Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kahm, kahn, m.

kahm, kahn, m.
mucor, schimmel auf gegohrenen flüssigkeiten, mhd. kân wb. 1, 785ᵇ: daʒ gelîchet sich deme leimen, der hûte, diu ûf dem wîne wirt, daʒ man den kân heiʒet. fundgr. 1, 378ᵃ, aber als adj. kâmig das., also auch kâm. ebenso nl. kaem und kaen Kilian, engl. keam (nach keamy) und keans pl. Halliwell. die formen gehen aber nhd. noch weiter auseinander.
1)
die formen.
a)
cham, acor, in vocc. 15. jh. Diefenb. 10ᵃ, kam Stieler 927 ('nonnulli'), Steinbach 1, 823, kahm Adelung, es scheint nordd. vorherschend, wie nd. kaam brem. wb. 2, 723, Dähnert 212ᵇ, nnl. kaam. aber auch östr., tirol. adj. kâmig. mit ô gleich â kom Dief. 10ᵃ, adj. kömig tirol. 17. jh. Schöpf 352.
b)
mit umlaut bei Chytraeus c. 103 kaͤm mucor vini, wie noch kaom und käöm Danneil 97ᵇ, deutschungr. käm Schröer 67ᵃ:
ein alter seiger wein on kaem,
ein süsze sommermilch on raem.
Waldis Es. 4, 93, 163.
c)
kan, amurca, im voc. incip. teut., Stieler, kahn, kaan, kan Rädlein, kahn Frisch, beide nur so (bei Adelung blosz als oberd.), bair. Schm. 2, 302; es ist auch die im md. herschende form, laus., sächs., thür.; im nd. gebiet ostfries. Stürenb. 99ᵇ (in Emden aber kiensel das.). Dasselbe ist (ô = â) im voc. th. 1482 r 2ᵃ kon des weins acor, kon amurca; ebenso Dasypod., Alberus, Schönsleder: drei prediger vergleichet er (Luther) einem vollen vasz, dem man den zapfen züge, da gieng es nacheinander herauz weil etwas drinne were, doch keme biszweilen khon und heffen auch mit unter. Mathesius Luther 128ᵇ (136ᵃ); noch hennebergisch, kärnt. (auch koun) u. a.
d)
Dasypodius gibt auch konen mucor, ein voc. des 15. jh. kane acor Dief. 10ᵃ, reste einer schwachen form; so tirol. kûnen pl.
e)
kaum Wachter 820, und so schwäb. Schmid 307 (in Ulm kaun); mhd. koum oder kûm? der rahm der milch heiszt auch raum, und engl. keam deutet auf ags. ceám (eá = mhd. ou). freilich könnte das schwäb. au nach landesart nichts als â sein. s. auch verkaunen unter kahmen, kaunicht unter kahmig 1, d.
f)
bair. auch keim Schm. 2, 296: keim und schimmel. Hohberg 1, 380, also wol auch fränk.; wann der stöpfel versauret riecht oder weiszer keim in eurem getränke schwimmet. L. Tölpels baurenmoral ('Kamtschatka' 1752) 78; in der Zips kaim Schröer 67ᵃ; adj. keimig östr. Höfer 2, 109. schon in einem voc. 15. jh. coagulum, klet oder kaym Diefenb. 639ᶜ, vgl. keim coagulum. dasselbe ist vielleicht eine bair. form gaᵉm Schm. 2, 46. schwed. dial. kajmut kahmig Rietz 301ᵇ. so heiszt faum, schaum, auch faim, der schaum auch schaim (voc. 1429).
g)
aus Henneberg gibt Reinwald 1, 87 auch kuhn, und so fränk. schon 16. jh., kuͦn Diefenb. 369ᵇ aus der nomencl. rer. domest. Nürnb. 1530. mhd. kuon? das tirol. û unter d (auch kûnig, kûmig das.) ist wol nur aus ô. kûm, kûmig auch Schröer 67ᵃ.
h)
nd. kiem brem. wb. 2, 771, kym Richey (vgl. kiensel u. c), auch nl. kiem Kil., also mnd. kîm? vgl. für faum schaum schweiz. fiem Stalder 1, 369 (auch schweiz. stram, nd. straam gleich strieme).
i)
endlich verrät sich noch eine andre bildung im nd. kâbig kahmig Schambach 95ᵃ, vgl. 2, b. Von dieser mannigfaltigkeit der gestaltung des einen stammes wird mehr alt sein als die kargen zeugnisse erkennen lassen. ein altn. isl. kâm n. ist dünner überzug von schmuz, staub, schleim, offenbar unser kâm; auch gibt Kilian mit 'situs' fürs nl. dieselbe bed. der form unter h entspricht engl. dial. kimy fusty, mouldy (schimmelig) Halliwell 494ᵃ, der u. g vielleicht coom dust, dirt 269ᵃ (überzug von staub?); vielleicht gab es schon ags. cîm, côm und ceám nebeneinander. wenn aber schaum und schaim (s. f.) dieselbe vocalbildung zeigen wie kaum und kaim, so scheint das kein zufall, es scheint derselbe stamm mit vortretendem S (s. u. kachen), gibt es doch auch nd. skîm schaum (Kuhn zeitschr. 4, 35), wie nd. kîm kahm; in der bedeutung werden beide vermittelt durch schimmel (altn. skûmi ist selbst auch mucor), vgl. engl. skim gleich scum schaum. da nun aber wahrsch. ahd. scûm schaum weiter rückwärts mit lat. spûma eins ist (s. 3, 1450), so kommt, wieder ohne s, faum schaum zur verwandtschaft, das in faim, fiem dieselben nebenformen hat, wie schaum in schaim, schiem (s. 2), kaum in kaim, kiem. weitere aussichten durch schimmer u. ä. s. Dief. goth. wb. 2, 245. frz. chanir (Diez 589)?
2)
bedeutung. es gilt
a)
besonders von wein, bier, essich; aber auch dintenkahm Oken 3, 193. vgl. u. kahmen.
b)
bair. kân heiszt auch neblichter rand des dunstkreises, ein neblichter gesichtskreis kânig. Schm. 2, 302, bildliche anwendung des vor., wahrsch. alt; schon im voc. th. 1482 kon, cauma oder miltaw r 1ᵃ, denn cauma ist auch gehei (Schm. 2, 127), d. i. höhrauch, heirauch:
der himmel sagte mir, die welt musz weit und breit
dem weisen, wie die nacht der morgenröthe weichen,
wie kan dem sonneglanz und schiem der mittagszeit.
Opitz 1, 421 (der welt eitelkeit),
nachher wird statt kan tau gesetzt, schiem ist dem kân gleichbedeutend gebraucht, beide für morgendunst, der sich über flur und berg legt wie der kahn über den wein. Dasselbe heiszt östr. kaw morgen- oder abendnebel Castelli 181 (steirisch karwe Frommann 2, 515), es erinnert an kâbig u. 1, i. schwäb. koinebel höherauch ist vielmehr das gehei vorhin. s. auch keim coagulum.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 31, Z. 37.

kahn, m., auch n.

kahn, m. auch n.
scapha, linter, navicula; mhd. kan, stark und schwach, wb. 1, 785ᵇ, fundgr. 1, 378ᵃ, sumerl. 28, 12, pl. kanen Jeroschin 3722; nd. kahn Chytr. 229, nnl. kaan f.; altn. isl. kani m., altschwed. kana f. (jetzt aber nur kleiner schlitten, für éin pferd, ebenso dän. kane). auch franz. cane, wol aus dem nl. (Diez 585), demin. canot, vgl. engl. canoe. Der ursprung ist dunkel; wäre es verwandt mit kanne? schiffe und gefäsze haben oft éinen namen (vgl. 3, s. kar 4). bemerkenswert ist doch auch, dasz es die gleichen laute hat mit nachen, mhd. nache, alts. naco, ags. naca, in umgekehrter stellung, wie bei geiʒ und zige u. a. (vgl. z. b. fahen und capere 3, 1237, wabe und lat. favus); im begriff sind beide ohne unterschied, nur zeigt sich eine landschaftliche vertheilung unter ihnen, wobei kahn mehr den nd. und md. landen zufällt; wenigstens ist z. b. in Meiszen (Leipzig) nachen ein fremd gefühltes wort, vornehm oder dichterisch, vom volke gar nicht gebraucht, kahn aber ganz heimisch (man kahnt sogar, fährt kahn), und ebenso in Thüringen, dem nördl. Franken; am Rhein dagegen kennt man kahn nicht im volke, es sagt achen, d. i. nachen, wie Mone zeitschr. 9, 388 anführt (vgl. z. b. affel, d. i. nd. navel umbilicus Diefenb. 625ᶜ). in Baiern sind nach Schm. 2, 670 beide wörter unüblich, auch Tobler, Stalder, Schmid verzeichnen beide nicht. der Basler druck von Luthers bibel 1523 aber führt khan unter den 'ausländigen' wörtern auf und erklärt es mit weidling, nachen, kleinschiff, s. Fromm. 6, 43. im nd. gebiet wird es für die Wesergegend als volksmäszig bezeugt im brem. wb. 2, 732 (dat is ên kêrl, de kan vor im kân stân, ein handfester kerl), für Ostpreuszen Fromm. 3, 379, vgl. 376. 2, 316, wo es für andere nd. landstriche verneint und bôt, schip angegeben wird. genauere angaben sind wünschenswert, es liegt da offenbar ein alter stammesunterschied vor. Die schwache form gilt noch im 16. jh., kanen Rollenh., kannen pl. beim Fronsperger (das nn nur zur wahrung der vocalkürze); jetzt nur gen. kahns, pl. kähne.
1)
kan, scapha. Diefenb. 516ᶜ, mitteld. 15. jh., fahrzeug kleinster art, ohne mast und verdeck, vorzugsweise auf flüssen und teichen, urspr. vermutlich aus éinem stamm ausgehauen, wie die oberbair. einbäume, s. kahneiche: dasz viel kahne mit den fischern waren untergegangen. Luther tischr. 40ᵃ, fischerkahn;
(die studenten) schwimmen künstlich wie gens und schwanen,
fischen, fahren im schiff und kanen.
Rollenhagen froschm. C 6ᵃ;
gefällt dirs nicht, so setz dich in einen kan,
auf disem wasser will ich dich faren lan.
Uhland volksl. 400.
doch auch von booten, die schiffen beigegeben sind, zum landen: wir kamen aber an eine insulen, die heiszet Clauda, da kundten wir kaumet einen kahn ergreifen. ap. gesch. 27, 16 (in der schweiz. übs. barke); da aber die schiffleute die flucht suchten aus dem schiffe, und den kahn niderlieszen in das meer ... da hieben die kriegsknechte die stricke ab von dem kahn und lieszen in fallen. 27, 30. 32. so auch oberd. 16. jh.: es sollen auch, was der fürnemlichen groszen öbersten potentaten schiff (kriegsschiffe) sein, mit besondern und wol bewarten caun, zill oder nachen versehen (werden) zum auszfahren. Fronsperger kriegsbuch 1578 1, 163ᵃ, 1596 1, 132ᵃ, in beiden ausg. caun, noch überdiesz in der randglosse, dennoch wol druckf. für cann (canen), denn 134ᵃ (1596) folgt: darzu noch weiter (mitzunehmen) ein ziemliche notturft zillen, kannen oder weidling, ausz oder in welchen von eim in das ander (schiff) zu fahren oder kommen ist. Fleming als Meiszner braucht es als n.:
wir traten in das kahn.
203;
itzt sinkt sein kahn zu grund, und Leo findt den haven.
A. Gryphius 1, 36 (1663 1, 30),
offenbar auch ein seefahrzeug; Gryphius hat m. und n.:
von disem sturm der sich umb meinen kahn erreget.
1663 1, 51;
euch beiden hat der tod den schlaftrunk eingeschenket,
du folgst du armer greis, du tritst in jenes kahn (Charons nachen).
epigr. Bresl. 1663 s. 49;
in des todes kahn.
das. 696 (sonn. 2, 10);
doch wer bringt von der klipp den unverletzten kahn?
sonn. 2, 12.
das neutr. scheint schlesisch, auch Eichendorf hat es:
ein kahn wol sah ich ragen,
doch niemand der es lenkt.
ged. 425.
mit ihren kränzen in den haaren
erschienen einst vor Charons kahn
zwo jungfern in den besten jahren,
und wollten eilends überfahren.
Gellert (1784) 1, 230;
doch leicht gezimmert nur ist Thespis wagen
und er ist gleich dem acherontschen kahn,
nur schatten und idole kann er tragen.
Schiller 100ᵃ;
kähne mit schneidendem ruder durchgleiten die schimmernde fläche.
Salis 79;
die welle wieget unsern kahn
im rudertakt hinauf.
Göthe 1, 86;
nun gleitete der kahn ... den flusz hinab.
23, 235. 17, 160;
wie der flusz in breit und länge
so manchen lustigen nachen bewegt,
und, bis zum sinken überladen,
entfernt sich dieser letzte kahn.
12, 53,
nachen und kahn gleich gebraucht, wie in folg.:
und kühn in gottes namen sprang
er in den nächsten fischerkahn ...
doch wehe! der nachen war allzu klein ...
und drei mal zwang er seinen kahn.
Bürger das lied vom braven mann;
dort legt ein fischer den nachen an,
dies elende werkzeug könnte mich retten ...
nähm er mich ein in den rettenden kahn.
Schiller 425ᵇ;
da ist der kahn, und dort der see. versuchts! ...
ists der im nachen, den ihr sucht?
518ᵃ.ᵇ.
zusammens. bei Stieler lustkan, marktkan, postkan, spazierkan.
2)
gröszeres fluszfahrzeug, mit éinem mast, doch ohne deck, so auf der Oberelbe, Weser, Havel, Spree u. s. w., s. Röding wb. der marine 1, 768. daher Oderkahn, Spreekahn, Elbkahn (s. Röding 1, 535). Elbkähne nennt man aber auch die handelsfahrzeuge dort überhaupt, auch mit deck.
3)
In Halle in den salzkothen der grosze trog, in den die sole aus dem brunnen zuerst kommt. Hübners handlungslex., Frisch: die radtretter, die die sahl in (den) groszen trock oder kahn, darein 24 züber gehen, ausstürzen. Mathesius Sar. 125ᵇ (11. pred.), eben aus Halle.
4)
bildl. kahn eines bergs, kahnförmige vertiefung, mulde. bei chirurgen eine kahnförmige binde, scapha, als verband bei kopfwunden. Sanders.
5)
name mehrerer muschelschnecken.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 33, Z. 18.

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j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
kammervogtei
Zitationshilfe
„kahn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kahn>, abgerufen am 26.10.2021.

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