Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kanone, f.

kanone, f.
1)
geschütz mit längerem rohr, das gewöhnliche feldgeschütz, im gemeinen leben aber jetzt der gesamtname für die geschütze, wie im anfang der geschützkunst büchse; festungskanone, schiffskanone, bombenkanone, dampfkanone, lärmkanone u. a. aus franz. canon m., it. cannone m., grosze röhre, vergröszernd zu canna rohr, wie cannella (s. kanel) verkleinernd. nach le canon findet sich auch das kanon (s.kanonenball): gibt es schönere handlungen der unerschrockenheit und aufopferung als die des lieutenant v. Sellin, der mit dem lieutenant v. Favrat und sieben gemeinen soldaten sich in ein mit ordnung zurückgehendes feindliches quarré hineinwürgt (bei Möckern 16. oct. 1813) und ein bespanntes kanon herausholt? general Hünerbein bei Droysen Yorks leben 2, 364. redensart: durch die rechte der canonen der sachen (rechtssache) ein loch machen. Schottel 1232, mit gewalt das recht zerreiszen. Das wort scheint erst im 17. jh. aufgekommen (doch s. kanonengieszer?), in dem die kriegssprache deutsch-französisch wurde, die des 16. jh. war deutsch mit italienischem versetzt. Leonh. Fronsperger im kriegsbuch weisz noch nichts von kanonen; er handelt (ausg. v. 1596 2, 31) von den arten der geschütze: es seind aller 'büchsen' nit mehr dann 8 geschlecht die man auf der axt (axe) schleift, 4 mawrbrecher (belagerungsgeschütze) und 4 feldgeschütz, und wenn man in gleich 1000 namen geb (gäbe), so seind ir doch nicht mehr. er nennt dann seine acht arten, metzikana, teutsch scharfmetze, das schwerste belagerungsgeschütz, schosz hundertpfündige kugeln (it. mezzicanna, halbrohr); darauf kana (it. canna), die wir nennen basilisken, die schieszen 75 pfund eisen; dupplicana oder nachtigal, tripplicana oder singerin, quartana (kartaune) u. s. w.; bis auf letztere sind sie also ital. alle von canna benannt und erhielten nachher den gesamtnamen cannone, canon, engl. cannon, span. cañon, port. canhaõ, nnl. dän. schwed. kanon. Fronsperger selbst aber braucht auszer jenem katalog überall nur die deutschen namen, die man auch sonst im 16. jh. allenthalben trifft; vgl. donnerbüchse, feuerbüchse, karrenbüchse (noch tirol. wagenbüchse kanone). selbst im 17. jh. ist kanone noch wenig gebraucht, gewöhnlich als gesamtname vielmehr stück, und diesz ist, nebst geschütz, wol noch jetzt der amtliche name, der im felde, im commando gebraucht wird, nicht das fremdwort.
2)
schwere stiefeln bis an die knie oder weiter reichend, studentisch. ital. cannone stiefelette, im 17. jh. kanonen, stiefelkanonen 'eine art leinene strümpfe die man in den stiefeln trug und über die übergeschlagene kappen (der stiefeln) zur zierrat legte und ausbreitete'. Frisch 1, 163ᶜ, vgl. Stieler 928 fg.:
und darmit nich so veel linwand wörde verlaren,
worden ut halskragen stevelskragen gebaren,
de nömden se van den canonicis canonen u. s. w.
Lauremberg 2, 627.
die zierat fiel weg, der stiefel behielt den namen.
3)
in der seidenmanufactur ein hohler cylinder zum kalandern der seidenzeuge.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1864), Bd. V (1873), Sp. 169, Z. 19.

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Zitationshilfe
„kanone“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kanone>, abgerufen am 25.10.2021.

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