Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kalle

kalle?
wo böse sümpfe und spring (quellen, in der niederung, dem moor) wären, da sollen zu Wersch durch die weege buck oder kallen gelegt, oder wo es von nöthen, brücken gemacht werden. Jülchische policeiordn. bei Frisch 1, 497ᵃ. buck scheint was 2, 495 bug 3, wol gleich bock; kallen gibt Hupel 104 aus Livland als 'dünne balken'; vgl. allenfalls kal, und kalb 7 sp. 53. Ein andres nrh. kalle f. ist dachtraufe (Müller und Weitz Aach. mundart 99), schon in der Cölner gemma 1507 kall stillicidium Dief. 552ᶜ, wol aus kanele, kanle (s. känel) entstanden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 68, Z. 51.

kallen

kallen,
gerinnen: welche von dem feuwer schmilzt und von der kälte widerumb kallet als unschlit. Forer fischb. 100ᵇ, scheint nur schweiz., Frisius 282ᵃ erklärt concresco 'geston oder überschieszen (mit einer haut überlaufen) wie ein wasser so es gfrürt, kallen'; bei Maaler gekallet bluͦt 164ᶜ, kallen concrescere, ze kallen machen congelare, kallet concretus, kallung concretio 240ᵃ; bei Denzler kallen gefrieren ('frigore consistere'), und so allgemein 'de rebus fluidis' noch im Haslithal Fromm. 3, 293ᵇ. sonst nur noch von blut und fettigen sachen, kallen, bekallen, auch adj. kall, kal, kalig (suppe z. b. auf der das fett geronnen ist), s. Tobler 92ᵇ. 94ᵃ. Stalder 2, 82. Es ist da die frage, ob das als alteinheimisch zu altn. kala frigere, einem reste des stammworts von kühl, kalt zu stellen ist, oder als entlehnt zu franz. cailler gerinnen machen, se cailler gerinnen (von blut, milch, fett), das aus lat. coagulare entstand, it. quagliare (auch altengl. quail); so ward coagulum deutsch in mnd. quagel käselab hor. belg. 7, 32ᵃ, Diefenb. 128ᶜ. wahrscheinlicher ist wol das letztere, zumal die angaben über kallen als 'gefrieren' unsicher sind. Freilich kommt noch mehr in frage, ein ostfries. kêl geronnene milch, kêlen gerinnen von milch Stürenb. 105ᵃ; ditm. keller dicke milch Neocorus 1, 138, kellern gerinnen Schütze 2, 246 (märk. käddern Dann. 93ᵇ), nach Adelung nd. weiter verbreitet bes. für sauer gewordene milch. Merkwürdig auch was Schottel 1342 angibt, kallen hart zusammen wachsen (vgl. brem. wb. 2, 722), und Höfer 2, 106 als östr. einen kall bekommen, eine schwiele; das scheint nicht einwirkung von lat. callus, callere aufs gedächtnis, denn schon eine nd. gl. d. 15. jh. gibt cal callum Dief. 91ᵃ, eine andre 'tumescit, et kellet' Mone quellen 1, 296, vgl. das. 'tumor swile' (Ettm. 380 setzt ein ags. cëllan tumescere an). das ist wol von jenem kallen nicht zu trennen, hautbildung der begriff bei beiden, aber schwerlich aus cailler zu begreifen. gael. heiszt cala, caladh hart, calunn schwiele, callus.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 68, Z. 60.

kallen

kallen,
schreien, laut oder viel reden u. ä., ein der schriftsprache verlorenes wort; ahd. challôn 'exsultare, garrire, convitiari, effari', mhd. kallen (auch laut singen, von vögeln); mnl. callen plaudern, laut reden (z. b. altd. bl. 1, 211), nnl. kallen (bei Kil. loqui, sermocinari, confabulari); altfries. kella nennen, ags. ceallian schreien, noch engl. call rufen, nennen; altn. kalla wie ags. engl. (kallari herold), auch reden, sagen, norw. schwed. kalla rufen, berufen (kall beruf, dän. kald) nennen. dän. kalde. bei uns nur noch mundartlich (s. am ende), aber nicht md. und nd. Der zusammenstellung mit gr. καλέω rufe, lat. calare, gael. callan geschrei, geschwätz, litt. kalba rede, gerede widerstrebt die mangelnde lautverschiebung, man müszte denn schallen und schellen herzu ziehen und abfall eines S annehmen dürfen. anklingend ist auch galm, gellen, und wenn das l urspr. r wäre, kerren. Kallen ist noch im 15. 16. jh. ziemlich häufig, haupts. in der bed. laut oder viel reden u. ä., von plaudernden menschen, oder von übermütigen, eifernden, spottenden, auch von verläumdern, nachrednern (vgl.kallhart); daneben für schreien und für reden überhaupt, aber nicht trans. Im Alsfelder passionsspiel fordert der proclamator die zuhörer beim beginn auf:
ir lieben menschen alle,
swîget nû und lât ûwer kallen.
Haupt 3, 483, vgl.
nu schweigt und redt leis!
fastn. sp. 621, 3;
nun bewar dich got, mein höchstes hail,
ich besorg der claffer kallen (plaudern).
Hätzl. 22ᵇ.
ein schöffe, der in einem fastnachtsgericht recht sprechen soll, beginnt:
seit ain mal das ich aich sol kallen.
fastn. sp. 612, 2,
komisch derb für (recht) sprechen;
ich will singen und kallen.
436, 26;
dann es stat nit in unserm gwalt,
was yeder narr red, klaff oder kalt.
Brant narr. 41, 30;
so thund ir wider in vast kallen.
Murner schelmenz. 76, 8;
dawider kallen heut etlich unkeusch lerer und bringen gegen priesterlicher keyschait herfür ain post Pauli. Berthold teutsch theologei 64, 3, feindlich eifern, vgl. ahd. convitiari oben;
beit, stolzer gsell, und stand hie still,
din kallen ich dir glegen will.
Kolrosz betrachtnus B 2;
ir kallen was in (den Schweizern) gelegen,
ir bracht ist worden klain.
Uhland volksl. 480,
ihr prahlen und lärmen gedämpft, ganz wie mhd. schallen;
gespöt und üppigs kallen.
720;
da ward gehört spotlichs kallen.
Hätzl. 305ᵃ;
das er dem frummen schaden füg
an leib, ehr, gut mit seinem kallen (nachreden),
der musz endlich in gruben fallen.
H. Sachs 3, 1, 179ᶜ;
mit lügen, list und kallen.
4, 3, 57ᶜ;
hab ichs nit darnach müssen zalen?
was darfst denn jetzund darvon kalen?
ders. bei Gödeke eilf büch. d. d. 1, 88ᵇ;
das meine zung viel besser kall (lauter singe?).
Melissus ps. T 5ᵇ;
der wirt sicht sauer in die sach,
das lied will ihm nit gfallen:
'hör gast, nun thu ein wenig gmach,
du darfst nit also kallen'.
Hoffmann gesellsch. 173;
sein herz hete sich ganz verkert,
den höhesten hat es nicht geehrt,
seine zung muste stets kallen,
rasen, stürzen, seuche fallen.
Strickers schlemmer 1584 K 2ᵃ;
sondern wie die gens am rifier
und die weiber beim wein und bier
köddern, kölzen, kosen und kallen.
Rollenhagen froschm. A vᵃ.
ein spiel Garg. 164ᵇ (305 Sch.) mit wem hat man gekallt? dazu liebkallen ganz wie liebkosen, ein parasit Gnatho sagt von seinen kunden:
also kan ich in auch in allen
aus falschem herzen süsz liebkallen.
H. Sachs 5, 215ᶜ,
zu liebe reden, liebes plaudern. kallen und reden verbunden: in solchem liecht der natur sollen wir kallen und reden. Paracelsus 1, 30ᵃ. als kraftwort für reden in einem sprichwort: ausz zweien mund kallen, warm und kalt ausz einem mund blasen. S. Frank 2, 102ᵇ, wiederholt im sogen. Agricola 100ᵃ (vgl. 216ᵇ kallen, reden) aus zweien münden kallen u. s. w. Es lebt noch im bair. und rhein. gebiet: bair. sprechen, doch nur verächtlich, auszerdem bellen. Schm. 2, 288; östr. schreien, gellend singen, bellen. Höfer 2, 106; kärnt. kaͦln bellen, und schelten (wie ahd., auch nordengl. norw.). Fromm. 3, 115; ebenso tir. (auch kôln) 6, 289, auch heulen; mrh. schreien, bellen, laut und viel schwätzen Kehrein, nrh. rufen (wie engl. nord.), reden, schwatzen (överkallen traulich plaudernd besprechen, bekallen bekritteln), dazu ein subst. kall m. ruf, gerede (wie nl. kal Kil.). Aachener mundart 98. Fromm. 3, 46. 2, 550, 94. 553; auch ostfries. schwatzen, faseln Stürenb. 101ᵃ. aber nd. scheint es nicht vorhanden, ich finde nur westf. nâkailen spottend nachsprechen Fromm. 5, 419, 28; doch im brem. wb. 2, 722 ein mnd. kallinge in rechtl. gebrauch, zwiesprache, verabredung, vertrag, bekallinge Haltaus 125, und bei Diefenbach gl. 370ᶜ mnd. kallunge, kallinge multiloquium (rhein. kalunge das., wie kallende multiloquax). schweiz. wbb. geben es nicht (wie schon Maaler, Denzler, auch Dasyp.), doch kellen heftig in worten herausplatzen Stald. 2, 95 scheint dasselbe; denn es heiszt auch tir. köln, vgl. das altfries. kella, und kelle maul. mhd. gab es auch kalzen, kelzen, vgl. schweiz. kältschen kläffen Stald. 2, 82, altfries. kaltia.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 69, Z. 14.

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Zitationshilfe
„kallen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kallen>, abgerufen am 19.10.2021.

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