Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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kläglich

kläglich,
lamentabilis, lugubris, flebilis, miserabilis, ahd. chlagalîh, mhd. klagelîch, klegelîch, im 15. jh. clegelich, nd. kleigelich Dief. 478ᶜ, doch auch noch ohne umlaut, z. b. im voc. th. 1482 (s. unter 1, a. d), im voc. inc. teut. claglich als adv. (als adj. cleglich); nl. klagelick Kil., nnl. klaaglijk. die volle form klägelich noch im 17. jh., s. Scheffler unter 1, e. Es ist in der bed. sowol activ als passiv, klage übend und klage hervorrufend, beklagenswert, gleich wie klagbar, klaghaft, wie jämmerlich und die oben genannten lat. worte. der gebrauch des wortes ist aber jetzt ziemlich beschränkt gegen seinen urspr. umfang.
1)
Activ, klagend.
a)
urspr. auch von gerichtlicher klage: 'klachlich oder sachenlich, dragmatice, questionarie, causative' voc. th. 1482 q 5ᵃ, also wie klagbar, klaghaft:
ich clag dirs, Heinrich, und thu dirs kunt
über den pösen schnöden Milchschlunt.
der hat mir geredt an mein er,
er spricht ich sei kain junkfrau mer ...
Hainrich, das sei dir cleglich geclagt.
fastn. sp. 587, 5;
herr der richter, ich wil euch sagen
und auch eur gnad cleglich clagen
uber den Hainz Rubenkorp.
590, 8;
ich clag euch also clegelich.
644, 23;
herr der richter, verhört mich,
ich clag auch hie gar cleglich ...
787, 9.
die 'wehklage' ist freilich dabei eingeschlossen, wie beim folg.
b)
zu klagen das sich an einen wendet um hilfe, trost:
unsre noth und unsre plagen
wir euch kläglich thun vortragen.
lied an die heil. nothelfer, Ditfurth fränk. volksl. 1, 66ᵇ;
sprach 'her, der üweren (euern) vil
sind von den Schwyzern erschlagen,
das tund wir üch cleglich clagen'.
J. Lenz Schwabenkrieg 57ᵃ;
dasselb die jungen wachteln sagten
und irer mutter kleglich klagten.
Waldis Esop 2, 4, 74.
diesz 'kläglich klagen' ist eine alte formelhafte verstärkung von klagen in jeder bed., s. h.
c)
zu klagen gleich klagen über etwas, etwas beklagen: so auch das gelübde der keuscheit so viel ehebruch hat angericht, das auch etliche unter thumbherrn, auch etliche curtisan (hofleute) zu Rom solches oft selbs bekent (zugestanden) und kleglichen angezogen. Melanchthon augsb. conf. 22, corp. doctr. chr. Lpz. 1560, mit klagen erwähnt, das adv. mit der alten endung, vgl. sp. 931 unten.
d)
von todtenklage: lugubris vestis, ein kleid der klage (trauer), ein kleglichs kleid. Melber voc. varil. o 4ᵇ; cleglich luctuose gemma g. Str. 1518 P 1ᵃ, funebris K 2ᵃ; klaglicher .. handslachlicher vor laide, trawerlicher, plangibilis. voc. th. 1482 q 5ᵃ;
sein bruder also (ebenso) kleglich det
und klagt sein kind und auch die frawen.
Rosenblüt in den fastnachtsp. 1148;
ein kleglich singen da man that (beim begräbnis),
die glocken klungen früh und spat.
Wolffs hist. volksl. 397;
Doris! ists denn ganz vergebens,
dasz ich kläglich um dich thu (um deinen tod)?
Canitz (1734) 316;
o seht die mutter kläglich thun (um ihr gestorbnes kind),
es soll die jüngste rose nun
an ihrem busen welken.
Schubart (1825) 1, 216,
also da noch im edelsten sinne, wie bei Rosenblüt vorhin, 'sich als klagender gebärden'; s. dazu e. noch im 17. jh. sogar klägliches haar: welche die augen mit weinen verderbt hatte und mit zertheiltem kläglichen haar erschröcklich war (entsetzen einflöszte). Schuppius 744.
e)
von wehklage überhaupt: das man ein kleglich geschrei höre zu Zion. ps. 9, 19; schrei laut und kleglich (μεγάλη φωνῇ). Esther 4, 1; schrien kleglich gen himel. 1 Macc. 3, 50; kleglich heulen und weinen Jerem. 3, 21 u. ö.; man höret ein klegliche stimme und bitters weinen auf der höhe. ps. 31, 15; kleglich weinen höret man. weish. Sal. 18, 10;
was ist für ein geschrei im sal?
ich hab gehört ein klegling schal.
H. Sachs 3 (1588), 2, 84ᶜ,
nach seiner art für kläglichn;
drauf schrie er sehr klägelich
'gott, mein gott, wie läst du mich
so verlassen leiden!'
J. Scheffler hirtenl. (1657) 4, 71.
auch milder, z. b. kläglich gesang (n.), flebilis cantus, kläglich weinen, lamentari. Maaler 244ᵇ. kläglich reden:
gott, heb ich kläglich an, zörnst du nun ewiglich?
Schuppius 138;
kläglich erzählen Rädlein 539ᵇ. eigen 'kläglich hören':
also habt ir kleglich vernummen,
wie der Zipperlein hieher kummen.
J. Ayrer fastn. 49ᵈ,
d. i. ist euch kläglich, klagend vorgebracht worden.
f)
besonders häufig kläglich thun, rumpere questus pectore, habere querelas Stieler 963:
der landman thut nicht recht, dasz er so kläglich thut
um sein entwante wahr, es war beweglich gut.
Logau 1, 3, 6,
lasz, herze (d. i. freund), lasz dein kläglich thun,
wir sehn einander wieder.
Fleming 449 (376 Lapp., wo tun willkürlich als subst. angesetzt ist;
ihr gewinsel und kläglich thun. Heilmanns Thucyd. 401;
was helft ihr? kläglich thun. wem nützt ihr? meinem jammer.
Günther 745;
er thut dabei wie ein weib kläglich, molliter et effeminate hoc fert. Steinbach 1, 858; s. auch die stellen unter d. auch in dieser wendung aber fühlen wir heutzutage doch mehr die passive bed.: so dasz es einen kläglichen eindruck auf andere macht.
g)
diese wendung des begriffes auf die subjective seite, von der thatsache auf ihre wirkung, war von der sache selbst zu nahe gelegt: kläglicher wort ich nie mehr gehört hab, sie machet mir und dem boten mit ihrem klagen die augen ubergehen. Galmy 308. so mag sich die bed. 'schmerzlich rührend' früh eingeschlichen haben, sie ist wol z. b. in folg. mit:
darumb weil kläglich zwar und schmerzlich, doch fruchtlos
ihr vil zu spate rew.
Weckherlin 71 (ps. 18, 74).
Rädlein 539ᵇ erklärt denn auch das active 'kläglich, jammernd' zugleich mit 'beweglich (d. i. rührend), pitoyable', auch 'kläglich, bitterlich weinen, pleurer pitoyablement' ist so gemeint.
h)
aber der alte active sinn ist selbst dem 18. jh. doch auch noch ganz gegenwärtig:
wie ängstlich zittert mein herz vom winseln der kläglichen saite,
die unter dem schaffenden finger erseufzt.
Zachariä (1761) 434;
das mitleiden entspringt aus der liebe und aus der traurigkeit, folglich musz auch der ton der stimme sanft und gelinde, doch dabei kläglich und bebend sein. Gottsched redekunst (1759) 390; warum sprichst du das wort so kläglich aus? seufzest du über deinen namen? Gellert (1784) 3, 36; wer kennt nicht das trotzige und gebietrische der stimme, das weichliche, das klägliche. 6, 316;
der maler ward beschämt gerühret (d. i. von scham betroffen)
und sah den kenner kläglich an.
1, 121 (der maler),
'mit klagender miene', mit der er traurig seine vorherige thorheit bekennt; die junge reizende mademoisell Gossin ward auf einmal dadurch berühmt, und selbst Voltaire ward so entzückt über sie, dasz er sein alter recht kläglich betauerte. Lessing 7, 71, traurig; es war ein schöner abend .. die turteltaube sang kläglich auf den alten maibuchen. Stillings jugend (1779) 130, klagend
der mond von einem wolkenhügel
sah kläglich aus dem duft hervor.
Göthe 1, 75, trauernd;
aber ich schauderte gleich, als tief erseufzend und kläglich
aus den wipfeln zu mir lispelnde klage sich gosz.
1, 324.
noch jetzt landsch. kläglich für viel klagend; in Hamburg erschien 1747 ein lustspiel die klägliche; ein kläglicher, klagsüchtiger, pimpelnder kerl. Rädlein 539ᵇ.
i)
wie Göthe vorhin klage noch kläglich nennt, so ist diese nachdrückliche häufung aus alter zeit beliebt. häufig mhd. klegelîche klage Freid. 50, 19, klägelîcheʒ klagen Trist. 30, 26. 32, 27, klegelîchen klagen Klage 546. Mai 173, 15, mnd. cleghelyk claghen Val. u. Nam. 2467. es ist wie schade schedelîch Nib. 1729, 2, betelîche bete Flore 7131, güetlîchen guot Lichtenst. 556, 14. 12. 566, 22, mörtlîchen ermort leseb. 962, 8. besonders von todtenklage, z. b.:
dô si klägelîche
klagten daʒ vil reine wîp.
Wigal. 261, 15;
der biderbe herzog Friderîch,
den wir klagen klegelîch.
Helbling 8, 1058;
alsô klegelîcher klage man muoste doch erwinden (aufhören).
Lohengrin 7247;
er sprach 'ich clage clegeleiche'.
meisterges. im leseb. 1030, 18;
die wittib und weisen clagen auch cleglich.
fastn. sp. 1113.
auch vor gericht u. a., s. unter a und Waldis unter b.
2)
Passiv, worüber man klagt oder klagen musz, die bed. die unserm gefühl jetzt am nächsten liegt (vgl. 1, f), wie sie denn schon Steinbach, Stieler voran stellen; sie war auch schon mhd.:
ich hœre harte dicke klagen
daʒ unklegelîche ist.
welsch. gast 13417.
a)
im alten genauen sinne, wie Maaler 244ᵇ klägklich erklärt, das einen zuͦ klag und weinen reizt und bewegt:
(die Türken) die kurzlich in der keiserlichen majestat erblanden
klegelich und mortlich haben genomen ubir handen.
Haupts zeitschr. 8, 331;
Juda ligt jemerlich .. es stehet kleglich auf dem lande. Jerem. 14, 2; der wein stelret jemerlich und das ole kleglich. Joel 1, 10; das land ligt kleglich und jemerlich. Jes. 33, 9, beide worte so öfter zusammen, vgl. Ezech. 19, 14. klagl. Jer. 2, 8:
der tod macht sterbens hören auf.
darümb des tods mich nit verdreuszt,
und mag nit kläglich sein genännt
zuͦ kummen an sölch künftig endt.
Schwarzenberg 151ᵈ;
ein kläglich trawrige geschicht.
H. Sachs 3 (1588), 2, 81ᶜ;
und ist ihr hasz so kläglich und unsäglich,
dasz keine hilf in disem jammer mir
erwärtlich noch behäglich.
Weckherlin 112 (ps. 25, 26);
klägliche hochzeit nuptiae funestae
Stieler 963,
ein kläglicher trauriger zufall, un accident funeste, kläglicher tod
Rädlein 539ᵃ;
das war allen einwohnern ein kläglicher tag.
Steinbach 1, 858.
Aber auch in den meisten dieser fälle hat für uns kläglich schon etwas fremdartiges gewonnen, wir würden jetzt beklagenswert, traurig, jammervoll o. ä. sagen. nicht viel anders noch in folg.:
bessern sollen uns alle gattungen der poesie, es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen musz, noch kläglicher ist es, wenn es dichter giebt die selbst daran zweifeln.
Lessing 7, 349 (hamb. dram. 2, 77), traurig;
die gleichgültigkeit des hofes bei solchen zufällen, wodurch ganze provinzen in den kläglichsten nothstand gesetzt wurden.
Wieland 6, 218 (goldn. sp. 1, 10);
während dasz der ackerbau im kläglichsten verfalle lag.
7, 69 (g. sp. 2, 3);
ihr erster besuch war in der kathedralkirche, die von der bilderstürmerei noch überall klägliche spuren trug.
Schiller 850ᵇ.
b)
jetzt überwiegt einseitig die abgeschwächte bed. 'erbarmen, mitleid erweckend', erbarmungswürdig (vgl. 1, f): so wuste ich mich so kläglich zu entschuldigen, dasz mir mein vater abermahl nichts thun könnte. Simpl. 1, 425, 29 Kurz;
in banger ohnmacht fällt Selinde kläglich nieder.
Zachariä verwandl. 2, 146;
Samma ... lag ... in kläglicher ohnmacht.
Klopstock Mess. 2, 107;
dich haben die priester
kläglich erwürgt, du göttlicher mann!
3, 352;
sie rannte, verzweifelnd an ehr und an glück
und kam in den garten der heimat zurück,
ihr klägliches leben zu enden.
Bürger des pf. tochter von Taub.;
ein gräszlich scheiden machte dich (Werther) berühmt,
wir feierten dein kläglich misgeschick.
Göthe 3, 22 (tril. der leid.).
c)
am nächsten aber steht unserm gefühle der gebrauch, wo die erbarmung in verachtung übergeht, ganz wie bei erbärmlich selbst, bei jämmerlich, miserabel (sodasz statt der urspr. klage selbst spott, lachen eintreten kann): deine hosen hastu gottskleglich beschissen. O. Melander jocos. 3, 98; klägliche hoffnung, spes misella. Stieler 963, wie elend, 'erbärmlich klein'. ein kläglicher mensch (kerl) ist wenig gelinder als ein jämmerlicher, erbärmlicher. es heiszt das stolze unternehmen hat ein klägliches ende genommen, er spielt dort eine klägliche figur, man hat ihm kläglich mitgespielt u. dgl. verstärkt gottskläglich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 929, Z. 15.

klägling, m.

klägling, m.
klagsüchtiger, querulant, von Luther gebraucht und vielleicht von ihm gebildet: es sind murmeler und kleglinge (μεμψίμοιροι), die nach iren lüsten wandeln und ir mund redet schwülstige wort. ep. s. Judae 16 in der ursprünglichen übers., auch in den werken in der auslegung der ep. 2, 422ᵃ; darumb sage ich also, solchen unnützen meulern und kleglingen zu antworten. 5, 365ᵃ. Campe bildete für querulant ein klagebold (vor gericht), das die wbb. lange fortführten.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 932, Z. 8.

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Zitationshilfe
„kläglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kl%C3%A4glich>, abgerufen am 26.11.2020.

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