Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kalb, n.

kalb, n.
vitulus, pl. kälber; ahd. chalp, pl. chalpir, mhd. kalp, pl. kelber; ags. cealf, engl. calf, schott. cauf; alts. calf, nl. nd. kalf, kalves, alle n.; masc. dagegen altn. kâlfr, schwed. kalf, dän. kalv. goth. nur kalbô δάμαλις erhalten, kalbe. nahverwandt scheinen, freilich mit unverschobnem anlaut, ir. colpa kuh, colpach junges rind, vielleicht litt. kárwẽ, altsl. krava kuh, s. Grimm g. d. spr. 33. 40. 327, dazu Diefenbach g. wb. 2, 436. 437 (er sucht verwandtschaft mit kolbe). einen feinen und kühnen erklärungsversuch s. in Wackernagels wb. entlehnt lapp. kalbe, finn. kalpe. eigen skr. kalabha elephantenkalb.
1)
kalb vom rind, das männliche heiszt genauer ochsenkalb, bullenkalb, das weibliche kuhkalb, fersenkalb, motschenkalb: er aber (Abraham) lief zu den rindern und holet ein zart gut kalb und gabs dem knaben, der eilet und bereitets zu. 1 Mos. 18, 7; das weib aber hatte da heim ein gemestet kalb, da eilet sie und schlachtets. 28, 24; und lecket wie die geilen kelber. Jer. 50, 11; sol ich mit brandopfern und jerigen kelbern in versünen? Micha 6, 6; Ephraim ist ein kalb gewenet, das er gern drisschet. Hosea 10, 11. da ist der genaue begriff des kalbs, als noch nicht jährig, nicht eingehalten, es ist wie juvencus (auch in vocabb. 15. jh. juvenca kalb, jung kalb, auch kalbes verse, neben ferse Diefenb. 313ᵇ), vgl. kalbe. ganz deutlich in der stelle, die ein vielgebrauchtes sprichwort hervorgerufen hat: er sprach zu inen (Simson zu den Philistern), wenn ir nicht hettet mit meinem kalb gepflüget, ir hettet mein retzel nicht troffen. richt. 14, 18, auch die vulg. in vitula mea; mit anderer leute kalbe pflügen. Riemer pol. maulaffe vorr. vijᵇ; dasz sie in fertigung ihrer lectiones mit einem fremden kalbe gepflüget. Leipz. avantur. 1, 67; nun beliebt es ihm (dem verf., Joh. v. Montevilla) nicht nur mit fremdem kalbe zu pflügen, sondern auch alte und neue fabeln einzuschalten. Göthe 6, 190. engl. to plough with another man's heifer. Sprichwörtlich ward auch das goldne kalb 2 Mos. 32, 4: und (Aaron) machte ein gegossen kalb, und sie sprachen, das sind deine götter Israel, die dich aus Egyptenlande gefüret haben. danach das goldne kalb anbeten, von unwürdigen dingen, die die menge zu ihrem götzen erhebt, u. a.:
vor geld fallen Baalsbrüder
wie vor dem goldnen kalbe nieder.
Simrock sprichw. 674;
nimm hack und spaten, grabe selber,
die bauernarbeit macht dich grosz,
und eine heerde goldner kälber (schätze)
sie reiszen sich vom boden los.
Göthe 41, 21.
daher götterkalb, götzenbild:
nenn uns doch eine nur, die dir im schosze sitzet
und sich, o held, aus dir ein götterkalb geschnitzet.
Christ. Mariane v. Ziegler verm. schr. (Gött. 1729) 270,
dich als idol anbetet, in dich verliebt ist.
2)
aus dem leben dagegen stammt eine anzahl anderer redensarten und wendungen.
a)
besonders oft kalb und kuh zusammen:
und betörft ich dein so nicht,
ich zerschlüg dir kalb und kuo
und deinen ruggen auch dar zuo.
ring 9ᵈ, 32.
sprichwörter bei Simrock s. 248: das kalb folgt der kuh; das kalb lernt von der kuh (Garg. 206ᵇ), dagegen das kalb lehrt die kuh kalben 12349ᵃ, wie das ei ist klüger als die henne; ein zwanzigjährig kalb gibt keine geschickte kuh mehr 12350 (Tobler 92ᵇ was zwenzg johr e chälbli ist, get ke chue meh), wer zwanzig jahr ein narr ist, wird nicht mehr gescheid; wer ein kalb stiehlt, stiehlt eine kuh; eins folgt aus dem andern wie das kalb aus der kuh; er sollte wol der kuh das kalb abfragen, 'er frägt nach allen kleinigkeiten' Strodtmann 98; der apfel felt nicht weit vom baum und das kalb gereth gewönigklich nach der kue. Mathes. Sar. 9ᵃ;
das kalb musz entgelten der ku.
Uhland volksl. 360,
der sohn unschuldig für den vater mit büszen;
damit man reizt gotts rach herzu,
zu strafen das kalb mit der kuh.
Fischart, kinderz.;
do sasz die kuhe bei dem kalbe.
Soltau 161;
er hat das kälblein mit der kuh,
noch (dennoch) ist er des gewins nicht froh.
Adrian mitth. 374;
'das kelblein musz folgen der khu,
wir wollen die statt nicht aufgeben'.
Soltau 2, 279,
Neusz musz dem truchsesz Gebhard treu bleiben;
vergeszt des kalbs, sonst kosts die kuh.
Weller lieder des 30j. kr. 7;
sag an, sechskreuzer, wo bist du,
geht dir das kalb auch (trächtig) mit der kuh?
149;
es wer die bessere kunste,
wir theten bald darzue,
ehs kalb gieng mit der kueh.
Mones anz. 8, 192,
in beiden letzten stellen (aus der verkehrten welt) von dem unerwarteten entstehn eines gröszern unglücks aus einem kleinen. 'die kuh mit dem kalbe bekommen, im gemeinen leben, eine schwangere person heirathen' Adelung:
und so die hochzeit ist gethan,
hebt sich erst ein handel an ...
er (der mann) hat das kälblein mit der kuh.
flieg. bl. Augsb. 1600, Adrian mitth. 374,
das lied klagt über die verderbnis der weiblichen jugend. in einem östr. volksliede möchte ein bua gern ein deandl und liegt seiner mutter drum an:
und main muada sagt 'bua,
geh, schau dr um a kua:
aba nuar mit koan kalm,
sunst dearfst nimr af d'alm.
Tschischka 194
vor euren praktiken und bösen kniffen
ist das geld nicht geborgen in der truh,
das kalb nicht sicher in der kuh.
Schiller 325ᵃ.
b)
andere sprichwörter bei Simrock z. b.: wenns kalb gestohlen ist, bessert der bauer den stall; fremde kälber lecken auch einander; reicher leute töchter und armer leute kälber kommen bald an mann. 10346; ein schmeichelndes kalb saugt zwei mütter aus. 9113; zuvor ein kalb, jetzt ein ochs; bei Stieler 917 es ist kein ochs, er sei denn ein kalb gewesen, aus kindern werden leute;
aus kelbern werdent stärkeu rinder.
ring 20ᵇ, 42.
von dummen blicken: er verkehrt die augen wie ein abgestochen kalb Stieler, augen haben als ein gestochenes kalb Frisch; warumb der pfaff alsdan (wenn er bei der messe auf die knie fällt) so jämerlich und barmherzig anfangt auszusehen wie ein gestochen kalb. Fischart bien. (1588) 174ᵃ.
c)
bes. gebräuchlich das kalb ins auge schlagen, mit heftigem schmerz einen verletzen Frisch:
wer hat das kalb ins aug geschlagen?
H. Sachs 3, 3, 19ᵇ;
im j. 1629 erschien eine polit. streitschrift 'wer hat das kalb ins aug geschlagen, das ist, ob die Augsburgischen confessionsverwande prediger, oder die Jesuiten den religionsfriden umbstürzen', also 'wer ist der erste beleidiger', der störenfried; soltest du dich nun auch unterstehen, diesen wie die vorige (freier) zuverhindern, so wirst du das kalb ins auge schlagen, und der Grethen vormünder würden den possen merken. Simplic. 2, 253;
wer sinnt ein lustspiel aus das keinen ärgern soll?
wo darf wol ein satyr das kalb ins auge schlagen?
Gottsched vernünft. tadl. 1, 214,
ein satiriker die bittere wahrheit den leuten ins gesicht sagen; nicht blosz aus besorglichkeit, das kalb, wie man sagt, zu sehr in die augen zu schlagen. Lessing 10, 194. wol von besonders ungebärdigem thun des kalbs in diesem falle.
d)
das kalb ist sprichwörtlich wegen seines ausgelassenen und doch unbehilflichen springens auch in der freude. von einem menschen, der noch grün ist, in dem kindischer übermut noch zu stark wirkt, besonders in plumper weise, sagt man: er ist noch ein kalb, ein rechtes kalb; ein geil kalb, luxurians Stieler, besonders auch von jungen losen mädchen; vgl. kalbfleisch, kälberfutter, kälberhäute:
die vasnacht macht manig toret kalb.
fastn. sp. 381, 14;
(si) geilent wie die jungen kelber.
Murner narrenbeschw. d iiij;
lacht, greint und singt ein wenig leis,
ir kelber, tortschen und maulaffen!
habt ir dann nutzers nit zu schaffen,
so laszt das geschrei auch unter wegen.
fastn. sp. 539, 18;
er ist sein tag von seinem haus
so weit nie als jetzt gflogen aus,
ist ein jungs unbesunnens kalb
und hat fürwar sein witz nit halb.
Ayrer fastn. 1ᵇ.
besonders von wildem tanze: die kleider aus und darauf getanzt! hei das sind schöne weinkälber, ja weinkälber (also liedbruchstück). Garg. 99ᵇ (175 Sch.). Daher die beliebte redensart das kalb (kälbchen) austreiben, sich austoben, entweder sich selbst wie ein kalb auf die weide treiben, oder besser das kalb als narr oder teufel im menschen steckend gedacht, denn man sagt auch 'das kalb steckt noch in ihm, er ist das kalb noch nicht los':
sie hatten das kalb redlich ausgetrieben,
dasz ihr ist keiner nüchtern blieben.
grob. 107ᵃ bei Frisch.
daher kalb unter zechbrüdern als anrede:
disz gleslein weins das gilt dir halb,
trinks gar aus, du mein liebes kalb.
Uhland 591.
vgl. 4 und kälbern, auch kalbsfusz.
e)
es gilt sprichwörtlich als dumm (vgl. gesch. d. d. spr. 550):
der sinne ein kalp, der zuht ein rint.
Konr. v. Haslau, Haupt 8, 555.
als schimpfwort du kalb! dummes kalb! besonders mit der seltsamen bestimmung kalb Mosis (Moses, Mosi), in mehreren landschaften gebraucht, z. b. thüring., götting. Schamb. 96ᵃ, schweiz. Tobler 92ᵇ. 93ᵃ, in Posen Bernd 109, in Littauen ein verwöhntes kind das.; gemeint ist doch wol vielmehr das goldne kalb Aarons, 'Arons kälber' unter scheltnamen der mönche Garg. 245ᵃ (461 Sch.): Cardanus schreibet, die Teutschen seien darumb solche ochsen und kälber, weil sie vil milch essen. Garg. 46ᵃ (71); das es ein falscher brief und so tölpisch und plump nachgemacht sei, das es ein einäugig kalb merken solt. bienenk. 138ᵇ (1588 151ᵃ); was bedarfs das ichs mit besondern exempeln erweise, da es doch ein einäugig kalb leichtlich sehen kan? (1588) 247ᵃ. auch engl. calf, 'kalb Mosis' Flügel. osnabr. gilt kalv Moses im vorigen sinn, junger unbeständiger mensch.
3)
aber auch von andern thieren. kälber heiszen die jungen des rotwildbrets, bis sie ein jahr alt sind, schon ahd. hintchalp hirschkalb, rêchchalp, vgl. 'hirschkuh': kalb von dem rotwild als reher oder hinden fallende. Nürnb. poliz. 313, 14. jh.;
ein junges kalb von einem hirsch.
J. Spreng Ilias 158ᵇ.
vgl. hirschkalb, wildkalb, rehkalb; auszerdem elephantenkalb, auch meerkalb, seekalb, besondere thiere; s. auch bürgkalb junges vom schwein, und kilber. das marienkäferchen heiszt auch sonnenkalb (ein name Sternenkalb bei Hagedorn 2, 107), gotteskalb u. ä., mondkalb aber ist eine misgeburt, wie unechte kinder aberkalb, afterkalb, eberkalb, s. myth. 1111.
4)
ein kalb anbinden, auch machen, 'ein kalb oder kälbchen machen wollen' Rädlein 530ᵃ, nnl. een kalf maken heiszt vomere, s. kälbern 3; nach Frisch vom klang, dem blöken des kalbs ähnlich: es möcht ihm so sehr grawen und unwillen (ekeln), das er ein kalb legte oder den fuchs streifte u. s. w. Fischart bien. 1588 224ᵃ (6, 1), auch nl. bei Marnix 215ᵇ dat hy een calf soude leggen;
da soff man nun mit ganzen pässen
auf aller huren wolsein los,
da gab sich der, so viel gegessen,
mit stark und fetten kälbern blosz.
Günther 165, von studenten;
was ist der wein? ein nasser stern, durch dessen einflusz wir verstehn,
dasz menschen wieder die natur mit kälbern können schwanger gehn.
Dan. Stoppe.
5)
ein spiel:
da gieng das scherzen an ...
dʒ kalb ward auszgetheilt, des schuchs, der blinden kuh,
des richters ward gespielt.
Fleming 168.
6)
eigen kalb im holz, pulpa, 'das sich ringsweis darvon spalten laszt, wie auch in einem stotzen fleisch etlich mauwen und riemen mit einem dünnen hütle (häutchen) unterscheiden sind, die sich on verletzung der jaren gern von dem anderen fleisch hauwen oder schellen (schälen) lassend'. Frisius 1092ᵃ. Maaler 240ᵇ, daher Henisch 479, 9 (auch brät, vgl. 2, 309), Denzler u. a.; pulpa, das kalb im holz, das sich ringweis spalten laszt, belg. de muys (maus) vant hout. Junius nomencl. 110ᵇ. aber auch nl. kalf van het hout, muys, pulpa Kilian, norw. schwed. kalv Rietz 304ᵇ. Das brät bei Henisch bedeutet aber auch festes fleisch, 'mauwe' (s. fleischmaue, vgl. Diefenb. 472ᵇ), wie man vom fleische des baumes spricht, lat. pulpa von fleisch und holz, und da wird denn bedeutsam altn. kâlfi m. wade (kâlfr kalb), der fleischige theil am beine, norw. schwed. kalv (bejnkalv) Rietz 305ᵃ, auch engl. calf, und ir. calpa, colpa (letzteres auch kuh); norw. heiszt auch das feste fleisch am oberarm kalvekjöt, kalbfleisch Aasen 629ᵃ. hierher vielleicht auch das unklare altn. kâlfa f. Egilsson 454ᵇ. dän. ist kall, kalle, kalve wade, kal fleisch, mark im holze (auch norw. kal Aasen 205ᵃ), wie auch schwed. kalf, kalv kalb dial. als kall, kal erscheint; merkw. bei Binnaert (dict. teutonico-lat. Amsterd. 1702) als holl. cal nucleus pomi, piri. wäre das kalb nach dem besonders weichen, eszbaren fleische benannt?
7)
im schiffe heiszt kalb, nl. kalf ein querholz an der lavette der geschütze. Röding 2, 344; kalben, nl. kalven kleine stücke holz, womit die inhölzer ergänzt werden. 1, 773. nl. kalf auch querbalken über der thür, an der druckerpresse. vgl. kalle dünner balken, das nach den formen kal, kalle unter 6 leicht dasselbe sein könnte.
8)
sarcina, ein compact oder kalb. Trochus prompt. Lpz. 1517 R 1ᵃ ? in den Nürnb. polizeiordn. d. 15. jh. veszlein die man kelber nennet, zum weinholen. 245. 256.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 50, Z. 63.

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Zitationshilfe
„kalb“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kalb>, abgerufen am 27.10.2021.

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