Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kanne, f.

kanne, f.
cantharus. ahd. channa, mhd. kanne. nd. kanne Dief. 96ᵃ, Waldis verl. sohn 578 (kan 617), nl. kanne, kan; engl. can, schwed. norw. isl. kanna, dän. kande, schon ags. canne, altn. kanna. auch franz. canette kännchen, und dial. channe, z. b. weisth. 4, 443. 454. durchaus zu vergleichen sind kante und kandel.
1)
geschirr für wein, bier, wasser u. ä.:
frömde prasser wir (koch und kellner) mit uns heim füren,
und geben do gar manchen stosz
der kannen, krusen, fleschen grosz.
Brant narr. 81, 20;
in einem trinkturnier im Joachimsthal:
und wenn man sich bereiten wil (zum turnier),
so sicht man feiner kleinot vil
von glesern und von kannen.
Uhlands volksl. 612;
lasz im ein kann dar fliegen
zum kopf, dasz er den leib muͦsz biegen.
Scheit grob. P 1ᵇ;
fochtelt mit den bauren herumb, stach inen die kannen, häfen und krüg zum kopf. Garg. 51ᵇ (82), vgl. u. kandel und kandelwurf; dasz er nur vom getön und klang der flaschen und kannen in ein solche .. verzuckung sei gefallen. Garg. 112ᵃ (200); von der beute der Schweizer bei Granson:
alle sin (Karls) trinkegescherre und grosze silberne kannen,
guldene kannen und guldene kopfe.
gleichzeit. lied bei Haupt 8, 324.
der kopf ist in jener zeit das gefäsz aus dem getrunken wird, in der kanne wird nur zugetragen, aus ihr eingeschenkt: carthesum, ein schenkfasz ader kan. voc. opt. Lpz. 1501 E 4ᵃ, vgl. schenkkanne, schnepfkanne; von feinem golde das gerete auf den tisch, schüsseln, becher, kannen und schalen damit man aus und einschenket. 2 Mos. 37, 16; schalen und kannen, aus und einzugieszen. 4 Mos. 4, 7;
auch so dir hett dein herr befoln
dasz du im keller wein solst holn,
so solt du vor die kannen zucken,
darausz mit allen kreften schlucken ...
lasz (sie) wider vol und eil dich fast.
Scheit grob. F 3ᵇ,
gleich darauf kante von demselben gefäsz; dann als die magd mit ihrem bruder hinunter im keller gieng ... eine zwomäszige kanne voll vor sie beide zum nachtessen heraufzuholen, schliche ich mit, aber sie lieszen die kande so gar nicht aus der hand. Simpl. 2, 264, nachher wieder kande, 265 ebenso kanne, 263 kande. wenn der weinschwelg aus kannen trinkt, so ist das eben schwelgerei, wie bei den bauern in der stelle unter kandel aus Uhlands volksl., die wider die gewohnheit aus kandeln und krügen saufen:
der vom westen
auch den besten
wein von jeher schenkt aus voller kanne.
Rückert 341.
wasserkanne, am brunnen wasser zu holen, bornkanne Bernd Posen 33, bierkanne in der bier vom zapfen geholt wird, tischkanne auf den tisch zu setzen, kaffeekanne, theekanne, milchkanne (engl. milkcan):
hole die silberne kann' und spute dich, liebe Susanne,
dasz du den kaffee geklärt einbringst.
Voss Luise 2, 326.
Der inhalt ward sonst mit gen. angegeben: eine kannen weins. Hosea 3, 1; mit etlich kannen reinischen weins. Fischart bienenk. (1588) 151ᵃ. jetzt absolut: eine kanne bier, wein; lasz das dienstmädchen noch ein paar kannen wasser holen. Die tischkanne war im 16. 17. jh. meist aus zinn (s. kannengieszer), während der krug irden ist: ehe man das essen aufträgt ... seinen namen auf den teller (von holz) schneiden oder auf die (zinnerne) kanne stechen, oder sonst ein experfex mit dem messer machen. hasenjagd 59. ursprünglich aber war holz der stoff, daher baumkanne, gewiss ein alter name, wol von einem ausgehöhlten stück ast: die Erfurter müllerknechte die den graben räumen, sollten (15. jh.) vom probst zur kost auch bekommen eine boumkannen vol ader zwo ires klosterbirs. thür. rechtsdenkm. 122, ebenso schon im Freiberger stadtrecht s. 295. s. auch gieszkanne, mischkanne.
2)
als masz, auch nl., dän., schwed., norw. isl., und auf den Shetlandinseln can (Jamieson); vgl. kannenmasz, maszkanne, meszkanne: eine kanne wein mensura vini (Lessing 1, 414. 416), halbe kanne bier sextarius cerevisiae, halbnöselskanne hemina, fäszlein von zwölf kannen urna, von 24 kannen amphora. Stieler 927, der diese bed. voranstellt; kanne, masz, quart, hält zwei nöszel oder seidlein, schoppen. Frisch 1, 499ᶜ; kanne und nöszel gelten so in Sachsen, Thüringen (hier aber mit vier nöszeln auf die kanne, zwei nöszel sind ein masz); genaueres s. bei Frisch, Adelung: ein trinkgeld zu zwei kannen bier. Simpl. 1, 352: ich wollte dir zu liebe eine ganze kanne voll arzenei hintertrinken. Gellert (1784) 3, 407. Übrigens gilt die kanne nicht blosz für flüssigkeiten (auch essig, öl u. dgl.), sondern, in Sachsen wenigstens, auch für manches schüttbare, wie erbsen, linsen, hirse, grütze, graupen, auch die butter, selbst die in form von 'stückchen', wecken, wird da nach der kanne gemessen, ebenso kleine fische:
der herr will mit gewalt mein gast den abend sein,
du muszt geschwind die kanne schmerlen sieden.
Gellert 1784 1, 286 (267).
Eigen ist, dasz auch da, wo kanne für gewöhnlich nicht gilt, sondern kante, kandel, doch theilweis als masz kanne gebräuchlich ist, in Baiern an einigen orten, in Franken, Nürnberg, in der Schweiz zumal von der milch (Stalder 2, 85). umgekehrt kommt das oberd. kandel früher als masz in Mitteldeutschland vor, wo es sonst fremd ist, s. sp. 159 (voigtländ. kannel f.).
3)
als trinkgefäsz, doch nur in beschränktem masze; denn entweder ist es ein zeichen der einfachheit wenn gleich aus der kanne getrunken wird, sie wird z. b. im haus und auf der herberge zum rundtrunk gebraucht (s. kannenglück), die landsknechte tranken einander vor schlacht und sturm die scheidelkanne zu, aus der ehrenkanne (Garg. 271ᵃ, 513 Sch.) wird der ehrenwein gereicht, oder ein zeichen der schlemmerei, wenigstens früher: und er (Elia) sahe sich umb und sihe, zu seinen heubten lag ein geröstet brot und eine kanne mit wasser, und da er gessen und getrunken hatte, legte er sich wider schlafen. 1 kön. 19, 6; von einem ländlichen abendmahl:
wann nachmals jedermann gesättigt ist vollauf,
schmeckt aus der groszen kann' ein guter trunk darauf.
Opitz 1, 158;
bei dem erntemahle ...
nach geleerten kannen
gehen sie von dannen,
singen und juchhein.
Hölty 210.
sprichwort: alte leute sollen ihre stärke suchen in der kannen, in weichen betten und hinder dem ofen. Schottel 1139ᵇ. einem eine kanne bier zutrinken. Steinbach 1, 827; zu ganzen kannen trinken, plenis cantharis bibere. das. sprichw.: es trinkt niemand eine kanne bier mit ihm, omnes illum spernunt, etiam compotorum turba; eine kanne wein oder bier wär mir lieber, mallem aliquid minus molestum. Frisch 1, 499ᶜ. in die kanne gucken: 'ich glaub du hast in die kannen geguckt? oder der flaschen getretten auf den riemen dʒ du schon anfangst zu reimen?' ja, bei Golle, antwort Gargantua, mein kanniger koniger könig, ich reim uns das und noch viel mehr und unter dem reimen raum ich die kann oft sehr. Fischart Garg. 137ᵇ (251).
4)
aus der alten Straszburger polizeiordnung 25 führt Frisch an: allen wirthen, gastgebern, hauptkannen, küchenmeistern u. s. w., und sieht darin eine art bier- oder weinschenken. bei Ködiz 30, 12 ein spottname Nasekanne, doch nase ist da wol die schnepfe, 'schnauze', s. kannenschneuzer.
5)
im hüttenbau heiszt die form an den treiböfen, worin der vordertheil des blasebalgs liegt, die kanne. Adelung, wol von der ähnlichkeit der form. auch ein ähnlicher feuerwerkskörper, und in baumwollenspinnereien ein ähnliches blechgeschirr heiszen so. Entstehung aus lat. cantharus (κάνθαρος, Frisch, Wackernagel) ist lautlich undenkbar; Weigands ableitung aus lat. canna rohr, mlat. auch kanne, vgl. bei Ducange mgr. καννίον, hat mehr für sich. aber es wird ebenfalls deutsch sein; Wachter, von Stieler darauf gebraucht, stellte es mit kahn zusammen, und gewiss ist das denkbar, wie die zwei gefäsze, beide aus baumstöcken ausgehöhlt (s. vorhin baumkanne und kahneiche), von éinem stammwort benannt werden konnten, ein männliches kan für das grosze, ein weibliches kanna (kana) für das kleine gefäsz. ags. canne ist crater, mischkessel (vgl. unter kandel), der dem kahn schon näher steht, ursprünglich wol auch von holz; so wird unter fürstlichem trinkgerät 1399 ein ubergulte mischekanne erwähnt Mones anz. 6, 248, in isl. kæna Biörn 1, 488ᵃ, fischerboot und schöpfgefäsz, treffen noch beide bedeutungen in einer form zusammen; in Yorkshire heiszt can ein milcheimer, norw. kanna ein butterfasz, dän. smörkande; auch schachtel, büchse bedeutet das norw. wort, das alles weist auf heimischen ursprung. Entlehnt ungr. kanna, finn. kannu, ehstn. kan, lett. kanna, wend. khana, niederwend. kanna, russ. kanna (als masz), wol auch böhm. konev, konve, poln. koneẃ, slov. kaněw. auch gael. canna.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 164, Z. 25.

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Zitationshilfe
„kanne“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kanne>, abgerufen am 27.10.2021.

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