Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kahr

kahr,
gefäsz, s. kar.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 34, Z. 82.

kahr, kahre, f.

kahr, kahre, f.
versura, subst. zu kehren vertere, mitteld. für kehr, kehre (auch nd. heiszt es kêr), schon bei Herbort widerkâre 5252, widercâr Bartsch md. ged. 91, 257; sie sind wie md. praet. kârte für kêrte, lâre lehre; denn dasz es â ist, nicht a, verbürgt schon die form kore u. 4, s. kehren.
1)
das wenden bei allerlei fuhrwerk, auch bei dem schwierigen rückwärtsschieben eines wagens, so in Meiszen, Thüringen: die kahre nehmen, dasz du die (deine) kahre recht nimmst! eine kahr tuhn Stieler 944, er gibt auch noch kar, sp. 138 aber karwende, flexus viae, der begriff doppelt ausgedrückt, doch wol thüring.; bei fuhrleuten die volle kahr, die halbe kahr, ganze, halbe wendung. Adelung. auch henneberg. die kahre recht nehmen. Reinw. 1, 76. dagegen die rechte wendung verfehlen heiszt die kahre verfahren, auch verfehlen, zu kurz, zu lang nehmen (henneb., Fromm. 2, 79): die kahr war verfahren, als man mich in die zügel greifen liesz. Gotter 3, 228. ebenso daher ellipt. es verfahren (vgl. es einlenken 3, 1124), und wie diesz, vielfach bildlich: die kehre auf der lebensbahn verfahren, in ein unpassend geschäft geraten, dadurch zurückkommen, das glück verfehlen, vom heiraten, wenn eins eine gute partie versäumt u. dgl. Sterzing bei Fromm. 2, 79; die henneb. form 'koër' das. meint doch wol kôr, wie kore u. 4; das. aus Ernst Wagner histor. ABC eines vierzigjähr. henneb. fibelschützen (1810): chare, die krümme des weges um eine ecke oder ein hindernis herum ... die chare ist nun (in dieser schlimmen sache) einmal und für immer verfahren.
2)
beim pflügen, die wendung am ende der furche (so sächs.). Stieler 944, Frisch 1, 496ᵇ, vgl. anwand 1, 514. nach Adelung auch 'in einigen oberd.(?) gegenden, bes. in Franken' das pflügen überhaupt, 'bes. diejenige art des pflügens welche in Obersachsen das wenden genannt wird'.
3)
auch zu ross, vom ritter:
sagt zum Rinaldo auch, der seine kahre nahme,
mit nichtes in der faust auch eben auf ihn kame.
Werder Ariost 30, 15, 1,
das geht zugleich in die bed. über: einen neuen anlauf nehmen, anreiten, wie kehr ritt, einzelner waffengang, 'tour'. so erklärt Adelung auch die kahr des fuhrmanns als den 'weg den er im wenden nimmt'.
4)
ersatz, wie kehren, voller widerkehren, auch ersatz leisten, vergüten, erstatten heiszt, bes. in der verbindung kahr und wandel tuhn Stieler: gebürlichen abtrag, kahr und wandel schüldig zu thun. Erfurter concord. N iijᵃ; rede und antwort zu geben, auch kahr und wandel zu thun. Frankf. ref. vii, 10 § 3. mit ô (= â) kore: si calumniator arguitur, sal jenem kore und wandel davor thun. kore, das ist, dasz he spreche, he hab es uf in gedichtet unde mit unworheit geseit unde en wisz solchs nit von im in keiner warheit. wandel, das ist, he sal es im verbuszen na erkentnis des rechtin unde verstendiger lude. Haltaus 1084, hessisch 15. jh.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 35, Z. 1.

kar, m., f.

kar, m. f.
s. karren, karre.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 202, Z. 73.

kar, n.

kar, n.
starkformig, pl. kar, gefäsz, geschirr mancherlei art, ein altes wort, einst durch alle deutschen sprachen verbreitet. goth. kas vas; dann mit umlautung des s ahd. char, pl. cherir Graff 4, 463, alts. kar, altn. ker, ags. cere m.; mhd. kar, dän. schwed. kar, norw. kjer, kjär, isl. ker, wie es scheint auch noch englisch landsch., nach north. carecake pancake Halliw. 232ᵃ, vgl. kerch a kind of pan 491ᵇ. auch im nd. ist es noch nicht ganz verschollen, um Iserlohn heiszt ein messingener kessel æker (æken) d. i. ær-ker, wie bîker (bîken) bienenkorb (Woeste in Kuhns zeitschr. 2, 192. 4, 137), schon alts. bîkar n. bienenkorb, jenem aber ist gleich nl. aker m. kupferner schöpfeimer, putaker brunneneimer. mnl. war car auch fischreuse, 'car vel alecorf (aalkorb) nassa' hor. belg. 7, 6ᵃ, 'caer nassa' 9ᵃ, ebenso mnd. car, nrh. kair Dief. 375ᶜ, altn. ker. nnl. ist kaar f. fischkasten, wie ostfries. fiskkare, âlkare f. Stürenburg 102ᵇ, in verwechselung mit kare f. karre; vielleicht auch in fries. koer korb. aus dem nord. auch lapp. kare vas, wedde kare corbis. vgl. Diefenbach goth. wb. 2, 447. Nach goth. kasja κεραμεύς, töpfer, schiene es ursprünglich oder wesentlich irden gewesen zu sein, das hd. und nord. wort aber erleidet diese beschränkung nicht, schon ahd. lîhchar sarg weist auf holz (gramm. 3, 456), vgl. kar schiff unter 4, und die bed. fischreuse vorhin deutet selbst auf die wie es scheint älteste art ein gefäsz herzustellen, das flechten.
1)
vorzüglich schüssel, kar catinum, magna scutella. voc. inc. teut. m 7ᵇ, kaar, napf, catinus, catillus, alveus, alveolus Dasypodius 360ᵇ, kar catinus, tiefe schüssel. Alberus, karr catinus Maaler 240ᵈ (der masc. angibt, wol aus versehen, denn es steht zusammengeworfen mit karr, carrus). in Neidharts gefräsz (MSH. 3, 310):
darnach gib uns volle kar (pl.),
scharpfe sulz mit ochsenfüszen.
Hätzl. 71ᵇ;
wirt, hast nicht ein volles kar ...
sulz von ochsenfüszen.
Fischart Garg. 96ᵇ (169), vgl. u. kappe m. sp. 188,
'sulzkar catinum' Mones anz. 7, 592; er zerschneid das brot zu stücken in dʒ hülzin kare. Aimon Z; bracht die bawrin ein grosz kar mit guter süszer milch. Wickram rollw. 76ᵇ;
die muͦter kam und satzt in dar
von milch ein grausam groszes kar.
ders., bilger 38;
sie sollte ihm und ihr ein groszes kaar oder schüssel voll machen. Spangenberg lustg. 407, vgl. bair. milchkar (hölzern oder irden), molkenkar Eulensp. cap. 7; daumensdickwüste hölzene kar, was resonanz geben die. Garg. 46ᵇ (73), als tischgeschirr; das viert (kind des garküchners) mit hunden und katzen ausz den schüsseln friszt und alle kar mit dem spiegeligen ermel auszspilet. 47ᵃ, das. auch suppenkar; zerreibe die erdbeern mit einem hülzernen löffel in einem hölzernen kar oder schüssel. Tabernaem. (Basel) 348; zertreib sie mit einem hölzenen löffel wol in einem hölzenen kar oder schüssel, bisz sie wie ein brei werden. das. (Frkf. 1588) 432; ein kahr mit gerunnener milch. Philander 2, 64. noch bei Schottel 1341 kaar f. grosze schüssel, Rädlein kahr, eine grosze suppenschüssel, in die nhd. schriftsprache hat es keine aufnahme gefunden. die südl. mundarten führen es aber fort: bair. kar, dem. kärlein in vielfachem gebrauch (s. 2), östr. z. b. bachkârl n. backschüssel Höfer 2, 113. schwäb. ein irdenes, oben und unten gleich weites küchengefäsz Schmid 304. elsäss. eine tiefe, irdene schüssel, vgl. karspüle. Eine eigenthümliche bildung zeigt die Kärntner mundart, karge f. kleines gefäsz aus baumrinde, beeren darein zu pflücken.
2)
geschirr zu mancherlei andern zwecken. vom kelche: ain silberin vergülter kelch mit der patenne mit ainem kupferin fusz, ist kar und paten auf xiij lot geschetzt. Ulmer acten von 1525 bei Schmid 305. trog, kübel, so tirol., schweiz., ankenstampfikahr butterfasz Stalder 2, 87. östr. heiszt kar der kelterkasten. Popowitsch 232. mhd. auch vom sautrog, kuofkar kufe (so dän. kar) Haupt 6, 422. unflotkar Keisersberg bilg. 78ᶜ, muskar Garg. 157ᵇ, kübel. in der mühle der kasten über den mühlsteinen: (die mühlsteine zerknirschen die körner) nachdem sie oben in das kahr oder trichter eingeschüttet worden. Hohberg 3, 67ᵃ. das trichterförmige gefäsz zum füllen der weinfässer tir. tiefkâr Schöpf 302, kärnt. steir. gieszkêr Lexer 157. der bienenkorb hat seinen namen davon, s. 1, 1819, noch jetzt bair. tir. beikar n.; das. auch traidkar getreidekiste, fischkar fischkasten, brunnkar brunnenkasten (auch 'brunnkorb'). Schm. 2, 321, ebenso östr. Höfer 2, 113; wie man schon im 15. jh. kar und korb nicht recht zu trennen wuszte, zeigt z. b. der vocab. incip. teut., indem er kar und korb hintereinander stellt, zwischendurch karb schreibend, und ein voc. 15. jh. gibt geradezu 'catinus korp' Diefenb. 107ᵇ. mhd. lîhkar, sarg, bahre, liehtkar lampe u. a. m., selbst nâdelkar nadelbüchse Wack. leseb. (1859) 958, 17. auch rhein. nach Kehrein 216 noch bienenkar, leichkar (frankf. leichkorb), meisekar meisenkasten, dem. kärche, und merkwürdig kar n. spinnrad. s. auch käsekar, kärlein.
3)
wie andere gefäsze, auch als masz, bair. für getraide, im 15. jh. noch bis vor kurzem, s. Schm. 2, 321; schweiz. für milch, s. Stalder 2, 87.
4)
der vocab. inc. teut. ante lat. allein gibt an m 7ᵇ (spätere ausg. k 8ᵇ) 'kar cimba, est quaedam navis ampla et haut profunda, vel farm', d. i. fluszfähre. die fähre mit ihrem flachen boden und niedrigem schrägen rande ist einer groszen schüssel zu ähnlich, als dasz die einheit dieses kar mit dem ersten zweifelhaft sein könnte; ebenso sind franz. vaisseau, engl. vessel, it. vascello schiff von vascellum gefäsz entnommen, griech. σκάφη ist sowol trog, wanne wie kahn, schiff, γαυλός krug, γαῦλος schiff, ebenso lat. linter, bei uns selbst asch (1, 578), auch fasz selbst (3, 1360, Mones zeitschr. 9, 29, vgl. 32), altn. nôr m. schiff (navis) und nôi m. kleines gefäsz, vgl. schiff : schaff und kahn : kanne. Sollte es in dem sonst vereinzelten ahd. karrada, karroda enthalten sein? vernawn vel karrodin, calones, naves quae ligna portant. Graff 2, 1109. 4, 466 (vernawn von varan und nawâ naue, navis). auch ditmarsisch bedeutet kâr schiff (Groth Quikborn), nach Müllenhoff zwar von kâr karre entnommen (vgl. ähnliches u. kahn), aber vielleicht ist das verhältnis doch wie hier. S. Brant im narrenschiff hat wol unser kar:
vil stant in kirchen und im chor,
die schwetzen, roten durch das jor,
wie sie zuͦrichten schiff und karr
das man gon Narragonien far.
91, 3,
karr als pl. setzt ein neutr. voraus, das rr wie bei Maaler u. 1,
doch werden sie (die narren) die leng nit faren,
in würt bald brechen schiff und karren.
103, 56,
diesz brechen scheint gebrechen, abgehen, dann ist karren gen. pl.; entscheidend ist dasz Brant den karren davon in der schrift trennt, er schreibt ihn karrh, pl. karrhen, an karch (s. d.) und, wunderlich genug, an das griech. ῤῥ denkend:
schlitt, karrhen, stoszbären, rollwagen.
vorr. 17;
und ziehen vast ein schweren karrhen.
47, 2 überschr.;
hie muͦsz er burd des karrhen tragen.
47, 9;
so duͦt man faren mit den karrhen.
95, 22.
vgl. auch karrenmann vom Charon.
5)
kar, stockwerk, schwäb. Schmid 305: was aber newer pewe (bauten) hie zuͦ Ulme beschehent, da mag man ain jedes haws machen dreier gadmer oder kar hoch, die rechte karhœhin haben und beheben (einhalten) ungevarlich, und darauf das tachwerke setzen, und an denselben dreien karen mag man an iegklichs ainen auszschütze allein under augen (im gesicht, in der front) gen den gassen und sunst niendert machen. Ulmer bauordnung von 1427 in Mones anz. 4, 371, vgl. Jägers Ulm 438, die stockwerke als über einander gesetzte kasten gedacht, vom holzbau entsprungen. Aber auch die verschiednen räume des hauses heiszen kar in Schwaben (stall, pferdestall, schopf), man nennt ein haus danach drei, vier, fünfkarig oder kärig. kasten selbst bezeichnet auch kleine gebäude und gebäudetheile und scheint seinerseits mit kar verwandt, und auch gadem ist stockwerk, hütte und kiste.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 202, Z. 74.

kar, kärlein, n.n.

kar, kärlein, n.n.,
in den bair. alpen, thalähnliche, zur weide benutzbare vertiefung im felsgebirge. Schm. 2, 321. ebenso tirol. kâr, kôr (auch 'nächster platz um die almhütte'), aber auch bergscheitel Schöpf 302. oberöstr. (im Traunkreise) kar m. ein kessel vom gebirge gebildet mit nur einem zugange, dem. karl n. A. Schosser naturbilder 54. 56. 142, Kolmkar eine gebirgsschlucht beim Almsee 143; in den kärnt. alpen gewisse weideplätze, auch jagdrevier, s. Lexer 154. auch kessel gilt aus älterer zeit schon von ähnlichen bodenvertiefungen (s. kessel 2), so dasz eine anwendung des vorigen kar ganz denkbar wäre; aber das alpenwort, das auch in vielen namen von bergen, gletschern und bergtheilen daselbst auftritt, wie Karwendel, Gamskârkogel, Kârwant, Tischlkâr, Eiskâr, greift weiter in die vorzeit. In den Schweizer alpen ist kar oder karre f. verschiedentlich kahler fels, oder groszes felsstück in einem brachboden, oder eine strecke voll klippen mit etwas grün dazwischen, s. Stalder 2, 87; davon karrenfeld, karrenfläche Rochholz Schweizersagen 1, 358. Schmeller erinnert an ags. car, carr fels, und schott. corrie (demin.), feuchte vertiefung zwischen höhen, mit guter weide, also dem bair. demin. ganz entsprechend. Stalder bringt auszer semitischen, asiatischen ähnlichkeiten kelt. und nord. wörter zur vergleichung; kelt. ist car fels, gewöhnlich carreg, carraig, crag u. a. (vgl. Diez 603 zu dem provenz. crau), gael. ir. càrn steinhaufe als leichenhügel, denkmal, càrnanaich hochländer, gebirgsbewohner, u. a.; schott. cairn steinhaufe, kairs pl. felsen mit öffnung hindurch, nordengl. carrock steinhaufe als grenzmark. aber engl. dial. car ist, dem bair. kar näher tretend, niederung, marschgrund, auch erlengrund u. ä. Halliwell 231ᵇ, und das ist wol auch in der Karrharde an der westküste Schleswigs (mit einem orte Karlum) enthalten, vgl. den namen Karmarsch. schott. ist kair sumpf, ebenso isl. ker, dän. kär, kjär, norw. kjerr, schw. kärr. merkwürdig noch schwäb. kareisig steinig, felsig, kareisiger boden Schmid 305. bei Rietz 310ᵇ schw. kart m. stein, und steinhaufe als ackergrenzzeichen. vgl. auch nord. skär, sker fels. das grelle auseinandergehen der bedeutungen in fels und niederung, stein und sumpf widerspricht nicht notwendig der urspr. einheit des offenbar uralten europ. wortes, es ist z. b. ähnlich bei kamm, feld sp. 106, vgl. kamp 135.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 204, Z. 53.

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Zitationshilfe
„kahr“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kahr>, abgerufen am 26.10.2021.

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