Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kammer, f.

kammer, f.
cubiculum, conclave, cella, pl. kammern (bei Luther auch noch stark kamer, s. 1, c). ahd. chamara, camara, mhd. kamere, kamer (schwach und stark), mnl. camere, nnl. kamer. eigenthümlich nordisch, dän. kammer, kammers n., schw. kammare m., kammers n., isl. kamers n. kammer, während isl. norw. kamar m., altnorw. kamarr m. abtritt bedeuten (s. 1, e). es ist entlehnt aus lat. camera, camara f. gewölbte decke, mlat. gewölbtes gemach, griech. καμάρα, καμάριον gewölbe, gewölbter raum, auch cloake, nah verwandt lat. camurus gebogen, gekrümmt (vgl. u. kamme 7). ital. camera und ciambra, zambra, span. camera und cambra, prov. cambra, franz. chambre, engl. chamber, altengl. chaumber, alle in unserer bed.; ebenso litt. kamára f., lett. kambaris, finn. kamari, poln. wend. böhm. komora, südsl. kamra, kambra; ferner kelt., breton. kambr, welsch siambr, gael. ir. seomar; auch bask. cambara und neugr. κάμερα (aber καμάρα wölbung). Merkwürdig noch im voc. theut. 1482 q 1ᵃ: kamer, gewelb ... testudo. auch in einem nd. voc. 15. jh. wird testudo mit kamer wie in andern mit gewelbe erklärt Diefenb. 581ᶜ; weitere bestätigung ist wünschenswert (vgl. kammern), schon ahd. findet sich vielmehr chamara für tabulatum Graff 4, 400, also balkendecke, oder gemach aus holzbau. Das merkmal der wölbung, des steinbaus ward jedenfalls schon früh unwesentlich, der hauptbegriff blieb der eines zu besonderm zwecke bestimmten, daher meist wolverwahrten nebengemachs im gegensatz zum wohnraum. so mhd. kamere, unterschieden von sal, kemenâte, gadem, mit letzterem jedoch sich berührend; es bedeutet da vornehmlich schlafgemach und schatzkammer, vorratskammer, als letztere wol meistens noch mit der wölbung (vgl. 1, c). Bemerkenswert eine entstellung kammet, die Schmeller 2, 294 nachweist, cammetgut kammergut, kammetwagen kammerwagen noch jetzt in Baiern; auch bei Frisch 1, 163ᵃ ein cammet, aber in der bedeutung kasten oder schrank und als m.: der dieb kroch durch den ofen in des raths kammer, schnitt ein loch in einen dicken cammet und nahm einen beutel geld daraus. so sind die sîden kamer und arrasîn kamer in der ausstattung der gräfin Agnes von Cleve 1399 Mones anz. 6, 248 wol kisten, truhen für seidenzeug, arras; auch gadem, kemenate bedeuten neben gemach zugleich schrank. kammet stammt aus vermischung mit kemenate (kemmet u. ä.), das seinerseits sich kammer näherte, indem es auch mit testudo glossiert wird; vgl. kammete.
1)
Im wohnhause,
a)
kammer im gegensatz zur stube, dem allgemeinen wohnzimmer, besonderer, meist unheizbarer raum, wie sie einzelnen gliedern der familie oder dem gesinde zugehören, oder zu besondern zwecken dienen; eine wohnung besteht wesentlich aus stub' und kammer oder kammern, wie man formelhaft verbindet, 'die kammer' schlechthin meint die schlafkammer (schon ahd. chamara cubiculum), auch stubenkammer im gegensatz zur vorratskammer, dachkammer, bodenkammer: item sovil das pfarhaus belanget, wen dasselbig durch unfall verbrendt oder sunst schaden erlidt, so ist die ganz pfar schuldig, das haus aufzubawen mit vier wenden oder mauren, darin ein kahmer und stub mit einem kachelofen ... und was weiters von nöten im haus, als speicher, kammern, soll der gifter der kirchen bawen. weisth. 2, 264, zuerst die schlafkammer, dann die vorratskammern; mach mir keine unruge, die thür ist schon zugeschlossen, und meine kindlin sind bei mir in der kamer, ich kan nicht aufstehen und dir geben. Luc. 11, 7; was ir redet ins ohr in den kamern, das wird man auf den dechern predigen. 12, 3; lasz uns im eine kleine brettern kamer oben machen, und ein bett, tisch, stuel und leuchter hin ein setzen. 2 kön. 4, 10; mache dir einen kasten von tennen holz und mache kammern drinnen. 1 Mos. 6, 14, vgl. d sp. 111;
wilt du gott betten· spat und fruͦ,
gang in din kamer, schlüsz die zuͦ.
Brant bei Zarncke s. 140ᵇ;
muthwillige knechte und mägde, welche herren und graven nicht ein gut wort geben, sondern ihnen eigene kammern mieten und ihre eigene herren sein wollen. Schuppius 340; noch eins, liebe madam, wo soll ich schlafen? nur in keiner kammer wo mäuse sind. Gellert (1784) 4, 227;
bald must ichs tränken, bald es zu mir legen,
bald, wenns nicht schwieg, vom bett aufstehn,
und tänzelnd in der kammer auf und nieder gehn.
Göthe 12, 163;
schien hell in meine kammer
die sonne früh herauf,
sasz ich in meinem jammer
in meinem bett schon auf.
12, 190;
und weint die königin in ihrer kammer ...
Schiller 550ᵃ;
wie ist die welt so stille
und in der dämmrung hülle
so traulich und so hold!
als eine stille kammer,
wo ihr des tages jammer
verschlafen und vergessen sollt.
Claudius 4, 91.
es ist scharf unterschieden von zimmer:
die niedre kammer tausch ich um mit zimmern
wo decken strahlen, wo tapeten schimmern.
Göthe 45, 80;
aber dieser niedere wert von kammer ist nicht ursprünglich, sondern eine entwertung durch die zeit, s. 3 sp. 112.
b)
eheliche kammer, brautkammer, schon ahd. 'thalamus', 15. jh. brutgamskamer Dief. 571ᶜ: ich wil zu meinem weibe gehen in die kamer. richt. 15, 1; und dieselbe (die sonne) gehet her aus wie ein breutigam aus seiner kamer. ps. 19, 6; der breutgam gehe aus seiner kamer und die braut aus irem gemach. Joel 2, 16;
sohn, mehr wünschest du nicht die braut in die kammer zu führen.
Göthe 40, 273;
und er wandte sich schnell und eilte zur kammer zu gehen,
wo ihm das ehbett stand.
40, 332;
schwer umfangen von todesnacht
an der schwelle der bräutlichen kammer!
Schiller 507ᵃ;
wenig wochen darauf führte ich sie als meine frau auf meine kammer. Novalis 1, 126 (Stuttg. 1837). diesz auf die kammer gehn u. dgl. ist jetzt das gewöhnliche (wie auf den boden, auf seine stube, man denkt sie höher gelegen), während man mhd. umgekehrt zur kammer nider gieng, führte, leuchtete u. dgl., daher nider gân schlafen gehn gesamtab. 57, 139. Boner 48, 23, nider zünden zu bett leuchten im Staufenberger, der braut wird nider gesungen Fromm. 4, 95. 112.
c)
vorratskammer u. ä., zu wirtschaftlichen zwecken, der hauptvorratsraum im hause heiszt vielfach kurz das gewölbe und ist noch gern gewölbt: (das) unsere kamern vol sein, die eraus geben können einen vorrat nach dem andern. ps. 144, 13; durch ördentlich haushalten werden die kamer vol aller köstlicher lieblicher reichthum. spr. Sal. 24, 4, vulg. cellaria, das im 15. jh. mit spiskamer glossiert wird Dief. 111ᵃ;
sah die goldene frucht den garben entgegen sich neigen,
und ein reichliches obst uns volle kammern versprechen.
Göthe 40, 268;
volle kammern machen kluge frauen. Simrock spr. 5392, bei groszem vorrat ist gut wirtschaften. bair. die guet kammer, in welcher das bessere an hausrat und kleidern bewahrt wird. Schm. 2, 294; schweiz. kammer f., ort wo man milch verwahrt. Stald. 2, 84, noch gewölbt? dazu obstkammer, speisekammer, mehlkammer, brotkammer, räucherkammer, küchenkammer, kornkammer, holzkammer, wäschkammer, rumpelkammer u. s. w., auf dem lande auch spreukammer, geschirrkammer, graskammer, häckselkammer; in herrschaftlichen, fürstlichen haushalten gibt es eine besondere plattkammer, wo wäsche geplättet wird, eine backkammer bei der küche, sattelkammer (Göthe an fr. v. Stein 1, 90), in München eine getüechkammer weiszzeugkammer Schm. 1, 426. fasz- oder packkammer in einem kaufhaus Simpl. 1, 596. todtenkammer, leichenkammer, pulverkammer. auch gab es folterkammer, marterkammer, rüstkammer, harnischkammer und garkammer (sakristei). nach den bewohnern wird unterschieden gesindekammer, mädchenkammer, mägdekammer, gesellenkammer, burschenkammer, gastkammer u. s. f.
d)
auf schiffen, abtheilungen, räume zum wohnen und für vorräte (vgl. 1 Mos. 6, 14 vorhin), bootsmannskammer, brotkammer, pulverkammer, laternenkammer u. a.
e)
der begriff des besondern gemachs tritt recht hervor in kammer latrina: er ist vieleicht zu stuel gangen in der kamer an der sommerleube. richt. 3, 24. so nl. ter kamer gaen purgare alvum, franz. aller à chambre, kamergank purgatio alvi Kilian, vgl. nord. kamar sp. 109. mhd. swâskamere, scherzhaft sprâchkamere, das erstere im sinn gleich heimeliche kamer priveta Dief. 460ᵇ, mnl. heimelcamere hor. belg. 7, 9ᵃ, durchaus verhüllende ausdrücke. aber auch scheiszkamer Dief. 320ᶜ.
f)
anders 'heimelike kamer zeta' im Teuthonista bei Dief. 635ᵃ, wo das mlat. wort (aus dieta, δίαιτα), wie schon mhd. und ahd., aus mehrern vocc. des 15. jh. hd. und nd. mit kamer glossiert ist, auch im voc. th. 1482 q 1ᵃ, mit dem zusatz sumerhaus, wasserlaube (vgl. Ducange s. v. zeta), bei Trochus O 5ᵃ mit erkerstubichen; also eine art mehr abgeschlossenes gesellschaftszimmer, ähnlich dem franz. appartement (das in Deutschland die bed. des vorigen kammer hat). das ist wol noch das schweiz. kämmerlein geschlossene gesellschaft, club. Stalder 2, 84.
g)
dunkle kammer, auch dunkelkammer nach camera obscura (schattenkammer Stieler): die mahlerischen aussichten des parks in einer tragbaren dunkeln kammer aufzufangen und zu zeichnen. Göthe 17, 316 (camera obscura 54, 238); die freigelegenste wohnung, in welcher eine geräumige dunkle kammer einzurichten war ... veranlaszten mich den chromatischen untersuchungen .. nachzuhängen. 31, 17;
freunde, flieht die dunkle kammer,
wo man euch das licht verzwickt u. s. w.
4, 381;
daher haben denn auch alle dichter, vom Homer bis zum lustigen Boccaz, die gestalten der geschichte in ihre dunkeln kammern .. aufgefangen. J. Paul ästhet. (1813) s. 502 § 64; weil ihre bühne die dunkle kammer und kleine welt (mikrokosmus) der ganzen ist. s. 218.
2)
Mit hervortreten des verborgenen, geheimen, gesicherten, festen, unzugänglichen, bei a und b mit nachklang der 'wölbung'.
a)
des todes kammer, das grab: ir (der bulerin) haus sind wege zur helle, da man hinunter feret in des todes kamer. spr. Sal. 7, 27;
gehe hin in deine kammer,
gottes volk, geh in das grab.
älteres kirchenlied;
sobald sein eckler mund den stank der körper wittert,
die um ein gotteshaus in ihren kammern ruhn.
Günther 677;
vollendest du,
urquell der ruh,
nicht bald den langen jammer
und bringst (birgst?) meiner fessel schmach
in des todes kammer?
Schubart 1825 1, 115, 1787 1, 118;
die dunkle kammer hat sie aufgenommen, wohin kein bräutigam folgt. Göthe 20, 102.
b)
schatzkammer, ahd. trisachamara, mhd. treskamer, noch im 15. jh., s. Dief. s. v. gazetum, fiscus:
wan ein ieglîch herre sol
etewaʒ zem jâre legen
in sîn kamer.   des sol er phlegen
dâ von (darum) daʒ er nieman tuo wê (mit steuern),
ob in ein urliuge ane gê.
Thomasin 14216;
daʒ ein behaltent dherren wol:
daʒ si ir kamer machent vol.
14224;
so wil ich zehen tausent centner silbers dar wegen, unter die hand der amptleute, das mans bringe in die kamer des königes. Esther 3, 9; auch was mehr not sein wird zum hause deines gottes (zum tempelbau), das dir furfelt auszugeben, das lasz geben aus der kamer des königes. Esra 7, 20; gold und geld .. aus des königes kamer. Judith 2, 10. die mhd. kamer bewahrte zugleich die vorräte an tuch, kleiderzeug aller art, waffen und andern wertvollen sachen; daher denn noch in fürstlichen haushalten gewehrkammer, silberkammer u. dgl.; auch die kunstkammer, naturalienkammer, antiquitätenkammer u. dgl., im 16. 17. jh. an höfen entwickelt, schlieszen sich noch an jenen begriff an und bewahren den alten höfischen klang des worts (doch später meist durch cabinet verdrängt).
c)
bildlich: und du Wieland! oft besucht deine muse ihre schwester, die ernste weltweisheit, und holt erhabenen stoff aus ihren geheimesten kammern und bildet ihn zu reizenden gratien. Geszner 3, 162, schatzkammer.
3)
Früher galt es im besondern von der wohnung des fürsten; schon ahd. 'aula'.
a)
die wohnung selbst, mhd.:
in des rîches (kaisers) kamer man sîn pflac (erzog ihn)
mit flîʒe biʒ an den tac
daʒ er enphie schildes ampt.
Haltaus 1058 aus d. heil. Willehalm;
biʒ daʒ eʒ (das kind) wart ein jungelinc,
der apt eʒ zu kameren enpfienc.
des mönches not 22 (Haupt 5, 435),
nahm es zu sich, in seine unmittelbare umgebung. noch im 16. jh.: die da seind in den aller innerlichsten kammern und allwegen bei dem herren wonen, da laszt man keinen frumen menschen dar. Keisersberg sünd. d. m. 33ᵇ; und Bathseba gieng hin ein zum könige in die kamer. 1 kön. 1, 15. diesz kamer von der eigensten wohnung des fürsten, vom fürstlichen haushalt, in schroffem gegensatze zum heutigen bürgerlichen kammer, lebt denn noch in kammerherr, kammerfrau, kammerdiener u. s. w., auch in kammerrath (eig. 'geheimer rat') u. a., wie überhaupt gerade bei hofe in sitte und sprache allerlei altes sich fester erhält als in der groszen mitte der gesellschaftlichen ordnung, ganz wie andrerseits bei den bauern. und noch heiszt
b)
die fürstliche kammer, alles was zur unmittelbaren umgebung der person des fürsten gehört; sie umfaszte z. b. beim churfürsten von Sachsen, wie Adelung ausführt, die kammerpagen, den geheimen secretär, den secretär, den cassierer, den geheimen kämmerier, die kammerdiener, friseur, leibschneider, kammerthürhüter u. s. w., sie alle rechneten sich zur churf. kammer; ebenso franz. chambre. daher auch kammermusik und kammerton (s. d.), es hiesz auch einfach, wie franz. chambre: das stück ist für die kammer gesetzt, die freie musikalische schreibart herrscht auf dem theater und in der kammer. Adelung.
4)
Öffentliche casse, fiscus, von der bed. schatzkammer entlehnt; kammer war zuerst im fürstlichen haushalt das persönliche vermögen des fürsten, des fürstenhauses, sowie dessen verwaltung, dann die staatscasse, endlich einzelne öffentliche cassen.
a)
so beim reich einstmals, wohin dieser gebrauch vom Frankenreiche vererbt war und von wo er sich in weitere kreise verbreitete (bei Haltaus 1057 nachweise, dasz schon im 13. jh. auch fürsten von ihrer kamer sprachen): dasz euer jeder in die kunigliche kammer zehen mark lotiges golds bezahlen soll .. dasz ir auch in ein pen 100 mark golds, halb in des reichs kammer, die andere halb der stadt Münster .. vervallen seid. königl. erlasz von 1448, P. Wigand denkwürdigkeiten aus dem archiv des reichskammergerichts s. 107; ein poen .. die ein jeder, so oft er freventlich hiewider thäte, uns halb in unser und des reichs kammer .. zu bezahlen verfallen sein soll. kais. privileg von 1570 das. s. 100; eine poen .. uns halb in unser und des reichs kammer und den andern halben theil oftgedachter gwandschneiderzunft zu Münster zu bezahlen. kais. privil. von 1653 das. s. 208, vgl. s. 125. 300; zum dritten weist der scheffen, dasz unser gnedigster churfurst und herr zu Trier sei ein hochherr und grundherr der vogtei Leucken vormitz (mittelst) der kammer. das. s. 196; er wer in des keisers kammer dreiszig tausent cronen schuldig. Reiszner Jerus. 2, 96ᵃ; dasz seine güter verwirkt und der königlichen kammer verfallen sein solten. Abele gerichtsh. 2, cas. 68. hofkammer hiesz die kaiserliche domänenverwaltung; finanzkammer, hebungskammer, stempelkammer, zollkammer, in Preuszen früher kriegs- und domänenkammern; vgl. rechenkammer, rentkammer, ferner kammergut, kammerforst, kammergraf u. a.
b)
so ward kammer eine bezeichnung der finanzverwaltung überhaupt, auch von kleineren fürsten und städten gebraucht, obwol diese gewöhnlicher die form kämmerei verwendeten: waʒ dann der stat Nürmberg zustet .. von bezalter schatzung in ir kamer. Nürnb. chron. 2, 266, nachher der herrn (des rats) kamer genannt, aus d. 15. jh.; wenn der pächter über eine schlechte erndte schreit, um die kammer zu hintergehen. Möser phant. (1778) 2, 31; da erfuhr es die kammer und sagte 'hier herein!' denn sie hatte noch alte prätensionen an den theil des pfarrhofes, wo die bäume standen, und verkaufte sie an den meistbietenden. sie liegen! o wenn ich fürst wäre! ich wollte die pfarrerin, den schulzen und die kammer — Göthe 16, 125; ich habe eine anweisung von der kammer. Rädlein 523; der kammer einverleiben, entziehen. das. die kammer heiszt denn auch das gebäude des betreffenden finanzcollegiums, sowie alle dazu gehörigen bediensteten: auf die kammer gehn; er ist bei der kammer (angestellt). daher cameralia, cameralwissenschaft. auch engl. z. b. the chamber of London, die stadtkämmerei, ital. camera del comune, kämmerei.
5)
Von der bedeutung der fürstlichen, kaiserlichen wohnung, des lieblingsaufenthalts mag es kommen, wenn städte zu besondrer ehre als des reiches kammer bezeichnet werden. Haltaus 1059 bringt zahlreiche beispiele, so wird i. j. 1360 Cambray in einer urk. kaiser Karls IV. genannt: honorabilis civitas Cameracensis, ipsius imperii pars admodum preciosa nostraque dicti imperii Romani camera specialis; eine urk. Karls V. 1529 ist datiert: geben in unser und des hailigen reichs camer und statt Genua; aus dem 17. jh.: wir .. herren, meistere und rath des heiligen rom. reichs cammer und statt Hagenauwe. Klingner sammlungen zum dorf- und baurenrechte 1, 696. so führte vorzugsweis Frankfurt mit stolz diesen namen, gleichbedeutend mit 'specialis domus imperii', vgl. Lersner Frankf. chr. 2, 13, s. die belege bei Haltaus. Doch ist mit der ehre in dem ausdruck zugleich enge zugehörigkeit ausgesprochen. letztere herscht vor, wenn im 12. jh. schon kammer fast gleich provinz gebraucht wird; Roland beim pfaffen Konrad, indem er seine eroberungen aufzählt (beim Stricker weggelassen):
Engellant ze ainer kamere
ervacht ich dem kunc Karle.
Rol. 238, 18;
schwebte da zugleich das verhältnis vor, in dem die kamer zum sal steht als zugehör und auszenwerk? ähnlich scheint: (die scheffen haben zugewiesen) unserm vurges. herren und seinem stifte von Trier das dorf gemeinlichen zu Ludestorf, das es sein, seinem stifte und eins iglichen erzbischofs zu ziden zu Triere freie camer sei. weisth. 1, 830, v. 1382. im mhd. wb. ist es in beiden stellen durch 'kammergut' erklärt, am wahrscheinlichsten in letzterm falle; dem erstern entspricht noch aus dem 16. jh.: herzogthumb Mailand, das ein cammer des heil. reichs ist. absch. des reichsreg. v. 1501 §. 3 (2, 94).
6)
Gerichtsstube, gerichtshaus, gericht.
a)
kammer, camera schlechthin heiszt das kaiserliche und reichskammergericht, die kammer zu Speyer, camera Spirensis Steinbach 1, 824, bei Stieler 920 auch kammer zu Rotweil; 'die kaiserliche und des reiches kammer zu Wetzlar'. Adelung.
b)
schon vorher diente kammer auch als fürstliche, kaiserliche gerichtsstube und gericht, deutlich nur eine anwendung von kamer als jeweilige fürstenwohnung (s. 3), wie im 14. jh. zu S. Blasien die kemenâte des abts als gerichtsstube dient, s. weisth. 4, 487. belege bei Haltaus 1058: so hat das gotshus zu Gengenbach reht, sin lute zu besetzende (als beisitzer einzusetzen) uf eins abtes camern zu Gengenbach. urk. k. Sigismunds von 1414; wanne die scheffen von Irsch eins ortels nit wise weren, also das sie müsten zu oberhofe kommen, das sulen sie allein holen zu Trier in des apts kammeren (sing., wie vorhin) zu St. Mertin. weisthum von 1497. das oberste gericht des kurfürsten von Brandenburg hiesz des markgrafen kammer: in des marggrafen kammer mag kein bauer urtel finden, als in dem gericht und furstenthum Tangermünde und auch zu Arneburg, welche zwo statt des marggrafen kammer seind. glosse zum Ssp. 3, 65; de hogeste dingstat in der Mark is in des kemereres kamere, dat is tu Tangermünde. richtsteig landrechts 50, 3, s. Homeyer s. 515.
c)
als hauptsitz der vehmgerichte nannte sich Dortmund kaiserliche kammer, nach dem behaupteten ursprung von Karl d. gr.: wir Heinrich von Lindenhorst, erbgref und stulherr der kaiserl. cammern (sg.) der grafschaft der stat Dortmund. urk. von 1452; ich Wilhelm von der Sunger, ein gewert richter des heiligen richs und ein gehuldet friegrave der kaiserl. kamern und frien grafschaft der stat Dortmünde. von 1454; zu Dortgemunde in unsers herren des rom. konigs kamern, die man heiszet das spiegel. Hahn reichshist. 2, 598.
d)
nach a und b dann allgemein, auch abgesehn von dem landesherrlichen gerichte, kammern, kammergerichte als oberste rechtsbehörden, gerichtskammer Rädlein 523, in Magdeburg die schöffenkammer, erbschaftskammer J. Paul 3, 59, später auch städtische untergerichte.
7)
Endlich überhaupt verwaltungsbehörde oder behörde in einzelnen zweigen des öffentlichen lebens,
a)
handelskammer, gewerbekammer, ratskammer, anklagekammer u. ä.; amtskammer praefectura Stieler 920 (nach Frisch 1, 24ᶜ jedoch eine oberrechnungsbehörde), geheimde rathskammer, consistorium secretum 921, in Hannover eine anwaltkammer.
b)
auch einzelne abtheilungen einer behörde heiszen kammern (wie mit bewahrung des verhältnisses der kammer im hause), so in der höchsten landesverwaltung, im ministerium: reichsverwaltung .. die man unnöthiger weise unter drei verschiedene kammern vertheilt hätte. Schiller 810ᵇ; die staatsgeschäfte theilten sich in mehrere kammern, wölfe besorgten die finanzen, füchse waren ihre secretäre, tauben führten das criminalgericht u. s. w. 156ᵇ; in seinem (des egoisten) herzen ist keine kammer der auswärtigen angelegenheiten. J. P. friedenpredigt 29.
c)
in neuerer zeit, nach franz. chambre (wie 'haus' nach englischem vorbild), landes- oder volksvertretung, besonders wenn sie in zwei kammern zerfällt; franz. chambre hat eben auch die bedeutungen u. 6 entwickelt: erste kammer, zweite kammer; ständekammer, abgeordnetenkammer, deputiertenkammer, pairskammer; einberufung, vertagung der kammern u. s. w.; soll die nationalversammlung .. ungetheilt bleiben oder in kammern zerfallen? .. der ausschusz begehrt zwei kammern u. s. w. Dahlmann franz. rev. 256; die frage, ob es eine oder mehrere kammern geben solle. 262, der streit über einkammersystem oder zweikammersystem.
8)
Vielfältige anwendung der bed. 1 in andern gebieten, meistens ebenso im nl., franz., engl. u. s. f., die cultursprachen halten in solchen wörtern, die man europäische nennen kann, gewöhnlich schritt mit einander.
a)
anatomisch; kammern heiszen die höhlenartigen abtheilungen im herzen, s. vorkammer, herzkammer; auch im auge sind kammern, im ohr (s.gekämmer); im genirn, bei Megenberg dreu kämerlein in der hirnschal 4, 23 ff.: mein ganzer kopf hatte alle kammern des gehirnes mit bierwust erfüllet. Riemer pol. maulaffe (1679) 161; dagegen denn bei genugsamem vorrath von knochenmasse die äuszere lamina (der hirnschale) sich bis ins monstrose zu erweitern und innerhalb so viele kammern und fächer auszubilden das recht behauptet. Göthe 31, 205.
b)
ähnlich im scherz und dichterisch. das herz als kammer:
unschuldec ist der zungen hamer (an dem mangelhaften im gedicht),
eʒ muoʒ komen von des herzen künste kamer.
Lohengrin 7645.
in einer komischen oper von Weisze, das gärtnermädchen, gedr. 1771, singt Martin:
in meines herzens kammer
da pocht es wie ein hammer;
mit einem gar aus der untersten herzenskammer gezognen groszen seufzer. Abele gerichtsh. 1, cas. 109; vgl. klause 2. Pickelhäring bei Chr. Weise überflüss. ged. 1701 s. 258 (Floretto, her. v. Halling s. 58) von seinem kopfe: mein poetenkasten ist wie ein ameiszhaufen dem die eier gestohlen sind, und meine inventionkammer ist wie ein kirmeskuchen da die rosinen abgeklaubt sind.
c)
im geschützwesen die höhlungen im hintersten theil mancher geschütze, in die das pulver geladen wird, franz. chambre, engl. chamber, russ. kamora; kammer in einem feldstücke, kartaune mit zugespitzter kammer Steinbach, s. kammerstück, kammergeschütz: vier steinbüchsen mit iren kamern und laden wol beslagen. urk. des 15. jh., anz. des germ. mus. 1857 sp. 247; diese kamern waren aber anfangs, noch im 16. jh., selbständige stücke die geladen ans rohr befestigt wurden, s. kammerbüchse; daher noch bei feuerwerkern die sog. kanonenschläge kammern heiszen, hohle körper von guszeisen mit zündloch, mit pulver zu füllen. aber auch fehlerhafte höhlungen in der seele der geschütze. dem ersten ähnlich bei minierern der theil der mine, der das pulver aufnimmt. überhaupt bei vielen handwerken ähnliche höhlungen.
d)
aber auch ein kleines geschütz selbst: tormentum curtum et erectum. Steinbach 1, 824; kammern pl. böller. Aachener mundart 98; ebenso franz. chambre, engl. chamber.
e)
beim kummet oder sattel eine leere stelle, aus der man die füllhaare gezogen hat, damit sie das pferd nicht drücken, schon im 16. jh.: inwendig am sattel, wo das ross getruckt ist worden und wo du dem sattel eine kammer solt machen. Seuter 418.
f)
weidm.; beim treibjagen der mit dem zeuge umstellte ort, wohin das wild in die enge getrieben wird; auch die höhlen der thiere in wald und feld, genauer das geräumige ende der röhre beim dachsbau, fuchsbau u. a.
g)
im bergbau ein erzhaltiger gang, eine gute kammer: das gold in kammern und adern. Chamisso 3, 318. im hüttenwesen kammerähnliche abtheilungen, räume in den öfen.
h)
kammer im schleusenbau, der eingeschlossene raum zwischen den schleusenthoren. vgl. kesselschleuse.
i)
auf dem billard der theil, von dem der aussatz geschieht, wer sich aussetzt, spielt aus der kammer.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 109, Z. 37.

kammer, kamer, f.

kammer, kamer, f.
flächenmasz für weinreben von unbestimmter grösze, daher auch eine abtheilung des weinberges. Stalder 2, 83; ebenso mlat. camera, z. b. tres cameras de vinea Ducange; eigentlich vielleicht vinea camerata, s. kamerte, auch kämmerrute. vgl. bei Stieler 920 kämmer, weinkämmer, extremi vinearum ordines vel maceriae, quibus vineta clauduntur, das vielleicht nichts als kamerte weinspalier ist, denn maceria wird im Teuthon. als wand mit weinspalier erklärt (Dief. 341ᵇ).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 115, Z. 14.

kämmer, m.

kämmer, m.
1)
pectinator. Steinbach 1, 824, meist wollkämmer, nl. kemmer cardeur Kil.; bei Frisch 1, 498ᵃ 'kammer an statt kämmer, carminarius, haben zwar ein eignes handwerk untereinander, wann sie aber zu den tuchmachern kommen, müssen sie als gesellen arbeiten'. in wollmarktberichten ist auch von kämmern als wollverkäufern die rede. vgl. kämmler.
2)
kammacher. Schmid schwäb. wb. 304 aus Ulm 15. jh.; ebenso altn. kambari Fritzner.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 115, Z. 22.

kämmer

kämmer?
im Fadingerlied v. 1626 klagen die bauern:
wider, capaunen, gens und enten
thun sie (die soldaten) uns verschwenden,
lassen uns nichts dann vil kinder,
darzu unsere kämmer,
nit vatter aber ist ainer.
hist.-polit. blätter 33, 968.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 115, Z. 30.

kammern

kammern,
1)
in einer vereinzelten stelle:
wann du (hündchen) verblichen, so wirstu begraben,
wo Amariszlin und wo Servitor
ihre gecammerte grabestat haben.
Tscherning 365ᵃ (Matthissons anthol. 1, 124).
der sinn scheint nicht in kammern getheilt oder mit kammern versehen, wie man es aufgefaszt hat und wie naturforscher gekammert brauchen (zu kammer 8, a), sondern 'gewölbt', in willkürlicher nachahmung des lat. camerare, cameratus (griech. καμαρεύω, franz. cambrer, bogenförmig krümmen).
2)
Frisch 1, 498ᵇ gibt ein seltsames 'kammern und unzucht, scortatio, adulterium', es ist nach einer stelle in Luthers bibel in den geistlichen stil übergegangen: lasset uns ehrbarlich wandeln als am tage, nicht in fressen und saufen, nicht in kamern und unzucht. Röm. 13, 13. Luther meinte das subst., in der postille von 1525 schreibt er in schlafkamern in der stelle, nach dem gr. κοίταις; aber man machte sich ein verbum daraus: kammern und unzucht wird vor eine solche schreckliche sünde gehalten .. Gerber unerkannte sünden 1088. bei Ebert überlieferungen zur geschichte u. s. w. 1, 1, 31 aus einer predigt Degenkolbs vom j. 1743 von der fastnachtslust: ist es wol möglich dasz menschen ... die da wissen und sprechen, sie glauben es, dasz Christus für ihr fressen und saufen, für ihre (so) kammern und unzucht so viel hat leiden müssen, ihn mit eben diesen sünden betrüben können? man dachte sich wol 'kammerspiel treiben'. nl. heiszt een juffertje kameren, eine concubine halten, gekamerde juffer fille entretenue, s. kammerkatze.
3)
'kammern, ire et redire' bei J. G. Haas deutschlat. handwörterb. 1808 s. 310ᵇ, wol was man in Sachsen questen nennt, hin und herquesten, in und aus der kammer, stube laufen, besonders von kindern. noch anders, doch letzterem ähnlich bei Hennig, preusz. wörterb. 114: kämern, sich viel zu thun machen, die sachen unter einander wühlen und von einem orte zum andern setzen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 127, Z. 61.

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Zitationshilfe
„kammern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kammern>, abgerufen am 25.10.2021.

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