Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kaldaunen

kaldaunen, pl.
eingeweide, haupts. der thiere, ein md. und nd. wort (pingue omasum Hor. sat. 2, 5, 40 übersetzt Voss feiste kaldaunen, Wieland oberd. fette kutteln, wobei doch eigner weise im adject. von beiden die gegentheilige mundart angewendet ist); von wbb. zuerst bei Henisch 580 caldaunen, 'kuttelfleck' von wampen, frusta carnis concisae ex ventre bovis. in vocabb. d. 15. jh. bei Diefenb. stripa caldune, koldun 556ᶜ mittelrh., purlupa caldune 474ᵃ nd., omasius kaldune 395ᶜ. mnd. auch kolûne, fem, im Redentiner spiel:
wen ik de worste maken scholde (klagt sich ein fleischer an),
dâr dede ik in allent wat ik wolde,
kolûnen, lunghen unde met.
Mone schausp. d. m. 2, 89;
mit hêter kolûnen schole gy (die teufel) ene beslân (zur strafe),
wente he plach mit worsten umme to gân.
90.
so im brem. wb., kalûnen und klûnen 2, 812, an der Niederelbe klûnen, dim. klüneken Schütze 2, 289. 290 (auch kaldûn). auch md. kalaunen, wie in Sachsen; schles. dim. kalunken. in Posen, Ostpreuszen, Pommern, im Götting. aber kaldûnen. eine dritte form kaldauen in Beckers noth- u. hülfsbüchlein 162, eine vierte calden bei Frisch 1, 162ᵇ aus Coler hausb. 3, 97 (sächs.): ein welsch gekrüse wie calden zu machen; im buch v. g. speise s. 9 ist ein gericht kaldiment, von schweinsdärmen.
1)
von thieren, haupts. vom schlachtvieh, die gedärme, als gericht (thür. sülze f. genannt, oberd. kutteln), kaldaunen Stieler 348. 733. Steinb. 1, 822: die kleinot, als inster, kaldaunen, kalbsköpfe u. s. w. Leipz. stadtordn. 1544 G 1ᵃ;
wer kammerjungfern freit und gern kaldaunen iszt,
der frage nicht nachher was drin gewesen ist.
Simrock spr. 5393;
ein rundes weib, das oft kapaunen
dir auftischt, nicht zu oft kaldaunen.
Voss (1825) 4, 122.
sächs. auch 'pîpen (pîpchen) und flecke'. holst. kaldûn, klûn ist auch ein mehl- und milchbrei. Schütze 2, 289. 290.
2)
von menschen jetzt nur als derbes volkswort: wann ihm die bosheit so geschwind in die caldaunen fährt. Chr. Weise erzn. 294; gieb eine tonne goldes ranzion, oder ich haue dich dasz dir die caldaunen am sattelknopf hängen bleiben. 196; dieses messer in die kaldaunen stoszen. Felsenb. 1, 115; die herren von der gilde kniffen die xenien noch in ('n) akademischen kaldaunen. Zelter an Göthe 5, 444. nordd. noch als fem., meklenb.: sich die kaldaun voll schlagen, voll fressen; éin hemd auf dem zaun und eins auf der kaldaun, von groszer armut. Einstmals aber auch im edelsten sinne, eingeweide: keiser Frederichs caldunen worden graven to Antiochien unde de lichname to Surs. Leibnitz script. brunsv. 3, 272. es scheint also eins der im werte herabgekommenen wörter und die heutige einschränkung auf die därme nur der letzte, tiefste ausläufer (vgl. nachher kelt. kaloun f. herz). Das wort ist auch nordisch, dän. kaldun, kallun, schwed. kalun, dial. auch kaläun kaldaunengericht, 'slarfsylta' (das thür. sülze vorhin) Rietz 304ᵃ; und slav., böhm. kaldoun, kaltoun m. (auch gänseklein, netzhaut, und dickbauch, vielfrasz), wend. kalduna f., poln. kałdun, kałdon m., aber nicht russ., südslav., es ist hier wie dort von uns entlehnt; dass. scheint böhm. koltoun, poln. kołtun m. (auch russ.) weichselzopf, nach der verschlingung der därme? aber auch kelt. ist es vorhanden, gael. caolán darm, pl. caoláin gedärme des schlachtviehs, welsch coludd eingeweide, kaldaunen, coluddyn darm, bret. aber kaloun f. herz, welsch calon, das edelste stück der eingeweide. wäre das wort also ein rest keltischer cultur in Deutschland? dann wäre bei dem häufigen urwechsel von r und l sogar an eine urspr. einheit mit καρδία, herz zu denken. auszer im anlaut stimmt auch merkwürdig gr. χολάδες gedärme.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 61, Z. 21.

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Zitationshilfe
„kaldaunen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kaldaunen>, abgerufen am 28.10.2021.

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