
kützelen solten. nein, ich trag im herzen
als dein getreuer schäfer mit dir armen
groszes erbarmen.
Neumark lustw. 81;
arm in arm mit dir zur hölle! es soll mich kitzeln, bube mit dir verdammt zu sein! Schiller 213ᵇ (cab. und liebe am ende); mein erstes war dasz ich mein wildschieszen fortsetzte .. es kitzelte mich das fürstliche edict zu verhöhnen und meinem landesherrn nach allen kräften zu schaden. 708ᵃ, wie es freute mich. die sinnlichkeit tritt besonders heraus, wenn es von kunstwirkung gesagt wird (s. schon 2, b): auch die musik der neueren scheint es vorzüglich nur auf die sinnlichkeit anzulegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will. 1127ᵃ (über das path.); was die einbildungskraft auf eine feine art reizet und kitzelt. Adelung. auszerdem besonders von selbstsucht u. ä.: so was musz die feinste eigenliebe unendlich kützeln. Lessing 1, 564 (Minna 4, 1), er liebt es offenbar das wort in besserem sinn zu brauchen; ihre eigenliebe daran zu kitzeln. Wieland 1, 263 (eig. gleich sich kitzeln unter 6); man kützelt ihre eitelkeit. J. Paul teuf. pap. 1, 108; dér titel wird ihn kitzeln!
e)
dasz die sinnliche seite der freude darin vorwiegend blieb, zeigen besonders folg. ausführungen der empfindung: den müller kützelte dieses (das schmeicheln einer ihn bittenden) bisz auf den kleinen zehen hinab. geflückte finken 120; das gefühl der freude kitzelte mich bis an das ende der finger. Sturz 2, 26, freude über die nichtigkeit des gegners; Barthel. 'mein armer Barthel', ha ha ha! schon so ein gutes wort kitzelt einen durch und durch. Weisze kom. opern (1777) 2, 238. noch ganz frisch im bilde des körperlichen kitzelns sagt man: ich bring ihn schon herum (einen widerstrebenden), ich weisz wo man ihn kitzeln musz; wer mir die schwache seite kitzelt, der kann mit mir machen was er will. Kotzebue dr. sp. 3, 184.
f)
statt acc. der person erscheint auch der dativ: als nun der fuchs merket, dasz solches dem pöfel kützelt und wolgefiele hundert fabeln Frkf. 1611 s. 217, aus Luther.
4)
Reizen, anreizen, stark anregen, vergl. 2, a und aufkitzeln; auch dafür ist kitzeln das kräftigste wort das die sprache hat, doch jetzt gleichfalls gemieden, man sagt mehr reizen, treiben. den begriff zeigt recht deutlich folgende bildliche verwendung:
vor freuden lacht das feld, es wallt das gras vor wonne,
man sieht oft wie das laub, obs keinen wind gleich spürt,
von innerlicher lust gekitzelt selbst sich rührt.
Brockes 1 (1728), 115.
a)
sinnlich: begunte die kloster- und mönchskeuscheit .. den bruder zu kützeln und stüpfen. Kirchhof wendunm. 419
b)
seelisch, von begier etwas zu thun, zu besitzen, von ehrgei und andern antrieben, besonders wenn sie stark, unwiderstehlich mit naturkraft auftreten: solche ehre und gewalt möchte war lich einen fürsten kützeln und bewegen .. das er dem ketzer Luther feind würde. Luther 3, 515ᵇ; was die begierden kitzelt, als die ehrsucht, quem gloria titillat (Hor. sat. 2, 3, 179). Frisch 1, 517ᵇ;
kitzelt sie der edle witwenstand (will sie lieber witwe sein).
Hagedorn 2, 164;
zwar hat mit sanfter hand die laune mich gekitzelt,
der witz geneckt (d. h. gereizt, sie an andern auszuüben).
Gökingk 3, 47 (53);
mich kitzelt was bis in das mark der seele,
ein fremdes ding, weisz nicht woher, wohin —
es will dasz ich ein ärgerniss erzähle.
Bürger verm. schr. 1798 2, 407 (Bellin 1, 1).
selbst es kitzelt (wie verlangt) mich nach ..: kitzelt dich nach namen und ehre? Schiller 127ᵃ (räuber 3, 2).
c)
geistig, zu wissen oder zu erfahren reizen. früher kommt es geradezu gleich unserm interessieren vor: ich hab geredt als ich weis bin, und gefragt nach dem daʒ mich kützelt. A. v. Eybe übers. von Ugolini Philogenia, in seinem Plautus Frkf. 1550 111ᵇ (als anhang von Pauli schimpf u. ernst). meist von neugier: prurire auribus, hitzig begird han zu horen, das kutzlen in oren han. Melber voc. varil. t 3ᵇ, s. das adj. kitzel, kitzlich 3 und kitzelohr. von wiszbegier, lernbegier:
es kützelt' uns ein trieb, die fremde luft zu schauen,
im reisen suchten wir das allerhöchste gut.
Hoffmannswaldau (1699) begräbnisged. 30.
man sagt wol noch jetzt: die neugier kitzelt (wie plagt) mich. ähnlich ist es, wenn Sturz von 'kampfspielen des witzes' (esprit) in einem Pariser salon sagt, es sei ewiges küzeln ohne genusz. 1, 105, anregung des interesses ohne befriedigung.
d)
noch anders vom gewissen das angeregt, rege gemacht wird. wie man einen schlafenden, trägen 'aufkitzelt': da hat er (gott) Adam und Heva abermal ir gewissen gekützelt. Luther 4, 30ᵃ (34ᵃ); das geht schon zum folgenden über.
5)
Aber auch zum schmerze kann das kitzeln werden, daher mehrere bildliche verwendungen.
a)
man sagt wol drohend ich will ihn mit dem degen (zwischen den rippen) kitzeln, wie sonst mit der spitze des fingers. da ist kitzeln in höhnischem, schadenfrohem bilde gebraucht, wie in folg.: besser wäre es alle tag zweimal das hölzerne kutzlen leiden bei den Türken. Conlin bei Birlinger Augsb. wb. 297ᵃ, wol von der bastonnade; und wird manchen das höllische fewer, dessen er allhie keinen glauben hat, für seinen .. hochmuth wol kitzelen. J. Böhme drei princip. 9; einen mit dem stocke kitzeln, schlagen; mit der heugabel u. a. zu tode kitzeln Bernd Posen 152;
will ich dem weib sehr gonnen wol,
das sie zu tod den (floh) kitzeln sol.
Fischart flöhhatz 893 Sch.
b)
übertragen von spott, neckerei: das dir got wehre, satan du leidiger, wie schendlich und sicher spottestu unser. doch mein spott sol dich widerumb auch kützeln, was gilts. Luther 3, 348ᵃ; Philomena fieng mich mit schimflichen (scherzenden) worten zu kützlen an, als ob ich mit fleisz Rosamunda den ballen zugeschlagen hett. buch der liebe 237ᵇ, vexieren.
c)
ärgern, zum zorne reizen u. ä.: zun zeiten kützlet sie (die kath. prediger) des Luthers psalmenbuch und sonderlich 'ein feste burg' u. s. w., zun zeiten stechen sie Marots psalmen in die augen. Fischart bien. 1588 212ᵇ, reizt sie zum schmähen; es kitzelte ihn anfangs auch (vom meister getadelt zu werden). Gotthelf 11, 239, als anwandelung zum aufbegehren.
d)
sich kitzeln, sich plagen, behelligen: ich will mich in dieser nachdenklichen materi nicht kitzlen. Abele unordn. 3, 13, s. dazu das letzte kitzen.
6)
Sich kitzeln.
a)
körperlich, sich selbst zum lachen kitzeln:
wer sich selber kützlet vil,
der mag wol lachen wenn er wil.
Murner schelm. g 8;
wer sich selbs kützelt, der lacht wol (d. i. kann lachen) wenn er wil, sprichwort, z. b. in einem Nürnberger actenstück aus der mitte des 15. jh., Nürnb. chron. 2, 389 anm.; S. Frank legt das spr. aus: narren, die inen selbs recht gebend, habend guͦt läben, sy pfyfend inen selbs ze tanz, lachend und habend ein ewige kilchwyhe wenn sy wöllend. sprichw. (Zürch. ausg.) 1, 148ᵇ. es ist aber mit dem sich selbst kitzeln urspr. voller ernst: (der kleine Gargantua) kützelt sich selbs zu lachen. Garg. 129ᵇ (235 Sch.), se chatouilloit pour se faire rire Rabelais 1, 11; nach den sitten der Franzosen, die sich kützlen damit sie zu lachen ursach haben. Harsdörfer schaupl. lust- u. lehrreicher gesch. 1, 147;
mich kitzeln musz ich, um zu lachen,
so (wenig) lustig gehts im lustspiel zu.
Gotter 1, 453.
b)
sich selbst anregen, reizen. so wol bei Weckherlin in der vorr. zu den weltl. ged., wenn er, gewisse dichter tadelnd, von sich selbs kützlenden witzen spricht, d. i. geistern (witze nicht im heutigen sinne), die sich selbst aufschrauben um geistreich zu sein. etwas anders bei Luther, von den landsknechten, die beim beginn der schlacht sich an ihre bulschaft erinnern: das in der stunde, da man gottes gericht und todesfahr für augen hat, (man) allererst mit fleischlicher liebe sich kutzelt und tröstet (ermutigt). 3, 329ᵃ. ähnlich von der lachlust der narren: ir lachen ist eitel sünde und kutzeln sich doch damit. Sirach 27, 14.
c)
sich kitzeln durch lebhafte oder leibhaftige vorstellung eingebildeter, vergangener oder künftiger lust:
wenn wir kriechent und seint alt ...
noch sagent wir 'ich denk den tagk,
das ich der welt auch ware gleich,
also schon und seuberleich,
das mir die frawen waren hold
und schankten mir guͦt silber gold.
ich hab erbuͦlt als das ich hab,
wiewol ich gang ietz an dem stab'.
hör wie kützelt sich der schalk
und gerbet mir ein iltisbalgk.
Murner schelm. g 8;
ihre jungfrawen .. lachten heimlich und kützelten sich (an dem gehörten). Kirchhof wendunm. 123ᵃ; kaum hatte sich meine freiheit mit solcher eingebildeten hoffnung ein wenig gekitzelt .. Simpl. 1, 593 (2, 176 Kurz).
d)
von allerlei freude an der man sich selbst fühlt oder genieszt, sei es durch eignes lob, eignen gewinn, sei es durch schaden anderer, besonders von heimlicher freude der art, gern mit heimlichem lachen verbunden: derhalben wollestu mich verkleren, nicht das ich mich damit kützele, sondern umb deiner ehre und verklerung willen. Luther 6, 172ᵇ; das rohe ehelose leben, darmit sich die papisten sehr kützeln. Henneberger preusz. landtafel 425, worauf sie 'sich viel zu gute thun'; kützelt mich damit, dasz ich als ein ungelehrter idiot den grund .. wuste, sie aber als hochgelehrte kerl darnach rathen musten. Simpl. 2, 273 (3, 345 Kurz); er (Potiphar) kitzelte sich mit seiner frauen frömmigkeit innerlich (wie die hölzerne puppen lachen), dasz er nicht zürnen kunte. 2, 544 (2, 3, 10), er lacht wolgefällig in sich hinein, dumpf wie eine künstlich lachende puppe, vgl. Kirchhof unter c, auch diesz lachen selbst ist sich kitzeln genannt; die solche pasquillen .. an sich bringen, sich damit zu des diffamirten verkleinerung kitzeln, belustigen. Schuppius 675; wie sich sein gegentheil damit kützeln werde, wenn es solte gütlich vertragen werden. Chr. Weise kl. leute 96;
nur henker kitzeln sich bei andrer schmach und schmerzen.
Hagedorn 1, 97;
wie wird sich der niederträchtige gekitzelt haben! Lessing 1, 449, aus schadenfreude; dieser blutdürstige, seines blutdurstes sich rühmende, über seine verbrechen sich kitzelnde teufel (Richard III.). 7, 332; eben diese eitelkeit kitzelte sich itzt durch die vorstellung, als regent und gesetzgeber den glanz der berühmtesten männer vor ihm zu verdunkeln. Wieland 2, 277. 306; lobsprüche, an denen sich die eitelkeit des kleinen Bonifaz nicht wenig kitzelte. 15, 161; wie man sich nunmehr über die strafe meines übermuths und meiner geringschätzung anderer .. kitzeln und freuen würde. Göthe 16, 107; sich mit einer stillen schadenfreude kitzeln. 31, 236;
und kizle mich nach herzenswahl
am tollen weltgetümmel.
Voss 4, 201 (1825 3, 164).
e)
beim inf. als subst. fällt sich weg: dem, der di lästerung mit küzzeln anhöret. Butschky kanzellei 805. vgl. kitzelung 2.
f)
statt des pron. refl. kann auch ein theil den der kitzel trifft, eintreten:
da kützelt er sein ohr mit richtenden gewäschen.
Günther;
es steht dem verführer so schön, an seinem verbrechen seinen witz noch zu kitzeln! Schiller 208ᵃ (cabale und liebe 5, 2).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 875, Z. 70.

kitzel, kützel, kutzel, kützeln, adj.

kitzel, kützel, kutzel, kützeln, adj.
kitzlich, jetzt vergessen; doch in mundarten musz mans noch vermuten.
1)
eigentlich: so ist auch wahr, dasz sie Elsa alsbald doruf die kuhe mit einem finger gestochen oder gegicket, und gesagt 'sehet zu, die kuhe ist kitzel'. Büdinger hexenprocessacten von 1596.
2)
übermütig (s. kitzel m. 2, c): so werden sie (durch die warnung) sieben mal erger, sind so sicher und kützel, das sie schier nicht wissen was sie doch für mutwillen beginnen wollen. Luther 3, 532ᵇ; es ist unseglich wie geil und kutzel die bawrn itzt worden sind durch diese friedreiche zeit etliche jar daher. 5, 465ᵇ.
3)
neugierig, begierig (s. kitzel m. 3, b. c.), in der form kützeln: das sie (die Türken) seer nigern und kützeln sind etwas zu hören von unserm glauben. Luther 8, 15ᵃ (verlegung des alcoran bruder Richardi, verdeutscht durch dr. M. L.). nigern ist mhd. niugerne, 'neugierig', kützeln scheint gebildet wie lüstern u. dgl. adj., die von nd. heimat sind, z. b. schëmern verschämt Schambach 182ᵇ (s. gr. 2, 1003), und wird danach md. sein, wie nach 5 vielleicht das ganze wort. auch folg. kutzeln scheint diesz adj.: und (Witzel) prediget fast in dem höchsten ton, wie Munzer zu Alstad und hernacher zu Mülhausen .. das dem pöbel die ohren kutzeln und widder die oberkeit wütend und grimmig macht. Alberus wider Witzel G 3ᵃ (vgl. sp. 879 mitte Schiller).
4)
auch unpersönlich mir ist kützel, ich bin begierig: dieweil denn meinem lieben herrn (dr. Eck) so kützel ist, wil ich mein maul recht auf thun von dem Costnitzer concilio. Luther 1, 343ᵃ (von den neuen Eckischen bullen und lügen).
5)
südd. scheint es nicht vorhanden, aber in den sprachen nd. lautstufe: nordengl. schott. kittle kitzlich (eig. und uneig.), sicher schon ags.; norw. kitall, schwed. kjitall, ketall Rietz 317ᵇ, altdän., jüt. kidel Molbech; gewiss auch nd., alts. u. s. w., ich finde nur ostfries. katel, wund an der haut, empfindlich Stürenburg 104ᵃ, mit anderm vocal. auch die bildung des adj. weist auf hohes alterthum.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 874, Z. 34.

kützeln

kützeln,
s. kitzeln.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1873), Bd. V (1873), Sp. 2909, Z. 24.

kitzeln, kützeln, kutzeln

kitzeln, kützeln, kutzeln,
titillare.
I.
Formen und verwandtschaft.
1)
die doppelform, mit i und ü (u), ist hd. ursprünglich, und wenn jetzt kitzeln die nebenformen besiegt hat, so ist der sieg ziemlich jung. noch im 18. jh. und länger ist kützeln gewöhnlich, so bei Gellert, Hermes, Sturz, Lessing, Klinger, Lichtenberg, J. Paul (sp. 880), zum theil herschend, zum theil mit kitzeln wechselnd (Lessing); ebenso ist es mit kitzel, kitzlich u. s. w.; von kutzeln s. c.
a)
schon ahd. chizilôn und chuzilôn titillare, prurire, pungere, scalpere Graff 4, 538; bedeutsam auch mit qu- in quizilunga titillamentum das., vgl. quichilunga titillando 636. wäre diesz qui- wirklich das ursprüngliche, so lieszen beide formen, mit chu- und chi-, sich daraus entstanden denken (s. sp. 375 unten), wie vermutlich bei kürre, kirre; allein die nächstverwandten sprachen unterstützen hier das qu- nicht, wie doch in andern fällen (s. kirre, kone, koth, kilt a. e., kenten a. e.), und dasz wirklich noch in geschichtlicher zeit die vorliebe für qu- ein solches aus k- machen konnte, zeigt ein fremdwort, quitte, mhd. quiten und küten (s.kütte), entstanden aus κυδώνια (μῆλα). in andern fällen scheinen k- und qu- aus vorgeschichtlicher zeit her neben einander zu bestehen, s. z. b. kerren 1, c; aber ebenso thun es ohne solchen anlasz i und u (s. wirken und kiste I, d), und gerade hier bieten auch fremde sprachen beides, s. 3, b; selbst mit a kommt der stamm vor, s. ebenda litt. und ostfries. katel sp. 874 gegen unten, sodasz ablautung vorliegt.
b)
mhd. kitzeln und kützeln (Wackernagel wb. 1861 172ᵇ), ein beispiel von dem zweiten s. sp. 879. im 15. jh. bringen es die vocabularien reichlich: kitzlen, kützlen und kutzeln u. ä. bei Diefenbach unter titillare, prurire, catillare, und ebenso seit dem 15. jh. bis ins 17. bei den schriftstellern, ohne einen landsch. unterschied der drei formen wie es scheint. noch Steinbach, Wachter, Frisch geben i und ü an, doch zieht schon Frisch i vor; man sah nun das schwanken nur als sache der schreibung an.
c)
kutzeln, oft z. b. bei Luther (neben kützeln), ist noch volksmäszig in Thüringen, Sachsen, aber ebenso in der Schweiz Stald. 2, 148 (nicht bei Maaler); oberd. oft im 15. jh., in den fastnachtspielen (s. II, 1, b), im voc. inc. teut., im voc. 1482 r 8ᵃ, bei Melber, in der Straszb. gemma 1518 CC 3ᵈ. md. selbst kotzeln Dief. 585ᶜ (s. kossen für kussen kissen sp. 853 g).
2)
Im nd. und den verwandten sprachen erscheint bemerkenswerter weise nur die eine form mit i.
a)
mnd. kittelen, ketelen Dief. 585ᶜ. 107ᵇ, nnd. kitteln, ketteln, auch kiddeln, keddeln (kirreln) br. wb. 2, 766, käddeln Danneil 94ᵃ, kêteln Schamb., westf. kieteln Kuhns zeitschr. 2, 96. nl. kittelen, ketelen. auch nrh. kitteln (kittele Aachen), schon in der Cölner gemma Dief. 585ᶜ und schon in ahd. zeit chitilôn Haupt 5, 203ᵃ, alts. gewiss kitilôn. eigen auch bei Keisersberg 15 staffeln s. 12 kitlich kitzlich (Scherz 790).
b)
ags. citeljan titillare, citelung titillatio Ettm. 383, altengl. kitell, schott. kitill, kittle, nordengl. kittle, kettle, auch wiederholend kiddle-kittle Halliwell 493ᵇ (vgl. 3, a zuletzt), während es gemeinengl. wie umgekehrt tickle heiszt.
c)
isl. norw. kitla, schw. kittla, dän. aber kilde (auch kildre, kille), wol aus kidle, wie früher kidel kitzlich bestand (sp. 874). merkwürdig aber schwed. auch kittsla, altschw. kitsla Rietz 317ᵇ, kitzla Rydqvist 3, 99ᵃ, aus dem hd., und zwar über das nd. hinweg (einzeln doch auch nnd. kitzeln Danneil 101ᵇ); wie daraus gemacht klingt dial. schwed. kisla Rietz 317ᵃ, auch norw. kisle.
d)
daneben bewahrt jedoch das nord. in einfacheren formen den nächsten vorgänger von kitzeln: norw. kita, kjeta, schwed. dial. keta, kitta Rietz 317. auch älter hd. findet sich vereinzelt kitzen, s. d.
3)
Die verwandtschaft geht aber weit über das germ. gebiet hinaus, freilich wieder einmal ohne wahrung der lautverschiebung (vgl. sp. 196); aber niemand wird in den folg. anklängen bloszen zufall finden wollen.
a)
kitzeln heiszt lett. kuttét, litt. kuttẽti, kuttinẽti Nesselm. 214ᵇ, auch káturiuͦti, dazu kátulas m. kitzel, sodasz an entlehnung nicht zu denken ist (s. auch 4, c). aber auch ehstnisch kudjuma und kidditama ich kitzle, kutti und kiddi kitzel; ferner finnisch, und da reich entwickelt: kutitan kitzeln, kutelehdan leicht kitzeln, kutina kitzel, kutian, kutkun kitzel empfinden u. s. f., auch verdoppelt kutkutan, kutkuttelen kitzeln, kutkutus kitzelung, wie ähnlich in engl. kiddlekittle unter 2, b und in lat. titillo, man macht ja wiederholend kik! kik! beim kitzeln (sp. 702), siebenb. kizi! kizi! Haltrich plan 121ᵃ, finnisch kuti! kuti! Renvall 1, 237ᵇ.
b)
auch das slavische hat den stamm, und zwar mit u und i, wie hd. und vorhin ehstn.: altsl. skŭkŭtati und skȋktati titillare Miklosich 852ᵇ; die zweite form musz eig. skĭkĭtati sein, wie sich aus skĭkĭtanie titillatio das. und aus der gleichen kürzung der ersten form in skŭktanie ergibt: also der stamm kut und kit, in derselben doppelform ausgeprägt wie bei uns, eine wichtige übereinstimmung des slav. mit dem hd.; er erhielt reduplication wie titillo und vorn trat s an, falls nicht skut, skit als stamm anzusehen ist (vgl. litt. skutu ich schabe, böhm. skutiti scharren). so entspricht denn, freilich kaum noch erkennbar, russ. ščekotat' urverwandt unserm kützeln, kleinrussisch cektaty, sloven. ščegetati, šegetáti, bei Megiser H 7ᵃ noch shigìtati, kroat. segtati unserm kitzeln. eigen im anlaut böhm. lektati, poln. łesktać, łechtać, niederwendisch laskoschisch, lakoscżisch kitzeln (lagożisch schmeicheln, liebkosen), oberwend. łaskotać.
c)
bei so weit greifender verwandtschaft wird man auch ferner liegendes ins auge fassen dürfen. gaelisch ciogail, diogail kitzeln klingen z. b. auch an, das zweite erinnert an engl. tickle, zum ersten vgl. 4, c.
4)
Aber das deutsche gebiet gibt selbst noch mehr zu bedenken.
a)
es zeigt sich auch hier der oft beobachtete wechsel der lautstufen im anlaut. tirol. heiszt es gitzeln, gützeln, gutzeln (gutscheln) Fromm. 5, 435. 444. 3, 109, steirisch, kärnt. gutzeln 2, 349, Lexer 128, wie bei kitz sp. 869 unten.
b)
aber auch im auslaut, isl. kida jucken (kida sér sich jucken) liegt zu nahe, um fremd zu sein; schwed. killa kitzeln, killen kitzlich Rietz 317 könnte diesz kid- auch enthalten (für kidla), es verhält sich zu kitzeln wie isl. kid zu kitz hoedus sp. 870. aber merkwürdig auch schweiz. giden kitzeln Stalder 1, 443 (vgl. kitzen kitzeln).
c)
selbst auslautwandel in der wurzel (sp. 6) kommt in frage mit gickel m. zucken vor kitzel, begierde Schmeller 2, 25 (ags. gycce prurigo gehört wol zu jucken). östr. heiszt es die gegel vertreiben wie den kitzel vertreiben das. 2, 20, und gigel hiesz 'tentigo, id quod in vulva apparet' voc. 1482 l 1ᵃ, der kitzler; dasz 'kitzeln' von alters her mit geschlechtslust zusammenhange, ist nach 5 und II, 1, b sehr denkbar, ebenso liegen sich nahe litt. gẽszti kitzeln und gaszlẽti geil sein (sz aus urspr. g); vergl. schwed. dial. khikklig kitzlich Rietz 317ᵇ, slavon. škakljati, dalmat. skakljati kitzeln.
d)
merkwürdig auch mit z im anlaut, denn mit czhiczillen Weigand 1, 587 (15. jh.) scheint doch zizilen gemeint; es ist wie zaza katze, s. sp. 282. Stieler 935 leitete kitzeln von kitze katze ab.
e)
s. auch keuzeln unter 5 a. e. und kritzeln kitzeln.
5)
Zu erwähnen sind auch rom. wörter, die gleichfalls anklang an die deutschen bieten (Diez 592, Diefenbach goth. wb. 2, 511): franz. chatouiller, altfrz. gatoiller, catiller, walach. ge̜dilì, lothring. gattié, wallon. catî, gatî, piem. gatiè, sicil. gattigghiari, in Brescia gatigol kitzelung. aus letztern klingt es wie ein caticulare, aus den kürzeren wie mlat. catillare, aus den ersten wie ein catuliare, das Diez zurückführt auf lat. catulire brünstig sein (von katzen u. ä., mlat. auch von menschen Dief. 107ᶜ). zu erklären bleibt da der umsprung der bed. von kitzel empfinden auf thätiges kitzeln, hätten deutsche wörter von Gothen, Langobarden u. a. dazu mitgewirkt? vgl. ostfries. katel kitzlich sp. 874. mlat. catillare, catiliare, catellare werden hd. mit kitzeln, kutzeln, ketzeln, nd. ketelen erklärt (Dief. 107), aber die bed. ist nicht sicher, da sich andres darein mischt, auf die katze bezüglich, s.kätzeln. ein voc. das. 107ᵇ erklärt es mit kitzeln vel keuzeln, das an den kauzen streichen sp. 369 angelehnt scheint.
II.
Gebrauch und bedeutung.
1)
Körperlich, äuszerlich,
a)
kutzeln, titillare, hominem ad risum provocare. voc. th. 1482 r 6ᵃ;
stuont die verheit huor und kuttert (kicherte) stet,
als der si (wenn sie einer) mit willen gekutzelt hett.
fastn. sp. 331, 30;
die natter kützelt, wenn sie tödtlich beiszt.
Günther 1006;
schmeichelnd kitzelt
die schlange, wo sie sticht.
Shaksp. Cymbeline 1, 2;
wobei sich denn wol mitunter die wörtlichen neckereien in kitzeln und balgen ... zu steigern pflegten. Göthe 31, 208. bei der praeposition erscheint statt des gewöhnlichen dat. auch der acc.: hernacher an die seiten sie zu kutzelen. Amadis 22; im hinweggehen, wenn er einen abscheid von ihr nehmen wil, sol er sie in die seiten kitzeln und dem lieben schätzigen geben ein freundliches schmetzichen. hasenjagt 1629 s. 61.
b)
früher oft als theil von liebkosungen erwähnt: und ward ein solcher vater ein solchen sons hoch erfrewet, halset und küsst in, tätschelt in, pfetzelt in, kützelt in, hotzelt in. Garg. 136ᵃ (248 Sch.). als reizung zu sinnlicher lust: kutzeln .. anzunden zu unkeuscheit, titillare. voc. 1482 r 8ᵃ;
ich kam zu einer peurin, die malk ...
ich wolt sie kutzeln unter den uchsen (achselhöhlen),
do weiset sie mich zu der pfefferpuchsen.
fastn. sp. 274, 8, vergl. 335, 1;
so waisz ich ainn, der ist mir eben (sagt eine witwe) ...
den wil ich an meinen arm legen
und wil in kützeln unter den üchsen.
750, 22;
under den armen in kützel (weist eine buhlerin ihre tochter an)
und lasz offen deinen schützel (brustlatz)
baidenhalb by der seiten.
Hätzl. 307ᵇ;
(gattin) mit welcher er ungehindert mag scherzlen, sterzelen, merzelen, kützelen, kritzeln, schmützeln u. s. w. Garg. 72ᵇ (123 Sch. kitzelen);
liebkosen, küss und kützlens schimpf.
Weckherlin 458;
eine verbuhlte magd kam, und kützelte ihn auf der streu. Gellert (1784) 4, 106; noch seltsamere geschichten werden aus dem harem erzählt, wo die frauen ihren beherrscher kitzeln, sich mit ihm balgen. Göthe 6, 198.
c)
zuweilen wol geradezu verblümt für coire: Leyrmatz wurde von einer jungfer, so einen hollandischen windbrommert im kützelen in die weite welt streichen liesze, befraget, warumb solcher blasianer so schrie? Leyermatzs lust. correspondenzgeist (1668) 239. s. kitzelfreude, kitzelhaft, kitzel 2, b.
d)
die wirkung des kitzelns wird verschieden bezeichnet. mit zu: einen zum lachen kitzeln;
dann so er (der floh) vieleicht wirt erwischt,
will ich dem weib sehr gönnen wol,
das sie zu tod den kitzeln sol.
Fischart flöhhatz 893 Sch.
aber auch mit bloszem acc. des adj.: sie werden mich todt kitzeln. Lessing 8, 195, bildlich nach 3, c, schmeicheln.
e)
unpersönlich:
es leit mir an (klagt ein meidlein),
het ich ein man,
es kutzelt und krutzelt mich furan ...
hett ich ein man,
der mir mein kutzel vertreiben kan ...
Aich liederb. nr. 76, 1;
es kitzelt mich im halse. sprichw. es kitzelt ihn an der kehle, er will sich den galgen verdienen, wie dir juckt der rücken, du willst schläge haben.
f)
selten mit dem betreffenden körpertheil als subj. und dat. der person, was bei jucken das herschende ist. so im 2. theil des Faust, als zeichen der metallsucher:
wenn ihm doch auch einmal die sohle kitzelt.
Göthe 41, 19.
g)
trans. mit dat. der person und acc. des körpertheils nur in bildlichem gebrauche, wie es scheint, einem die ohren kitzeln, s. 2, b. 3, b. ironisch von schmerz, s. 5.
2)
Reizen, von nervenreiz, der sinnengenusz gibt, oder in seele und gemüt wirkt, mit dingen oder es als subj., dem menschen oder dem körpertheil als obj.
a)
sinnlich: der alte Fonseca beliebte sich auch einmahl zu netzen (baden) und die alte haut durch ein lauliches wasser zu kützeln. Riemer pol. stockf. 344;
ich weisz, dasz dirs recht kerre thut
und kützelt dich an deiner haut.
Menantes 1, 221;
mit küzlend-scharpfen büsselein (küssen).
Weckherlin 775;
o himmel! wie kützelt das züngelnde spiel!
Günther 929;
man lasse ihm die freiheit täglich die ausgesuchtesten speisen und die besten getränke zu wählen. es wird einige zeit die zunge kützeln. Gellert (1784) 7, 52;
kaum kitzelt ihre nase
der duft aus seinem glase,
so war sie auch curiert.
Bürger.
b)
mehr oder schon ganz seelisch, geistig, besonders das ohr kitzeln (vgl. kitzel 2, a): hastu auch wol einen nutzen davon (von weltlicher kirchenmusik)? gewisslich keinen als dasz dir die ohren gefüllet und gekützelt werden. Gerber sünden der welt (1701) 1071; was seid ihr nun glüklicher geworden (durch das concert)? da hat man euch die ohren ein bisgen geküzelt, und das ists alle. Hermes Soph. reise 1, 296; wenn im grunde blosz ihr geschmack belustigt und ihre ohren gekitzelt wurden. Wieland 2, 120; ihre ohren mit unartigem witze kitzeln Schiller 145ᵇ (Fiesco 1, 1). vgl. dasselbe von schmeichelei 3, b.
c)
das zwerchfell, die lachlust kitzeln: es ist ein schauspiel, bruder (das menschenleben), das thränen in deine augen lockt, wenn es dein zwerchfell zum gelächter kitzelt. Schiller 125ᵃ (räuber 3, 2);
doch sein äuszres ist so putzig ...
dasz er trotz des innern grausens
dennoch unsre lachlust kitzelt.
Heine romanzero 101.
d)
recht bezeichnend von einer ohnmacht: die erschöpfung flosz beinahe in eine süsze kitzelnde ohnmacht über. J. Paul Hesp. 4, 127.
e)
mehr ins folgende übergehend, aber absichtlich in sinnlicher fassung: er (der dichter) kizelt das ohr durch das zahlmasz und die cadanz des verses. Breitinger crist. dichtk. 2, 404, hier ganz fern von tadel (vgl. Lessings kitzel sp. 872); Cicero ... wenn er die ohren einer unwissenden menge kützeln .. wenn er mehr betäuben als überzeugen wollte. Lessing 6, 235. von rührung u. ä., geringschätzig in körperlicher auffassung: eure (Wielands) Alceste mag gut sein und eure weibchen und männchen amüsirt, auch wol gekitzelt haben, was ihr rührung nennt. Göthe 33, 275 (götter, helden u. W.); aber wenn man dieselben mit etwelcher empfindsamkeit kitzelte, so thaten sie die äuglein zu wie eine katze der man am kopfe kraut. Kotzebue dr. sp. 2, 329.
3)
Erfreuen, vergnügen, aber nur von freude oder lust die den menschen gleichsam in seinem kerne trifft, die unser selbst wolthuend, befriedigend, schmeichelnd berührt. niemand wird kitzeln sagen z. b. von freude über die edle that eines anderen, von reinem, hohem kunstgenusz. aber jéne freude kann kein andres wort bezeichnen, die uns bis ins innerste dringt, wo sie eben in sinnliches lustgefühl, in ein kitzeln ausläuft. doch wird kitzeln dadurch gern tadelnd.
a)
das heiszt kitzeln im herzen, das herz kitzeln, mhd. den muot:
sô tref (er) si anʒ gelenke (taille, beim tanzen),
daʒ kützelt den muot.
MSH. 1, 201ᵇ. Bartsch liederd. 34, 12,
freilich mehr sinnlich; denn ob ichs wol gleube, so fallen doch imer mit zu die süszen gedanken, die mich kutzeln im herzen, 'ei du hast dennoch so viel gethan .. den leuten gedienet und geholfen!' Luther 6, 68ᵇ, mit dem nebenbegriff verführerisch schmeicheln;
der arme thor! die (epicuräischen) lehren kitzeln
sein stolzes herz.
Gotter 1, 379, ebenso;
freundschaft duldet mishelligkeiten weniger als die liebe, diese kitzelt damit das herz, jene spaltet es. J. Paul uns. loge 2, 45, eig. mehr zu 5 gehörig, aber doppelsinnig zugleich hierher; ich war den Castiliern eine freude auf meinem klepper, ich kützelte ihre leber. Klinger theater 4, 204.
b)
auch werden äuszere glieder als obj. genannt, durch die die lust ins herz kommt (s. 2, b):
das kitzelt unsern augenstern (vgl. u. kitzel sp. 872 Lessing),
das schmeichelt unsern ohren gern.
Schiller 133ᵃ, räuberlied.
besonders von den ohren:
selbst die schönheit vom gemüthe (des mädchens)
bricht durch blick und antlitz vor,
und der reden geist und güte
kützelt oft ein lauschend ohr.
Günther 273;
je toller dieses zugieng, desto mehr kitzelte es (die satire auf den katholicismus) die ohren der gemeinde. Schiller 827ᵇ. daher einem die ohren kützeln, gratis sermonibus permulcere aures alicujus. Steinbach 1, 955. Frisch 1, 517ᵇ, ihm dinge erzählen die er gerne hört Adelung, von schmeichlern u. ä. mit sächlichem subj. einen in den ohren kitzeln: dieses kützelte mich dermaszen in ohren, dasz ... Simpl. 1, 82 (79, 23 Kurz), von höchster freude über wolverdientes lob.
c)
natürlich auch kurz einen kitzeln: o das kutzelt sie (die weltlichen fürsten) so wol, das sie auch schier nicht wissen wie mutwilliglich sie solcher gnaden und freiheit misbrauchen wollen. Luther 5, 148ᵃ, nämlich die neue evang. lehre, dasz auch der klerus ihnen unterthan sein soll; den raben kützelt solch lob und schmeicheln. 272ᵇ; und thet den seelmördern und verrhetern fast (sehr) wol und kutzelt sie über die masz, das sie solch wildpret und niedlich biszlin in ir netze kriegten. 6, 10ᵃ; jeder sagte 'disz gibt wieder einen jungen Joh. de Werd!' welches mich trefflich kützelte. Simpl. 1, 276 (273, 27 Kurz); nur das lob desjenigen kitzelt ihn (den wahren künstler), von dem er weisz, dasz er auch das herz hat ihn zu tadeln. Lessing 7, 113. in so ernstem tone ist es doch jetzt kaum noch sagbar (s. sp. 873).
d)
es klingt uns jetzt sinnlich oder selbstisch:
wenn wie nichts guts dich schilt ein wicht,
und es soll dich nicht beiszen,
so darf es dich auch kitzeln nicht
wenn sie was rechts dich heiszen.
Rückert 234,
die freude am lobe ist damit entschieden zu einer schwäche gestempelt. daher besonders von niedriger, hämischer freude, schadenfreude, auch triumph über einen gegner u. ä., schon früher:
aber nicht dasz mich etwan deine schmerzen
kützelen solten. nein, ich trag im herzen
als dein getreuer schäfer mit dir armen
groszes erbarmen.
Neumark lustw. 81;
arm in arm mit dir zur hölle! es soll mich kitzeln, bube mit dir verdammt zu sein! Schiller 213ᵇ (cab. und liebe am ende); mein erstes war dasz ich mein wildschieszen fortsetzte .. es kitzelte mich das fürstliche edict zu verhöhnen und meinem landesherrn nach allen kräften zu schaden. 708ᵃ, wie es freute mich. die sinnlichkeit tritt besonders heraus, wenn es von kunstwirkung gesagt wird (s. schon 2, b): auch die musik der neueren scheint es vorzüglich nur auf die sinnlichkeit anzulegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will. 1127ᵃ (über das path.); was die einbildungskraft auf eine feine art reizet und kitzelt. Adelung. auszerdem besonders von selbstsucht u. ä.: so was musz die feinste eigenliebe unendlich kützeln. Lessing 1, 564 (Minna 4, 1), er liebt es offenbar das wort in besserem sinn zu brauchen; ihre eigenliebe daran zu kitzeln. Wieland 1, 263 (eig. gleich sich kitzeln unter 6); man kützelt ihre eitelkeit. J. Paul teuf. pap. 1, 108; dér titel wird ihn kitzeln!
e)
dasz die sinnliche seite der freude darin vorwiegend blieb, zeigen besonders folg. ausführungen der empfindung: den müller kützelte dieses (das schmeicheln einer ihn bittenden) bisz auf den kleinen zehen hinab. geflückte finken 120; das gefühl der freude kitzelte mich bis an das ende der finger. Sturz 2, 26, freude über die nichtigkeit des gegners; Barthel. 'mein armer Barthel', ha ha ha! schon so ein gutes wort kitzelt einen durch und durch. Weisze kom. opern (1777) 2, 238. noch ganz frisch im bilde des körperlichen kitzelns sagt man: ich bring ihn schon herum (einen widerstrebenden), ich weisz wo man ihn kitzeln musz; wer mir die schwache seite kitzelt, der kann mit mir machen was er will. Kotzebue dr. sp. 3, 184.
f)
statt acc. der person erscheint auch der dativ: als nun der fuchs merket, dasz solches dem pöfel kützelt und wolgefiele hundert fabeln Frkf. 1611 s. 217, aus Luther.
4)
Reizen, anreizen, stark anregen, vergl. 2, a und aufkitzeln; auch dafür ist kitzeln das kräftigste wort das die sprache hat, doch jetzt gleichfalls gemieden, man sagt mehr reizen, treiben. den begriff zeigt recht deutlich folgende bildliche verwendung:
vor freuden lacht das feld, es wallt das gras vor wonne,
man sieht oft wie das laub, obs keinen wind gleich spürt,
von innerlicher lust gekitzelt selbst sich rührt.
Brockes 1 (1728), 115.
a)
sinnlich: begunte die kloster- und mönchskeuscheit .. den bruder zu kützeln und stüpfen. Kirchhof wendunm. 419
b)
seelisch, von begier etwas zu thun, zu besitzen, von ehrgei und andern antrieben, besonders wenn sie stark, unwiderstehlich mit naturkraft auftreten: solche ehre und gewalt möchte war lich einen fürsten kützeln und bewegen .. das er dem ketzer Luther feind würde. Luther 3, 515ᵇ; was die begierden kitzelt, als die ehrsucht, quem gloria titillat (Hor. sat. 2, 3, 179). Frisch 1, 517ᵇ;
kitzelt sie der edle witwenstand (will sie lieber witwe sein).
Hagedorn 2, 164;
zwar hat mit sanfter hand die laune mich gekitzelt,
der witz geneckt (d. h. gereizt, sie an andern auszuüben).
Gökingk 3, 47 (53);
mich kitzelt was bis in das mark der seele,
ein fremdes ding, weisz nicht woher, wohin —
es will dasz ich ein ärgerniss erzähle.
Bürger verm. schr. 1798 2, 407 (Bellin 1, 1).
selbst es kitzelt (wie verlangt) mich nach ..: kitzelt dich nach namen und ehre? Schiller 127ᵃ (räuber 3, 2).
c)
geistig, zu wissen oder zu erfahren reizen. früher kommt es geradezu gleich unserm interessieren vor: ich hab geredt als ich weis bin, und gefragt nach dem daʒ mich kützelt. A. v. Eybe übers. von Ugolini Philogenia, in seinem Plautus Frkf. 1550 111ᵇ (als anhang von Pauli schimpf u. ernst). meist von neugier: prurire auribus, hitzig begird han zu horen, das kutzlen in oren han. Melber voc. varil. t 3ᵇ, s. das adj. kitzel, kitzlich 3 und kitzelohr. von wiszbegier, lernbegier:
es kützelt' uns ein trieb, die fremde luft zu schauen,
im reisen suchten wir das allerhöchste gut.
Hoffmannswaldau (1699) begräbnisged. 30.
man sagt wol noch jetzt: die neugier kitzelt (wie plagt) mich. ähnlich ist es, wenn Sturz von 'kampfspielen des witzes' (esprit) in einem Pariser salon sagt, es sei ewiges küzeln ohne genusz. 1, 105, anregung des interesses ohne befriedigung.
d)
noch anders vom gewissen das angeregt, rege gemacht wird. wie man einen schlafenden, trägen 'aufkitzelt': da hat er (gott) Adam und Heva abermal ir gewissen gekützelt. Luther 4, 30ᵃ (34ᵃ); das geht schon zum folgenden über.
5)
Aber auch zum schmerze kann das kitzeln werden, daher mehrere bildliche verwendungen.
a)
man sagt wol drohend ich will ihn mit dem degen (zwischen den rippen) kitzeln, wie sonst mit der spitze des fingers. da ist kitzeln in höhnischem, schadenfrohem bilde gebraucht, wie in folg.: besser wäre es alle tag zweimal das hölzerne kutzlen leiden bei den Türken. Conlin bei Birlinger Augsb. wb. 297ᵃ, wol von der bastonnade; und wird manchen das höllische fewer, dessen er allhie keinen glauben hat, für seinen .. hochmuth wol kitzelen. J. Böhme drei princip. 9; einen mit dem stocke kitzeln, schlagen; mit der heugabel u. a. zu tode kitzeln Bernd Posen 152;
will ich dem weib sehr gonnen wol,
das sie zu tod den (floh) kitzeln sol.
Fischart flöhhatz 893 Sch.
b)
übertragen von spott, neckerei: das dir got wehre, satan du leidiger, wie schendlich und sicher spottestu unser. doch mein spott sol dich widerumb auch kützeln, was gilts. Luther 3, 348ᵃ; Philomena fieng mich mit schimflichen (scherzenden) worten zu kützlen an, als ob ich mit fleisz Rosamunda den ballen zugeschlagen hett. buch der liebe 237ᵇ, vexieren.
c)
ärgern, zum zorne reizen u. ä.: zun zeiten kützlet sie (die kath. prediger) des Luthers psalmenbuch und sonderlich 'ein feste burg' u. s. w., zun zeiten stechen sie Marots psalmen in die augen. Fischart bien. 1588 212ᵇ, reizt sie zum schmähen; es kitzelte ihn anfangs auch (vom meister getadelt zu werden). Gotthelf 11, 239, als anwandelung zum aufbegehren.
d)
sich kitzeln, sich plagen, behelligen: ich will mich in dieser nachdenklichen materi nicht kitzlen. Abele unordn. 3, 13, s. dazu das letzte kitzen.
6)
Sich kitzeln.
a)
körperlich, sich selbst zum lachen kitzeln:
wer sich selber kützlet vil,
der mag wol lachen wenn er wil.
Murner schelm. g 8;
wer sich selbs kützelt, der lacht wol (d. i. kann lachen) wenn er wil, sprichwort, z. b. in einem Nürnberger actenstück aus der mitte des 15. jh., Nürnb. chron. 2, 389 anm.; S. Frank legt das spr. aus: narren, die inen selbs recht gebend, habend guͦt läben, sy pfyfend inen selbs ze tanz, lachend und habend ein ewige kilchwyhe wenn sy wöllend. sprichw. (Zürch. ausg.) 1, 148ᵇ. es ist aber mit dem sich selbst kitzeln urspr. voller ernst: (der kleine Gargantua) kützelt sich selbs zu lachen. Garg. 129ᵇ (235 Sch.), se chatouilloit pour se faire rire Rabelais 1, 11; nach den sitten der Franzosen, die sich kützlen damit sie zu lachen ursach haben. Harsdörfer schaupl. lust- u. lehrreicher gesch. 1, 147;
mich kitzeln musz ich, um zu lachen,
so (wenig) lustig gehts im lustspiel zu.
Gotter 1, 453.
b)
sich selbst anregen, reizen. so wol bei Weckherlin in der vorr. zu den weltl. ged., wenn er, gewisse dichter tadelnd, von sich selbs kützlenden witzen spricht, d. i. geistern (witze nicht im heutigen sinne), die sich selbst aufschrauben um geistreich zu sein. etwas anders bei Luther, von den landsknechten, die beim beginn der schlacht sich an ihre bulschaft erinnern: das in der stunde, da man gottes gericht und todesfahr für augen hat, (man) allererst mit fleischlicher liebe sich kutzelt und tröstet (ermutigt). 3, 329ᵃ. ähnlich von der lachlust der narren: ir lachen ist eitel sünde und kutzeln sich doch damit. Sirach 27, 14.
c)
sich kitzeln durch lebhafte oder leibhaftige vorstellung eingebildeter, vergangener oder künftiger lust:
wenn wir kriechent und seint alt ...
noch sagent wir 'ich denk den tagk,
das ich der welt auch ware gleich,
also schon und seuberleich,
das mir die frawen waren hold
und schankten mir guͦt silber gold.
ich hab erbuͦlt als das ich hab,
wiewol ich gang ietz an dem stab'.
hör wie kützelt sich der schalk
und gerbet mir ein iltisbalgk.
Murner schelm. g 8;
ihre jungfrawen .. lachten heimlich und kützelten sich (an dem gehörten). Kirchhof wendunm. 123ᵃ; kaum hatte sich meine freiheit mit solcher eingebildeten hoffnung ein wenig gekitzelt .. Simpl. 1, 593 (2, 176 Kurz).
d)
von allerlei freude an der man sich selbst fühlt oder genieszt, sei es durch eignes lob, eignen gewinn, sei es durch schaden anderer, besonders von heimlicher freude der art, gern mit heimlichem lachen verbunden: derhalben wollestu mich verkleren, nicht das ich mich damit kützele, sondern umb deiner ehre und verklerung willen. Luther 6, 172ᵇ; das rohe ehelose leben, darmit sich die papisten sehr kützeln. Henneberger preusz. landtafel 425, worauf sie 'sich viel zu gute thun'; kützelt mich damit, dasz ich als ein ungelehrter idiot den grund .. wuste, sie aber als hochgelehrte kerl darnach rathen musten. Simpl. 2, 273 (3, 345 Kurz); er (Potiphar) kitzelte sich mit seiner frauen frömmigkeit innerlich (wie die hölzerne puppen lachen), dasz er nicht zürnen kunte. 2, 544 (2, 3, 10), er lacht wolgefällig in sich hinein, dumpf wie eine künstlich lachende puppe, vgl. Kirchhof unter c, auch diesz lachen selbst ist sich kitzeln genannt; die solche pasquillen .. an sich bringen, sich damit zu des diffamirten verkleinerung kitzeln, belustigen. Schuppius 675; wie sich sein gegentheil damit kützeln werde, wenn es solte gütlich vertragen werden. Chr. Weise kl. leute 96;
nur henker kitzeln sich bei andrer schmach und schmerzen.
Hagedorn 1, 97;
wie wird sich der niederträchtige gekitzelt haben! Lessing 1, 449, aus schadenfreude; dieser blutdürstige, seines blutdurstes sich rühmende, über seine verbrechen sich kitzelnde teufel (Richard III.). 7, 332; eben diese eitelkeit kitzelte sich itzt durch die vorstellung, als regent und gesetzgeber den glanz der berühmtesten männer vor ihm zu verdunkeln. Wieland 2, 277. 306; lobsprüche, an denen sich die eitelkeit des kleinen Bonifaz nicht wenig kitzelte. 15, 161; wie man sich nunmehr über die strafe meines übermuths und meiner geringschätzung anderer .. kitzeln und freuen würde. Göthe 16, 107; sich mit einer stillen schadenfreude kitzeln. 31, 236;
und kizle mich nach herzenswahl
am tollen weltgetümmel.
Voss 4, 201 (1825 3, 164).
e)
beim inf. als subst. fällt sich weg: dem, der di lästerung mit küzzeln anhöret. Butschky kanzellei 805. vgl. kitzelung 2.
f)
statt des pron. refl. kann auch ein theil den der kitzel trifft, eintreten:
da kützelt er sein ohr mit richtenden gewäschen.
Günther;
es steht dem verführer so schön, an seinem verbrechen seinen witz noch zu kitzeln! Schiller 208ᵃ (cabale und liebe 5, 2).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 875, Z. 70.

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Zitationshilfe
„kützeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/k%C3%BCtzeln>, abgerufen am 15.08.2020.

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