Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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klügeln

klügeln,
1)
klug thun, den klugen spielen, überklug sein (s.klug sp. 1276 unten), überfein ausdenken, sich seines verstandes überheben, σοφίζεσθαι, σοφιστεύειν, auch überhaupt grübeln, düfteln; es ist vielleicht von Luther aufgebracht (früher findet sich nur ein seltnes klugen), zuerst vielleicht im anschlusz an den klügel (man sehe unter b), der freilich auch umgekehrt aus klügeln entnommen sein könnte.
a)
für Luthers stil ist es ein wichtiges wort, zur bezeichnung des philosophischen, selbstsicheren denkens im gegensatz zum glauben: was solts denn werden, wo man die wort (gottes) faren lesset und gibt sich auf der vernunft folgern und klügeln? 3, 530ᵃ, vorher ist von des teufels klugheit die rede; gleich wie Oecolampad klügelt und spricht 'es ist kein nütze noch not, das Christus leib im brot sei, darumb ists nicht war'. 3, 375ᵃ; dieser spruch Christi wird wol ewig müssen war bleiben ... darnach mag sich ein jeder richten und sein klügeln faren lassen. 3, 97ᵃ; solche kraft, gleuben wir, sol dis einige wort haben 'ich gleube an Jhesum Christum etc.', welchs doch so gering scheinet .. sonderlich wenn man im mit der vernunft nachdenket und unser weisheit darin klügeln leszt, das sie gar darüber zur nerrin wird und helts für lauter fabeln. 6, 64ᵃ; wer aber an dem wort nicht hangen wil, sondern klügeln und rechnen, wie sichs zusamen reime das gott und mensch éine person sei, der klügele imer hin und sehe was er drüber gewinnet, es sind ir so viel drüber zu narren worden die daran klügelt und gereimet haben. 6, 67ᵇ; darumb klügel nicht mit dem teuflischen quare? (warum). tischr. 21ᵃ u. o.; in göttlichen sachen sollen wir nicht klügeln, sondern die vernunft gefangen nehmen. Rädlein 547ᵇ. später auch in allgemeinerem sinne:
wer nicht zu hoch in klügeln steiget
und in dem schreiben demut zeiget,
dén pfleget man recht klug zu nennen.
Simplic. 1, 10,
im gegensatz zu der überladenen und überspitzten schreibart seiner zeit, ebenso bezeichnet σοφιστεύειν den schwülstigen und logisch spielenden stil der sinkenden griechischen literatur; er klügelt wo nicht zu klügeln ist, nodum in scirpo quaerit. Stieler 988.
b)
'klügeln und meistern', deutlich im anschlusz an den meister klügel sp. 1281: weil sie (die welt) klügeln und meistern wil in gottes worten und werken. Luther 6, 279ᵇ; es ist des klügeln und meistern gar viel. tischr. 3ᵃ; so wenig lesset er sich in solchem fall ubermeistern und klügeln (d. i. 'und überklügeln', vgl. unter klösterling a. e.). Tirolf Isaak u. Rebecka vorr. A iij.
c)
in letzterm falle vom denken übertragen aufs reden, ähnlich auch bei Luther: ich weis etliche narren unter bischoven und fürsten, die bekennen das viel irrthums im bapstum sei, aber sie klügeln, es gebüre dem Luther nicht zu endern. 5, 302ᵃ. daher bei Stieler 'argutari', spitzfindig disputieren und 'carpere', wol von vorwitziger kritik (vgl. klügelmund, klügelnarr). in Ludwigs teutsch-engl. wb. klügeln über einem dinge, daran zu tadeln wissen wollen, to play the sophist, to criticise. in G. Matthiaes lat. wb. wird cavillari verba alterius (Tac.) erklärt mit über jemands worte klügeln in der absicht ihn dadurch zu kränken. 1, 234ᵃ.
d)
es ist bis jetzt in ziemlich frischem gebrauch geblieben, in der hauptsache mit dem ursprünglichen begriffe:
diesen (zugestutzten) bäumen gleicht der witz, sucht ihn nicht zu übertreiben,
ehrt die wirkende natur, laszt das künsteln ferne bleiben.
soll die seele sich entwickeln und in rechter grösze blühn,
o so musz kein klügelnd meistern ihr (der natur) die majestät entziehn.
Hagedorn 2, 15;
um der einfältigen willen, die fast immer werkzeuge der unart und bosheit sind, um auch ihrem klügeln zu wehren, gereichen anmerkungen (zu den gedichten) zu einiger sicherheit. 1, xxvii, überkluges grübeln, besserwissen;
Nicander wird durch vieles klügeln
so klug als ein geheimer rath.
ders.;
er glaubt und klügelt nicht.
ders.;
so klügelt ein verstand, der eigennützig denkt.
ders.;
ein kühnes entrechat trug ihn zum spiegelglas,
wo er toppee und haar noch einmal klügelnd masz.
Zachariä renomm. 3, 232;
mit klügelndem gesicht
wollt er (der schneider) die letzte hand an einen marquis legen.
ders.;
ich musz gehorchen, lieber herr. 'und da
gehorcht ihr denn auch ohne viel zu klügeln?'
Lessing 2, 215;
ich klügle nicht, ich thue meine pflicht.
Schiller 357ᵇ;
nur wann sie (die weisheit) sich vermiszt, sich ungezügelt
ins meer der gottheit stürzt und klügelt,
wo tief anbetend der verstand
der Leibnitze, der Haller stille stand ...
wird sie zum schwerd in eines narren hand.
Gotter 1, 427;
bleibst du kalt (bei der musik) und kannst im strom der harmonie noch klügeln, so wirf dein saitenspiel hinweg und werd 'n rechenmeister. Schubart deutsche chronik 1775 s. 798; unsre eitelkeit läszt uns zu viel über die bewegungsgründe .. klügeln. Hamann 1, 179; wie ein götterausspruch, dem der pöbel blindlings glauben beimiszt und worüber nur die denker klügeln. Musäus volksm. 300;
wol, wenn ins eis des klügelnden verstandes
das warme blut ein biszchen muntrer springt!
Schiller 12ᵃ;
wenn man gottes wort nicht achtet und auf das klügeln der menschen hört. Gotthelf 3, 109.
e)
selten ganz frei von dem beigemischten tadel, vom schachspiel z. b. heiszt es: es erfordert aber dieses spiel eine kluge conduite, grosze aufmerksamkeit und vieles klügeln und nachsinnen. natürliches zauberbuch Nürnb. 1762 s. 293.
f)
ungewöhnlich trans.: über eine so weltliche und bürgerliche sache, als der kopfputz des frauenzimmers ist, gründe aus der geisterlehre und dem recht der natur zu klügeln. Hamann 1, 396;
betrug musz sie zur weisheit klügeln.
Tiedge.
g)
auch ausklügeln, erklügeln, durchklügeln, einem nachklügeln Luther 6, 315ᵇ, vorklügeln Voss 6, 237, beklügeln (Steinbach 1, 878).
2)
bair. sparen, knausern. Schmeller 2, 355, s.klug 9.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1282, Z. 21.

klügel, klügle, m.

klügel, klügle, m.
sciolus, überkluger mensch, der alles von selber kann oder alles besser weisz, vgl.klug sp. 1276 unten und klügeln, besonders auch klügling.
1)
klügel allein: also ist itzt .. auch so viel dolmetzschens, das mit der zeit vieleicht so viel biblien komen werden, so mancher klügel in der ebreischen sprachen meister sein wird. Luther 8, 137ᵇ; bete, das du .. behütet werdest für dem kündigen teufel, der da heiszet klügel oder kündlin, der alles kan und alles im flug lernet. 5, 138ᵇ; wie diese stolze klügel thun. tischr. 284ᵇ.
2)
gewöhnlich, wie eigenname mit titel, meister Klügel.
a)
meister Klügel heiszet man diejenigen, die das ross am schwanz können zeumen. Luther 5, 125ᵇ; der unsinnige narr keine schrift noch bücher lieset, sondern aus seinem eigen tollen kopfe von solchen hohen sachen trewmet und ein selbwachsender meister Klügel ist. werke 8, 166ᵃ; die heiszet man denn im weltlichen regiment naseweisen und meister Klügel. ders. in Wackernagels leseb. 3, 1, 201; da wird etwan ein eckels weibichen, die sich meister Klügel deuchtet, antworten ... Barth weiberspiegel V 8ᵃ, nicht ein meister Klügel.
b)
es wird nämlich gern gethan, als gäbe es nur éinen meister Klügel, der nun gleichsam bald hier bald da in einen menschen gefahren erscheint: ja hie leszet sich könig Heinze dünken, er sei meister Klügel selbs. Luther 2, 155ᵇ; hie wird meister Klügel fürgeben, du lesterst die apostel. 6, 29ᵇ; es scheinet fur der vernunft fast ein geringe ding umb die propheten sein ... sonderlich wenn meister Klügel drüber kompt, der die heilige schrift gar auswendig und auf dem negelin kan, der sihet es aus groszem reichthum seines geists fur eitel faul, tod gewesche an. vorr. auf die proph. bei Bindseil 7, 335; sind recht meister Klügel, ders pferd im hintern zeumet. tischr. 292ᵃ; meister Klügel der schendliche schedliche man, der alles besser kan und ist doch nicht der man. 6, 139ᵇ, man bemerke die versform, die auf ein sprichwort weist. jener gedanke von dem éinen meister Klügel ist wie in der narr, der affe (vgl.kalb 2, d a. e.), ein nachklang aus heidnischer zeit; ähnlich auch herr Niemand, herr Omnes (s.klotzmann 1), junker Naseweis u. a. s. auch 'klügeln (1, b) und meistern'.
3)
es heiszt auch klügle, sodasz die eig. form klügele gewesen sein musz, wie ein demin. zu dem noch geltenden namen Kluge; das allein bezeugt dasz die wendung weit älter ist als Luther.
a)
als masc.:
das heiszt der rechte meister Klügle,
der das ross im hindern zeumen kan
und röcklings reitet seine bahn,
seiner sackpfeifen hall
ist der allerbeste schall.
Luther 6, 108ᵃ,
in Petri sprichw. (Hoffmann spenden 1, 15) ergänzt:
das ist der rechte meister klügel,
der meint, er hab alleine flügel
u. s. w.;
los (höre) meister Klügle und lasz dir sagen.
Frischlin phasma H 3ᵇ.
b)
als fem. von der vernunft: jungfrau Klügle, die vernunft, ist blind. S. Frank ... 2, 112; wär im vermessen mit fraw Klügle, der vernunft, in der schrift wie ein sauw in einem acker umbwület. ders. verbütschiert buch vorr. iijᵇ.
c)
ebenso Klüglin (die weibliche Klügele): man findt vil, die mit jungfraw Klüglin wunderbarlich anschleg haben. Frank sprichw. 2, 50ᵃ. vgl. klügling 2, c.
4)
noch bei Stieler 2377 klügelmeister sive meister klügel, princeps sciolorum, archimomus, nicht mehr bei Rädlein, Steinbach, Frisch, während klügling sich erhalten hat. Schottel 1346 nimmt es abstract, klügel m. putativa prudentia, und braucht es selbst so:
der klügel und der nutz sind iez ein grund der lehr,
man laufet irr und fehl und deutelt immer mehr.
J. G. Schottelius lustgarte 73.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1281, Z. 11.

klügle

klügle,
s.klügel.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1867), Bd. V (1873), Sp. 1286, Z. 23.

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Zitationshilfe
„klügle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/kl%C3%BCgle>, abgerufen am 27.11.2020.

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