Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kamerte, f.

kamerte, f.
1)
eine art spalier im weinbau am Rhein; in einer weinbergordnung von der Bergstrasze v. j. 1570 wird den bestendern und leibgedingern aufgegeben, sie sollen auch den wingart ufrichtig (in gutem stand) halten mit stifln, druedern und kamerten. Mone zeitschr. f. gesch. d. Oberrh. 3, 290. bei Dasypodius kamerdreben, jugatae vites 360ᶜ (4. ausg. 1547 kamerd reben); in andern wbb. find ichs nicht, nur bei J. G. Haas deutschlat. wb. Ronneburg und Lpz. 1808 'kammerlatten, kammerten, pali vitibus alligandis'. noch jetzt wird am Oberrhein in der Pfalz wein vielfach an kammerten erbaut, s. Mone urgeschichte des bad. landes 1, 61, als 'niedere kreuzrahmen' bezeichnet, und auf die Römer zurückgeführt; 'diese bauart hiesz camera, weil der weinberg dadurch mit einer decke überzogen war' (vgl. Columella 4, 17), ein solcher weinberg wahrsch. vinea camerata (camerare wölben), und so werden denn im 15. 14. jh. weinberge bezeichnet (das. 62. 63) als in der kameraten, zuͦ kammeretten, ze kamret u. a., auch bei Koblenz im 12. jh. vineae zu nider und over kamerthen (offenbar als ortsname). kamerâte ward nach deutschem ton zu kámerte, wie kemenâte zu kémnete, kemmet. Kölges im önolog. realwb. spricht nur von 'kammererziehung', erziehung (der reben) an kammern. vgl. dazu kämmer, s. auch das gleichbed. kammerlatte, das aussieht wie umdeutschung von camerata.
2)
der wein ist aber dem begriffe nicht wesentlich: eine feine runde bedeckte kamerte oder lauberhütten gemacht, darein man etliche tische setzen und malzeit halten können. Spangenberg lustg. 438, laube überhaupt. und für spalier überhaupt: gemeine (gemeinschaftliche) oder eigene winkel zwischen zweien nachbawren (nachbarhäusern) sollen jederzeit also verwahrt .. sein, dasz keinem theil an seinem haus .. schaden beschehe. derhalben sollen die winkel mit guten steinen, gefelzten stucken gelegt und besetzt, auch neben den wänden mit guten letten oder camert ausgestoszen werden. würtemb. bauordnung 1654 s. 62, deutlich collectivisch gebraucht, lattenwerk als stütze. In der erstern bed. camerate in einem gedicht von Conrad Öttinger um 1400, bei Laszberg ein schön alt lied von grave Friz von Zolre u. s. w. s. 37:
von wasen (rasen) ein velt linde,
dor ob so stuond ein linde.
ir est beschlossen (verschränkt) woren
dor in als in den koren (der kirchen) ...
ich begonde durch tow waten
und sach (besah mir) die cameraten
der linden und ir trone
u. s. w.,
die sich kreuzenden äste mit dem laube einer weinkamerte verglichen.
3)
schwäb. heiszt es, wie verhochdeutscht, kammerz (auch kammetz) f., weinspalier an häusern und mauern Schmid 304, der ein franz. chambries pl. aus Metz in gleicher bed. anführt aus François vocabulaire austrasien 27: heute kamen hier die ersten reifen trauben zu markte, es waren malvasier von einer kammerz zu Untertürkheim. würtemb. staatsanz. 1859, vom 6. aug. aus Stuttgart; anfang aug. 1856 berichteten die zeitungen vom Rhein, an besonders günstig gelegenen kammerzen habe man schon reife trauben. dasselbe scheint kamerer (l. kameret?) weisth. 4, 579 von der Aar. in Burgund heiszt eine edle weinsorte chambortin m. (Littré), offenbar von jenem chambries, kamerte benannt, es erinnert zugleich an cambortus, camborta in der lex salica cap. 34, die obern ruten am zaune, die gebogen, verschränkt, gebunden werden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 98, Z. 36.

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Zitationshilfe
„kamerte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kamerte>, abgerufen am 25.10.2021.

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