Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kanker, m.

kanker, m.
1)
spinne: araneus, spinne oder kanker. Trochus prompt. Lpz. 1517 H 6ᵇ (Dief. 44ᵇ), Rädlein, Schottel, bei Frisch als dial. und mit angabe gelinder aussprache des k, wie bei kacken (daher auch ganker 1, 317ᶜ): also möchte man m. Eisleben billich einen bunten molch heiszen und einen kanker, der vil sterne hat. Luther tischr. 285ᵃ (Erlanger ausg. 61, 51); die spinne, kanker, ist ein giftiges thier. Wiedeman july 60;
so komt eine grosze spinn gekrochen,
die asz ich (erzählt ein sperling) und sucht ihrer mehr,
damit die kirch ohn kanker wer (wol gespinst, s. nachher).
Rollenhagen froschm. Aa 8ᵇ (2, 2, 7);
er spinnet alles aus sich selbst wie ein kanker. Stieler 765; nun zum danke für eueren Aristophanes. dieser vogelkanker umspinnt mich eben mit seinen glänzenden seidenfäden und läszt mich nicht los, nicht aber um mich auszusaugen ... J. Paul an H. Voss s. 124 (briefwechsel, Heidelb. 1833); die spinner sind gewöhnlich kleine kanker geworden, fangen fliegen und mücken. Immermann Münchh. 3, 91, daselbst kankerkönig, könig Kanker im waldmärchen. bemerkenswert eine volksmäszige redensart: einem einen kanker kauen (thür., sächs.), es einem anthun, in gutem und schlimmem sinne, ausdrücklich z. b. als liebeszauber, oder eines feindes tod herbeizuführen, sichtlich auf einem alten gebrauch der spinne zu zauber beruhend; gewisse spinnen gelten als glückbringend, daher glückskanker (thür., sächs.), aber 'ein kanker am morgen (begegnend) bringt kummer und sorgen', doch 'ein kanker am abend erquickend und labend'. sonst gibt es kreuzkanker, wasserkanker, feldkanker Stieler 765. Das merkwürdige wort ist heimisch in Thüringen, Sachsen (nicht überall), im nördlichen Franken (z. b. Meiningen); für Hessen liegt ein zeugnis des 14. jh. vor: her sach einen kankern eine vlîge zu tôde bîʒen. Herm. v. Fritzlar, myst. 1, 188, also schwachformig; es scheint wesentlich mitteld. eigenthum, dem süden, auch dem Rheinland unbekannt. aus nd. gebiet gibt es nur Danneil 95ᵃ aus der Altmark, zugleich für das gespinst, was aus Sachsen zu bestätigen ist (daher 'dünnes zeug ist wie kanker', s. unter kankergespinst); sonst nur götting. kankelbein die holzspinne, phalangium opilio Schamb. 96ᵃ, an kankeln wackelnd gehn (das.) angelehnt. für eben diese langbeinige spinne gibt aber auch Nemnich 4, 927 kanker, 1, 399 für spinne überhaupt, auch ganker. Die form mit l dagegen zeigt sich wieder im sächs. Voigtland, spinnekankel f. (Treuen), in der bed. spinnewebe wie vorhin kanker; anderwärts daselbst spinnekanker m. (Reichenbach), in Zwickau aber spinnekanke f., spinnewebe, auch gekanker n. Auch die langbeinige spinne selbst heiszt sächs. gern spinnekanker, spinnskanker, an manchen orten heiszt nur sie kanker, mit andern namen weberknecht, und geist, tod (Nemnich), was zu dem todeszauber vorhin trefflich stimmt. nur entlehnt scheint böhm. kankara phalangium Jungmann. Dasz nun das alles aus lat. cancer, d. i. krebs, gekommen wäre (Frisch u. a., Nemnich 1, 400, s. Förstemann in Kuhns zeitschrift 3, 53), scheint nach folgenden thatsachen unmöglich. die spinne überhaupt heiszt schwed. neben spindel dialektisch auch kangro m., mit reichen nebenformen, kängro, kaͦngro, kangero, kangerot, kangerövel u. a. Rietz 307ᵃ; ferner norw. kaͦngro und kaͦnglo, kaͦngle f., auch kingel Aasen 209ᵇ, mit l für r wie oben; isl. köngullô f. Biörn, altn. köngulvâfa und köngurvâfa, kongurvâfa Fritzner (oder vafa? vgl. Egilsson 474ᵃ. 473ᵃ), auch gaungullo Rietz; das gewebe schwed. kangroväv, kangelväv u. s. w. noch taucht es im fries. gebiet auf, nordfr. kunker spinne Outzen 173, das mit norw. kingel ablaut bilden könnte. endlich, dem altn. gaungullo (und ganker) sich anschlieszend, ags. gangelväfre und gangevifre, auch geongevifre f. 'im gehen webend' Grein 1, 500; das kann aber nach dem vorigen nur eine nachträgliche ausdeutung sein, vgl. norw. vävkaͦne spinne, d. i. 'weberin, webfrau' Aasen 611ᵃ. Es scheint aber als wäre das spinnen, weben des thiers der wesentliche begriff, und da ist denn merkwürdig dasz im finnischen kankuri der weber selbst heiszt, dazu kangas, gen. kankaan das gewebe, kangaspuut webstuhl, kankainen adj. gewebt, von wolle Renvall 1, 158ᵃ, vgl. kina spinnewebe 193ᵃ. auch ehstn. kangur und kangro, weber, kangas gewebe, leinwand, webstuhl, wobei nur auffällt, dasz das verbum weben ein andres ist, ehstn. kudduma, finn. kutoa. sl. wörter von weben (aber nicht von der spinne) klingen nur scheinbar an, russ. tkanie das weben, poln. tkanka gewebe, böhm. tkaný gewebt, das n (nk) gehört nicht zum stamme, im inf. tkat', tkać, tkáti. Das deutsche wort liegt vielleicht schon vor in Kanker als mannsname i. j. 1304 meklenb. jahrb. 13, 281, ahd. Cancharo Graff 4, 454; vgl. alts. Kanko Frekenh. heberolle 5 Dor.
2)
kanker, carcinoma. Stieler 765, krebsschaden Rädlein, nl. kanker (Kil.), franz. chancre, it. cancro, canchero, aus lat. cancer nach den casus obliqui; schon ahd. cancher Graff 4, 454, cancur Wackern. wb. 1861. das franz., nl. wort bezeichnen auch den 'krebs' in bäumen, blumen, ebenso engl. canker und zuweilen hd. kanker (in den nelken, Adelung).
die rose, die bereits durch ihre knospe bricht,
zu hüten dasz sie im entfalten
kein böser hauch versengt, kein kanker sticht.
Wieland 11, 180;
so sind die kanker, goldhähner, regen- und andere würmer so schlimm, dasz sie die jungen früchte hinwegfressen. Reichard gart. 1, 130. da ist aber offenbar ein wirkliches gewürm gemeint, welches? eine spinne doch nicht? engl. canker heiszt auch die bärenraupe und der schröter, die pflanzen und früchten schaden, cankerworm der engerling, cankerrose die wilde rose, die besonders von gewürm heimgesucht ist (daher auch blosz canker), und die klatschrose.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 162, Z. 52.

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Zitationshilfe
„kanker“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kanker>, abgerufen am 26.10.2021.

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