kirre f
Fundstelle: Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 839, Z. 60
1) turteltaube, von ihrem kirren. Adelung. Nemnich. vgl.kerre. 2) die eisente. Nemnich.
kirre
Fundstelle: Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 837, Z. 63
cicur, mansuetus, ein md. wort.
I.
Formen und herkunft.
a)
im 16. jh. heiszt es vielmehr kürre und körre (s. II, 1, b. 2, b). in mhd. zeit im passional kurre, doch im reim auf durre (dürre) u. ä.; aber noch der voc. th. 1482 u. a. geben kurre (II, 1, a). im mhd. wb. 1, 916ᵃ ist kürre angesetzt aus dem Renner (s. II, 2), doch steht es da auszer dem reime (hs. kŭrre). aber auch kirre könnte immer echt sein, denn schon im 16. jh. erscheint auch kerren kirren (H. Sachs). diesz schwanken der formen gewinnt einen festen hintergrund durch die glücklich erhaltene goth. form.
b)
goth. qvaírrus ἤπιος 2 Tim. 2, 24, dazu qvaírrei f. πραότης. der stamm ist also quir und jene ku- kü- kö- ki- ke- gehen alle auf kuí- zurück und können so alle berechtigt sein; s. darüber keck I a. e., wo jene veränderungen von kuí- alle auch vorkommen, cuc (ags.), erkücken (erquicken), köck, kick, keck, nur dasz hier beim umlaut ableitendes i mitwirken kann, bei körre, kerre aber der einflusz des r. ob das i in kuí selbst den umlaut hervorrufen konnte? vgl.köden sp. 381 (4, a) und köder. bei kürre gerade kann der umlaut von urspr. i in den endungen herrühren. auch kirre kann gleich aus altem quirri entstanden sein, mit zerdrücken des u, wie in erkicken für erquicken.
c)
der urspr. anlaut ist rein erhalten im nd.: quir kirre, auch quîr und quër Schambach 165ᵇ (höchst merkwürdig auch quêe 164ᵃ), quêr brem. wb. 3, 404, nordfries. quer Outzen; mnd. quer domesticus Dief. 189ᶜ. ebenso im nord.: altnorw. kvirr still, ruhig Möbius 247, Fritzner 380ᵃ, altschw. qverr und qvarr Rydqvist 2, 413, norw. kvar, schwed. qvar, älter dän. qvär, faröisch noch kvirr (Rietz 365ᵇ). daneben aber verändert, ganz wie unser kürre, altnorw. isl. kyrr, dazu kyrđ f. stille, kyrra beruhigen, bändigen; norw. jetzt kurr und kjörr, wie bei uns kurre, körre.
d)
urverwandt zeigt sichs im keltischen, kymr. gwâr zahm, sanft (Grimm gesch. d. spr. 377, Diefenbach goth. wb. 1, 208) weicht nur im vocal ab. nahe liegt auch lat. cicur (ci- reduplication wie in cicindela u. a.), nur die lautstufe trifft nicht.
e)
unser wort hat seine heimat wesentlich in der mitteldeutschen sprache; wie es heute in Thüringen, Sachsen, Schlesien völlig heimisch ist, ebenso nach den zeugnissen in älterer zeit. nur Franken macht eine ausnahme (Hugo v. Trimberg, Nürnberger voc. 1482, H. Sachs), aber das fränkische zeigt nicht nur in diesem falle nahe berührung mit dem md. dagegen scheint das wort älteren oberd. schriftstellern und wbb. (noch Denzler Basel 1716, M. Kramer 1719 haben es nicht) wie den heutigen oberd. mundarten unbekannt (schwäb. kür günstig Schmid 344 ist g'hür, geheuer); selbst die volkssprache des sächs. Voigtlandes kennt es nicht. da hebt sich denn einmal das md. scharf ab vom oberd. wie vom nd.; doch gibt auch Strodtmann idiot. osnabr. 103 kirre, ob erst eingeführt?
f)
von nebenformen ist noch zu erwähnen kore, kure (?) Stieler 960, gekirre Holtei schles. ged. 1850 135ᵃ (wie gelind neben lind).
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
von thieren, gegensatz des wilden, wie zahm, doch jetzt weitergehend als dieses, das mehr blosz die wildheit läugnet, während kirre eine vollkommene vertrautheit, zutraulichkeit ausspricht; es scheint übrigens ratsam auch hier die formen zu sondern.
a)
kürre, kurre: darnach zeucht man ihn (den löwen) mit dem kasten heraus, helt ihn darin gefangen und zehmet ihn, dasz er kürre wird. Colerus (ein Schlesier) hausb. 1640 453. im voc. th. 1482 kurre als ein tier, domesticus r 8ᵇ, zam, kurre domesticus, domitus pp 3ᵇ; domare, kurre machen Dief. wb. v. 1470 sp. 110.
b)
körre: gleich wie man ein wild böse thier mit keten und banden fasset ... des doch ein zam körre thier nicht bedarf. Luther 2, 192ᵇ (von weltl. oberkeit); Zeuxis pinselte so kunstreich, das auch die vögel betrogen und durch sein mahlwerk körre wurden. Butschky Patm. 834; hirsche .. so körre .. das sie dem menschen aus der hand aszen. Scriver seelensch. 280.
c)
kirre thiere, kirre werden mansuescere Stieler 960, ebenso kirre vögel, kirre machen Steinbach, Frisch: ein hirsch ganz kirre Ettner unw. doctor 467;
ein kirres lamm war seine (des schäfers) lust.
Gellert 1, 294 (1784 1, 319),
ein ganz zutraulich gewordenes, von einem zahmen lamme kann ja nicht die rede sein; die zeisige werden bald kirre. Adelung;
hatte sie
einen ihres geleits kirre gemacht.
Klopstock 2, 97 (die grazien).
einzeln auch kirr (Wachter, M. Kramer 1787), schon im Simpl. (s. 3, b), wie kürr schon weit früher unter 2, a:
weinet den adler! er war in der hölung der eiche
kirr geworden.
Klopstock 9, 205 (Herm. u. die fürsten).
2)
von menschen, gegensatz vonwild, aber auch von böse, stolz, hochmütig oder menschenscheu u. a., es liegt meist das deutlich gefühlte bild eines kirren thieres unter.
a)
kürre, kurre:
ir (einer jungfrau) êre beginnet danne slîfen,
diu fremden man læt an sich grîfen.
junge meit sol kürre und wilde sîn,
so belîbt ir lîp und ir lop vîn:
gên friunden kürr, gên fremden wilde.
Renner 140ᵃ,
wie ein vogel, thier das 'sich nicht angreifen läszt';
die âmeiʒen mügen wir bediuten (vergleichen)
gên heimsedeln kürren liuten,
den grillen gên den die müezic gênt
und selten an einer stat bestênt.
das. 68ᵇ
kürre sind leute, die arbeitsam gern im hause bleiben (heimsedele), wie ein vogel im bauer, ein gezähmtes thier im stall oder hofe;
die vînde wurden kurre,
al ir hôhmût gelac.
pass. K. 97, 67;
nôt in machte kurre.
pass. H. 365, 21;
daʒ herze wart im kurre.
367, 10;
auf das die (aufständischen) bawren kürre werden und sich förchten müssen. Luther tischr. 284ᵃ; wollt ich langest den Türken erschlagen und die tyrannen kürr gemacht haben. 134ᵃ.
b)
körre: sie (die gegner der gelehrten schulen) sollen in kürz so körre werden, das sie einen gelerten gern aus der erden .. grüben. Luther 5, 184ᵃ; wiewol es nicht darf viel fragens wer er sei der geselle (der teufel nämlich), sondern was er damit meine, das er so körre wil werden und kompt so sicher als hette man im gekörnet (wie einem thiere). Luther 6, 331ᵃ, da könnte schon anlehnung an körnen als 'körre machen' vorliegen (s. kirren 2, d). 'körrn' kirre? das Schwenkfeld so körrn und küne ist worden, sich mit schriften und büchern an mich zu machen. 8, 174ᵇ, hier zutraulich, zuthulich; aber br. 4, 590 steht in derselben stelle körre.
c)
kirre, im Simplicissimus öfter (s. 3): ich gab ihm (Courage ihrem manne, den sie wieder los sein möchte) täglich geld beides zu spielen und zu panquetiren ... ihn desto kirrer, verwegener und ausgelassener gegen mir zu machen, damit er sich dadurch verplumpen .. solte. Simpl. 2, 197 (3, 107 Kurz), sie lockt, 'kirrt' ihn zum vollen vertrauen; er wird wol noch kirre werden, ad saniorem mentem redibit. Stieler 960; das unglück hatte sie so kirre gemacht, dasz sie insgesammt .. um gnade fleheten. Pierot 2, 419; dieses machte den guten herrn so kirre, dasz er sich vornahme bei einer jeden umb die euszerste liebeszeichen anzuhalten. gespenst 153, zutraulich, zuthulich; dein neuer herr candidat ist verflucht hitzig (verliebt). wer teufel hat ihn so kirre gemacht? Rabener 1755 3, 34; wie man auch den unbändigen theil (der menschen) so kirre machen, zäumen und bemaulkorben kann, dasz er alles mit sich anfangen läszt was ihr wollt. Wieland 8, 76 (Danischmend c. 10); erzählte ihnen die alte, wie sie es angefangen um ihre männer kirre zu machen. 8, 197 (Dan. c. 24); man schmiedete neue anschläge, den grafen noch mehr kirre zu machen. Göthe 18, 319; wie ich von je ein duldendes, menschenliebendes, kirres geschöpf gewesen bin. Forster briefe 1, 444.
3)
eigenthümlich in der fügung einem kirre thun, deuchten, angenehm sein, wol thun, von persönlichem wolgefühl, urspr. einen kirre thun (machen)?
a)
kürre:
ach es thut ihm treflich kürre,
dasz die jungfer stille steht.
Chr. Weise pol. näscher 218.
b)
kirre, kirr: dahero thät mir die erkostung dieses herrlichen anfangs (des neuen wollebens) so trefflich kirr und sanft, dasz ichs keinem menschen genugsam sagen .. kan. Simpl. 1, 76 (1, 73); eure caressen haben mir zwar kirre und sanfte gedeucht. Plesse 3, 55, wie gut, wol deuchten; wenn ich eine gute statthalterschaft haben werde, wird es dir alsdann nicht kirre deuchten, wenn ich unsere tochter nach meinem gefallen verheirathe? Cervantes D. Quix. Lpz. 1767 3, 49. diesz kirr däuchten noch bei J. G. Haas deutschlat. handwb. Lpz. 1808.
c)
kerre, kärre:
ich weisz dasz dirs recht kerre thut
und kützelt dich an deiner haut.
Menantes 1, 221;
es thut euch kärre, dasz ihr funfzehn wochen eine jungfermagd seid. Chr. Weise überfl. ged. 2, 299 (1701 s. 505).
kirre
Fundstelle: Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 839, Z. 62
der ackerspergel. Nemnich.
kirre f
Fundstelle: Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 839, Z. 59
kirrheit. Campe. goth. qvaírrei.
Zitationshilfe
„kirre“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kirre>, abgerufen am 22.10.2019.

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